Montag, 14. April 2014

Teil 40



Kaum knallen die Türen zu, gehen die auch wieder auf. Ehe ich das Geld in meinem Geldbeutel stecken kann steigen vier Männer ein und nehmen hinten Platz. Ich drehe mich um und sage:
»Aber meine Herren! Hier vorne ist noch ein Platz frei!«
»Wir mögen es eng und kuschelig!« bekomme ich als Antwort.
»Ich bin stubenrein und beiße nicht« sage ich scherzhaft.
»Na wenn das so ist… Gerald geh Du nach vorne!«
Inzwischen stehen mehrere Personen am Wegesrand und warten auf ein Taxi. Ein paar schauen auch ganz nervös in mein Auto rein.
»Nein, ich will nicht. Ich fürchte mich. Meine Mama sagte ich solle mich von unbekannten Männern fernhalten.«
Großes Gelächter im Taxi. Jemand macht die Beifahrertür auf und setzt sich rein.
»Ähm, sorry Meister aber ich bin besetzt.«
»Wie?«
»Besetzt, wie nicht frei, wie es sitzen schon Fahrgäste drin?«
»Willst Du mich verarschen Kumpel?«
»Welchen Teil von „Besetzt“ versteht der Herr nicht?« fragt eine Stimme von hinten.
Der Herr auf dem Beifahrersitz dreht langsam den Kopf nach hinten und blickt auf vier winkende Männer. Sprachlos steigt er aus. Von hinten wird gehupt.
»Jungs, dürfte ich fragen wohin die Reise geht?«
»Alle Wege führen nach Rom!« sagt einer der Herren.
»Hm… Wenn das so ist, Römerplatz und Römerstraße wären im Angebot.«
»Wie? Was? Oh Monsieur hören Sie nicht auf diesen Idioten!« sagt einer mit starkem französischem Akzent. »Wir möchten in die Leopoldstraße.«
»Also gut!« sage ich und gebe Gas. Die Ampel steht günstig auf Grün und ich biege schnell und scharf nach links ab und nehme die nächste Ampel auch noch mit. Da höre ich jemanden sagen:
»Vielleicht hat der Fahrer recht und es wäre besser wenn einer von uns sich nach vorne setzt. Sonst wird es hier zu intim und zu kuschelig. Fahrer bitte bei nächster Gelegenheit anhalten!«
»Wird gemacht Meister!« Ich fahre durch die Pacelli und zügig über den Promenadeplatz und biege am Ende des Platzes scharf nach links sodass das Heck des Autos ausschert und die Fahrgäste ordentlich durchgeschüttelt werden.
»Mon Dieu! Chauffeur! Bitte an’altäään! Meine Eiär ma-chen es nicht mehr mit!«
»Was ist denn Liebling? Willst Du uns Verlassen? Sind wir Dir nicht gut genug oder suchst Du nach einer Entschuldigung um Dich an den Fahrer ranzuschmeißen?«
»Ich bin vom anderen Ufer« sage ich um klar zu machen, dass ich nicht auf Männer stehe.
»Das sind wir alle Schätzchen« haucht einer der Herren mit starkem französischem Akzent mir entgegen und es hört sich wirklich sehr erotisch an.
»Du missverstehst mich Meister. Nicht vom Euren Ufer, sondern von dem gegenüberliegendem. Also vom Anderen. Comprends ti?«
»Wie dem auch sei, es ist zu kompliziert für uns Betrunkene. Halte bitte an sonst werden meine Eier zu Spiegeleiern!«
Auf Höhe der Salvatorkirche halte ich an und einer der Herren steigt hinten aus und vorne ein.
»Oh la la, was für ein fescher Chauffeur!«
»Nur anschauen, aber nicht anfassen! Wie gesagt, ich bin vom anderen Ufer und das ist weit weg. Es besteht Ertrinkungsgefahr.«
Ich fahre wieder an und als wir kurz davor sind in die Brienner abzubiegen sagt der Herr auf dem Beifahrersitz: »Entspanne Dich Mon Amour, wir machen bloß Spaß.«
Ich antworte nicht, schaue ihn nur an und lächle.
Im Radio geht gerade „Last Christmas“ zu ende und ein neues Lied ertönt.
»Oh! Grace Jones, La vie en Rose! Darf isch lautääär machäään?«
»Aber Gewiss Monsieur!« und deute auf den Lautstärkenregler des Radios. Der Fahrgast dreht lauter und lauter und alle singen auf einmal mit.

Des yeux qui font baiser les miens,
Un rire qui se perd sur sa bouche,
…..
Je vois la vie en rose.

Als wir die Kurve beim Odeonsplatz nehmen machen sie alle die Fenster runter und singen noch lauter mit.

Il me dit des mots d'amour,
…..
Dont je connais la cause.”

Ein paar Passanten – um die Uhrzeit, bei dem Schneetreiben ? – drehen ihre Köpfe in unsere Richtung als wir an der Ampel Ecke Von-Der-Tann stehen.

C'est lui pour moi. Moi pour lui
Dans la vie,
…..
Heureux, heureux a en mourir.”

Wir fahren durch die wahrlich königliche Ludwigstraße, den Prachtbauten entlang Richtung Siegestor und es scheint als würden wir die Avenue des Champs-Élysées entlang und direkt auf den Arc de Triomphe fahren. Ein Hauch Frankreich in der Stadt. So dürfte sich Napoleon seinerzeit gefühlt haben als er nach seinem Sieg in Austerlitz durch Paris kutschiert wurde. Auch ich fühle mich tief berührt und gerührt und stelle mir vor wie es wäre in einer Kutsche durch Paris zu fahren. Dazu wahlweise eine jubelnde Menge am Straßenrand die Banner in die Luft hält und mit Rosen wirft, oder ganz romantisch mit der großen Liebe neben sich in der Kutsche ganz langsam den Boulevard runterfahren.
Saki würde jetzt einen Vortrag über Kitsch, blöde Romantik, verliebte Frauen, Geldmacherei, Tierquälerei, usw. halten und tausend Gründe gegen so eine Fahrt auftischen. Er war schon immer ein Realist und hatte nichts übrig für Romantik, deswegen hatte er nie eine längere Beziehung.

“La vie en rose, la vie en rose
ohhhhhhhh.....la vie
La vie en rose,
La vieeeeeeeeeeeeee !!!!!!!

Was für ein Sound! Was für ein Timbre! Was für eine Stimme! Die Franzosen sind außer sich vor Freude. Sie schmettern die Zeilen voller Pathos, Inbrunst, Gefühl und blühen so richtig auf. Sie singen lauthals mit und das gar nicht mal so schlecht, sodass die Insassen der anderen Autos an jeder roten Ampel zu uns rüber schauen und schmunzeln. Ich lasse den Franzosen ihren Spaß und winke freudig wenn die Leute in unsere Richtung starren. Das Leben ist doch so oder so traurig genug, auch wenn man nicht gerade von seiner Freundin verlassen wurde. Die Franzosen bringen etwas Sonnenschein in einem traurigen und einsamen Moment. So gut drauf sollten alle Fahrgäste, ach was, alle Menschen sein. Dann würde das Arbeiten Spaß machen und wir würden in einer besseren, humaneren Welt leben. In einer Welt ohne Griesgram, ohne Gewalt, ohne Böses. Saki wäre dann sicher arbeitslos wenn keiner seine Verschwörungs- und Weltuntergangstheorien hören wollen würde. Wer will schon von etwas schlechtem, etwas bösem und negativem hören wenn er in einer glücklichen Welt lebt in der es nichts Böses gibt?

Je t'aime voir toujours...

Ach ist das eine schöne Fahrt! Wir erreichen den Fei-litzschstand wo die vier Franzosen aussteigen möchten. Sie zahlen und geben ein sehr gutes Trinkgeld.
»Bist Du Dir sicher chérie dass Du nicht mitkommen möchtest?« haucht mir einer der Herren mit zarter Stimme.
»Ganz sicher mon amour! Ich muss noch ein bisschen arbeiten um Rechnungen bezahlen zu können.« Diese Aussage stimmt zwar nicht ganz, aber jetzt läuft das Geschäft richtig rund und ein paar Stiche möchte ich noch machen. Bald geht es zurück zur Uni und ich werde über Monate hinweg nicht arbeiten können. Ab Neujahr herrscht tote Hose und man sollte jetzt soviel wie möglich mitnehmen um über die ruhige Zeit hinweg zu kommen. Außerdem stehen Leute am Stand die auf eine Taxe warten und weit und breit ist keine zu sehen. Habe den Eindruck dass es noch etwas dauern wird bis ich nach hause komme. 

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