Kaum
knallen die Türen zu, gehen die auch wieder auf. Ehe ich das Geld in meinem
Geldbeutel stecken kann steigen vier Männer ein und nehmen hinten Platz. Ich
drehe mich um und sage:
»Aber
meine Herren! Hier vorne ist noch ein Platz frei!«
»Wir
mögen es eng und kuschelig!« bekomme ich als Antwort.
»Ich
bin stubenrein und beiße nicht« sage ich scherzhaft.
»Na
wenn das so ist… Gerald geh Du nach vorne!«
Inzwischen
stehen mehrere Personen am Wegesrand und warten auf ein Taxi. Ein paar schauen
auch ganz nervös in mein Auto rein.
»Nein,
ich will nicht. Ich fürchte mich. Meine Mama sagte ich solle mich von
unbekannten Männern fernhalten.«
Großes
Gelächter im Taxi. Jemand macht die Beifahrertür auf und setzt sich rein.
Ȁhm,
sorry Meister aber ich bin besetzt.«
»Wie?«
»Besetzt,
wie nicht frei, wie es sitzen schon Fahrgäste drin?«
»Willst
Du mich verarschen Kumpel?«
»Welchen
Teil von „Besetzt“ versteht der Herr nicht?« fragt eine Stimme von hinten.
Der
Herr auf dem Beifahrersitz dreht langsam den Kopf nach hinten und blickt auf
vier winkende Männer. Sprachlos steigt er aus. Von hinten wird gehupt.
»Jungs,
dürfte ich fragen wohin die Reise geht?«
»Alle
Wege führen nach Rom!« sagt einer der Herren.
»Hm…
Wenn das so ist, Römerplatz und Römerstraße wären im Angebot.«
»Wie?
Was? Oh Monsieur hören Sie nicht auf diesen Idioten!« sagt einer mit starkem
französischem Akzent. »Wir möchten in die Leopoldstraße.«
»Also
gut!« sage ich und gebe Gas. Die Ampel steht günstig auf Grün und ich biege
schnell und scharf nach links ab und nehme die nächste Ampel auch noch mit. Da
höre ich jemanden sagen:
»Vielleicht
hat der Fahrer recht und es wäre besser wenn einer von uns sich nach vorne
setzt. Sonst wird es hier zu intim und zu kuschelig. Fahrer bitte bei nächster
Gelegenheit anhalten!«
»Wird
gemacht Meister!« Ich fahre durch die Pacelli und zügig über den Promenadeplatz
und biege am Ende des Platzes scharf nach links sodass das Heck des Autos ausschert
und die Fahrgäste ordentlich durchgeschüttelt werden.
»Mon Dieu!
Chauffeur! Bitte an’altäään! Meine Eiär ma-chen es nicht mehr mit!«
»Was
ist denn Liebling? Willst Du uns Verlassen? Sind wir Dir nicht gut genug oder
suchst Du nach einer Entschuldigung um Dich an den Fahrer ranzuschmeißen?«
»Ich
bin vom anderen Ufer« sage ich um klar zu machen, dass ich nicht auf Männer
stehe.
»Das
sind wir alle Schätzchen« haucht einer der Herren mit starkem französischem
Akzent mir entgegen und es hört sich wirklich sehr erotisch an.
»Du
missverstehst mich Meister. Nicht vom Euren Ufer, sondern von dem
gegenüberliegendem. Also vom Anderen. Comprends ti?«
»Wie
dem auch sei, es ist zu kompliziert für uns Betrunkene. Halte bitte an sonst
werden meine Eier zu Spiegeleiern!«
Auf
Höhe der Salvatorkirche halte ich an und einer der Herren steigt hinten aus und
vorne ein.
»Oh la
la, was für ein fescher Chauffeur!«
»Nur
anschauen, aber nicht anfassen! Wie gesagt, ich bin vom anderen Ufer und das
ist weit weg. Es besteht Ertrinkungsgefahr.«
Ich
fahre wieder an und als wir kurz davor sind in die Brienner abzubiegen sagt der
Herr auf dem Beifahrersitz: »Entspanne Dich Mon Amour, wir machen bloß Spaß.«
Ich
antworte nicht, schaue ihn nur an und lächle.
Im
Radio geht gerade „Last Christmas“ zu ende und ein neues Lied ertönt.
»Oh! Grace Jones, La vie en Rose! Darf isch lautääär machäään?«
»Aber
Gewiss Monsieur!« und deute auf den Lautstärkenregler des Radios. Der Fahrgast
dreht lauter und lauter und alle singen auf einmal mit.
“Des
yeux qui font baiser les miens,
Un rire qui se perd sur sa bouche,
…..
Je vois la vie en rose.“
Un rire qui se perd sur sa bouche,
…..
Je vois la vie en rose.“
Als wir
die Kurve beim Odeonsplatz nehmen machen sie alle die Fenster runter und singen
noch lauter mit.
“Il me
dit des mots d'amour,
…..
Dont je connais la cause.”
…..
Dont je connais la cause.”
Ein
paar Passanten – um die Uhrzeit, bei dem Schneetreiben ? – drehen ihre
Köpfe in unsere Richtung als wir an der Ampel Ecke Von-Der-Tann stehen.
“C'est lui pour moi. Moi pour lui
Dans la vie,
…..
Heureux, heureux a en mourir.”
Dans la vie,
…..
Heureux, heureux a en mourir.”
Wir
fahren durch die wahrlich königliche Ludwigstraße, den Prachtbauten entlang
Richtung Siegestor und es scheint als würden wir die Avenue des Champs-Élysées entlang und direkt auf den Arc de Triomphe fahren. Ein
Hauch Frankreich in der Stadt. So dürfte sich Napoleon seinerzeit gefühlt haben
als er nach seinem Sieg in Austerlitz durch Paris kutschiert wurde. Auch ich
fühle mich tief berührt und gerührt und stelle mir vor wie es wäre in einer
Kutsche durch Paris zu fahren. Dazu wahlweise eine jubelnde Menge am Straßenrand
die Banner in die Luft hält und mit Rosen wirft, oder ganz romantisch mit der
großen Liebe neben sich in der Kutsche ganz langsam den Boulevard runterfahren.
Saki
würde jetzt einen Vortrag über Kitsch, blöde Romantik, verliebte Frauen,
Geldmacherei, Tierquälerei, usw. halten und tausend Gründe gegen so eine Fahrt
auftischen. Er war schon immer ein Realist und hatte nichts übrig für Romantik,
deswegen hatte er nie eine längere Beziehung.
“La vie en rose, la vie en rose
ohhhhhhhh.....la vie
La vie en rose,
ohhhhhhhh.....la vie
La vie en rose,
La vieeeeeeeeeeeeee !!!!!!!”
Was für
ein Sound! Was für ein Timbre! Was für eine Stimme! Die Franzosen sind außer
sich vor Freude. Sie schmettern die Zeilen voller Pathos, Inbrunst, Gefühl und
blühen so richtig auf. Sie singen lauthals mit und das gar nicht mal so
schlecht, sodass die Insassen der anderen Autos an jeder roten Ampel zu uns
rüber schauen und schmunzeln. Ich lasse den Franzosen ihren Spaß und winke
freudig wenn die Leute in unsere Richtung starren. Das Leben ist doch so oder
so traurig genug, auch wenn man nicht gerade von seiner Freundin verlassen
wurde. Die Franzosen bringen etwas Sonnenschein in einem traurigen und einsamen
Moment. So gut drauf sollten alle Fahrgäste, ach was, alle Menschen sein. Dann
würde das Arbeiten Spaß machen und wir würden in einer besseren, humaneren Welt
leben. In einer Welt ohne Griesgram, ohne Gewalt, ohne Böses. Saki wäre dann
sicher arbeitslos wenn keiner seine Verschwörungs- und Weltuntergangstheorien
hören wollen würde. Wer will schon von etwas schlechtem, etwas bösem und
negativem hören wenn er in einer glücklichen Welt lebt in der es nichts Böses
gibt?
“Je t'aime
voir toujours...”
Ach ist
das eine schöne Fahrt! Wir erreichen den Fei-litzschstand wo die vier Franzosen
aussteigen möchten. Sie zahlen und geben ein sehr gutes Trinkgeld.
»Bist
Du Dir sicher chérie dass Du nicht mitkommen möchtest?« haucht mir einer der
Herren mit zarter Stimme.
»Ganz
sicher mon amour! Ich muss noch ein bisschen arbeiten um Rechnungen bezahlen zu
können.« Diese Aussage stimmt zwar nicht ganz, aber jetzt läuft das Geschäft
richtig rund und ein paar Stiche möchte ich noch machen. Bald geht es zurück
zur Uni und ich werde über Monate hinweg nicht arbeiten können. Ab Neujahr
herrscht tote Hose und man sollte jetzt soviel wie möglich mitnehmen um über
die ruhige Zeit hinweg zu kommen. Außerdem stehen Leute am Stand die auf eine
Taxe warten und weit und breit ist keine zu sehen. Habe den Eindruck dass es
noch etwas dauern wird bis ich nach hause komme.
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