Ich
fahre vor bis zur Westermühlstraße und biege links ab und möchte Richtung
Papa-Schmid-Stand fahren. An der Ecke zur Klenze höre ich dem Zentralisten
sagen:
»Am
Gärtnerplatz, wahrscheinlich vorm Theater, stänga zwo Leit! Fahrt do jemand
hi?«
Ich
hacke sofort rein und bekomme den Auftrag. Ich fahre die Klenze durch und stehe
auf einmal neben dem Theater. Schaue nach rechts zur Theatertreppe sehe aber
niemanden. Sind die Leute weitergewandert oder wurde abgestaubt? Ich fahre eine
Runde um den Platz um zu sehen ob sie irgendwo sind bevor ich auf K4
reklamiere. Als ich über der Einmündung der Cornelius bin höre ich wie jemand
ganz laut „Taxi!“ ruft. Ich bremse, sehe um mich herum und entdecke niemanden.
Ich fahre langsam an und möchte auf der anderen Seite schauen ob dort jemand
steht der gerufen haben könnte, da höre ich wieder jemanden „Taxi!“ rufen. Ich
bremse und schaue wieder um mich herum. Tatsächlich stehen links von mir auf
der anderen Seite des Platzes zwei Leute, ein Pärchen wie ich es erkennen kann.
Ich warte dort wo ich bin und hoffe dass die zu mir rüberkommen. Sie blicken in
meine Richtung und überlegen ob sie zu mir kommen sollen oder nicht. Keiner
bewegt sich. Da mir das ganze zu Bunt wird fahre ich langsam an und will zu
denen rüber fahren. Da der Brunnen auf der Mitte des Platzes mir die Sicht
versperrt merke ich nicht dass die zwei im selben Augeblick zu mir kommen. Als
ich an der Ecke beim Fischlokal bin sehe ich wie die in der Mitte beim Brunnen
sind. Ich bremse und bleibe stehen. Sehe zu denen rüber und warte auf eine
Reaktion. Die bewegen sich nicht. Ich fahre rückwärts zur Einmündung mit der
Einbahnstraße. Sie aber laufen irritiert in die andere Richtung zum Theater.
Sehen dass ich dort stehe wo ich vorher war und rennen los. Ich wiederum fahre
noch ein Stück rückwärts Richtung Theater. Als ich dort ankomme steht keiner.
Warum? Weil die jetzt auf der anderen Seite stehen, zwischen Klenze und Reichenbach.
So langsam fühle ich mich wie Roberto Benigni in Jim Jarmuschs „Night on Earth“
als er den Taxifahrer spielend, nachts zu einer Piazza in Rom gerufen wird, in
deren Mitte ein Brunnen steht und er die gleiche Situation mit einem Pfarrer
vorfindet. Beide laufen kreuz und quer bis sie sich endlich treffen.
Ich
fahre dann vorwärts in deren Richtung, sie springen auf die Straße und laufen
mir entgegen. Ich bremse scharf um sie nicht zu überfahren. Sie steigen beide
lachend hinten ein.
»Oh ein
Engel in der Nacht!« sagt die Frau, geschätzte ende zwanzig.
»Vielen
Dank fürs Kompliment! So wurde ich noch nie bezeichnet.«
»Wenn
Du wüsstest wie schwer es heute ist ein Taxi zu bekommen! Du bist wirklich ein
Engel, als wenn Dich der Himmel schicken würde! Fährst Du uns zur Zugspitz?«
»Natürlich!«
antworte ich und fahre um den Platz herum und durch die Reichenbach in Richtung
Fraunhofer.
»Wir
haben vor einiger Zeit ein Taxi bei der Zentrale bestellt und endlos lange
gewartet, als keins kam beschlossen wir zu Fuß nach hause zu gehen. Ist Gott
sei dank nicht soweit.«
Saki
würde die Beiden sympathisch finden und denen zum Spaziergang bei diesem
winterlichen Wetter gratulieren. Auch er ist ein Frischluftfanatiker und geht
sehr oft zu Fuß oder radelt mit seinem Mountainbike durch die Stadt und raus
aufs Umland. Er hasst es und kann die Leute nicht ausstehen die zu faul sind
sich zu bewegen und auch die kürzesten Strecken mit dem Auto zurücklegen. Er
besitzt kein Auto, bin mir nicht sicher ob er überhaupt einen Führerschein hat.
Dass er kein Auto besitzt liegt nicht etwa daran dass er ein übermäßig
umweltbewusster Zeitgenosse ist, nein er ist einfach viel zu geizig um tausende
von Euro für eine Blechkiste auszugeben die er sehr selten benutzen würde. Er
investiert sein Geld viel lieber in Bier und Essen und kurbelt so die heimische
Wirtschaft an. Er wohnt in der Nähe einer U-Bahnhaltestelle, hat eine
Bushaltestelle direkt vorm Haus und eine Tramhaltestelle zwei Ecken weiter und
wenn er ausgeht betrinkt er sich meistens und darf sowieso nicht mehr
Autofahren. Außerdem besitzen fast alle seine Freunde einen Fahrbaren Untersatz
und er fährt bei denen mit. Ansonsten nutzt er seine Jahreskarte für den
öffentlichen Nahverkehr, geht zu Fuß oder fährt eben mit dem Rad.
Am Ende
der Reichenbach biegen wir links in die Fraunhofer ab und fahren bis zur Ampel
die gerade rot zeigt. Ich lasse meinen Blick schweifen und denke mir: Wahnsinn
wie schön es doch ausschaut wenn alles schneebedeckt ist, wie im Märchen! Frau
Holle leistet heute ganze Arbeit und macht ihren Namen alle Ehre. Sie gibt
alles und wenn es so weiter geht werden wir morgen von der Außenwelt abgeschnitten
sein oder mitten in der Stadt Skifahren. Herr Müller, mein Vermieter erzählte
mir, dass es mal in der Vergangenheit sehr viel geschneit hat, sodass der
Winterdienst überfordert war und einige Leute den Giesinger Berg auf Skiern
runter bretterten.
Mein
Blick scannt das Terrain und bleibt auf etwas Dunkles auf der Brücke hängen.
Der
männliche Fahrgast bemerkt dass etwas nicht stimmt und blickt in die Richtung
in der ich gerade schaue. Währenddessen schaltet die Ampel auf grün aber ich
bemerke es nicht.
»Sehr
geehrter Weihnachtsfahrer« sagt die junge Dame in Anspielung auf meine rote
Mütze, »es ist grün und auch wenn Sie noch länger warten mögen, noch grüner
wird es nicht!«
»Ha?«
»Wenn
Sie jetzt nicht Gas geben verpassen wir die Ampelschaltung!«
»Oha!«
sage ich auf die Ampel schauend und gebe sofort Gas ohne dieses dunkle Etwas
aus dem Blick zu verlieren.
»Was
ist das?« fragt der Fahrgast. »Steht da Jemand und will runterspringen?«
»Ich
weiß es nicht, sieht aber danach aus« antworte ich.
Wir
fahren langsam auf die dunkle Gestalt zu und blicken gebannt in ihre Richtung.
Als wir auf der Mitte der Brücke sind stoppe ich und wir sehen wie tatsächlich
jemand sich am Brückengeländer festhält und runterspringen möchte.
»Schatz,
ruf mal die Polizei und sag denen, dass auf der Reichenbachbrücke ein Lebensmüder
steht. Die sollen so schnell wie möglich kommen« befiehlt der männliche Fahrgast
seiner Freundin, »der Taxifahrer und ich machen uns in der Zwischenzeit mal
nützlich.«
Wir
beide steigen aus, ich gehe ums Auto, der Fahrgast sieht mich kurz an und sagt:
»Sehr elegantes Auftreten. Nicht mal meine Kollegen von der Bank kommen so gut
angezogen zur Arbeit wie Du es gerade bist!«
Auf
meine Schuhe blickend fügt er hinzu: »Das Schuhwerk leidet aber sehr bei diesem
Wetter! Morgen kannst Du die Dinger bestimmt wegschmeißen!«
Ich
lächle und wir gehen beide auf die Gestalt zu die sich am Brückengeländer
festhält und im Begriff ist ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wir nähern uns von
zwei Seiten, er rechts, ich links. Währenddessen höre ich wie der weibliche
Fahrgast mit jemandem von der Polizei telefoniert, aussteigt und hinter sich
die Tür des Taxis zuknallt.
In
diesen Moment erinnere ich mich an eine Geschichte die mir mal meine Tante
erzählte als sie sich einmal in einer ähnlichen Situation befand. Ein
Lebensmüder ist mal durchgedreht, schloss sich und seine Nachbarin in deren Wohnung
ein und wollte sie und sich umbringen. Er ließ auch keinen zu sich und ließ
nicht mit sich reden. Er weigerte sich sogar mit dem Polizeipsychologen zu
reden. Da kam gerade meine Tante von der Arbeit nach hause und wunderte sich
über das Tohuwabohu vor dem Gebäude und im Treppenhaus. Der Durchgeknallte war
ihr Nachbar. Sie ging zur Wohnungstür und rief ihn. Er meldete sich und sie
schaffte es mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es stellte sich heraus dass er
Liebeskummer hatte, sich bei der Nachbarin ausweinen wollte, sie ihm aber nicht
ernst nahm, und er darauf rot sah. Irgendwann mal schrie er durch die
abgesperrte Tür:
»Ihr
Frauen seid alle Schlampen!«
»Sind
wir!« antwortete meine Tante.
Er
rechnete nicht mit so einer Antwort, öffnete verwundert die Tür und fragte:
»Seid Ihr? Meinst Du das im Ernst?«
»Natürlich
meine ich es Ernst.« sagte meine Tante. »Es gibt nichts schlimmeres, nichts hinterhältigeres
als uns Frauen. Wir sind der Grund weswegen der Mensch aus dem Paradies
vertrieben wurde und wir heute so ein Scheißleben führen müssen. Wir denken nur
an uns, an Schuhe, Shopping und Handtaschen, versuchen einen reichen oder
wohlhabenden Mann zu angeln um nicht arbeiten zu müssen und bei einer Scheidung
unseren weiteren Lebensunterhalt gewährleistet zu wissen und alles andere ist
uns egal. Wir fallen sogar der besten Freundin in den Rücken, versuchen ihr den
Freund, Mann oder angehimmelten madig zu machen um ihn ihr auszuspannen. Das
macht ihr Männer nicht.«
»Du
meinst das wirklich ernst?«
»Natürlich!«
Das war
der Augenblick an dem er sich beruhigte und von der Polizei und dem Psychologen
festgenommen wurde. So endete das Ganze ohne Tote und Verletzte.
Ich
sehe dem Lebensmüden von der Seite ins Gesicht und grüße ihn. Mein Fahrgast
grüßt ihn auch. Dann blicken wir beide runter und ich sehe die schneebedeckte
Wiese unter uns in ca. 10 – 15 Meter Tiefe. Blicke dann rüber zum Fluss und
wieder in sein Gesicht.
»Stehst
Du lange hier?« frage ich ihn. »Nach der Farbe Deiner Finger zu urteilen,
schon« füge ich hinzu. In der Tat sind seine Hände rot und geschwollen von der
Kälte.
»Ist
eine schwere Entscheidung seinem Leben die Lichter auszublasen« sage ich. Ich
schaue wieder nach unten zur Wiese und setze meinen Monolog fort:
»Schau
mal, ich bin kein Botaniker und habe auch keine Erfahrung im Selbstmord
begehen, aber eins kann ich Dir versichern: Wenn Du hier runter springst, wirst
Du Dir bloß ein paar Knochen brechen, eventuell bleibst Du behindert, aber Du
wirst es überleben. Willst Du für den Rest Deines Lebens behindert sein,
womöglich querschnittsgelähmt und auf Hilfe anderer angewiesen sein? Was für
ein Scheißleben das sein wird! Denk mal darüber nach. Als Querschnittsgelähmter
wirst Du ein Gefangener in Deinem eigenen Körper sein und kannst Dir nicht mal
die Kugel geben. Du wirst wie eine Pflanze sein. Bewegungsunfähig, wirst nicht
allein aufs Klo gehen können, wirst nicht selbständig essen und trinken können,
Du wirst nichts machen können. Frauen werden Dich nicht mal ansehen und Du
wirst nicht mal im Puff befriedigt werden weil Du keinen mehr hochkriegst. Im
Sommer wirst Du das schöne Wetter nicht genießen und im Winter wirst Du auf
Grund der schlechten Witterung nicht aus dem Haus gehen können. Den ganzen
lieben langen Tag wirst Du entweder im Bett oder an einen Rollstuhl gefesselt
sein, vermutlich vom Pfleger vor die Glotze gesetzt werden und musst Dir im
schlimmsten Fall das Tagesprogramm der Privaten antun. D.h. Werbung bis zum
Gehtnichtmehr, bescheuerte Gerichtsshows, hirnrissige Talkshows und drittklassige
Seifenopern. Krawalljournalismus, blöde Serien und noch blödere Filme. Dein
Hirn wird weichgespült und Du wirst Dich wie die Teletubbies fühlen und Dir
wünschen nicht von der Brücke gesprungen zu sein sondern es wie ein richtiger
Mann, wie Kurt Cobain gemacht zu haben. Dir eine Flinte in den Mund gesteckt
und Dir das Hirn weggeblasen zu haben. Willst Du das wirklich? Willst Du so enden?
Und außerdem, die Frau die Du mit diesem Sprung wehtun möchtest wird es
wahrscheinlich nicht jucken, oder sie wird es nicht mal erfahren oder wird für
einen kurzen Moment bedrückt und betroffen sein und danach ihr Leben
weiterleben als wäre nichts geschehen.«
Ich
mache eine kurze Sprechpause und sehe wie er langsam darüber nachdenkt.
»Zu was
rätst Du mir? Was soll ich Deiner Meinung nach tun?« sagt er nach einer Weile.
Meine Fahrgäste gucken ganz verdutzt zu uns rüber, nicken zustimmend und über-legen
ob sie sich einmischen sollen oder nicht. Ob sie ihren Senf dazu geben oder
weiterhin still sein sollen.
»Schau,
ich kenne Deine Geschichte nicht und will sie auch nicht hören. Du wirst Deine
Gründe haben und jeder sollte sie respektieren.« Auf dem Fluss blickend sage
ich: »Ich würde nicht mal in die Isar springen, weil die Strömung hier nicht
stark genug ist und Du im eiskalten Wasser immer noch Überlebenschancen hast.
Eventuell springt jemand hinter Dir her und rettet Dich und Du kommst mit Erfrierungen
ins Krankenhaus und Dir werden irgendwelche Gliedmassen oder Körperteile
Amputiert. Wenn Du Deinem Leben wirklich ein Ende setzen möchtest, bindest Du
Dir am besten einen schweren Stein um die Füße und springst ins Wasser, oder Du
suchst Dir eine Stelle mit starker Strömung oder irgendwas anderes wo und wie
Du die Reise ins Jenseits antretest.«
Mein
männlicher Fahrgast sieht mich an und fragt ganz aufgeregt: »Sag mal, spinnst
Du? Der will runterspringen und Du gibst ihm auch noch Tipps wie er sein Leben
wegwerfen soll? Du sollst was tun damit er nicht springt!«
Nach dieser
Aussage merke ich wie abgebrüht und gefühlskalt ich geworden bin. Alles geht
mir am Allerwertesten vorbei. Nichts interessiert mich mehr. Alles langweilt
mich und ich will nur meine Ruhe haben. Kann es sein dass ich dieses Verhalten
auch auf Sophie reflektiere und sie mich deswegen verlassen hat? Oder hat sie
andere Gründe? Sie hat nie etwas über Gefühlskälte erwähnt. Wir sprechen über
wirklich alles, sie ist der erste Mensch dem ich mich total geöffnet habe. Mit
ihr habe ich keine Hemmungen irgendein Thema anzusprechen und habe auch keine
Angst über Ängste zu reden und muss nicht befürchten dass sie mir wegrennt weil
ich nicht ein furchtloses Alphatier bin, sondern jemand der um den brennenden
Reifen geht anstatt hindurchzuspringen. Psychologen raten sogar dazu ehrlich zu
einander zu sein und offen miteinander zu reden. Denn durch die Diskussion
lernt man den Anderen kennen und kann ihm helfen und den Rücken stärken wenn er
es braucht. Außerdem ist es für den Matratzensport sehr hilfreich. Man erfährt
was dem Anderen gefällt und was nicht und macht nicht nur einfach darauf los.
Man redet auch über Wünsche, Träume und Phantasien die man hat und ist erstaunt
dass der Partner ähnlich denkt.
Nein,
Gefühlskälte hat sie mir nie vorgeworfen. Ich bin ein anderer Mensch wenn ich
bei ihr in England bin, fernab den stinkenden, furzenden, rotzenden, dummen,
hirnverbrannten, idiotischen, kleinkarierten, egomanischen, oberflächlichen und
sich-zur-schau-stellenden Fahrgästen. Ich bin jedes Mal froh wenn ich aus
dieser mich einengender Stadt, in der ich mich nicht zu hause fühle, in der mir
alles und alle fremd erscheinen, weg kann und fühle mich glücklich wenn ich in
den Hafen von Hull ankomme. Wenn ich, so komisch es auch klingen mag, im
Armenhaus Englands ankomme fühle ich mich zu hause, geborgen, wohlauf und
zufrieden.
In
dieser Stadt zu leben, ist wie in einem Gefängnis zu leben. Man, ich kann nicht
frei atmen, ich kann mich nicht frei bewegen, fühle mich wie in einem Korsett
eingezwängt dass mir die Luft zum atmen nimmt. Ich kann meinen Gefühlen keinen
freien Lauf lassen. Ich bin nicht ich. Ich bin, ich gebe und bewege mich wie
ein anderes, mir fremdes Wesen. Manchmal erschrecke ich vor mir selbst.
Auf der
Insel hingegen fühle ich mich frei, dem Himmel nah. Dort bin ich Mensch, dort
darf ich es sein. Nicht nur die Gedanken, sondern auch die Gefühle sind frei.
Mein spirituelles Ich, mein Temperament, meine Frohnatur kommen zum Vorschein
sobald ich Britischen Boden betrete und ich bin, ich werde zu einem anderen
Menschen. Dort bin ich Mensch, ein Befreiter, ein Freier, einer der dem
Horizont entgegen läuft, einer der voller Hoffnung, Gefühle, Gedanken und Liebe
ist, eine Blume die aufblüht, ein Sterbender der zurück ins Leben geholt wird,
ein vogelfreier Mensch dem die Welt zu Füßen liegt.
Als ich
vor ein paar Jahren mit dem Taxifahren anfing war ich so überwältigt von den
ganzen Erlebnissen und sprach ständig über meinen neuen Job. Jedem erzählte ich
meine Taxigeschichten und es interessierte mich nicht ob die Anderen sie hören
wollten oder nicht. Alles musste aus mir heraus sonst würde ich platzen. Ich
fühlte mich damals wie ein Kind im Schlaraffenland, wie ein behinderter der
plötzlich wieder laufen, wie ein Blinder der sehen konnte, ich war wie auf
Drogen, hatte einen unglaublichen Redefluss, alles gefiel mir so sehr, alles
war neu und interessant. All die Menschen die ein- und ausstiegen und die
Geschichten die sie mir erzählten, Homos, Heteros, Verrückte, Bekloppte,
Einheimische, Ausländer, Philosophen, Idioten, Spastis, Kleinkriminelle,
Möchtegernmafiosi, anständige Leute, Arme, Reiche, Junge, Alte, Gesunde und
Behinderte. All die Straßen, die Lichter, die verschiedene Gegenden in denen
ich plötzlich fuhr, all die Bars, Kneipen, Bordelle, Discotheken, Geschäfte,
Büros, Firmen, Hotels in die ich plötzlich rein durfte und kennenlernte, ein
Leben außerhalb der Norm, ein Leben in der Dunkelheit, ein Leben mit den Taschen
voller Geld, Gefühle und Eindrücke die ich vorher nicht kannte und sich mir
durch diesen Job erschlossen und mir neue Horizonte eröffneten. Nach jeder
Schicht hatte ich damals soviel Kraft, Energie und Lebensmut, dass ich nicht
sofort ins Bett gehen konnte sondern ein paar Runden mit dem Fahrrad drehte,
spazieren oder in aller Ruhe frühstücken ging und über die Nacht und das Leben
in der Nacht nachdachte. Der italienische Sänger Jovanotti hat eine Hymne an
die Nacht, an die Menschen der Nacht geschrieben. Er besingt dass es sich in
der Nacht besser lebt als Tagsüber. Wenn sich die Dunkelheit über die Stadt
ausbreitet wird alles verändert. Formen ändern sich, es wird ruhiger, es gibt
keine Staus und kein Chaos, alles scheint näher zu sein und die Wörter ertönen
und kommen langsamer heraus. Die Menschen der Nacht sind immer die Gleichen,
man kennt sich wie in einen Dorf. Der Tag ändert Gesetze und Regierungen und
die Menschen der Nacht überleben alles. Sie gehen auch eigenartigen Berufen
nach, wie Bordsteinschwalben, Stripper, Transvestiten, Diebe, Polizisten, Bäcker,
Konditoren und Fotomodelle, in der Nacht sehen die Frauen sowieso hübscher aus
als sie sind. Ab und zu reißt Mann eine auf, sieht sie in der Früh und sie
erscheint ihm wie eine Hexe. Die Nacht spielt ein Spiel und lässt alles schöner
erscheinen als es tatsächlich ist. Man lernt Menschen einfacher kennen und man
liest die Zeitung vor allen anderen. Es laufen Leute mit verschiedenen
Hautfarben rum, jeder hat seine Geschichte und kann einem etwas beibringen. Die
Nacht hat uns adoptiert und zu ihren Kindern gemacht! Um halb Fünf in der Früh
wird gefrühstückt und wenn die Sonne aufgeht sagt man sich „Gute Nacht“.
Ein
Traum von einem Lied! Genau so ist es auch. Ein unwirkliches Leben. Ein Leben
an das man sich langsam gewöhnen muss, und wenn man sich daran gewöhnt hat,
nicht mehr loslassen möchte, nicht mehr zurück in die Wirklichkeit kann oder
möchte. Es passieren Dinge die Tagsüber nicht passieren. Die Nacht scheint ihre
Gesetze und Regeln zu haben, alles ist freier, wilder, spektakulärer. Man wird
süchtig, die Nacht saugt einen auf und man kann nach einer Weile nicht in die
biedere Normalität des Tages zurück. Ich habe es mal probiert, bin für ein paar
Tage tagsüber gefahren und ein anderes Mal besorgte ich mir einen Job in einen
Supermarkt weil ich nicht Taxi fahren wollte. Beides hat mich nach 2 – 3 Tagen
angekotzt, habe es sein lassen und ging mit einem breiten Grinsen im Gesicht
zurück zur Nachtschicht. Es ist wie Birgit, Harrys Partnerin sagt: »Ihr seid
krank! Ihr könnt die Nacht und das Dummvolk nicht ausstehen, aber die
Normalität mögt ihr auch nicht, die macht Euch noch kränker. Anscheinend
braucht ihr den Thrill, die ganze Aufregung um überhaupt leben, existieren zu
können.«
Und
jetzt? Jetzt bin ich müde von alldem. Ich fahre routiniert von Punkt zu Punkt,
merke mir keine Gesichter, keine Namen, keine Ereignisse, fahre nach der Arbeit
nach hause, falle erschöpft ins Bett und wenn ich wieder aufstehe weiß ich
meistens nicht wo ich die Nacht davor überall war. Die Fahrgäste gehen mir auf
den Sack, der Scheißverkehr nervt mich, meine Kollegen bringen mich zum
Wahnsinn und ich fühle mich äußerst unwohl und als Abschaum der Gesellschaft,
als einer der es nicht geschafft hat einen „anständigen Beruf“ zu erlernen und
jetzt dazu verdammt ist Leute, Tiere und Sachen durch die Gegend zu
kutschieren. In der Gesellschaft sind wir auf einer Ebene mit den Müllmännern
und besonders Frauen laufen davon wenn ein junger Taxler seiner Eroberung
erzählt mit was er seine Semmeln verdient. Dieser Beruf wird nicht geschätzt,
sein Wert wird nicht erkannt. Ein Taxler ist nicht nur Lohnkutscher, sondern
Informationsschalter, Psychologe, Helfer, Lebensretter, Wechselstube,
Werbemensch (ein Lokal kann schließen wenn wir schlechtes darüber berichten
oder die Leute nicht hinfahren) und vieles mehr vereint in einer Person. All
das wird zwar von den Leuten erwartet, wird aber nicht honoriert.
Ich
schaue jetzt alle drei an. Den Lebensmüden und die zwei Fahrgäste. Bleibe mit
meinem Blick bei der Frau hängen und sage ihr:
»Komm,
jetzt dramatisieren wir mal das Ganze damit Dein Prinz sich wohler fühlt. Wir
spielen eine drittklassige amerikanische Seifenoper nach. Das hier ist Jack«
sage ich und richte meinen Zeigefinger auf den Lebensmüden. »Und Du bist…?«
»Susanne!«
»Komm
her Susan und fall mit mir auf die Knie.«
Sie
macht es mir nach und wir beide fallen im Schnee auf die Knie sodass der
Lebensmüde uns sehen kann. Verflixt! Jetzt ruinieren wir uns auch noch die
Hosen! Susannes Prinz verdreht währenddessen die Augen.
»Jack!
Oh Jack!« sage ich flehend mit den Händen nach dem Lebensmüden gerichtet in
einer bittenden Stellung. Ich schaue Susanne an und gebe ihr nickend ein
Zeichen zum Anfangen und sie macht es mir nach.
»Jack!
Oh Jack!« sagt Susanne, »was habe ich Dir schreckliches angetan dass Du jetzt
von der Brücke springen möchtest? Sag, was habe ich Dir schreckliches angetan?
Was auch immer es ist, ich wollte es nicht! Wie töricht von mir, nur an mich zu
denken. Ich liebe Dich so sehr, ich will nicht dass Du stirbst!«
»Was
soll das heißen, Du liebst ihn?« protestiert Susannes Freund.
»Schnauze
Mann!« rufe ich ihm entgegen. »Du ruinierst das hier noch!«
»Denk
an unser Kind! Was werde ich unserem Sohn sagen wenn er nach Dir fragt? Willst
Du ihn im Stich und ohne Vater aufwachsen lassen?«
Die
Frau ist super! Als wäre sie eine echte Schauspielerin.
»Was
für ein Kind?« fragen beide Männer gleichzeitig.
»Jack!
Ich bin schwanger! Ich hatte nie den Mut es Dir zu beichten, weil ich dachte
dass Du keine Kinder haben willst und mich deswegen verlassen würdest!«
»Susanne!«
ruft ihr Göttergatte protestierend, »nun mach mal Halblang! Was soll das hier?
Was machst Du ihm für eine Szene? Kennst Du ihn etwa?«
»Halt’s
Maul Du Idiot!« rufe ich ihm zu und Susanne wirft ihm einen sehr bösen Blick zu.
»Ich
liebe Dich und kann mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen! All die schöne
Zeit die wir miteinander hatten willst Du jetzt einfach wegschmeißen? Soll ich
in ewiger Trauer leben? Wo soll ich einen Mann wie Dich finden? Denk an Deine
Eltern denen Du Schmerzen zufügen wirst, denk an Deine Freunde die Dich vermissen
werden und denk an unser Ungeborenes das ohne Vater aufwachsen wird!«
Dann
interveniert ihr edler Ritter. »Sag mal, hast Du sie nicht mehr alle? Steh
sofort auf und hör auf mit dem Scheiß!«
»Lass
sie doch! Sie macht das sehr gut!«
»Mach
weiter Susan!« rufe ich ihr zu, »das machst Du super!«
Jetzt
sieht mich der Lebensmüde zum ersten Mal an und sagt: »Was bist Du eigentlich
für ein Arschloch! Ich will sterben und Du Arschgeige, Du Zipfelklatscher von
einen Lohnkutscher machst einen auf Don Juan und Lebensretter und nimmst mich
und meine Situation auf die Schippe? Anstatt mir zu helfen, machst Du Dich auch
noch über mich lustig! Geht’s Dir noch gut? Jetzt ist mir die Lust wegen einem
Arschloch wie Dir vergangen!«
Darauf
dreht er sich um, meine Fahrgäste sehen mich mit fragenden Gesichtern an, wir
helfen dem Lebensmüden auf die sichere Seite zu klettern und als er in
Sicherheit ist biete ich ihm eine Kippe an die er dankend und schimpfend annimmt.
Als ich ihm Feuer gebe fährt auch die Polizei mit einem Psychologen vor. Zwei
Beamte kümmern sich sofort um den Mann und zwei andere befragen uns zu dem was
geschehen ist. Wir sollen auch unsere Details angeben. Da ich für das eben
geschehene keinen Preis verliehen bekommen möchte, sage ich dem Beamten dass
ich mich nicht ausweisen kann weil ich meine Tasche mit sämtlichen Dokumenten
zu hause habe liegen lassen und gebe die Details von Saki an. Entweder bekommt
er mal Post in der eine Anzeige wegen irgendetwas steht oder ihm wird ein Orden
verliehen. Verdienstkreuz oder so.
Wir
gehen zurück zum Taxi und setzen unsere Fahrt fort. Die junge Frau ist ganz
aufgeregt über das eben Geschehene und nennt uns alle „Helden“. Ihr Freund
fühlt sich nicht wie einer und ist immer noch wütend auf seine Freundin und auf
mich.
»Das
hätte leicht daneben gehen können! Was hättet Ihr gemacht wenn er tatsächlich
gesprungen wäre?«
»Ah
geh! Der wäre nie und nimmer gesprungen« sage ich. »Hast Du nicht gemerkt wie
viel Schiss er davor hatte runterzuspringen? Der stand ewig da oben und überlegte.
Einer der sich umbringen möchte springt sofort ohne zu zögern, damit ihn keiner
sieht und auf die Idee kommt ihm retten zu müssen. Der hier wollte gerettet
werden.«
»Komm
her mein süßer Held!« sagt Susanne zu ihren Freund, zieht ihn zu sich und küsst
ihm zärtlich auf den Mund.
Die
beiden küssen sich auf der Rückbank während wir durch die leere Ohlmüllerstraße
und dann den Nockherberg hinauf fahren. Nach dem Ostfriedhofstand biegen wir
rechts ab und nach ein paar Metern sind wir am Ziel.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
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