Montag, 14. April 2014

Teil 36



Ich fahre vor bis zur Westermühlstraße und biege links ab und möchte Richtung Papa-Schmid-Stand fahren. An der Ecke zur Klenze höre ich dem Zentralisten sagen:
»Am Gärtnerplatz, wahrscheinlich vorm Theater, stänga zwo Leit! Fahrt do jemand hi?«
Ich hacke sofort rein und bekomme den Auftrag. Ich fahre die Klenze durch und stehe auf einmal neben dem Theater. Schaue nach rechts zur Theatertreppe sehe aber niemanden. Sind die Leute weitergewandert oder wurde abgestaubt? Ich fahre eine Runde um den Platz um zu sehen ob sie irgendwo sind bevor ich auf K4 reklamiere. Als ich über der Einmündung der Cornelius bin höre ich wie jemand ganz laut „Taxi!“ ruft. Ich bremse, sehe um mich herum und entdecke niemanden. Ich fahre langsam an und möchte auf der anderen Seite schauen ob dort jemand steht der gerufen haben könnte, da höre ich wieder jemanden „Taxi!“ rufen. Ich bremse und schaue wieder um mich herum. Tatsächlich stehen links von mir auf der anderen Seite des Platzes zwei Leute, ein Pärchen wie ich es erkennen kann. Ich warte dort wo ich bin und hoffe dass die zu mir rüberkommen. Sie blicken in meine Richtung und überlegen ob sie zu mir kommen sollen oder nicht. Keiner bewegt sich. Da mir das ganze zu Bunt wird fahre ich langsam an und will zu denen rüber fahren. Da der Brunnen auf der Mitte des Platzes mir die Sicht versperrt merke ich nicht dass die zwei im selben Augeblick zu mir kommen. Als ich an der Ecke beim Fischlokal bin sehe ich wie die in der Mitte beim Brunnen sind. Ich bremse und bleibe stehen. Sehe zu denen rüber und warte auf eine Reaktion. Die bewegen sich nicht. Ich fahre rückwärts zur Einmündung mit der Einbahnstraße. Sie aber laufen irritiert in die andere Richtung zum Theater. Sehen dass ich dort stehe wo ich vorher war und rennen los. Ich wiederum fahre noch ein Stück rückwärts Richtung Theater. Als ich dort ankomme steht keiner. Warum? Weil die jetzt auf der anderen Seite stehen, zwischen Klenze und Reichenbach. So langsam fühle ich mich wie Roberto Benigni in Jim Jarmuschs „Night on Earth“ als er den Taxifahrer spielend, nachts zu einer Piazza in Rom gerufen wird, in deren Mitte ein Brunnen steht und er die gleiche Situation mit einem Pfarrer vorfindet. Beide laufen kreuz und quer bis sie sich endlich treffen.
Ich fahre dann vorwärts in deren Richtung, sie springen auf die Straße und laufen mir entgegen. Ich bremse scharf um sie nicht zu überfahren. Sie steigen beide lachend hinten ein.
»Oh ein Engel in der Nacht!« sagt die Frau, geschätzte ende zwanzig.
»Vielen Dank fürs Kompliment! So wurde ich noch nie bezeichnet.«
»Wenn Du wüsstest wie schwer es heute ist ein Taxi zu bekommen! Du bist wirklich ein Engel, als wenn Dich der Himmel schicken würde! Fährst Du uns zur Zugspitz?«
»Natürlich!« antworte ich und fahre um den Platz herum und durch die Reichenbach in Richtung Fraunhofer.
»Wir haben vor einiger Zeit ein Taxi bei der Zentrale bestellt und endlos lange gewartet, als keins kam beschlossen wir zu Fuß nach hause zu gehen. Ist Gott sei dank nicht soweit.«
Saki würde die Beiden sympathisch finden und denen zum Spaziergang bei diesem winterlichen Wetter gratulieren. Auch er ist ein Frischluftfanatiker und geht sehr oft zu Fuß oder radelt mit seinem Mountainbike durch die Stadt und raus aufs Umland. Er hasst es und kann die Leute nicht ausstehen die zu faul sind sich zu bewegen und auch die kürzesten Strecken mit dem Auto zurücklegen. Er besitzt kein Auto, bin mir nicht sicher ob er überhaupt einen Führerschein hat. Dass er kein Auto besitzt liegt nicht etwa daran dass er ein übermäßig umweltbewusster Zeitgenosse ist, nein er ist einfach viel zu geizig um tausende von Euro für eine Blechkiste auszugeben die er sehr selten benutzen würde. Er investiert sein Geld viel lieber in Bier und Essen und kurbelt so die heimische Wirtschaft an. Er wohnt in der Nähe einer U-Bahnhaltestelle, hat eine Bushaltestelle direkt vorm Haus und eine Tramhaltestelle zwei Ecken weiter und wenn er ausgeht betrinkt er sich meistens und darf sowieso nicht mehr Autofahren. Außerdem besitzen fast alle seine Freunde einen Fahrbaren Untersatz und er fährt bei denen mit. Ansonsten nutzt er seine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr, geht zu Fuß oder fährt eben mit dem Rad.
Am Ende der Reichenbach biegen wir links in die Fraunhofer ab und fahren bis zur Ampel die gerade rot zeigt. Ich lasse meinen Blick schweifen und denke mir: Wahnsinn wie schön es doch ausschaut wenn alles schneebedeckt ist, wie im Märchen! Frau Holle leistet heute ganze Arbeit und macht ihren Namen alle Ehre. Sie gibt alles und wenn es so weiter geht werden wir morgen von der Außenwelt abgeschnitten sein oder mitten in der Stadt Skifahren. Herr Müller, mein Vermieter erzählte mir, dass es mal in der Vergangenheit sehr viel geschneit hat, sodass der Winterdienst überfordert war und einige Leute den Giesinger Berg auf Skiern runter bretterten.
Mein Blick scannt das Terrain und bleibt auf etwas Dunkles auf der Brücke hängen.
Der männliche Fahrgast bemerkt dass etwas nicht stimmt und blickt in die Richtung in der ich gerade schaue. Währenddessen schaltet die Ampel auf grün aber ich bemerke es nicht.
»Sehr geehrter Weihnachtsfahrer« sagt die junge Dame in Anspielung auf meine rote Mütze, »es ist grün und auch wenn Sie noch länger warten mögen, noch grüner wird es nicht!«
»Ha?«
»Wenn Sie jetzt nicht Gas geben verpassen wir die Ampelschaltung!«
»Oha!« sage ich auf die Ampel schauend und gebe sofort Gas ohne dieses dunkle Etwas aus dem Blick zu verlieren.
»Was ist das?« fragt der Fahrgast. »Steht da Jemand und will runterspringen?«
»Ich weiß es nicht, sieht aber danach aus« antworte ich.
Wir fahren langsam auf die dunkle Gestalt zu und blicken gebannt in ihre Richtung. Als wir auf der Mitte der Brücke sind stoppe ich und wir sehen wie tatsächlich jemand sich am Brückengeländer festhält und runterspringen möchte.
»Schatz, ruf mal die Polizei und sag denen, dass auf der Reichenbachbrücke ein Lebensmüder steht. Die sollen so schnell wie möglich kommen« befiehlt der männliche Fahrgast seiner Freundin, »der Taxifahrer und ich machen uns in der Zwischenzeit mal nützlich.«
Wir beide steigen aus, ich gehe ums Auto, der Fahrgast sieht mich kurz an und sagt: »Sehr elegantes Auftreten. Nicht mal meine Kollegen von der Bank kommen so gut angezogen zur Arbeit wie Du es gerade bist!«
Auf meine Schuhe blickend fügt er hinzu: »Das Schuhwerk leidet aber sehr bei diesem Wetter! Morgen kannst Du die Dinger bestimmt wegschmeißen!«
Ich lächle und wir gehen beide auf die Gestalt zu die sich am Brückengeländer festhält und im Begriff ist ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wir nähern uns von zwei Seiten, er rechts, ich links. Währenddessen höre ich wie der weibliche Fahrgast mit jemandem von der Polizei telefoniert, aussteigt und hinter sich die Tür des Taxis zuknallt.
In diesen Moment erinnere ich mich an eine Geschichte die mir mal meine Tante erzählte als sie sich einmal in einer ähnlichen Situation befand. Ein Lebensmüder ist mal durchgedreht, schloss sich und seine Nachbarin in deren Wohnung ein und wollte sie und sich umbringen. Er ließ auch keinen zu sich und ließ nicht mit sich reden. Er weigerte sich sogar mit dem Polizeipsychologen zu reden. Da kam gerade meine Tante von der Arbeit nach hause und wunderte sich über das Tohuwabohu vor dem Gebäude und im Treppenhaus. Der Durchgeknallte war ihr Nachbar. Sie ging zur Wohnungstür und rief ihn. Er meldete sich und sie schaffte es mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es stellte sich heraus dass er Liebeskummer hatte, sich bei der Nachbarin ausweinen wollte, sie ihm aber nicht ernst nahm, und er darauf rot sah. Irgendwann mal schrie er durch die abgesperrte Tür:
»Ihr Frauen seid alle Schlampen!«
»Sind wir!« antwortete meine Tante.
Er rechnete nicht mit so einer Antwort, öffnete verwundert die Tür und fragte: »Seid Ihr? Meinst Du das im Ernst?«
»Natürlich meine ich es Ernst.« sagte meine Tante. »Es gibt nichts schlimmeres, nichts hinterhältigeres als uns Frauen. Wir sind der Grund weswegen der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde und wir heute so ein Scheißleben führen müssen. Wir denken nur an uns, an Schuhe, Shopping und Handtaschen, versuchen einen reichen oder wohlhabenden Mann zu angeln um nicht arbeiten zu müssen und bei einer Scheidung unseren weiteren Lebensunterhalt gewährleistet zu wissen und alles andere ist uns egal. Wir fallen sogar der besten Freundin in den Rücken, versuchen ihr den Freund, Mann oder angehimmelten madig zu machen um ihn ihr auszuspannen. Das macht ihr Männer nicht.«
»Du meinst das wirklich ernst?«
»Natürlich!«
Das war der Augenblick an dem er sich beruhigte und von der Polizei und dem Psychologen festgenommen wurde. So endete das Ganze ohne Tote und Verletzte.
Ich sehe dem Lebensmüden von der Seite ins Gesicht und grüße ihn. Mein Fahrgast grüßt ihn auch. Dann blicken wir beide runter und ich sehe die schneebedeckte Wiese unter uns in ca. 10 – 15 Meter Tiefe. Blicke dann rüber zum Fluss und wieder in sein Gesicht.
»Stehst Du lange hier?« frage ich ihn. »Nach der Farbe Deiner Finger zu urteilen, schon« füge ich hinzu. In der Tat sind seine Hände rot und geschwollen von der Kälte.
»Ist eine schwere Entscheidung seinem Leben die Lichter auszublasen« sage ich. Ich schaue wieder nach unten zur Wiese und setze meinen Monolog fort:
»Schau mal, ich bin kein Botaniker und habe auch keine Erfahrung im Selbstmord begehen, aber eins kann ich Dir versichern: Wenn Du hier runter springst, wirst Du Dir bloß ein paar Knochen brechen, eventuell bleibst Du behindert, aber Du wirst es überleben. Willst Du für den Rest Deines Lebens behindert sein, womöglich querschnittsgelähmt und auf Hilfe anderer angewiesen sein? Was für ein Scheißleben das sein wird! Denk mal darüber nach. Als Querschnittsgelähmter wirst Du ein Gefangener in Deinem eigenen Körper sein und kannst Dir nicht mal die Kugel geben. Du wirst wie eine Pflanze sein. Bewegungsunfähig, wirst nicht allein aufs Klo gehen können, wirst nicht selbständig essen und trinken können, Du wirst nichts machen können. Frauen werden Dich nicht mal ansehen und Du wirst nicht mal im Puff befriedigt werden weil Du keinen mehr hochkriegst. Im Sommer wirst Du das schöne Wetter nicht genießen und im Winter wirst Du auf Grund der schlechten Witterung nicht aus dem Haus gehen können. Den ganzen lieben langen Tag wirst Du entweder im Bett oder an einen Rollstuhl gefesselt sein, vermutlich vom Pfleger vor die Glotze gesetzt werden und musst Dir im schlimmsten Fall das Tagesprogramm der Privaten antun. D.h. Werbung bis zum Gehtnichtmehr, bescheuerte Gerichtsshows, hirnrissige Talkshows und drittklassige Seifenopern. Krawalljournalismus, blöde Serien und noch blödere Filme. Dein Hirn wird weichgespült und Du wirst Dich wie die Teletubbies fühlen und Dir wünschen nicht von der Brücke gesprungen zu sein sondern es wie ein richtiger Mann, wie Kurt Cobain gemacht zu haben. Dir eine Flinte in den Mund gesteckt und Dir das Hirn weggeblasen zu haben. Willst Du das wirklich? Willst Du so enden? Und außerdem, die Frau die Du mit diesem Sprung wehtun möchtest wird es wahrscheinlich nicht jucken, oder sie wird es nicht mal erfahren oder wird für einen kurzen Moment bedrückt und betroffen sein und danach ihr Leben weiterleben als wäre nichts geschehen.«
Ich mache eine kurze Sprechpause und sehe wie er langsam darüber nachdenkt.
»Zu was rätst Du mir? Was soll ich Deiner Meinung nach tun?« sagt er nach einer Weile. Meine Fahrgäste gucken ganz verdutzt zu uns rüber, nicken zustimmend und über-legen ob sie sich einmischen sollen oder nicht. Ob sie ihren Senf dazu geben oder weiterhin still sein sollen.
»Schau, ich kenne Deine Geschichte nicht und will sie auch nicht hören. Du wirst Deine Gründe haben und jeder sollte sie respektieren.« Auf dem Fluss blickend sage ich: »Ich würde nicht mal in die Isar springen, weil die Strömung hier nicht stark genug ist und Du im eiskalten Wasser immer noch Überlebenschancen hast. Eventuell springt jemand hinter Dir her und rettet Dich und Du kommst mit Erfrierungen ins Krankenhaus und Dir werden irgendwelche Gliedmassen oder Körperteile Amputiert. Wenn Du Deinem Leben wirklich ein Ende setzen möchtest, bindest Du Dir am besten einen schweren Stein um die Füße und springst ins Wasser, oder Du suchst Dir eine Stelle mit starker Strömung oder irgendwas anderes wo und wie Du die Reise ins Jenseits antretest.«
Mein männlicher Fahrgast sieht mich an und fragt ganz aufgeregt: »Sag mal, spinnst Du? Der will runterspringen und Du gibst ihm auch noch Tipps wie er sein Leben wegwerfen soll? Du sollst was tun damit er nicht springt!«
Nach dieser Aussage merke ich wie abgebrüht und gefühlskalt ich geworden bin. Alles geht mir am Allerwertesten vorbei. Nichts interessiert mich mehr. Alles langweilt mich und ich will nur meine Ruhe haben. Kann es sein dass ich dieses Verhalten auch auf Sophie reflektiere und sie mich deswegen verlassen hat? Oder hat sie andere Gründe? Sie hat nie etwas über Gefühlskälte erwähnt. Wir sprechen über wirklich alles, sie ist der erste Mensch dem ich mich total geöffnet habe. Mit ihr habe ich keine Hemmungen irgendein Thema anzusprechen und habe auch keine Angst über Ängste zu reden und muss nicht befürchten dass sie mir wegrennt weil ich nicht ein furchtloses Alphatier bin, sondern jemand der um den brennenden Reifen geht anstatt hindurchzuspringen. Psychologen raten sogar dazu ehrlich zu einander zu sein und offen miteinander zu reden. Denn durch die Diskussion lernt man den Anderen kennen und kann ihm helfen und den Rücken stärken wenn er es braucht. Außerdem ist es für den Matratzensport sehr hilfreich. Man erfährt was dem Anderen gefällt und was nicht und macht nicht nur einfach darauf los. Man redet auch über Wünsche, Träume und Phantasien die man hat und ist erstaunt dass der Partner ähnlich denkt.
Nein, Gefühlskälte hat sie mir nie vorgeworfen. Ich bin ein anderer Mensch wenn ich bei ihr in England bin, fernab den stinkenden, furzenden, rotzenden, dummen, hirnverbrannten, idiotischen, kleinkarierten, egomanischen, oberflächlichen und sich-zur-schau-stellenden Fahrgästen. Ich bin jedes Mal froh wenn ich aus dieser mich einengender Stadt, in der ich mich nicht zu hause fühle, in der mir alles und alle fremd erscheinen, weg kann und fühle mich glücklich wenn ich in den Hafen von Hull ankomme. Wenn ich, so komisch es auch klingen mag, im Armenhaus Englands ankomme fühle ich mich zu hause, geborgen, wohlauf und zufrieden.
In dieser Stadt zu leben, ist wie in einem Gefängnis zu leben. Man, ich kann nicht frei atmen, ich kann mich nicht frei bewegen, fühle mich wie in einem Korsett eingezwängt dass mir die Luft zum atmen nimmt. Ich kann meinen Gefühlen keinen freien Lauf lassen. Ich bin nicht ich. Ich bin, ich gebe und bewege mich wie ein anderes, mir fremdes Wesen. Manchmal erschrecke ich vor mir selbst.
Auf der Insel hingegen fühle ich mich frei, dem Himmel nah. Dort bin ich Mensch, dort darf ich es sein. Nicht nur die Gedanken, sondern auch die Gefühle sind frei. Mein spirituelles Ich, mein Temperament, meine Frohnatur kommen zum Vorschein sobald ich Britischen Boden betrete und ich bin, ich werde zu einem anderen Menschen. Dort bin ich Mensch, ein Befreiter, ein Freier, einer der dem Horizont entgegen läuft, einer der voller Hoffnung, Gefühle, Gedanken und Liebe ist, eine Blume die aufblüht, ein Sterbender der zurück ins Leben geholt wird, ein vogelfreier Mensch dem die Welt zu Füßen liegt.
Als ich vor ein paar Jahren mit dem Taxifahren anfing war ich so überwältigt von den ganzen Erlebnissen und sprach ständig über meinen neuen Job. Jedem erzählte ich meine Taxigeschichten und es interessierte mich nicht ob die Anderen sie hören wollten oder nicht. Alles musste aus mir heraus sonst würde ich platzen. Ich fühlte mich damals wie ein Kind im Schlaraffenland, wie ein behinderter der plötzlich wieder laufen, wie ein Blinder der sehen konnte, ich war wie auf Drogen, hatte einen unglaublichen Redefluss, alles gefiel mir so sehr, alles war neu und interessant. All die Menschen die ein- und ausstiegen und die Geschichten die sie mir erzählten, Homos, Heteros, Verrückte, Bekloppte, Einheimische, Ausländer, Philosophen, Idioten, Spastis, Kleinkriminelle, Möchtegernmafiosi, anständige Leute, Arme, Reiche, Junge, Alte, Gesunde und Behinderte. All die Straßen, die Lichter, die verschiedene Gegenden in denen ich plötzlich fuhr, all die Bars, Kneipen, Bordelle, Discotheken, Geschäfte, Büros, Firmen, Hotels in die ich plötzlich rein durfte und kennenlernte, ein Leben außerhalb der Norm, ein Leben in der Dunkelheit, ein Leben mit den Taschen voller Geld, Gefühle und Eindrücke die ich vorher nicht kannte und sich mir durch diesen Job erschlossen und mir neue Horizonte eröffneten. Nach jeder Schicht hatte ich damals soviel Kraft, Energie und Lebensmut, dass ich nicht sofort ins Bett gehen konnte sondern ein paar Runden mit dem Fahrrad drehte, spazieren oder in aller Ruhe frühstücken ging und über die Nacht und das Leben in der Nacht nachdachte. Der italienische Sänger Jovanotti hat eine Hymne an die Nacht, an die Menschen der Nacht geschrieben. Er besingt dass es sich in der Nacht besser lebt als Tagsüber. Wenn sich die Dunkelheit über die Stadt ausbreitet wird alles verändert. Formen ändern sich, es wird ruhiger, es gibt keine Staus und kein Chaos, alles scheint näher zu sein und die Wörter ertönen und kommen langsamer heraus. Die Menschen der Nacht sind immer die Gleichen, man kennt sich wie in einen Dorf. Der Tag ändert Gesetze und Regierungen und die Menschen der Nacht überleben alles. Sie gehen auch eigenartigen Berufen nach, wie Bordsteinschwalben, Stripper, Transvestiten, Diebe, Polizisten, Bäcker, Konditoren und Fotomodelle, in der Nacht sehen die Frauen sowieso hübscher aus als sie sind. Ab und zu reißt Mann eine auf, sieht sie in der Früh und sie erscheint ihm wie eine Hexe. Die Nacht spielt ein Spiel und lässt alles schöner erscheinen als es tatsächlich ist. Man lernt Menschen einfacher kennen und man liest die Zeitung vor allen anderen. Es laufen Leute mit verschiedenen Hautfarben rum, jeder hat seine Geschichte und kann einem etwas beibringen. Die Nacht hat uns adoptiert und zu ihren Kindern gemacht! Um halb Fünf in der Früh wird gefrühstückt und wenn die Sonne aufgeht sagt man sich „Gute Nacht“.
Ein Traum von einem Lied! Genau so ist es auch. Ein unwirkliches Leben. Ein Leben an das man sich langsam gewöhnen muss, und wenn man sich daran gewöhnt hat, nicht mehr loslassen möchte, nicht mehr zurück in die Wirklichkeit kann oder möchte. Es passieren Dinge die Tagsüber nicht passieren. Die Nacht scheint ihre Gesetze und Regeln zu haben, alles ist freier, wilder, spektakulärer. Man wird süchtig, die Nacht saugt einen auf und man kann nach einer Weile nicht in die biedere Normalität des Tages zurück. Ich habe es mal probiert, bin für ein paar Tage tagsüber gefahren und ein anderes Mal besorgte ich mir einen Job in einen Supermarkt weil ich nicht Taxi fahren wollte. Beides hat mich nach 2 – 3 Tagen angekotzt, habe es sein lassen und ging mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück zur Nachtschicht. Es ist wie Birgit, Harrys Partnerin sagt: »Ihr seid krank! Ihr könnt die Nacht und das Dummvolk nicht ausstehen, aber die Normalität mögt ihr auch nicht, die macht Euch noch kränker. Anscheinend braucht ihr den Thrill, die ganze Aufregung um überhaupt leben, existieren zu können.«
Und jetzt? Jetzt bin ich müde von alldem. Ich fahre routiniert von Punkt zu Punkt, merke mir keine Gesichter, keine Namen, keine Ereignisse, fahre nach der Arbeit nach hause, falle erschöpft ins Bett und wenn ich wieder aufstehe weiß ich meistens nicht wo ich die Nacht davor überall war. Die Fahrgäste gehen mir auf den Sack, der Scheißverkehr nervt mich, meine Kollegen bringen mich zum Wahnsinn und ich fühle mich äußerst unwohl und als Abschaum der Gesellschaft, als einer der es nicht geschafft hat einen „anständigen Beruf“ zu erlernen und jetzt dazu verdammt ist Leute, Tiere und Sachen durch die Gegend zu kutschieren. In der Gesellschaft sind wir auf einer Ebene mit den Müllmännern und besonders Frauen laufen davon wenn ein junger Taxler seiner Eroberung erzählt mit was er seine Semmeln verdient. Dieser Beruf wird nicht geschätzt, sein Wert wird nicht erkannt. Ein Taxler ist nicht nur Lohnkutscher, sondern Informationsschalter, Psychologe, Helfer, Lebensretter, Wechselstube, Werbemensch (ein Lokal kann schließen wenn wir schlechtes darüber berichten oder die Leute nicht hinfahren) und vieles mehr vereint in einer Person. All das wird zwar von den Leuten erwartet, wird aber nicht honoriert.
Ich schaue jetzt alle drei an. Den Lebensmüden und die zwei Fahrgäste. Bleibe mit meinem Blick bei der Frau hängen und sage ihr:
»Komm, jetzt dramatisieren wir mal das Ganze damit Dein Prinz sich wohler fühlt. Wir spielen eine drittklassige amerikanische Seifenoper nach. Das hier ist Jack« sage ich und richte meinen Zeigefinger auf den Lebensmüden. »Und Du bist…?«
»Susanne!«
»Komm her Susan und fall mit mir auf die Knie.«
Sie macht es mir nach und wir beide fallen im Schnee auf die Knie sodass der Lebensmüde uns sehen kann. Verflixt! Jetzt ruinieren wir uns auch noch die Hosen! Susannes Prinz verdreht währenddessen die Augen.
»Jack! Oh Jack!« sage ich flehend mit den Händen nach dem Lebensmüden gerichtet in einer bittenden Stellung. Ich schaue Susanne an und gebe ihr nickend ein Zeichen zum Anfangen und sie macht es mir nach.
»Jack! Oh Jack!« sagt Susanne, »was habe ich Dir schreckliches angetan dass Du jetzt von der Brücke springen möchtest? Sag, was habe ich Dir schreckliches angetan? Was auch immer es ist, ich wollte es nicht! Wie töricht von mir, nur an mich zu denken. Ich liebe Dich so sehr, ich will nicht dass Du stirbst!«
»Was soll das heißen, Du liebst ihn?« protestiert Susannes Freund.
»Schnauze Mann!« rufe ich ihm entgegen. »Du ruinierst das hier noch!«
»Denk an unser Kind! Was werde ich unserem Sohn sagen wenn er nach Dir fragt? Willst Du ihn im Stich und ohne Vater aufwachsen lassen?«
Die Frau ist super! Als wäre sie eine echte Schauspielerin.
»Was für ein Kind?« fragen beide Männer gleichzeitig.
»Jack! Ich bin schwanger! Ich hatte nie den Mut es Dir zu beichten, weil ich dachte dass Du keine Kinder haben willst und mich deswegen verlassen würdest!«
»Susanne!« ruft ihr Göttergatte protestierend, »nun mach mal Halblang! Was soll das hier? Was machst Du ihm für eine Szene? Kennst Du ihn etwa?«
»Halt’s Maul Du Idiot!« rufe ich ihm zu und Susanne wirft ihm einen sehr bösen Blick zu.
»Ich liebe Dich und kann mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen! All die schöne Zeit die wir miteinander hatten willst Du jetzt einfach wegschmeißen? Soll ich in ewiger Trauer leben? Wo soll ich einen Mann wie Dich finden? Denk an Deine Eltern denen Du Schmerzen zufügen wirst, denk an Deine Freunde die Dich vermissen werden und denk an unser Ungeborenes das ohne Vater aufwachsen wird!«
Dann interveniert ihr edler Ritter. »Sag mal, hast Du sie nicht mehr alle? Steh sofort auf und hör auf mit dem Scheiß!«
»Lass sie doch! Sie macht das sehr gut!«
»Mach weiter Susan!« rufe ich ihr zu, »das machst Du super!«
Jetzt sieht mich der Lebensmüde zum ersten Mal an und sagt: »Was bist Du eigentlich für ein Arschloch! Ich will sterben und Du Arschgeige, Du Zipfelklatscher von einen Lohnkutscher machst einen auf Don Juan und Lebensretter und nimmst mich und meine Situation auf die Schippe? Anstatt mir zu helfen, machst Du Dich auch noch über mich lustig! Geht’s Dir noch gut? Jetzt ist mir die Lust wegen einem Arschloch wie Dir vergangen!«
Darauf dreht er sich um, meine Fahrgäste sehen mich mit fragenden Gesichtern an, wir helfen dem Lebensmüden auf die sichere Seite zu klettern und als er in Sicherheit ist biete ich ihm eine Kippe an die er dankend und schimpfend annimmt. Als ich ihm Feuer gebe fährt auch die Polizei mit einem Psychologen vor. Zwei Beamte kümmern sich sofort um den Mann und zwei andere befragen uns zu dem was geschehen ist. Wir sollen auch unsere Details angeben. Da ich für das eben geschehene keinen Preis verliehen bekommen möchte, sage ich dem Beamten dass ich mich nicht ausweisen kann weil ich meine Tasche mit sämtlichen Dokumenten zu hause habe liegen lassen und gebe die Details von Saki an. Entweder bekommt er mal Post in der eine Anzeige wegen irgendetwas steht oder ihm wird ein Orden verliehen. Verdienstkreuz oder so.
Wir gehen zurück zum Taxi und setzen unsere Fahrt fort. Die junge Frau ist ganz aufgeregt über das eben Geschehene und nennt uns alle „Helden“. Ihr Freund fühlt sich nicht wie einer und ist immer noch wütend auf seine Freundin und auf mich.
»Das hätte leicht daneben gehen können! Was hättet Ihr gemacht wenn er tatsächlich gesprungen wäre?«
»Ah geh! Der wäre nie und nimmer gesprungen« sage ich. »Hast Du nicht gemerkt wie viel Schiss er davor hatte runterzuspringen? Der stand ewig da oben und überlegte. Einer der sich umbringen möchte springt sofort ohne zu zögern, damit ihn keiner sieht und auf die Idee kommt ihm retten zu müssen. Der hier wollte gerettet werden.«
»Komm her mein süßer Held!« sagt Susanne zu ihren Freund, zieht ihn zu sich und küsst ihm zärtlich auf den Mund.
Die beiden küssen sich auf der Rückbank während wir durch die leere Ohlmüllerstraße und dann den Nockherberg hinauf fahren. Nach dem Ostfriedhofstand biegen wir rechts ab und nach ein paar Metern sind wir am Ziel.

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