Montag, 14. April 2014

Teil 39



Ich brauche etwas zu trinken. Da ich nur Piccolos und Bier bei mir habe fahre ich Richtung BP zum Griechen. Am Ende der Marien biege ich rechts ab und im Tal wieder rechts Richtung Stand. Als ich mich dem Stand nähere sehe ich wie Leute sowohl als auf dem Haupt, aber auch auf dem Reservestand stehen und mir zuwinken. Ich winke zurück und sehe in deren verwirrte Gesichter als ich langsam vorbeifahre und links in den Viktualienmarkt abbiege. Dort erinnere ich mich an zweierlei Dinge: Den Stress den ich Stunden vorher mit den Fahrgästen hatte und dass ich hier letzten Sommer mit Sophie über dem Markt schlenderte und wir uns frisches Obst und Gemüse kauften und sie mir später zu hause etwas afrikanisches kochte das viel Gemüse beinhaltete und recht scharf war. Scharf war Sophie auch, aber mein Magen fand das Essen nicht so toll und rebellierte. Ich verbrachte die ganze Nacht wach und rannte öfters aufs Klo. Das fand Sophie nicht witzig, aber irgendwann schlief sie ein und ließ mich mit meinem aufgeblähten Magen allein.
»Sendlinger! Papa Schmid! Rosental! Rindermarkt!«
Oha! Wenn er so viele Stände ruft muss es eine gute Fahrt sein. Ich schnappe mir das Mikro und warte auf die Freigabe.
»Viktualienmarkt! Färbergraben! Für Sendlinger!«
Sendlinger? Um die Uhrzeit? Wahrscheinlich eine der Kneipen und keiner will es fahren, deswegen meldet sich auch keiner.
»Für Sendlinger! Will’s jemand haben? Ist keiner in der Nähe?«
»980 ist am Oberanger, Stadtmuseum!«
»980, Sendlinger 31, Gruber!«
»31, Gruber, Danke!«
Verdammt jetzt wird’s wieder nichts mit der Erfrischung! Wo könnte die 31 denn sein? Da die Sendlinger aus dem Zentrum in Richtung Süden geht, müsste die Nummer im unteren Bereich liegen. Bloß wie viele Nummern hat die Straße? Einbahnstraße nach Norden, Nummern die nach Süden gehen, verwirrend das Ganze. Ich fahre am besten über die Herzog-Wilhelm rein, da kann ich nichts falsch machen. Ich nehme die Taschenlampe raus und fahre langsam durch die enge und total verschneite Straße auf der Suche nach der Hausnummer. 37, 35, 29, 27. Was? Da fehlen ja zwei Nummern! Was ist hier los? Gibt es die 31 nicht? Ich fahre im Rückwärtsgang zurück um zu sehen ob ich mich versehen habe. Nein, Tatsächlich, es springt von der 35 auf die 29. Ich halte an und frage auf K4 ob die wissen wo die Nummer sich befindet. Als ich auf die Rückmeldung warte, kommen von hinten ein paar Autos die Straße rein gefahren. Auch das noch! Ich fahre geradeaus um nicht den Verkehr zu blockieren während ich auf die Antwort der Zentrale warte. Am Sendlingerstand stehen jetzt ein paar Leute die mir zuwinken als ich vorbeifahre. Verflucht wie ich so etwas hasse! Während das Geschäft überall brummt und die Leute wie verrückt winken spiele ich das alte such-den-Fahrgast-Spiel! Der Hauptgewinn ist Wahlweise ein Blitz oder eine Kurzfahrt.
Die Zentrale meldet sich endlich als ich mit der großen Runde fast fertig bin und gerade von der Herzog-Wilhelm zum zweiten Mal in die Sendlinger abbiege.
»980?«
»980 auf 4!«
»Eingang befindet sich in der Schmid, gegenüber der 33.«
»Schmid? Danke vielmals!«
Also biege ich in die Schmid rechts ab und sehe den unscheinbaren Eingang auf der linken Seite, gleich nach der Vitrine des Geschäfts auf der Sendlinger. Direkt vor der Tür ist eine Parklücke in der ich rein fahre. Ich steige aus und trete in den tiefen Schnee. Jetzt regt mich gar nichts mehr auf. Ich strecke mich aus, schließe die Augen und inhaliere die kühle Luft. Ich atme aus und wieder ein. Dann gehe ich zur Tür und suche den Namen. Ganz oben finde ich ihn. Klingle und warte. Klingle noch mal und warte. Auch das noch! Nummer schwer zu finden und jetzt auch noch ein Blitz. Als ich mich umdrehe und im Begriff bin zurück zum Auto zu gehen um zu reklamieren, höre ich hinter mir jemanden „Hallo?“ aus der Gegensprechanlage fragen. Ich springe zurück zum Hauseingang und antworte:
»Guten Abend! Das bestellte Taxi wäre jetzt hier.«
Eine weibliche Stimme meldet sich und sagt dass sie noch ein wenig brauchen, ich solle ruhig die Uhr einschalten und rauf kommen. Raufgehen? Ich sage ich warte lieber unten, so wie die Hunde die vor dem Supermarkt auf ihr Herrchen warten, werde ich auf meine Fahrgäste warten. Die weibliche Stimme aber beharrt darauf dass ich die Uhr einschalte und rauf gehe. Ich gebe nach und mache was sie verlangt. Schalte das Taxameter ein und gehe ins Haus und fahre mit dem Fahrstuhl bis ganz nach oben. Ich klingle an der Tür und nach ein paar Sekunden steht eine äußerst süße und junge barfüssige Dame im Bademantel vor mir. Ein süßlicher Geruch dringt nach draußen. Riecht irgendwie nach Nelkenzigaretten, Marihuana oder was ähnlichem. Im Hintergrund ist Musik zu hören. House um genau zu sein.
Mit einem breiten Lächeln im Gesicht sage ich:
»Servus! Ich bin der Fahrer. Ich wurde noch nie so sexy empfangen! Ich hoffe Sie gehen gerade duschen und ich darf hoffentlich beim einseifen behilflich sein…«
Sie mustert mich von oben bis unten und sagt: »Du bist aber ein fescher! Und ein lustiger auch noch! Komm rein!«
Sie schnappt sich meine Hand, zieht mich rein und schließt die Tür hinter mir ab.
»Ich bin die Eva« sagt sie.
»Sehr erfreut, Adam!« sage ich und lächle spitzbübisch.
»Klar!« sagt sie und geht weiter.
Wir gehen einen langen Gang entlang und biegen am Ende rechts ins Wohnzimmer ab. Dort steht quer vor mir ein großer dunkelbrauner Esszimmertisch mit altmodischen Stühlen die eine sehr hohe Rückenlehne haben. Der Tisch ist mit Essen gedeckt. Besser gesagt, was davon übrig geblieben ist. Es befinden sich auch einige Flaschen auf dem Tisch. Ich erkenne Wein, Champagner und Hochprozentiges. Ein paar junge Leute, alle Mitte bis Ende zwanzig sitzen am rechten Ende des Tisches und unterhalten sich. Direkt hinter dem Tisch ist eine sehr große Balkontür von der man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt hat. Ich werde den Leuten vorgestellt und Eva bringt mich zum Tisch und bietet mir an mich zu setzen. Sie geht nach links. Ich schaue ihr hinterher und sehe wie acht oder neun Personen sich im linken Bereich des Raumes befinden, auf der Wand neben der Balkontür hängt ein Flachbildfernseher der irgendwelche Clips spielt, davor hüpft und tanzt eine leicht bekleidete junge Frau und der Rest der Truppe befindet sich direkt dahinter und feiert … eine Orgie! Ich sehe wohl nicht recht! Eine Orgie! Eva hat ihren Bademantel in eine Ecke geworfen und steht jetzt nackt, wie Gott sie schuf, vor mir. Am linken Ende des Tisches liegen neben diversen Flaschen Bier, Wein und Hochprozentigem, Koks und Gras ausgebreitet. Ich gucke leicht verstört weil ich nicht damit gerechnet habe in eine Orgie reinzuplatzen. Zumal ein Teil der Leute bekleidet ist und sich ganz normal unterhält als würde nichts geschehen. Ich wende mich den sitzenden Leuten zu und beantworte die Fragen die mir gestellt werden. Ein paar Minuten später kommt Eva und umarmt mich von hinten. Lässt ihre Arme langsam nach unten gleiten, kommt dann langsam von der Seite nach vorne und zieht mir den Mantel aus und legt ihn über die Lehne eines Stuhls. Nackt wie Gott sie schuf steht sie vor mir und ich blicke direkt auf ihre Brüste. Sie spielt mit dem Zipfel meiner Nikolausmütze und lächelt spitz. Dann zieht sie mir auch mein Jackett aus und legt auch das über die Rückenlehne. Sie geht an die Knöpfe des Hemdes, öffnet zwei, während ich ihr tief in die Augen blicke, beugt sie sich leicht zu mir nach unten und küsst mich. Dann drückt sie mir meinen Kopf auf ihre Brust sodass ich meine Nase zwischen den beiden Brüsten versenke, tief einatme, ihren Duft beschnuppere und anfange sie zu liebkosen. Sie hebt ihr linkes Bein und platziert es auf meinem Oberschenkel, dabei streichelt sie mir über den Rücken. Sie nimmt ihr Bein wieder runter und setzt sich auf meinem Schoß. Jetzt öffnet sie auch die restlichen Knöpfe meines Hemdes. Von rechts werde ich nach meinem Alter gefragt und ob ich Student sei. Bizarr! Ich habe ein Mädel auf dem Schoß das vor Geilheit trieft und zerplatzt und die Anderen sitzen einfach so teilnahmslos daneben und stellen mir dumme Fragen. Haben die einen Vogel? Sind die nicht ganz dicht? Nicht alle Tassen im Schrank? Eva küsst und leckt jetzt meinen Oberkörper und streichelt mich an den Armen und Rücken, fährt mit ihren Fingern über meine Brust, steht wieder auf, kniet sich nieder und öffnet mir den Hosenbund und den Reisverschluss der Hose, streift mir die Hose runter und zieht mir auch Schuhe und Socken aus und wirft sie nach links zur Wand. Dann geht sie an meine Boxershorts und zieht sie runter bis zu den Knien, hält inne für einen kurzen Moment, starrt mir in die Schamgegend und fragt:
»Wo ist Deine Wolle?«
Diese Frage erinnert mich an eine Geschichte die mir eine türkische Arbeitskollegin bei Siemens mal erzählte. Einer der Meister war lange Zeit scharf auf sie und er gefiel ihr auch. Als sie dann im Bett landeten, schaute der deutsche Vorgesetze auf die rasierte orientalische Muschi und stellte die Frage nach der Wolle.
Ich antworte mit Bürgüls Worten:
»Willst Du stricken oder ficken?«
»Dass Männer sich unten rum trimmen war mir bekannt, aber ein ganz rasierter ist mir nie zu Gesicht gekommen.«
»Stört’s Dich?«
»Ganz im Gegenteil!« antwortet sie, lächelt dabei zucker-süß und zieht mir die Shorts ganz aus. Ich sitze nackt da, bekleidet nur mit der Nikolausmütze und starre gebannt auf Eva und frage mich was sie wohl als nächstes tun wird. Sie ist immer noch kniend vor mir, sieht zu mir rauf, fährt langsam mit ihren Händen meine Beine hoch, spreizt sie mir auseinander, liebkost sie von unten nach oben und kurz vor meinem prallen Zauberstab bleibt sie stehen. Schaut ihn sich kurz an und nimmt ihn in den Mund und bläst mir ganz langsam einen und macht mich total verrückt. Ich schließe die Augen, lehne mich zurück, genieße es langsam gelutscht zu werden, lege meine Hände auf ihren Kopf und versuche das Tempo mitzubestimmen.
»Hast Du eine Freundin? Was Studierst Du?« höre ich von der Seite eine Stimme fragen.
»Ha?« frage ich und öffne die Augen. Spinnen die? Haben die nichts Besseres zu tun als dämliche Fragen zu stellen? Die sollen an der Orgie teilnehmen, verdammt!
»Du hast uns immer noch nicht gesagt was und ob Du studierst! Hast Du eine Freundin?«
»Ich, eh, bin Studeeeeeeent, in Hull, Eeeeglaaaadddddd, und studiere Skandinavisssssssstikkkkkk. Freundin ha-ha-habe ich keine!«
Eva bewegt sich immer schneller, lutscht immer schneller und macht mich wahnsinnig scharf. Ich bin kurz davor zu kommen als eine männliche Stimme fragt:
»Skandinavistik? Echt? Was kann man damit anfangen?«
Eva hört auf meine Wünschelrute zu lutschen und macht sich an die Eier ran. Sie saugt und beist und leckt und mit der einen Hand spielt sie an meinem Penis rum.
»Ich weiß nicht was man damit anfangen kann. Es ist mir auch egal um ehrlich zu sein. Ich studiere es weil es mir Spaß macht und weil es mich interessiert, nicht weil ich damit Karriere machen oder womöglich nach Skandinavien auswandern möchte!«
»Ja aber an Deine Zukunft musst Du auch denken!«
Eva verdreht die Augen. Hört auf an meinen Eiern zu saugen, steht auf, zieht mich an der Hand und ich stehe auf. Sie stößt mich auf dem Boden und fordert mich auf mich auf das Parkett hinzulegen. Gespannt erwarte ich was jetzt passieren wird. Sie steigt über mir aber mit der Muschi über meinem Kopf und macht sich wieder zwischen meine Beine zu schaffen. Ich mache es ihr gleich und lecke und sauge an ihrer Möse und trinke ihren Saft und ab und zu schaue ich zu der Gruppe die am Tisch sitzt und beobachte was sie macht. Die Leute haben sich von uns abgewandt und sind in einer Diskussion vertieft. Ich küsse und streichle ihr auch den süßen Popo und die Beine und vertiefe mich in ihre Möse. Sie saugt mittlerweile wie wild an meinen Penis und ich sehe mich kurz vor den Höhepunkt. Mit leiser Stimme künde ich an dass ich komme, aber Eva denkt gar nicht daran aufzuhören. Sie lutscht immer weiter, immer wilder, immer schneller. Ich zerplatze und mein Saft schießt in ihre warme Mundhöhle und sie macht immer noch keine Anstallten aufzuhören, was für ein geiles Gefühl! Sie schluckt meinen Saft runter und saugt immer noch weiter. Ich erschlaffe nicht mal. Kurze Zeit später hört sie auf und steht auf. Sie zieht mich an der Hand und hilft mir beim Aufstehen, lässt meine Hand aber nicht los und führt mich zu den anderen. Eine andere junge Frau kommt zu mir, streichelt mir die Pobacken, dreht sich zu mir um, nimmt ein Tuch und verbindet mir damit die Augen. Dann werde ich von den beiden zu einem Sofa geführt und werde hingesetzt. Eine der Beiden küsst mich während eine Hand an meinem Penis rumfummelt und andere Hände meinen ganzen Körper streicheln. Ich werde auf dem Sofa hingelegt, spüre das kalte Leder unter mir und merke wie eine der Frauen auf mein Becken steigt, mir ein Kondom überstülpt und sich den Penis einführt. Die Andere setzt sich auf mein Gesicht und ich lecke automatisch ihre Muschi. Nach einer Weile steht die Frau die auf mein Gesicht sitzt auf und geht. Die die auf meinem Becken reitet nimmt mir die Augenbinde runter und blickt mir tief in die Augen. Es ist nicht Eva. Es ist eine Brünette mit kastanienbraunen Augen, glatten langen Haaren, sanften Lippen, leichten Bauchansatz und einen sehr süßem Lächeln. Sie bückt sich und küsst mich auf dem Mund. Dabei streichelt sie mir über die Brust. Sie geht mit ihrer Zunge an der Wange entlang Richtung Hals und fährt dann Richtung Ohr. Sie beist und leckt und saugt. Als sie am Ohr ankommt flüstert sie mir zu:
»Schlag mich!«
»Was?«
»Schlag mich! Schlag zu!«
»Bist Du bescheuert?« frage ich empört. »Ich bin Pazifist und schlage keinen. Frauen schon gar nicht! «
Nun wechselt sie die Stellung. Sie erhebt ihren Oberkörper ganz und setzt sich auf mein Becken.
»Wie soll ich Dich schlagen? Wo soll ich Dich schlagen und warum überhaupt?« frage ich.
Noch bevor ich meine Fragen zu ende stellen kann kriege ich von ihr einen Faustschlag ins Gesicht.
»Aua! Das ist aber nicht die feine Engl…«
„Klatsch Klatsch!“ höre ich es machen und sehe wieder Sterne. Zwei Ohrfeigen, eine links, eine rechts folgen dem Faustschlag. Ich schüttele den Kopf und versuche zu mir zu kommen als ein Peitschenhieb und ein Pistolenschuss durch den Raum gehen. Ich drehe den Kopf in Richtung Fernseher und schaue zu den Anderen. Ich sehe nichts Besonderes und kann mir nicht ausmalen woher der Peitschenhieb und der Schuss kamen. Da geht ein Zweiter Peitschenhieb durch den Raum. Ich hebe meinen Oberkörper um zu sehen was da los ist und sehe wie eine der Frauen in ein Cowboykostüm geschlüpft ist. Cowboykostüm ist leicht übertrieben. Alles was sie anhat ist ein Cowboyhut, eine Weste, ein Pistolenhalfter, darunter ist sie nackt. In der einen Hand hält sie eine Peitsche und in der Anderen eine Pistole. Ist ja wild! Sind die alle stoned? Betrunken? Wird hier ein Porno gedreht? Bin ich in eine Produktion reingeplatzt? Was soll das ganze? Alles erscheint irreal, wie im Traum, fernab der Wirklichkeit und Realität. In erwarte dass ich jeden Moment aufwache und in meinen Bett liege. Jemand soll mich zwicken damit ich sehe ob ich träume oder nicht. Passiert das alles wirklich? Sind es meine Wunschträume? Feuchte Träume? Etwas dass ich gerne mal erleben würde? Kommen diese Phantasien vom zu vielen Fernsehkonsum? Ist es ein Déjà Vu?
»Ich habe Dir nicht erlaubt aufzustehen!« brüllt mich die Frau auf meinem Schoss an und verpasst mir einen weiteren Faustschlag ins Gesicht sodass ich zurück aufs Sofa falle. Die Frau im Cowboykostüm geht durch die Leute und peitscht wild und wahllos vor sich hin.
Jetzt reicht es mir aber. Ich scheuere der Kleinen eine links und eine rechts, zwicke sie in den Bauch, sie bleibt kurz regungslos, lächelt auf einmal und sagt:
»Hit me baby one more time! Wie Britney Spears mal sang! Schlag noch mal zu baby! Hast Du keine Kraft? Hast Du heute nichts gegessen?«
Ich versetze ihr einen Faustschlag in den Bauch und zwei schallende Ohrfeigen hinterher. Sie wirft sich nach hinten auf das Sofa, greift mit ihrem Arm in einer Schachtel die am Boden halb unterm Sofa liegt und holt ein Set Handschellen heraus. Dann greift sie noch mal rein und es kommt eine Peitsche zum Vorschein.
»Fessle mich und peitsch mich aus!«
Oha! Davon habe ich immer schon geträumt. Ich lege ihr die Handschellen an und binde sie so mit der Armlehne des Sofas dass ihre Arme nach oben sehen und sie sich nicht viel bewegen kann. Dann fange ich an langsam ihren ganzen Körper zu liebkosen, zu küssen und zu lecken. Vertiefe mich lange in ihre Muschi während meine Hände über ihren ganzen Körper wandern. Dann richte ich mich auf und nehme die Augenbinde und binde ihre Augen damit sie nicht sehen kann was ich mache. Ich nehme die Peitsche und lasse sie langsam über den ganzen Körper gleiten ehe ich von ihr Gebrauch mache. Ich stehe kurz auf und peitsche zuerst auf die Beine. Ein – zwei – drei Mal. Sie verzieht jedes Mal das Gesicht und stöhnt dabei kurz. Ich gehe wieder zu ihr hin, drehe sie um sodass sie mit dem Hintern nach oben zeigt, gehe zwei Schritte zurück und peitsche wie wild auf sie los. Auf die Beine, auf dem Po, auf dem Rücken. Ungefähr ein dutzend Mal. Sie stöhnt bei jedem Hieb immer mehr, immer lauter. Ich werfe die Peitsche auf dem Boden, gehe zu ihr hin, sehe vorher was in der Kiste unter dem Sofa noch drin ist und entnehme einen Vibrator, Kondome und eine Gleitcreme. Ich lege die Sachen auf der Kante des Sofas, beuge mich über die junge Frau und lecke und streichle ihren Körper. Angefangen von den Füssen, über den Po und Rücken bis rauf in den Nacken. Das gefällt der Dame sehr und zuckt mit ihren Körper. Sie erhebt ihren Unterleib und spreizt die Beine leicht auseinander. Ich stülpe mir das Kondom über und führe meinen prallen Penis in sie hinein. Sie bewegt ihren Körper im Rhythmus der Musik auf und ab und stöhnt dabei leicht wahrnehmbar. Auf einmal kommt das Cowgirl zu uns und peitscht abwechselnd sie und mich auf den Rücken und auf meinen Oberkörper. Ein junger Mann mit einer Kerze gesellt sich dazu und lässt Kerzenwachs über den Rücken des Mädels tropfen. Sie stöhnt jetzt lauter vor Schmerzen und Lust. Das Cowgirl nimmt ihm die Kerze aus der Hand, löscht sie und stellt sie zur Seite. Gibt ihm die Peitsche worauf er anfängt uns drei damit zu behandeln. Das Cowgirl nimmt den Vibrator und führt ihn in sich ein und küsst mich gleichzeitig auf dem Mund. Kurze Zeit später nimmt sie den Vibrator aus ihrer Muschi, schnappt sich die Gleitcreme, verteilt sie über den Vibrator, kommt zu mir, streichelt über die Pobacken des Mädels mit dem ich gerade am Werkeln bin, gleitet mit dem Vibrator die Pofalte rauf und runter und führt ihm dem Mädel in den After ein. Das Muss ein Genuss für die Dame sein, es von hinten und von vorne besorgt zu bekommen. Der junge Mann geht zum ende des Sofas, zieht den Kopf der Frau an den Haaren nach oben und steckt ihr seinen steifen Penis in den Mund. Währenddessen kommt eine weitere junge Frau zu uns, schnappt sich die Peitsche vom jungen Mann und drischt wahllos auf uns zu.
In diesen Moment denke ich an gar nichts mehr. Ich lasse meine Gefühle und meine Gedanken freien Lauf, jetzt ist mir alles egal. Ob ich jetzt weiter arbeiten werde oder nicht, interessiert mich nicht, ob es draußen wie verrückt schneit ist mir auch Wurst, was jetzt Sophie macht, was sie denkt und wo sie sich befindet ist mir auch egal. Sämtliche Sorgen scheinen weit weg und wie weggeblasen zu sein. Ich höre der Musik, dem Stöhnen und dem Peitschen zu. Ich gebe mich der grenzenlosen Leidenschaft und Geilheit hin. Von so einer wilden Orgie habe ich schon immer geträumt. Viele Leute, keine Tabus, jeder treibt es mit jedem, alles ist erlaubt, es wurde an alles gedacht, Spielzeug, Speis und Trank und Koks. Ich öffne die Augen und mein Blick wandert durch den Raum. Überall geben sich die Leute hingebungsvoll der Leidenschaft und der Lust hin und scheinen sehr vertieft zu sein in dem was sie machen. Dazu die pochenden Beats, die schrillen Farben aus dem Fernseher, die helle Nacht draußen die durch die großen Fenster und Balkontüren viel Licht in den Raum werfen, die Gruppe von Leuten die immer noch am ende des Tisches sitzt und sich angeregt unterhält. All das vermischt mit den verschiedenen Gerüchen wie Rauch, Marihuana, Alkohol, Räucherstäbchen, Körperflüssigkeiten. Ich bewege mich im Rhythmus der Musik, im Rhythmus den die Anderen vorgeben, küsse und werde geküsst, lecke und werde geleckt, bekomme Peitschenhiebe am ganzen Körper, spüre den Schmerz, sehe wie meine Haut langsam rot wird und werde immer geiler. Es treibt mich immer mehr an. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf, frei wie die freien Radikalen, eigentlich denke ich an gar nichts mehr, ich schließe ab und zu die Augen und bewege mich mechanisch zu den Klängen der Musik, vor und zurück, vor und zurück, Hände die meinen Popo streicheln, Hände die über meinen Rücken gleiten, Peitschenhiebe auf meiner Brust, und eine nackte Frau vor mir liegend die jemanden einen bläst, es von mir und einem Vibrator besorgt bekommt, Kerzenwachs das auf ihren Rücken tröpfelt und sie vor Lust laut stöhnt.
Auf einmal ertönen Klänge und Text eines Liedes in meinem Kopf. Zuerst kann ich die Melodie nicht einordnen und der Text ist auch bruchstückhaft da, aber dann realisiere ich um welches Lied es sich handelt.

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten,
sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen
Mit Pulver und Blei,
die Gedanken sind frei.

Mann ist das herrlich! Ich lächle vor Geilheit und Zufriedenheit vor mich hin und bewege mich weiter zu den Klängen in meinem Kopf.

Ich denke was ich will und was mich beglücket,
doch alles in der Still’ und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand mir Wehren,
es bleibt dabei: die Gedanken sind frei!”

So geht es eine Zeitlang weiter. Eva kommt mit einem anderen jungen Mann, zieht mich zurück, stellt ihn an meine Position, geht mit mir zum Sessel direkt neben dem Sofa, schubst mich sodass ich auf dem Sessel falle und mich hinsetze, sie setzt sich auf meinem Schoß mit dem Rücken zu mir, fischt mit ihren Fingern meinen Zauberstab und führt ihn in sich hinein. Ich fasse ihr an die Taille und den Hintern und sie bewegt sich auf und ab. Nach ein paar Minuten komme ich. Sie steht auf, geht zu den Anderen und lässt mich total erschöpft auf dem Sessel zurück. Ich habe Durst, habe aber nicht die Kraft aufzustehen. Ich sehe wie die Flaschen auf dem Tisch gegenüber mir zulächeln, kann aber nicht aufstehen. Ich fühle mich müde, ermattet. Eine der jungen Frauen die am anderen Ende des Tisches sitzt sieht zu mir rüber und merkt wie ich auf die Flaschen starre. Sie steht auf, nimmt eine Flasche Mineralwasser und bringt sie mir.
»Hast Du Durst mein Lieber?« flüstert sie mir zu und streichelt sanft meinen Nacken.
»Ja und wie!« erwidere ich und sehe ihr dabei zu wie sie die Flasche hebt und einen tiefen Schluckt nimmt. Hat sie sie nicht mehr alle? Will sie mich quälen? Warum macht sie das? Nach einem tiefen Schluck senkt sie die Flasche lächelt mir zu, schwenkt sie vor mein Gesicht ein paar Mal hin und her, hebt sie wieder und nimmt einen Schluck. Dann beugt sie sich zu mir, visiert meine Lippen an, ich küsse sie instinktiv, wir öffnen beide unsere Münder und setzen zu einem Zungenkuss an, doch anstatt ihrer Zunge schießt mir das Mineralwasser in den Rachen. Was für eine Erfrischung! Wir küssen uns eine Weile ehe sie ihren Kopf zurückzieht und mir tief in die Augen blickt. Dann hebt sie die Flasche und führt sie mir schließlich an den Mund. Ich trinke fast die Flasche leer. Soviel Durst habe ich. Sie nimmt sie mir ab und stellt sie auf dem Boden. Sie schaut wieder in die Augen und wir beginnen uns zu küssen. Sie streichelt mir über die Brust und ich versuche sie langsam auszuziehen. Als ich den letzten Knopf ihrer Bluse aufknöpfe höre ich eine männliche Stimme fragen:
»Bist Du der Taxifahrer?«
»Wer will das wissen?«
»Bist Du es oder nicht?«
»Je nachdem was Du von ihn haben willst.«
Die junge Frau auf meinem Schoß verdreht die Augen und will ihn wegschicken.
»Ich bin einer der Fahrgäste und wir möchten jetzt gehen.«
»Schade! Gib mir zwei Minuten um mich anzuziehen. Trommle mal den Rest zusammen.«
»Entschuldige Süße, die Pflicht ruft« sage ich zu der Dame auf meinem Schoß und schubse sie leicht damit sie Aufsteht. Der junge Mann geht hinüber zu den Anderen die immer noch eine Orgie auf dem Sofa feiern und spricht mit ein paar von denen und geht dann zurück zum Tisch wo die angezogene Gruppe sitzt. Ich stehe auf, ziehe mich an, gehe aufs Klo, schaue auch in den Spiegel und sehe einen total fertigen aber glücklichen Typen, komme zurück und gehe zum Tisch wo jetzt die Meisten versammelt sind. Vier Personen, darunter Eva, stehen auf. Ich packe noch meinen Mantel, ziehe ihn an und folge den Leute hinaus. Im Fahrstuhl streiten sich die Vier wohin es jetzt gehen soll.
»Ich möchte ins Skyline!« sagt einer.
»Ich möchte in den Kunstpark!« ein anderer.
»Warum fahren wir nicht in die Maxsuite?« fragt ein Dritter.
»Warum fahren wir nicht ins Pacha?« fragt Eva.
»Was schlägst Du denn vor wohin wir gehen könnten?« werde ich gefragt.
»Mei, ihr lässt mich besser da raus. Mit zwei der Kandidaten kann ich nichts anfangen und außerdem wenn ich Euch wohin fahre und es gefällt Euch nicht bin ich an Allem schuld. Nee nee, das macht ihr unter Euch aus. Aber da zwei von Euch zum Maximiliansplatz möchten, kann ich Euch dahin fahren und ihr sucht Euch dort eine Lokalität aus. Es gibt ja eine breite Auswahl.«
»Gute Idee Kutscher! So machen wir es!« sagt einer der Jungs.
Als wir ins Taxi steigen fällt mein Blick sofort aufs Taxameter das 22,30 Euro zeigt. Nicht nur mein Blickt fällt darauf, sondern auch der aller Anderen.
»Du, Kumpel, warum zeigt die Uhr soviel an?« werde ich von hinten gefragt.
»Beschwerden bitte an Eva richten!« sage ich und zeige demonstrativ mit dem Finger auf ihr. »Es war ihr Wunsch die Uhr laufen zu lassen.«
Ich fahre los und biege in den Oberanger rechts ab. Mann! Eine Stunde war ich jetzt oben bei denen, habe gepoppt wie ein Weltmeister und werde auch noch dafür bezahlt! Die Leute streiten sich wer den Fahrpreis bezahlen soll. Sie alle gehen auf Eva los, wie um alles in der Welt sie auf so eine hirnrissige Idee kam und dass sie jetzt auf keinen Fall die Summe durch vier teilen werden. Da es im Auto kalt ist schalte ich die Heizung auf höchste Stufe und schalte dazu das Funkgerät und das Radio an. Der Funker schreit sich immer noch die Seele aus dem Leib und versucht die Aufträge an den Mann zu bringen. Wahnsinn! Um die Uhrzeit herrscht immer noch reger Funkbetrieb. Normalerweise ist es ruhiger, d.h. es gibt schon viel zu tun aber es sind vermehrt Aufhalter und Einsteiger mit denen wir das Geschäft machen. Ab und zu geht hier und da das Schwammerl und auf dem Äther ist es ruhig. Die meisten Leute sind in irgendwelche Nachtlokale und gehen einfach auf die Straße und winken sich ein Taxi.
Wir erreichen den Stachus als die Vier einen Kompromiss vereinbaren. Die Fahrt wird durch vier geteilt, sie gehen ins „Pacha“ wo ein Freund von Eva an der Bar arbeitet und sie macht ihm schöne Augen damit sie umsonst trinken dürfen.
Ich fahre über dem Lenbachplatz am Wittelsbacherbrunnen vorbei, über die östliche Seite des Maximiliansplatzes, biege links in die Max-Joseph ein und wieder links auf die westliche Seite des Platzes und halte vorm Lokal an. Jemand von hinten gibt mir dreißig Euro und sagt dass es so stimmt. Eva und die andere junge Dame küssen mich zum Abschied und steigen aus. 

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Teil 38



Ich fahre langsam und vorsichtig aus den Seitenstraßen raus und versuche nirgendwo stecken zu bleiben. Wenn ich stecken bleibe wird Didi mit seiner Aussage: „Gnade uns Gott“ recht haben. Hier wird mir um diese Uhrzeit keiner helfen.
Ich fahre auf den Schatzbogen in Richtung Stand und höre dem Funk zu. Wahnsinn wie viele Aufträge immer noch rausgehen! Vielleicht sollte auch ich bis um neun arbeiten. Mal schauen.
»Schatzbogen!«
Oha! Mist verdammter ich bin noch weit vom Stand und werde den Auftrag verlieren.
»Schatzbogen! Steht jemand am Schatzbogen? Messe ICM! Bahnhof Trudering! Trudering! Für Stahlgruberring!«
Ich zögere ein wenig mich zu melden und überlege mir wie es kommt dass an all diesen Ständen keiner steht. Das ist sehr eigenartig. Warum hackt auch keiner rein? Bin ich das einzige Taxi weit und breit? Habe ich mit der Geschichte vorhin was verpasst? Stehen die Kollegen doch am Stand und melden sich nicht weil sie mehr wissen als ich?
»Für Stahlgruberring! Ist da jemand in da näh? Mag’s je-mand hamn?«
Ach zum Henker!
»980 am Moosfeld, werde gerade beim Hotel frei« lüge ich um glaubwürdiger zu klingen.
»980 zum „Caeser’s“!«
»Zum Palace, danke!«
Mann habe ich ein Glück heute! Trotz dem ganzen Ärger lacht mir Fortuna zu wie schon lange nicht mehr. So sollte es wirklich jeden Tag sein. Ich biege in den Stahlgruberring ein und suche das Palace. In dieser Straße sind so viele Clubs dass ich mir nie merken kann an welcher Stelle die sind. Manche ändern auch öfters ihren Namen sodass die Sache mit dem Namenmerken schwieriger wird. Mit den Hotels ist es genauso. Heute so, morgen anders und übermorgen wieder ein anderer Name.
Ich finde das Palace endlich. Parke vor der Tür, steige aus und trete prompt in einen Berg von Schnee. Zefix! Scheißwetter! Jetzt habe ich mir die Schuhe endgültig ruiniert! Ich gehe rein in den Club und marschiere geradezu auf die leere Bar hin und sage dem Barmann dass das bestellte Taxi da sei.
»Du bist der Taxler?« fragt mich der Barmann von Oben nach Unten anschauend und ein Weißbierglas polierend.
»Ja! Was gibt es daran auszusetzen?« frage ich auf mich hinunter blickend.
»Nichts! Ich habe noch nie einen so gut gekleideten Tax-ler gesehen!«
»Tja! Es gibt immer ein erstes Mal!« sage ich nüchtern und trocken. »Wo ist jetzt mein Fahrgast?«
»Es gibt keinen, weil wir kein Taxi bestellt haben!«
»Was soll das heißen, ihr habt keins bestellt? Ich habe doch den Auftrag von der Zentrale vor nicht mal drei Minuten bekommen. Also müsst Ihr ein Taxi bestellt haben!«
»Ich bin derjenige der bei der Zentrale anruft, und wenn ich Dir sage, ich habe keins bestellt, dann habe ich auch keins bestellt!« sagt der Barmann nüchtern während er ein weiteres Glas poliert.
Verflucht, Zefix, was für eine Verdammte Scheiße! Fluche ich vor mich hin, drehe mich um und gehe zurück zum Auto um zu reklamieren. Ich gehe sofort auf K4 und melde dass der Barmann nichts von einer Bestellung wusste. Die Zentrale kann mir leider auch nicht weiterhelfen und meint ich soll mich nachher zum Ausgleich melden. Zähneknirschend fahre ich zum Schatzbogenstand. Als ich auf dem leeren Stand fahre werde ich von der Zentrale auf K4 gerufen.
»980 die Dame reklamiert!«
»Soll das ein Witz sein, Zentrale? Ich war doch gerade eben da und der Barmann wusste nicht bescheid und hat mich weggeschickt.«
»DES IS KOA WITZ NED! SIE FAHRN ZURÜCK, DIE DAME HAT PRIVAT BESTELLT, HAT SIE WEGFAHREN SEHEN UND STEHT JETZT VOR DER TÜR UND FRIERT SICH DEN ALLERWERTE-STEN AB!«
Ich kann das hübsche, süße und zornige Gesicht der Zentralistin quasi vor mir sehen und möchte ihr am liebsten ins Mikro hauchen: Wenn Sie so zornig schreien wirken Sie noch süßer und erotischer als sie ohnehin schon sind und es macht mich an Sie so schreien zu hören…
»Is scho recht! I fahr zurück! Dame steht vor der Tür! Dankschee!«
Also fahre ich wieder raus vom Stand, die gute hundert-fünfzig Meter vor und biege links in den Stahlgruberring ab. Fahre vor bis zum Club und sehe wie tatsächlich eine Dame vor der Tür unter einem Regenschirm steht. Ich fahre die Auffahrt hoch, zumindest glaube ich eine Auffahrt hochzufahren, vielleicht ist es nur eine Rasenfläche die sich unter dem Schnee verbirgt, und halte direkt vor ihr. Sie geht einen Schritt nach vorne, Licht fällt auf ihr Gesicht und ich erkenne sie wieder. Es ist Frau Sklivanova von der Marienstraße. Oh Gott! Denke ich. Guter Stich, aber anstrengende Frau. Wenn die mal ihre Tage hat ist sie unausstehlich, aber ansonsten ganz nett. Ist immer am Anfang der Fahrt sehr zickig und wird danach immer netter. Komische Frau. Mir geht sie immer auf den Geist und ich versuche sie zu meiden. Meistens erfolglos. Sie bestellt sich ein Taxi immer zu unterschiedlichen Zeiten und auch von verschiedenen Plätzen. Sie arbeitet nicht nur in einen Club sodass ich jedes Mal aufs Neue überrascht bin sie aus einem anderen Club herauskommen zu sehen oder hinzufahren.
Sie geht zur Beifahrerseite und macht die hintere Tür auf, setzt sich rein und gibt als Fahrziel die Marienstraße an, ohne mich nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Eine echte Diva. Ich möchte nicht wissen wie sie mit ihren Kunden umgeht. Die müssen ja Angst vor ihr haben.
»Geht klar Frau Sklivanova!« sage ich und setze den Rückwärtsgang und fahre von der vermeintlichen Auffahrt auf die Straße.
»Sie kennen meinen Namen? Woher?«
»Ihr Kurzzeitgedächtnis scheint nicht wirklich gut zu sein, Frau Sklivanova! Ich habe Sie schon sehr oft gefahren. Sie scheinen mich nicht sonderbar zu mögen, deswegen werden Sie sich wahrscheinlich auch nicht an mich erinnern. Macht nichts, ich mag Sie auch nicht besonders. Dieses ewige rumgezicke und divenhafte Benehmen geht mir auf den Sack!«
So das hat jetzt gepasst! Das wollte ich ihr schon immer mal sagen, Ihr mal meine Meinung so richtig geigen. Jetzt fühle ich mich besser.
»Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Ich mag Sie auch nicht« sagt sie und schaut mich dabei nicht an. »Nehmen Sie es aber nicht persönlich, ich bin eine Menschenhasserin und möchte meine Ruhe haben. Besonders Taxifahrer kann ich nicht leiden.«
»Was haben wir Ihnen denn schreckliches angetan?« frage ich und kann mir schon denken welche Antwort ich hören werde.
»Was soll ich sagen?«
»Die schonungslose Wahrheit! Dass wir, zumindest männliche Kollegen Schweine sind, ohne Anstand, Moral und Benehmen.«
»Sie haben vollkommen recht« sagt Frau Sklivanova und fügt hinzu: »Ihre Kollegen sind wirklich das Letzte! Ich und meine Freundin bestellen jeden Tag ein Taxi und fahren teilweise weite Strecken. Anstatt sich über die gute Fahrt zu freuen, werden wir aufs übelste angemacht. Alles Mögliche haben wir zu hören bekommen. „Blas mir einen Schatzi, dann brauchst Du auch nichts zu zahlen“ war das harmloseste.«
»Und warum mögen Sie mich nicht? Ich habe nie etwas Schlechtes zu Ihnen gesagt. Bin immer freundlich, außer Sie werden zickig, dann brennen auch bei mir die Sicherungen durch. Weder habe ich etwas gegen Sie oder gegen den Beruf den Sie ausüben. Ganz im Gegenteil, ich finde dass es ein verdammt harter Beruf ist der Anerkennung verdient, und viele Ihrer Kolleginnen sind sehr gute Menschen und haben einen besseren Charakter als so manche Frau die da draußen herumläuft.« So, das wollte ich ihr schon immer mal sagen!
»Das sagen Sie ja nur so um mich zu besänftigen. Das meinen Sie nicht wirklich. Ich mag Sie trotzdem nicht.«
»Das ist mein voller Ernst! Und warum mögen Sie mich nicht? Was habe ich Ihnen denn getan? Ich fahre weder Umwege, noch belästige ich Sie.«
»Sie sind ein männlicher Taxifahrer und das alleine ist ein Grund Sie nicht zu mögen!«
Das hat jetzt gesessen! Verstehe Einer die Logik der Frauen.
»Wissen’S was, warum bestellen Sie sich keine Fahrerin? Ich habe es Ihnen schon mal gesagt. Man kann sich eine Frau als Fahrer bestellen, dann gibt es garantiert keinen Ärger. Warum machen Sie das nicht endlich? Das würde uns Konversationen wie diese hier in Zukunft ersparen!«
Sie sagt nichts mehr und blickt aus dem Fenster hinaus in die weiße Nacht. Inzwischen stehen wir am Haidenauplatz an der roten Ampel. Ich stehe auf der mittleren Fahrspur und warte auf Grün. Da hechtet von rechts eine Dame, reißt die Beifahrertür auf und steigt ein.
»Zum Kunstpark!« sagt sie.
»Ha? Bitte was?« frage ich.
»Zum Kunstpark!« wiederholt sie. »Gib doch Gas Mann! Ich hab’s eilig!«
»Das ist mir scheißegal! 1. Man sagt „Bitte!“, 2. Nicht in diesem Ton, 3. Ich bin besetzt und nicht frei und 4. der Kunstpark ist gleich dahinten.«
»Bist Du schwerhörig Mann! Ich will zum Kunstpark und Du hast mich gefälligst zu fahren! Das ist Dein Job und dafür wirst Du auch bezahlt!«
»Schau mal nach hinten Süße! Wir sind nicht allein.«
Inzwischen haben wir die Ampel verpasst und Frau Sklivanova hat immer noch keinen Laut von sich gegeben. Als uns das das letzte Mal passierte ist sie ausgerastet und schrie den Fahrgast in die Flucht.
»Ha?« fragt der weibliche Fahrgast.
»Auf der Rückbank sitzt eine Dame, mein Fahrgast. Sie möchte nicht in den Kunstpark, sie hat ein anderes Fahrziel. Also steig aus bevor ich Dich hier rausprügle!«
Sie dreht langsam den Kopf nach hinten und sieht Frau Sklivanova genau hinter sich sitzen.
»Verfluchte Scheiße! Jetzt muss ich zu Fuß! Um die Uhrzeit kriegt man hier kein Taxi!« Sie macht mit einen mächtigen Schwung die Tür auf, dass ich Angst bekomme sie wird sie aus den Angeln reißen, steigt fluchend aus und knallt sie wieder zu. Frau Sklivanova sagt immer noch nichts und ich gebe Gas dass die Reifen durchdrehen und fahre über die Kreuzung. Bloß weg hier! Mann, was laufen heute für Verrückte durch die Botanik! Haben die alle Freigang?
Wir fahren durch die leeren Straßen und hören der Musik und dem Funk zu. Weder sie noch ich sagen irgendwas. Nach einer Weile kommen wir an. Ich halte vor ihrer Tür, sie zahlt ohne irgendetwas zu sagen, lässt sich das Wechselgeld ausbezahlen, schaut es kurz an, nimmt ein paar Münzen aus ihrer Handfläche und gibt sie mir. Ich bedanke mich und wünsche frohe Feiertage, aber sie sagt immer noch kein einziges Wort. Sie steigt einfach so aus, knallt die Tür zu und geht zum Hauseingang. Als ich anfahre beschließe ich die Dame nie wieder zu fahren. Wenn ich doch noch aus versehen den Auftrag bekommen sollte, werde ich ihn zurückgeben und mich für ihre Adresse und Namen sperren lassen. Meine Geduld mit dieser Diva ist zu ende. Sollen sich die Kollegen mit ihr rumplagen.

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Teil 37



Die beiden steigen aus und ich will weiter, gebe Gas aber das Auto bewegt sich nicht. Oha! Ich bremse und gebe langsam Gas, aber wieder bewegt sich das Auto nicht. Die Räder drehen durch und das Taxi fängt an langsam zur Seite zu schlittern. Zum Glück sind meine Fahrgäste noch nicht im Haus verschwunden und sehen dass ich Probleme habe. Sie kommen zurück und bieten mir sofort ihre Hilfe an. Sie schieben von hinten während ich langsam Gas gebe. Siehe da, es funktioniert und ich kann weiterfahren. Auf diesen Schrecken zünde ich mir eine an und visiere den Deisenhofenerstand an.
Am Deisenhofener steht zum Glück kein einziger Kollege. Als ich hinein fahre ruft die Zentrale:
»Deisenhofener!«
»980, ist Einziger und grad beim Reinfahren.«
»980 Berg 5, Cafe!«
»Kaffee Giasing, Dankschee!«
Hinten rein in den Stand, während des Nachvornefahrens einen Auftrag klargemacht und vorne wieder raus. So sollte es immer sein!
Ich fahre vor bis zur Kreuzung und muss an der roten Ampel stehenbleiben. Auf einmal höre ich wie jemand „Taxi!“ ruft und von der Tramhaltestelle schräg links in meine Richtung sprintet. In diesen Moment springt die Ampel auf grün und ich fahre los. Der Mann der gerade in meine Richtung lief bleibt mitten auf der Straße stehen und ruft:
»Was soll das, Du Wichser?!«
Ich bremse und sage:
»Bist Du blind? Siehst Du oben die Reklame brennen? Siehst Du nicht! Das bedeutet dass ich nicht frei bin. Also schleich Dich!«
Ich gebe Gas und sehe im Rückspiegel wie er verwundert mitten auf der Straße stehen bleibt. Ich fahre die Ichostraße runter und habe mühe die Linkskurve in die Martin-Luther zu nehmen. Das Auto schlittert ein wenig, es droht außer Kontrolle zu geraten aber dank den Sicherheitssystemen und meinen Fahrkünsten bleibe ich auf der Spur, wo auch immer die sein mag – auf Grund des Schnees sieht man keinen Asphalt und keine Markierungen mehr, biege dann scharf in die Weinbauern ab und halte direkt vorm Lokal an.
Ich steige aus und trete in den Schnee. Blicke runter und fluche dass ich so bescheuert war mich heute so anzuziehen. Ich öffne die Tür des Lokals und vor mir stehen an der Kasse die zwei süßesten und faszinierendsten Bedienungen die es weit und breit gibt. Svetlana und Magenta. Die Eine aus Bulgarien, die Andere aus Jugoslawien. Die eine groß und schwarzhaarig, die Andere etwas kleiner und brünett. Die Eine war mal mit einer Kartoffel verheiratet und schmückt sich seitdem mit seinem langweiligen deutschen Nachnamen, die Andere ist auf der Suche nach dem Prinzen ihres Lebens. Magenta, die von allen Mage (sprich: Madschi) genannt wird habe ich vor vielen Jahren kennengelernt als sie einen Sommer lang an der Bar aushalf und ich mit zwei Freunden einmal in der Woche ins Kaffe Giesing ging, uns an die Theke setzten und die Cocktailkarte rauf und runter bestellten.
Svetlana lernte ich später auch hier im Lokal kennen. Sie kam mir aber von woanders bekannt vor. Es stellte sich heraus dass sie im Nachbarhaus wohnt.
»Oh wie hübsch Du heute aussiehst!« sagt Svetlana.
»Möchtest Du die heilige Nacht mit einem Glas Deines Lieblingsgetränks abschließen?« fragt Mage.
Ich gehe auf Beide zu und umarme – eine links, eine rechts, und küsse sie an der Wange. Auch ich werde von denen geküsst. Fritz, der Chef des Lokals steht mir gegenüber hinter der Theke und befüllt ein Weißbierglas.
»Das ist ein Empfang, Chef, findest Du nicht?« rufe ich ihm entgegen und zwinkere ihm zu.
»Wie schaffst Du es immer so liebreizendes Personal zu finden? Arbeitest Du mit einer Agentur zusammen? Was ist Dein Geheimnis?«
»Betriebsgeheimnis mein Lieber, Betriebsgeheimnis!«
In diesen Moment fühle ich mich wie ein kleiner Casanova. Fritz lächelt wie immer verschmitzt und befüllt weiter das Weißbierglas.
»Ich kann leider nichts trinken Mädels, ihr habt ein Taxi bestellt und hier bin ich.«
»Soll ich Dir eine Apotheke einpacken, quasi „To Go“ mitgeben?« fragt Svetlana.
»Ja, im praktischen Schnabelbecher, damit die Fahrgäste nicht merken dass Du Dich während der Fahrt besäufst« fügt Mage hinzu.
»Anders als im besoffenen Zustand kann man manche Leute nicht ertragen« sage ich.
Iris, die Frau vom Chef hat inzwischen die Fahrgäste geholt die jetzt neben uns stehen. Ich sehe mir die Leute etwas genauer an und einer von denen kommt mir irgendwie bekannt vor.
Ich verabschiede mich mit Küsschen und Umarmungen von den zwei liebreizenden Damen und gehe, von den Leute folgend hinaus ins Schneegestöber.
Auch die Leute verabschieden sich von einander und nur die Oma fährt mit mir mit. Als ich der älteren Dame die Tür aufhalte sagt eine der Frauen die daneben steht:
»Fahren Sie bitte vorsichtig und passen Sie auf die Oma auf!«
»Aber natürlich Gnädigste!« erwidere ich.
»Mach Dir keine sorgen Schatz!« sagt einer der Männer, »Wenn er der Oma was antut kriegt er von der Zentrale keinen MVG-Auftrag mehr.«
»Ah! Jetzt weiß ich woher Sie mir so bekannt vorkommen!« sage ich dem Herrn. »Sie sind Trambahnfahrer und ich habe Sie ein paar Mal gefahren! Jetzt erinnere ich mich wieder!«
Der Herr zwinkert mir zu und lächelt. Ich schließe die Taxitür und steige ein.
»Kennen’S die Birthälmerstraße? Da beim Schatzbogen ist sie« sagt die Dame.
»Natürlich kenne ich die Birthälmer!« antworte ich und fahre los. Endlich eine lange Fahrt!
Aus dem Radio ist Glockengeläut zu hören.
»Ist das irgendein kirchlicher Sender der eine Messe überträgt?« fragt die Dame.
»Wohl kaum« antworte ich und sehe dass ich die Frequenz von BR3 eingestellt habe aber da es nach Mitternacht ist sendet SWR3. Bennibär ist am Mikro und spielt diverse Hörerwünsche.
Dem Glockengeläut folgen harte Gitarrenriffs. Danach ist die markante Stimme von Brian Johnson zu hören.

“I'm a rolling thunder, a pouring rain
I'm coming on like a hurricane
My lightning's flashing across the sky
You're only young but you're gonna die

Yeah baby! Das Rockt!

“I won't take no prisoners, won't spare no lives
Nobody's putting up a fight
I got my bell, I'm gonna take you to hell
I'm gonna get you, Satan get you

Was für eine Stimme! Was für ein Sound! Die Oma auf dem Rücksitz verzieht ein wenig die Miene. Egal.

“Hell's Bells
Yeah, Hell's Bells
You got me ringing Hell's Bells
My temperature's high, Hell's Bells

Ich drehe ein wenig leiser um die Oma nicht ganz zu verschrecken und denke an letzten Sommer zurück wo ich öfters, bevorzugt sonntags mit dem 2993, dem Taxibus meines Freundes arbeitete. Sonntags kommen die Reisebusse an. Viele Reisebusunternehmen, bzw. Veranstalter bieten mit der Reise einen Taxizubringerservice an. Die Fahrgäste werden am Tag der Abfahrt von zu Hause abgeholt und zum Bus gefahren und am Tag der Ankunft stehen die Taxen vor Ort bereit und warten auf die Leute die dann nach Hause gefahren werden. Da es sich meistens um längere Fahrten handelt, sind die bei uns Taxlern sehr begehrt. Meistens gehen die an Taxibusse, weil es günstiger ist acht Leute mit Gepäck zu transportieren als drei oder vier. Die Unternehmen sparen sich sehr viel Geld und die Leute nehmen diesen Service gerne in Anspruch und sparen sich die Kosten für die Anfahrt und das Schleppen des Gepäcks. Das Publikum welches diese Busreisen mitmacht ist jenseits der sechzig. Viele von denen kennen sich auch untereinander weil sie mehrere solcher Reisen gemacht haben. Vollprofis sozusagen.
Sonntagnachmittag ist meistens Rock-Rose mit ihrem Programm auf Sendung. Da BR3 der einzige Sender ist den man auch außerhalb der Stadt bis in die hintersten Winkel des Landes empfangen kann, läuft er bei mir meistens im Taxi. Auf jeden Fall läuft er sonntags auch wegen Rock-Rose.
Während sich die Leute über die Reise und die Fahrt unterhalten, Gutes wie Schlechtes und jede Menge Tratsch kommt auf, vertiefe ich mich in die Musik, den Klängen, den Gitarren, den Solis, den meistens rauen Stimmen der Sänger, der vorbeiziehenden Landschaft und fantasiere vor mich hin wie ich die Lautstärke voll aufgedreht habe, die Alten headbangen, mitgrölen, Luftgitarre spielen und auf den Sitzen hin und her hüpfen. Wie in einer alten Tankstellenwerbung als ein Auto mit vier Heavy-Metal-Jüngern vorfuhr und die sich zu den Klängen von Black Sabbaths „Paranoid“ bewegten.
Yeah man! Rock’n’Roll forever!
Leider ist das ganze nur ein Traum. Ein einziges Mal hatte ich ein älteres Ehepaar dabei das meinte die Doors und Jimi Hendrix live gesehen zu haben. Mit denen hatte ich ein sehr interessantes und langes Gespräch.

“Hell's Bells, Satan's comin' to you
Hell's Bells, he's ringing them now
Hell's Bells, the temperature's high
Hell's Bells, across the sky

Wir fahren durch die menschenleeren Straßen. Die Dame erzählt mir wie sie Heiligabend mit der ganzen Familie, inklusive Enkelkinder verbracht hat und dass sie die „gute alte Zeit“ vermisse als alle unter einem Dach wohnten und eine große glückliche Familie waren. Jetzt leben die am anderen Ende der Stadt und sehen sich einmal im Monat.
Während ich mich mit der Dame unterhalte, höre ich einen Notruf über Funk. Eine Frauenstimme ist zu hören.
»Wo genau sind Sie?« fragt der Zentralist.
»Am Piusplatz« antwortet die Frauenstimme.
»Wo genau am Piusplatz? Der ist groß!«
»Ja, am Piusplatz halt!«
Ich möchte anfangen zu lachen, merke aber dass es die Stimme von Beatrice ist.
»Sie, entschuldigen’S, eine Kollegin von mir ist in Not. Gleich hier vorne am Piusplatz. Könnten wir vorbeischauen? Ich fahre Sie dann weiter, halte währenddessen die Uhr an und am Schluss kriegen Sie noch einen Rabatt von mir. Sind Sie einverstanden?«
»Aber natürlich!« antwortet die Dame.
Ich gebe Gas und fahre so schnell ich kann. Als wir beim Piusplatz abbiegen sehe ich wie einige Kollegen schon angekommen sind und mit ihren Autos die Straße blockieren. Ich lasse die Oma alleine im Wagen zurück und gehe langsam vor durch den Schnee watend zum Taxi von Beatrice. Es herrscht ein großes Durcheinander. Es reden viele Leute zur gleichen Zeit und ich blicke nicht durch was passiert ist, wer die Fahrgäste sind und wer die Kollegen. Beatrice sitzt total verstört und eingeschüchtert in ihrem Taxi hinterm Steuer und schaut ängstlich dem Treiben zu. Hinter ihr sitzt eine Frau mit geöffneter Tür und schreit abwechselnd ihrem Mann und den Kollegen was zu. Ich gehe zu Beatrice und frage was passiert ist. Ich habe sie noch nie so verstört, ängstlich, sprachlos und überfordert gesehen. Wo ist die selbstbewusste junge Frau die ich kenne? Wo ist die tollkühne Amazone der Nacht? Die mutige von allen bewunderte Beatrice? Ich hasse es zu sagen, aber was ich hier sehe ist ein Häufchen Elend das beschützt werden möchte. Ich bin erschrocken und berührt.
Beatrice lernte ich an einer der Busankunftsstellen kennen. Wir fuhren beide Taxibusse und erwischten zwei Touren mit jeweils acht Personen plus Gepäck. Wir standen dort mit den Tournummern in den Händen und warteten auf die Reisebusse. Es waren noch mehr Kollegen dort, manche von denen kannte ich sogar. Beatrice fiel mir sofort auf, nicht nur weil ich sie nicht kannte oder sie die einzige Frau war, sondern ihr rosafarbener Kapuzenpulli mit der „München“ Aufschrift lenkte mein Interesse in ihre Richtung. Ich hatte vorher nie einen Pulli mit so einer Aufschrift gesehen. Ich dachte dass bloß Britische, Kanadische oder auch US-Amerikanische Hochschulen T-Shirts und Pullis mit deren Logos bedruckten und vermarkteten, dass es auch Städte in Deutschland machen, war mir neu. So ging ich zu ihr hin und sprach sie schüchtern und vorsichtig an. Sie machte einen sehr souveränen Eindruck, sie schien eine starke Frau zu sein die vor nichts und niemanden Angst hat, eine Frau die ihren Mann steht und weiß was sie will, eine starke Persönlichkeit, eine Abenteuerin, eine Unahnbahre der die Männer in Scharen hinterher rennen und sie keinen an sich ran lässt, eine bei dessen Anblick einem die Knie zittern, eine Frau zum niederknien, eine bei der Mann sich neben ihr mickrig fühlt. Genau das war mein erster Eindruck. Langsam und mit der Zeit lernten wir uns besser kennen und wurden richtige Freunde. Mit der Zeit merkte ich auch dass sie doch nicht so unahnbahr ist wie sie auf dem ersten Blick wirkt. Dass sie keine Frau mit dicken Eiern ist vor der Mann sich fürchten muss und dass sie zwar eine starke Frau ist, aber mit einen weichem Herz. So wie eine Wildkatze. Wenn sie faucht, sollte man(n) sich in acht nehmen, wenn sie aber ihre Streicheleinheiten haben möchte wird sie zutraulich und man(n) kann sich ihr ohne Angst nähern.
Beatrice erzählt mir dass die Beiden Fahrgäste ziemlich angetrunken sind, sie als Ziel die Achentalstraße angegeben haben, unterwegs wurde der Mann unverschämt und wollte ihr an die Wäsche, sie wies ihn zurück und erhob ihre Stimme, darauf wurde seine Frau pampig, die Situation eskalierte, sie wollen weder aussteigen noch bezahlen.
Oha! Und das in der heiligen Nacht! Spinnen die Leute heute? Warum flippen denn alle aus? Liegt was in der Luft dass die Leute aggressiv werden lässt? Weihnachten soll doch das Fest der Liebe und nicht des Hasses und der Kettesägenmassaker sein.
Auf einmal taucht die Oma, mein Fahrgast, auf und fragt was los sei. Beatrice fragt wer sie ist und was sie will. Dann erklärt sie der Dame was hier vor sich geht. Die Oma fragt wer der Fahrgast ist. Ein Kollege zeigt ihn ihr. Sie geht auf ihm zu, stellt sich vor ihn hin, schaut ihn an, alle werden auf einmal still und wundern sich was gleich passieren wird, die Oma hebt den Arm an dem ihre Handtasche baumelt und drischt damit auf den Mann ein. Dabei beschimpft sie ihn lautstark: »Schämen Sie sich für ihr schlechtes und unmoralisches Benehmen! Was sind das für Sachen die Sie da machen? Der Dame an die Wäsche gehen zu wollen, sie erniedrigen, sie beschimpfen und dann auch nicht zahlen wollen! Schämen Sie sich! Sie Unmensch, Sie!«
Der Mann krümmt sich vor Schmerzen und fällt auf die Straße und landet im Schnee. Die Oma drischt immer noch wie eine besessene auf ihn ein bis er auf einmal ruft:
»Es tut mir leid, hören Sie auf! Ich bezahle ja!«
Die Oma hört auf mit der Handtasche zu schlagen. Und fragt Beatrice wie viel er ihr schuldet. Da springt seine Frau aus dem Taxi und schreit ihren Mann an:
»Einen Teufel wirst Du tun und diese Schlampe bezahlen! Nur über meine Leiche!«
Was ist los? Was hat die auf einmal zu melden? Einem Kollegen wird das ganze zu bunt und ruft über K4 die Polizei. Nicht mal drei Minuten später biegen zwei Polizeistreifen in den Platz ein. Die Beamten kommen zu uns nach vorne und fragen was los ist. Einer der Kollegen erklärt es ihnen. Das Ehepaar schreit währenddessen wie wild. Eine Beamtin geht auf die Hyäne von Ehefrau zu und sagt mit ernster und steinharter Miene:
»Wenn Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, lege ich Sie in Ketten und nehme Sie mit aufs Revier. Dann können Sie die Nacht in der Zelle verbringen und darüber nachdenken was Sie getan haben!«
So, das hat gesessen! Die Frau ist still. Der Mann schreit immer noch, schiebt die Schuld Beatrice zu, angeblich wäre sie Umwege gefahren, sie hätte ihn angemacht, er hätte sie zurückgewiesen und deswegen wollte sie ihn rauswerfen und auch noch den Fahrpreis kassieren. Die Beamten blicken kurz auf Beatrice und dann auf den betrunkenen alten Knacker.
»Sie wollen uns weismachen, dass diese junge Frau Sie vor Ihrer Frau angemacht hat? Das sollen wir Ihnen glauben?«
»Ja freilich! Das ist die Wahrheit!«
»Ob der Richter Ihre Geschichte glauben wird, bezweifle ich« sagt einer der Beamten.
Um seine Unschuld zu unterstreichen erzählt der Mann dass er von der Oma geschlagen wurde. Die Kollegen sagen dass es nicht stimmt, die Beamten blicken rüber zur alten Dame die wiederum ganz unschuldig und zerbrechlich zu den Beamten rüber schaut.
»Ja klar! Und ich bin der Weihnachtsmann!« sagt einer der Beamten. Es werden die Personalien des Ehepaares festgehalten, wir alle müssen eine Zeugenaussage machen, Beatrice bekommt Gott sei dank ihr Geld und kurze Zeit später dürfen wir weiterfahren.
»Was für eine Geschichte!« sagt Omi als wir wieder im Taxi sitzen.
»Sie sind meine Heldin! So etwas wie heute habe ich noch nie im wirklichen Leben gesehen. Nur in Filmen aus Hollywood gehen die Omas mit ihren Handtaschen auf Gesindel los. Alle Achtung! So sollten alle reagieren! Keine Angst haben und den Leuten in der Not helfen! Mein Respekt! Hut ab!«
Sie erzählt mir dass sie sich aus Langeweile bei einen Selbstverteidigungskurs für Senioren angemeldet habe und dort lernt sie wie man sich im Alter wehren kann, dass man keine Angst haben, sich den Angreifer stellen soll und dass man ihn leicht in die Flucht schlagen kann indem man entweder laut schreit und um sich schlägt oder mit ein paar wenigen, aber richtigen Handgriffen ihn außer Gefecht setzen kann. Sie fügt noch hinzu dass sie als junge Frau Kampfsport trieb, weil ihr Ehemann eine Karateschule besaß. Sie nahm auch an Turnieren teil, gewann Pokale und bekam Auszeichnungen. Einmal im Urlaub in Südafrika hat sie zusammen mit ihren Ehemann zwei Einbrecher grün und blau geschlagen, sie gefesselt und sie dann der Polizei übergeben. Auch dafür gab es eine Auszeichnung. Leider hat sie mit fortschreitendem Alter den Karatesport aufgegeben. Weil ihr aber eine sportliche Betätigung fehle, meldete sie sich auf eine Zeitungsannonce hin beim Senioren-Selbstverteidigungskurs an und fühlt sich dadurch fit und selbstsicherer.

Ich sehe die Schlagzeilen vor mir: „Karateerprobte Omas stellen Bankräuber!“ oder „Opa mit Kung Fu Kenntnissen setzt Vergewaltiger außer Gefecht!“
Vergesst ‚Spiderman’ oder ‚Superman’, die sind von Gestern! Die Zukunft gehört den ‚Superomas’ und ‚Superopas’! In einer Britischen Radiowerbung heißt es: „Weil Mütter Heldinnen sind!“ Die Werbung muss aktualisiert und umgeschrieben werden. Die neuen Helden im Kinderfernsehen und Kinderzimmer sind die Opas und Omas dieser Welt! Die Veteranen die einst im Dschungel Vietnams, in Korea oder in anderen Krisengebieten gegen den Feind kämpften, kämpfen im Hier und Jetzt gegen das organisierte Verbrechen und setzen sich ein für eine entkriminalisierte Welt. Eine Welt in der Frieden, Ordnung und Zucht herrscht. In der Moral und Bildung großgeschrieben werden. Zurück zu den alten Tugenden, in kleinen Schritten zu einer besseren Welt. Die Verbrecher werden nicht einfach Jahrzehnte lang weggesperrt, nein, sie werden psychologisch betreut, müssen endlos Sozialdienst schieben, werden täglich in die Kirche gehen müssen, sich zu Gott bekennen, und praktisch dazu gezwungen bessere Menschen zu werden. Ach, was für ein schöner Traum! Leider bleibt es nur ein Traum. Die Wirklichkeit wird immer rauer. Die Leute immer blöder, immer aggressiver. Man sieht es an den Fahrgästen. Im Taxi steigen Hinz und Kunz ein und aus, alles setzt sich auf die Rückbank, sämtliche Gesellschaftsschichten und Altersklassen geben sich die Klinke in die Hand, vom Sozialhilfeempfänger der mit Scheinen des Sozialreferates zahlt, über Ottonormalverbraucher bis hin zu Reichen oder Berühmten. Im Taxi sind alle gleich und werden auch gleich behandelt. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Das Schlimme ist, man ist denen und deren Emotionen ausgeliefert. Man weiß nie ob der nächste Fahrgast ein potentieller Mörder, Räuber oder Vergewaltiger ist. Die Leute sind schlecht drauf, zu später Stunde stinken sie meistens sodass man in der Früh oder nach manchen Fahrten kräftig lüften muss, sie benehmen sich daneben, man wird schief, blöd und niveaulos angeredet, nicht respektiert, man versucht uns zu beklauen, viele wollen nicht zahlen und machen Radau, andere öffnen die Tür und hauen einfach ab, man wird aus nichtigem Grund angezeigt und läuft Gefahr den Personenbeförderungsschein zu verlieren, man unterstellt uns permanent Umwege zu fahren und misstraut uns ständig. Die Leute furzen, husten, niesen und kotzen ins Taxi, machen sich in die Hosen und hinterlassen jede menge Dreck. Alles was sie essen oder trinken wird auf dem Boden geworfen, sogar Kaugummis kleben öfters an den Sitzen oder Fußmatten. Sie nehmen auch die Taxen auseinander. Es lohnt sich nicht einen teuren und eleganten Wagen zu kaufen, weil es keine Wertschätzung gibt und die Leute eh alles kaputt machen. Sie klauen Kopfstützen, drücken zu hart auf Knöpfe, demolieren beim ein oder aussteigen irgendwelche Zierleisten, ziehen zu sehr am Sicherheitsgurt oder lassen ihn raushängen und hauen die Tür drauf sodass er kaputtgeht. Harry sagt immer er brauche nach der Schicht eigentlich keinen Alkohol zu sich zu nehmen weil er von den Ausdünstungen der Fahrgäste betrunken wird. Schlimm ist es am Wochenende, besonders die Samstagnachtschicht. Da ist wirklich jeder Trottel unterwegs und lässt sein wahres Ich raus. Samstagnacht sind auch die Aushilfsfahrer, von den Festfahrern Aushilfswichser genannt, unterwegs, die sich um Kollegialität, Straßenverkehrs-, Taxitarif und Taxiordnung nicht scheren. Samstagnacht, aber auch Freitagnacht herrscht Krieg auf der Straße. Einerseits die äußerst anstrengenden Fahrgäste, andererseits diese Verkehrsrambos die sich nicht auskennen, die wie die wilden durch die Stadt rasen, ohne Uhr fahren und eine Gefahr für die Mitmenschen sind und einen Berufsstand in Misskredit bringen. Die sogenannten Aushilfswichser arbeiten nur an diesen zwei Nächten und versuchen in zwei Schichten so viel wie möglich zu verdienen. Die Festfahrer andererseits fühlen sich bedroht und sind über diesen Dilettantismus sehr verärgert. Viele arbeiten deswegen auch nicht an diesen zwei Nächten und trauen sich erst am Sonntagabend wieder auf die Straße. Außerdem ist es auch wegen einem anderen Grund nicht ratsam in ein Taxi eines Aushilfswichsers einzusteigen: Da dieser Fahrer tagsüber einer Haupttätigkeit nachgeht ist er seit vielen Stunden auf den Beinen. Er fährt meistens nach seiner Arbeit sofort zum Taxiunternehmen und beginnt am Nachmittag seine Schicht. Bis zum nächsten Morgen wenn die Taxi-schicht endet ist er 24 Stunden auf den Beinen. Kann er spätnachts, wenn es eigentlich seine Schlafensphase ist noch konzentriert Autofahren?
Außer dem ganzen Ärger den man in diesen Beruf hat, gibt es auch positive Seiten. Ich gebe zu, als ich mit dem Taxifahren anfing ging ich einerseits aus Frust andererseits aus Blauäugigkeit an den Start. Frust, weil ich es satt hatte mich ständig um Jobs zu bewerben und lauter Absagen zu kassieren. So kam ich auf die Idee mein Hobby (Autofahren) zum Beruf zu machen. Ich sah das schnelle Geld, die Abenteuerlust, das-vorher-nicht-wis-sen-wo-man-nachher-sein-wird hatte es mir angetan, die freien Arbeitszeiten, die leistungsbezogene Bezahlung und ständig mit neuen Autos unterwegs zu sein klang ganz gut und wildromantisch. Die Ausbildung war nicht sonderbar schwer, dafür war die Prüfung umso schwerer. Durchfallquote lag damals bei über 80%. Ich wollte schon immer nachts arbeiten, viel Geld verdienen und unabhängig sein. So meldete ich mich bei Hajo und seiner Firma an, die den Namen eines Fabeltieres hat, welches angeblich im Himalaja lebt und vom bekanntesten Bergbezwinger der heutigen Zeit gesichtet worden ist. Die Firma war eine einzige Katastrophe, aber war relativ nahe meinem Wohnort und der Name gefiel mir sehr. Mit der Zeit lernte ich wann ich mich wohin stellen soll um mehr Geld zu verdienen. Welche Uhrzeiten die Besten sind und welche nicht. An welchen Nächten man am Besten zu hause bleibt und an welchen man lieber arbeiten geht. Mit der Zeit lernte ich die Straßen kennen, kam in Bezirken in denen ich vorher nie gewesen war, lernte langsam die Stadt besser kennen, lernte wie die Stadt funktioniert, ihren Rhythmus, den Rhythmus der Leute, komme überall rein, fahre überall hin, egal wo die Fahrgäste hinwollen, sei es in der Stadt, raus aufs Land oder sogar ins Ausland, ins Casino, im Wald, in Hinterhöfe, in der Auffahrt einer Villa, auf Privatgrund oder Privatstraßen, genieße es durch Fußgängerzonen fahren zu dürfen, Busspuren und Busampeln zu benutzen während der normale Autoverkehr im Stau steht und auf Grün wartet fährt man als Taxi lässig vorbei, man kommt in Bordelle rein, lernt jeden und alles kennen. Mit Kellnern, Prostituierten, Leuten des Untergrunds, Gastronomen, Unternehmern, Pförtnern und allerlei anderen Personen ist man per Du. Man kann soviel und sooft arbeiten wie man will, hat keinen über oder unter sich, wird täglich bezahlt und erntet am Morgen die Früchte die man nachts gesät hat. Man muss nicht an den Bankautomaten um Geld abzuheben, man ist immer flüssig, und kann somit besser wirtschaften. Oder auch nicht. Viele Kollegen haben nichts auf hoher Kante weil sie alles ausgeben was sie in der Schicht verdienen. Außerdem ist, zumindest den Nachteulen unter uns der Gang zum Supermarkt ein Graus und wir kaufen zu erhöhten Preisen in der Tankstelle ein. Die nächtliche Pause an der Esso kostet mindestens fünf Euro. Auf dem Monat hochgerechnet ist das viel Geld.
Man lernt jede Menge Menschen kennen, interessante oder nicht, gescheite wie bekloppte, arme wie reiche, berühmte wie unbekannte oder Adabeis, Schwule, Heteros, Transsexuelle, transportiert Tiere, allerlei Sachen (wie mein Freund Mehmet der Schneeketten von der BMW zum Tegernsee transportiert hat), Kinder, fährt Schwangere in Polizeibegleitung mit Blaulicht zum nächsten Krankenhaus und so mancher hat seine große Liebe im Taxi kennengelernt.
All das kann kein anderer Job bieten. Deswegen ist es auch schwer diesen Beruf an den Nagel zu hängen. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz das besagt dass die Schwelle bei fünf Jahren liegt. Wer es innerhalb dieser Zeit nicht schafft den Beruf zu wechseln, wird es nie mehr schaffen und ewig dabei bleiben. Es sei denn es stößt ihm was zu oder er bekommt von einem Fahrgast ein gutes Jobangebot oder er kann die Leute und den Verkehr nicht mehr sehen und hört somit auf.
Taxler lieben ihre Freiheit und führen ein Leben neben der Norm. Viele besitzen nicht mal ein Bankkonto oder Festnetzanschluss, der Vertrag der Wohnung läuft auf dem Namen des Partners und das Handy ist meistens Prepaid. Taxler sind auch zu bequem um etwas an ihrer Situation zu ändern und haben Angst vor Veränderungen. Sie wechseln nicht mal die Firma. Auch nicht wenn das Unternehmen das Gehalt kürzt. Die bleiben aus Bequemlichkeit, weil sie ein bestimmtes Auto fahren möchten, weil sie die Kollegen kennen, weil die Firma einen bedachten Parkplatz bietet, weil es nahe der Wohnung ist, usw. Deswegen bleiben die Meisten dem Beruf und dem Unternehmen treu und wechseln nicht.
Mittlerweile biegen wir in die Birthälmerstraße ab und fahren die letzten Meter bis zur Haustür der Oma. Ich biete ihr an, wegen der geleisteten Hilfe, der Unannehmlichkeiten und der Verzögerung die Hälfte des Fahrpreises zu bezahlen, sie aber besteht darauf den vollen Fahrpreis zu bezahlen, schließlich sei es Weihnachten und ich muss ja auch von was leben. Sie gibt mir ein gutes Trinkgeld und meint ich solle Beatrice was Alkoholreiches ausgeben um sich vom Schrecken zu beruhigen. Gute Idee! Ich gebe der Oma noch zwei Flaschen Piccolo mit. Kaum steigt sie aus, rufe ich Beatrice an um zu fragen wie es ihr geht und ob sie noch arbeitet oder nach dieser Geschichte aufgehört hat. Sie meint sie möchte bis um neun Uhr morgens arbeiten und danach hundemüde ins Bett fallen und mindestens bis um sechs Uhr Nachmittags schlafen. Meine Einladung schlägt sie für heute aus und schlägt vor uns morgen nach der Schicht zum Frühstücken zu treffen.
 

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Teil 36



Ich fahre vor bis zur Westermühlstraße und biege links ab und möchte Richtung Papa-Schmid-Stand fahren. An der Ecke zur Klenze höre ich dem Zentralisten sagen:
»Am Gärtnerplatz, wahrscheinlich vorm Theater, stänga zwo Leit! Fahrt do jemand hi?«
Ich hacke sofort rein und bekomme den Auftrag. Ich fahre die Klenze durch und stehe auf einmal neben dem Theater. Schaue nach rechts zur Theatertreppe sehe aber niemanden. Sind die Leute weitergewandert oder wurde abgestaubt? Ich fahre eine Runde um den Platz um zu sehen ob sie irgendwo sind bevor ich auf K4 reklamiere. Als ich über der Einmündung der Cornelius bin höre ich wie jemand ganz laut „Taxi!“ ruft. Ich bremse, sehe um mich herum und entdecke niemanden. Ich fahre langsam an und möchte auf der anderen Seite schauen ob dort jemand steht der gerufen haben könnte, da höre ich wieder jemanden „Taxi!“ rufen. Ich bremse und schaue wieder um mich herum. Tatsächlich stehen links von mir auf der anderen Seite des Platzes zwei Leute, ein Pärchen wie ich es erkennen kann. Ich warte dort wo ich bin und hoffe dass die zu mir rüberkommen. Sie blicken in meine Richtung und überlegen ob sie zu mir kommen sollen oder nicht. Keiner bewegt sich. Da mir das ganze zu Bunt wird fahre ich langsam an und will zu denen rüber fahren. Da der Brunnen auf der Mitte des Platzes mir die Sicht versperrt merke ich nicht dass die zwei im selben Augeblick zu mir kommen. Als ich an der Ecke beim Fischlokal bin sehe ich wie die in der Mitte beim Brunnen sind. Ich bremse und bleibe stehen. Sehe zu denen rüber und warte auf eine Reaktion. Die bewegen sich nicht. Ich fahre rückwärts zur Einmündung mit der Einbahnstraße. Sie aber laufen irritiert in die andere Richtung zum Theater. Sehen dass ich dort stehe wo ich vorher war und rennen los. Ich wiederum fahre noch ein Stück rückwärts Richtung Theater. Als ich dort ankomme steht keiner. Warum? Weil die jetzt auf der anderen Seite stehen, zwischen Klenze und Reichenbach. So langsam fühle ich mich wie Roberto Benigni in Jim Jarmuschs „Night on Earth“ als er den Taxifahrer spielend, nachts zu einer Piazza in Rom gerufen wird, in deren Mitte ein Brunnen steht und er die gleiche Situation mit einem Pfarrer vorfindet. Beide laufen kreuz und quer bis sie sich endlich treffen.
Ich fahre dann vorwärts in deren Richtung, sie springen auf die Straße und laufen mir entgegen. Ich bremse scharf um sie nicht zu überfahren. Sie steigen beide lachend hinten ein.
»Oh ein Engel in der Nacht!« sagt die Frau, geschätzte ende zwanzig.
»Vielen Dank fürs Kompliment! So wurde ich noch nie bezeichnet.«
»Wenn Du wüsstest wie schwer es heute ist ein Taxi zu bekommen! Du bist wirklich ein Engel, als wenn Dich der Himmel schicken würde! Fährst Du uns zur Zugspitz?«
»Natürlich!« antworte ich und fahre um den Platz herum und durch die Reichenbach in Richtung Fraunhofer.
»Wir haben vor einiger Zeit ein Taxi bei der Zentrale bestellt und endlos lange gewartet, als keins kam beschlossen wir zu Fuß nach hause zu gehen. Ist Gott sei dank nicht soweit.«
Saki würde die Beiden sympathisch finden und denen zum Spaziergang bei diesem winterlichen Wetter gratulieren. Auch er ist ein Frischluftfanatiker und geht sehr oft zu Fuß oder radelt mit seinem Mountainbike durch die Stadt und raus aufs Umland. Er hasst es und kann die Leute nicht ausstehen die zu faul sind sich zu bewegen und auch die kürzesten Strecken mit dem Auto zurücklegen. Er besitzt kein Auto, bin mir nicht sicher ob er überhaupt einen Führerschein hat. Dass er kein Auto besitzt liegt nicht etwa daran dass er ein übermäßig umweltbewusster Zeitgenosse ist, nein er ist einfach viel zu geizig um tausende von Euro für eine Blechkiste auszugeben die er sehr selten benutzen würde. Er investiert sein Geld viel lieber in Bier und Essen und kurbelt so die heimische Wirtschaft an. Er wohnt in der Nähe einer U-Bahnhaltestelle, hat eine Bushaltestelle direkt vorm Haus und eine Tramhaltestelle zwei Ecken weiter und wenn er ausgeht betrinkt er sich meistens und darf sowieso nicht mehr Autofahren. Außerdem besitzen fast alle seine Freunde einen Fahrbaren Untersatz und er fährt bei denen mit. Ansonsten nutzt er seine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr, geht zu Fuß oder fährt eben mit dem Rad.
Am Ende der Reichenbach biegen wir links in die Fraunhofer ab und fahren bis zur Ampel die gerade rot zeigt. Ich lasse meinen Blick schweifen und denke mir: Wahnsinn wie schön es doch ausschaut wenn alles schneebedeckt ist, wie im Märchen! Frau Holle leistet heute ganze Arbeit und macht ihren Namen alle Ehre. Sie gibt alles und wenn es so weiter geht werden wir morgen von der Außenwelt abgeschnitten sein oder mitten in der Stadt Skifahren. Herr Müller, mein Vermieter erzählte mir, dass es mal in der Vergangenheit sehr viel geschneit hat, sodass der Winterdienst überfordert war und einige Leute den Giesinger Berg auf Skiern runter bretterten.
Mein Blick scannt das Terrain und bleibt auf etwas Dunkles auf der Brücke hängen.
Der männliche Fahrgast bemerkt dass etwas nicht stimmt und blickt in die Richtung in der ich gerade schaue. Währenddessen schaltet die Ampel auf grün aber ich bemerke es nicht.
»Sehr geehrter Weihnachtsfahrer« sagt die junge Dame in Anspielung auf meine rote Mütze, »es ist grün und auch wenn Sie noch länger warten mögen, noch grüner wird es nicht!«
»Ha?«
»Wenn Sie jetzt nicht Gas geben verpassen wir die Ampelschaltung!«
»Oha!« sage ich auf die Ampel schauend und gebe sofort Gas ohne dieses dunkle Etwas aus dem Blick zu verlieren.
»Was ist das?« fragt der Fahrgast. »Steht da Jemand und will runterspringen?«
»Ich weiß es nicht, sieht aber danach aus« antworte ich.
Wir fahren langsam auf die dunkle Gestalt zu und blicken gebannt in ihre Richtung. Als wir auf der Mitte der Brücke sind stoppe ich und wir sehen wie tatsächlich jemand sich am Brückengeländer festhält und runterspringen möchte.
»Schatz, ruf mal die Polizei und sag denen, dass auf der Reichenbachbrücke ein Lebensmüder steht. Die sollen so schnell wie möglich kommen« befiehlt der männliche Fahrgast seiner Freundin, »der Taxifahrer und ich machen uns in der Zwischenzeit mal nützlich.«
Wir beide steigen aus, ich gehe ums Auto, der Fahrgast sieht mich kurz an und sagt: »Sehr elegantes Auftreten. Nicht mal meine Kollegen von der Bank kommen so gut angezogen zur Arbeit wie Du es gerade bist!«
Auf meine Schuhe blickend fügt er hinzu: »Das Schuhwerk leidet aber sehr bei diesem Wetter! Morgen kannst Du die Dinger bestimmt wegschmeißen!«
Ich lächle und wir gehen beide auf die Gestalt zu die sich am Brückengeländer festhält und im Begriff ist ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wir nähern uns von zwei Seiten, er rechts, ich links. Währenddessen höre ich wie der weibliche Fahrgast mit jemandem von der Polizei telefoniert, aussteigt und hinter sich die Tür des Taxis zuknallt.
In diesen Moment erinnere ich mich an eine Geschichte die mir mal meine Tante erzählte als sie sich einmal in einer ähnlichen Situation befand. Ein Lebensmüder ist mal durchgedreht, schloss sich und seine Nachbarin in deren Wohnung ein und wollte sie und sich umbringen. Er ließ auch keinen zu sich und ließ nicht mit sich reden. Er weigerte sich sogar mit dem Polizeipsychologen zu reden. Da kam gerade meine Tante von der Arbeit nach hause und wunderte sich über das Tohuwabohu vor dem Gebäude und im Treppenhaus. Der Durchgeknallte war ihr Nachbar. Sie ging zur Wohnungstür und rief ihn. Er meldete sich und sie schaffte es mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es stellte sich heraus dass er Liebeskummer hatte, sich bei der Nachbarin ausweinen wollte, sie ihm aber nicht ernst nahm, und er darauf rot sah. Irgendwann mal schrie er durch die abgesperrte Tür:
»Ihr Frauen seid alle Schlampen!«
»Sind wir!« antwortete meine Tante.
Er rechnete nicht mit so einer Antwort, öffnete verwundert die Tür und fragte: »Seid Ihr? Meinst Du das im Ernst?«
»Natürlich meine ich es Ernst.« sagte meine Tante. »Es gibt nichts schlimmeres, nichts hinterhältigeres als uns Frauen. Wir sind der Grund weswegen der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde und wir heute so ein Scheißleben führen müssen. Wir denken nur an uns, an Schuhe, Shopping und Handtaschen, versuchen einen reichen oder wohlhabenden Mann zu angeln um nicht arbeiten zu müssen und bei einer Scheidung unseren weiteren Lebensunterhalt gewährleistet zu wissen und alles andere ist uns egal. Wir fallen sogar der besten Freundin in den Rücken, versuchen ihr den Freund, Mann oder angehimmelten madig zu machen um ihn ihr auszuspannen. Das macht ihr Männer nicht.«
»Du meinst das wirklich ernst?«
»Natürlich!«
Das war der Augenblick an dem er sich beruhigte und von der Polizei und dem Psychologen festgenommen wurde. So endete das Ganze ohne Tote und Verletzte.
Ich sehe dem Lebensmüden von der Seite ins Gesicht und grüße ihn. Mein Fahrgast grüßt ihn auch. Dann blicken wir beide runter und ich sehe die schneebedeckte Wiese unter uns in ca. 10 – 15 Meter Tiefe. Blicke dann rüber zum Fluss und wieder in sein Gesicht.
»Stehst Du lange hier?« frage ich ihn. »Nach der Farbe Deiner Finger zu urteilen, schon« füge ich hinzu. In der Tat sind seine Hände rot und geschwollen von der Kälte.
»Ist eine schwere Entscheidung seinem Leben die Lichter auszublasen« sage ich. Ich schaue wieder nach unten zur Wiese und setze meinen Monolog fort:
»Schau mal, ich bin kein Botaniker und habe auch keine Erfahrung im Selbstmord begehen, aber eins kann ich Dir versichern: Wenn Du hier runter springst, wirst Du Dir bloß ein paar Knochen brechen, eventuell bleibst Du behindert, aber Du wirst es überleben. Willst Du für den Rest Deines Lebens behindert sein, womöglich querschnittsgelähmt und auf Hilfe anderer angewiesen sein? Was für ein Scheißleben das sein wird! Denk mal darüber nach. Als Querschnittsgelähmter wirst Du ein Gefangener in Deinem eigenen Körper sein und kannst Dir nicht mal die Kugel geben. Du wirst wie eine Pflanze sein. Bewegungsunfähig, wirst nicht allein aufs Klo gehen können, wirst nicht selbständig essen und trinken können, Du wirst nichts machen können. Frauen werden Dich nicht mal ansehen und Du wirst nicht mal im Puff befriedigt werden weil Du keinen mehr hochkriegst. Im Sommer wirst Du das schöne Wetter nicht genießen und im Winter wirst Du auf Grund der schlechten Witterung nicht aus dem Haus gehen können. Den ganzen lieben langen Tag wirst Du entweder im Bett oder an einen Rollstuhl gefesselt sein, vermutlich vom Pfleger vor die Glotze gesetzt werden und musst Dir im schlimmsten Fall das Tagesprogramm der Privaten antun. D.h. Werbung bis zum Gehtnichtmehr, bescheuerte Gerichtsshows, hirnrissige Talkshows und drittklassige Seifenopern. Krawalljournalismus, blöde Serien und noch blödere Filme. Dein Hirn wird weichgespült und Du wirst Dich wie die Teletubbies fühlen und Dir wünschen nicht von der Brücke gesprungen zu sein sondern es wie ein richtiger Mann, wie Kurt Cobain gemacht zu haben. Dir eine Flinte in den Mund gesteckt und Dir das Hirn weggeblasen zu haben. Willst Du das wirklich? Willst Du so enden? Und außerdem, die Frau die Du mit diesem Sprung wehtun möchtest wird es wahrscheinlich nicht jucken, oder sie wird es nicht mal erfahren oder wird für einen kurzen Moment bedrückt und betroffen sein und danach ihr Leben weiterleben als wäre nichts geschehen.«
Ich mache eine kurze Sprechpause und sehe wie er langsam darüber nachdenkt.
»Zu was rätst Du mir? Was soll ich Deiner Meinung nach tun?« sagt er nach einer Weile. Meine Fahrgäste gucken ganz verdutzt zu uns rüber, nicken zustimmend und über-legen ob sie sich einmischen sollen oder nicht. Ob sie ihren Senf dazu geben oder weiterhin still sein sollen.
»Schau, ich kenne Deine Geschichte nicht und will sie auch nicht hören. Du wirst Deine Gründe haben und jeder sollte sie respektieren.« Auf dem Fluss blickend sage ich: »Ich würde nicht mal in die Isar springen, weil die Strömung hier nicht stark genug ist und Du im eiskalten Wasser immer noch Überlebenschancen hast. Eventuell springt jemand hinter Dir her und rettet Dich und Du kommst mit Erfrierungen ins Krankenhaus und Dir werden irgendwelche Gliedmassen oder Körperteile Amputiert. Wenn Du Deinem Leben wirklich ein Ende setzen möchtest, bindest Du Dir am besten einen schweren Stein um die Füße und springst ins Wasser, oder Du suchst Dir eine Stelle mit starker Strömung oder irgendwas anderes wo und wie Du die Reise ins Jenseits antretest.«
Mein männlicher Fahrgast sieht mich an und fragt ganz aufgeregt: »Sag mal, spinnst Du? Der will runterspringen und Du gibst ihm auch noch Tipps wie er sein Leben wegwerfen soll? Du sollst was tun damit er nicht springt!«
Nach dieser Aussage merke ich wie abgebrüht und gefühlskalt ich geworden bin. Alles geht mir am Allerwertesten vorbei. Nichts interessiert mich mehr. Alles langweilt mich und ich will nur meine Ruhe haben. Kann es sein dass ich dieses Verhalten auch auf Sophie reflektiere und sie mich deswegen verlassen hat? Oder hat sie andere Gründe? Sie hat nie etwas über Gefühlskälte erwähnt. Wir sprechen über wirklich alles, sie ist der erste Mensch dem ich mich total geöffnet habe. Mit ihr habe ich keine Hemmungen irgendein Thema anzusprechen und habe auch keine Angst über Ängste zu reden und muss nicht befürchten dass sie mir wegrennt weil ich nicht ein furchtloses Alphatier bin, sondern jemand der um den brennenden Reifen geht anstatt hindurchzuspringen. Psychologen raten sogar dazu ehrlich zu einander zu sein und offen miteinander zu reden. Denn durch die Diskussion lernt man den Anderen kennen und kann ihm helfen und den Rücken stärken wenn er es braucht. Außerdem ist es für den Matratzensport sehr hilfreich. Man erfährt was dem Anderen gefällt und was nicht und macht nicht nur einfach darauf los. Man redet auch über Wünsche, Träume und Phantasien die man hat und ist erstaunt dass der Partner ähnlich denkt.
Nein, Gefühlskälte hat sie mir nie vorgeworfen. Ich bin ein anderer Mensch wenn ich bei ihr in England bin, fernab den stinkenden, furzenden, rotzenden, dummen, hirnverbrannten, idiotischen, kleinkarierten, egomanischen, oberflächlichen und sich-zur-schau-stellenden Fahrgästen. Ich bin jedes Mal froh wenn ich aus dieser mich einengender Stadt, in der ich mich nicht zu hause fühle, in der mir alles und alle fremd erscheinen, weg kann und fühle mich glücklich wenn ich in den Hafen von Hull ankomme. Wenn ich, so komisch es auch klingen mag, im Armenhaus Englands ankomme fühle ich mich zu hause, geborgen, wohlauf und zufrieden.
In dieser Stadt zu leben, ist wie in einem Gefängnis zu leben. Man, ich kann nicht frei atmen, ich kann mich nicht frei bewegen, fühle mich wie in einem Korsett eingezwängt dass mir die Luft zum atmen nimmt. Ich kann meinen Gefühlen keinen freien Lauf lassen. Ich bin nicht ich. Ich bin, ich gebe und bewege mich wie ein anderes, mir fremdes Wesen. Manchmal erschrecke ich vor mir selbst.
Auf der Insel hingegen fühle ich mich frei, dem Himmel nah. Dort bin ich Mensch, dort darf ich es sein. Nicht nur die Gedanken, sondern auch die Gefühle sind frei. Mein spirituelles Ich, mein Temperament, meine Frohnatur kommen zum Vorschein sobald ich Britischen Boden betrete und ich bin, ich werde zu einem anderen Menschen. Dort bin ich Mensch, ein Befreiter, ein Freier, einer der dem Horizont entgegen läuft, einer der voller Hoffnung, Gefühle, Gedanken und Liebe ist, eine Blume die aufblüht, ein Sterbender der zurück ins Leben geholt wird, ein vogelfreier Mensch dem die Welt zu Füßen liegt.
Als ich vor ein paar Jahren mit dem Taxifahren anfing war ich so überwältigt von den ganzen Erlebnissen und sprach ständig über meinen neuen Job. Jedem erzählte ich meine Taxigeschichten und es interessierte mich nicht ob die Anderen sie hören wollten oder nicht. Alles musste aus mir heraus sonst würde ich platzen. Ich fühlte mich damals wie ein Kind im Schlaraffenland, wie ein behinderter der plötzlich wieder laufen, wie ein Blinder der sehen konnte, ich war wie auf Drogen, hatte einen unglaublichen Redefluss, alles gefiel mir so sehr, alles war neu und interessant. All die Menschen die ein- und ausstiegen und die Geschichten die sie mir erzählten, Homos, Heteros, Verrückte, Bekloppte, Einheimische, Ausländer, Philosophen, Idioten, Spastis, Kleinkriminelle, Möchtegernmafiosi, anständige Leute, Arme, Reiche, Junge, Alte, Gesunde und Behinderte. All die Straßen, die Lichter, die verschiedene Gegenden in denen ich plötzlich fuhr, all die Bars, Kneipen, Bordelle, Discotheken, Geschäfte, Büros, Firmen, Hotels in die ich plötzlich rein durfte und kennenlernte, ein Leben außerhalb der Norm, ein Leben in der Dunkelheit, ein Leben mit den Taschen voller Geld, Gefühle und Eindrücke die ich vorher nicht kannte und sich mir durch diesen Job erschlossen und mir neue Horizonte eröffneten. Nach jeder Schicht hatte ich damals soviel Kraft, Energie und Lebensmut, dass ich nicht sofort ins Bett gehen konnte sondern ein paar Runden mit dem Fahrrad drehte, spazieren oder in aller Ruhe frühstücken ging und über die Nacht und das Leben in der Nacht nachdachte. Der italienische Sänger Jovanotti hat eine Hymne an die Nacht, an die Menschen der Nacht geschrieben. Er besingt dass es sich in der Nacht besser lebt als Tagsüber. Wenn sich die Dunkelheit über die Stadt ausbreitet wird alles verändert. Formen ändern sich, es wird ruhiger, es gibt keine Staus und kein Chaos, alles scheint näher zu sein und die Wörter ertönen und kommen langsamer heraus. Die Menschen der Nacht sind immer die Gleichen, man kennt sich wie in einen Dorf. Der Tag ändert Gesetze und Regierungen und die Menschen der Nacht überleben alles. Sie gehen auch eigenartigen Berufen nach, wie Bordsteinschwalben, Stripper, Transvestiten, Diebe, Polizisten, Bäcker, Konditoren und Fotomodelle, in der Nacht sehen die Frauen sowieso hübscher aus als sie sind. Ab und zu reißt Mann eine auf, sieht sie in der Früh und sie erscheint ihm wie eine Hexe. Die Nacht spielt ein Spiel und lässt alles schöner erscheinen als es tatsächlich ist. Man lernt Menschen einfacher kennen und man liest die Zeitung vor allen anderen. Es laufen Leute mit verschiedenen Hautfarben rum, jeder hat seine Geschichte und kann einem etwas beibringen. Die Nacht hat uns adoptiert und zu ihren Kindern gemacht! Um halb Fünf in der Früh wird gefrühstückt und wenn die Sonne aufgeht sagt man sich „Gute Nacht“.
Ein Traum von einem Lied! Genau so ist es auch. Ein unwirkliches Leben. Ein Leben an das man sich langsam gewöhnen muss, und wenn man sich daran gewöhnt hat, nicht mehr loslassen möchte, nicht mehr zurück in die Wirklichkeit kann oder möchte. Es passieren Dinge die Tagsüber nicht passieren. Die Nacht scheint ihre Gesetze und Regeln zu haben, alles ist freier, wilder, spektakulärer. Man wird süchtig, die Nacht saugt einen auf und man kann nach einer Weile nicht in die biedere Normalität des Tages zurück. Ich habe es mal probiert, bin für ein paar Tage tagsüber gefahren und ein anderes Mal besorgte ich mir einen Job in einen Supermarkt weil ich nicht Taxi fahren wollte. Beides hat mich nach 2 – 3 Tagen angekotzt, habe es sein lassen und ging mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück zur Nachtschicht. Es ist wie Birgit, Harrys Partnerin sagt: »Ihr seid krank! Ihr könnt die Nacht und das Dummvolk nicht ausstehen, aber die Normalität mögt ihr auch nicht, die macht Euch noch kränker. Anscheinend braucht ihr den Thrill, die ganze Aufregung um überhaupt leben, existieren zu können.«
Und jetzt? Jetzt bin ich müde von alldem. Ich fahre routiniert von Punkt zu Punkt, merke mir keine Gesichter, keine Namen, keine Ereignisse, fahre nach der Arbeit nach hause, falle erschöpft ins Bett und wenn ich wieder aufstehe weiß ich meistens nicht wo ich die Nacht davor überall war. Die Fahrgäste gehen mir auf den Sack, der Scheißverkehr nervt mich, meine Kollegen bringen mich zum Wahnsinn und ich fühle mich äußerst unwohl und als Abschaum der Gesellschaft, als einer der es nicht geschafft hat einen „anständigen Beruf“ zu erlernen und jetzt dazu verdammt ist Leute, Tiere und Sachen durch die Gegend zu kutschieren. In der Gesellschaft sind wir auf einer Ebene mit den Müllmännern und besonders Frauen laufen davon wenn ein junger Taxler seiner Eroberung erzählt mit was er seine Semmeln verdient. Dieser Beruf wird nicht geschätzt, sein Wert wird nicht erkannt. Ein Taxler ist nicht nur Lohnkutscher, sondern Informationsschalter, Psychologe, Helfer, Lebensretter, Wechselstube, Werbemensch (ein Lokal kann schließen wenn wir schlechtes darüber berichten oder die Leute nicht hinfahren) und vieles mehr vereint in einer Person. All das wird zwar von den Leuten erwartet, wird aber nicht honoriert.
Ich schaue jetzt alle drei an. Den Lebensmüden und die zwei Fahrgäste. Bleibe mit meinem Blick bei der Frau hängen und sage ihr:
»Komm, jetzt dramatisieren wir mal das Ganze damit Dein Prinz sich wohler fühlt. Wir spielen eine drittklassige amerikanische Seifenoper nach. Das hier ist Jack« sage ich und richte meinen Zeigefinger auf den Lebensmüden. »Und Du bist…?«
»Susanne!«
»Komm her Susan und fall mit mir auf die Knie.«
Sie macht es mir nach und wir beide fallen im Schnee auf die Knie sodass der Lebensmüde uns sehen kann. Verflixt! Jetzt ruinieren wir uns auch noch die Hosen! Susannes Prinz verdreht währenddessen die Augen.
»Jack! Oh Jack!« sage ich flehend mit den Händen nach dem Lebensmüden gerichtet in einer bittenden Stellung. Ich schaue Susanne an und gebe ihr nickend ein Zeichen zum Anfangen und sie macht es mir nach.
»Jack! Oh Jack!« sagt Susanne, »was habe ich Dir schreckliches angetan dass Du jetzt von der Brücke springen möchtest? Sag, was habe ich Dir schreckliches angetan? Was auch immer es ist, ich wollte es nicht! Wie töricht von mir, nur an mich zu denken. Ich liebe Dich so sehr, ich will nicht dass Du stirbst!«
»Was soll das heißen, Du liebst ihn?« protestiert Susannes Freund.
»Schnauze Mann!« rufe ich ihm entgegen. »Du ruinierst das hier noch!«
»Denk an unser Kind! Was werde ich unserem Sohn sagen wenn er nach Dir fragt? Willst Du ihn im Stich und ohne Vater aufwachsen lassen?«
Die Frau ist super! Als wäre sie eine echte Schauspielerin.
»Was für ein Kind?« fragen beide Männer gleichzeitig.
»Jack! Ich bin schwanger! Ich hatte nie den Mut es Dir zu beichten, weil ich dachte dass Du keine Kinder haben willst und mich deswegen verlassen würdest!«
»Susanne!« ruft ihr Göttergatte protestierend, »nun mach mal Halblang! Was soll das hier? Was machst Du ihm für eine Szene? Kennst Du ihn etwa?«
»Halt’s Maul Du Idiot!« rufe ich ihm zu und Susanne wirft ihm einen sehr bösen Blick zu.
»Ich liebe Dich und kann mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen! All die schöne Zeit die wir miteinander hatten willst Du jetzt einfach wegschmeißen? Soll ich in ewiger Trauer leben? Wo soll ich einen Mann wie Dich finden? Denk an Deine Eltern denen Du Schmerzen zufügen wirst, denk an Deine Freunde die Dich vermissen werden und denk an unser Ungeborenes das ohne Vater aufwachsen wird!«
Dann interveniert ihr edler Ritter. »Sag mal, hast Du sie nicht mehr alle? Steh sofort auf und hör auf mit dem Scheiß!«
»Lass sie doch! Sie macht das sehr gut!«
»Mach weiter Susan!« rufe ich ihr zu, »das machst Du super!«
Jetzt sieht mich der Lebensmüde zum ersten Mal an und sagt: »Was bist Du eigentlich für ein Arschloch! Ich will sterben und Du Arschgeige, Du Zipfelklatscher von einen Lohnkutscher machst einen auf Don Juan und Lebensretter und nimmst mich und meine Situation auf die Schippe? Anstatt mir zu helfen, machst Du Dich auch noch über mich lustig! Geht’s Dir noch gut? Jetzt ist mir die Lust wegen einem Arschloch wie Dir vergangen!«
Darauf dreht er sich um, meine Fahrgäste sehen mich mit fragenden Gesichtern an, wir helfen dem Lebensmüden auf die sichere Seite zu klettern und als er in Sicherheit ist biete ich ihm eine Kippe an die er dankend und schimpfend annimmt. Als ich ihm Feuer gebe fährt auch die Polizei mit einem Psychologen vor. Zwei Beamte kümmern sich sofort um den Mann und zwei andere befragen uns zu dem was geschehen ist. Wir sollen auch unsere Details angeben. Da ich für das eben geschehene keinen Preis verliehen bekommen möchte, sage ich dem Beamten dass ich mich nicht ausweisen kann weil ich meine Tasche mit sämtlichen Dokumenten zu hause habe liegen lassen und gebe die Details von Saki an. Entweder bekommt er mal Post in der eine Anzeige wegen irgendetwas steht oder ihm wird ein Orden verliehen. Verdienstkreuz oder so.
Wir gehen zurück zum Taxi und setzen unsere Fahrt fort. Die junge Frau ist ganz aufgeregt über das eben Geschehene und nennt uns alle „Helden“. Ihr Freund fühlt sich nicht wie einer und ist immer noch wütend auf seine Freundin und auf mich.
»Das hätte leicht daneben gehen können! Was hättet Ihr gemacht wenn er tatsächlich gesprungen wäre?«
»Ah geh! Der wäre nie und nimmer gesprungen« sage ich. »Hast Du nicht gemerkt wie viel Schiss er davor hatte runterzuspringen? Der stand ewig da oben und überlegte. Einer der sich umbringen möchte springt sofort ohne zu zögern, damit ihn keiner sieht und auf die Idee kommt ihm retten zu müssen. Der hier wollte gerettet werden.«
»Komm her mein süßer Held!« sagt Susanne zu ihren Freund, zieht ihn zu sich und küsst ihm zärtlich auf den Mund.
Die beiden küssen sich auf der Rückbank während wir durch die leere Ohlmüllerstraße und dann den Nockherberg hinauf fahren. Nach dem Ostfriedhofstand biegen wir rechts ab und nach ein paar Metern sind wir am Ziel.

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