Samstag, 12. April 2014

Teil 2



Die Zeit vor und an Weihnachten ist, neben der Wiesn und Silvester, die wildeste. Wenn das Wetter auch noch winterlich, mit reichlich Schnee und Kälte ist, ist es umso wilder. Nachdem der ganze Wiesn Trubel verflogen ist, ist es erstmal ruhig, aber dann jagt eine Messe die andere und kaum hat man sich versehen ist es schon Adventszeit. Das ist die Zeit der betrieblichen Weihnachtsfeiern, der Glühweinleichen und der großen Einkäufe. Eine durchaus hektische Zeit bevor das große Katzenjammer im Januar anfängt. Erst da beginnt die staade, die ruhige Zeit. Die Leute haben kein Geld mehr, haben alles für Geschenke, Böller und Skiurlaub verpulvert und drehen jeden Penny zweimal um.
Shania Twain beschreibt die Situation im Lied Ka-ching vorzüglich. Sie singt darüber wie wir in einer gierigen Welt leben die jedem Kind beibringt dass man so viel wie möglich verdienen soll wie man kann und dann sich einfach umdreht und das Geld wie verrückt ausgibt. Wir haben uns ein Kreditkartenchaos kreiert, wir geben das Geld aus welches wir nicht besitzen, unsere Religion besagt dass wir ausziehen und alles verpulvern, so ist Einkaufen jeden Sonntag in einem Einkaufszentrum.
Na ja, wir haben zwar keine Shopping Malls, diese riesigen Einkaufszentren, wie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und die hiesigen Öffnungszeiten sind dank Kirche, Politik und Gewerkschaften auch sehr beschränkt, aber trotzdem schaffen wir es unser Geld innerhalb diesen kurzen und starren Öffnungszeiten, aber auch dank Online-Shopping und Katalogbestellung zu verpulvern. Es ist wahnsinnig was sich in der Adventszeit jeden Samstag in den Geschäften und in der Innenstadt abspielt. Man kann sich nicht frei bewegen, man kann nicht mehr atmen und man kann froh sein wenn man es unbeschadet und unfallfrei nach Haus schafft.
Es ist schon traurig zu sehen wie die Gesellschaft funktioniert, wie abhängig die Leute vom „Zahltag“ sind und wie unverantwortlich mit dem Geld umgegangen wird. Wirtschaften kann so ziemlich keiner mehr. Es ist ein ständiges auf und ab. Als ob man die Kurve des Börsenindex’ vor sich hätte oder eine Tabelle mit einer Welle drin. Zweimal im Monat ist Zahltag, wobei die Meisten ihr Gehalt am ende des Monats beziehen und nicht am 15. Kurz davor ist es sehr ruhig und wenn dann die Lohntüte voll ist winkt jeder mit großen Scheinen und uns geht das Wechselgeld aus.
Saki, ein enger Freund, ein Verschwörungstheoretiker, meint dass sich der American Way of Life schleichend bei uns eingenistet hat, praktisch durch die Hintertür und wir haben den Ernst der Lage noch nicht realisiert. Ändern können wir nicht viel, denn es ist zu spät. Wir haben über Jahrzehnte alles Amerikanische aufgesaugt und zugelassen, so dass wir nicht mehr auf dem rechten Weg finden werden. Die Amerikanisierung fängt bei banalen Sachen an, wie Essen und Trinken. Das Restaurant mit dem goldenen M, Kaffeetrinker auf der Straße mit albernen Pappbecher in der Hand die wie Schnabeltassen aussehen, hirnlose Filme in denen es vor Weltverbesserern und Weltrettern nur so wimmelt, riesengroße Popcorn- und Colaportionen im Kino, Tiefkühlprodukte im Supermarkt und der Einzug der Kreditkarten mit denen wir alles auf Pump kaufen können. Er sieht einen klaren Gewinner: die Banken! Die sich an unserer Verschwendungssucht und an den völlig überhöhten Überziehungszinsen eine goldene Nase verdienen.
Eines Abends führten wir wieder mal eine hitzige Diskussion darüber wie es dazu kommen konnte und ob es doch noch einen Ausweg aus diesem Dilemma gäbe, als Saki, vom Alkohol, wie wir alle, ziemlich bedudelt, aufstand und die Bar schreiend ketzerisch mit erhobenen Finger und mit folgenden Worten verlies:
»Es ist zu spät! Wir sind verdammt! Wir landen alle in der Hölle, jeder in seiner eigenen ganz privaten, vom Teufel persönlich eingerichteten Hölle! WIR sind der Teufel, nicht irgendeine in hautengen roten Leder angezogene Kreatur!«
Wie es der Zufall so will, bekam ich tags darauf Post von meiner Bank. »Herr Kapitalas«, stand dort, »als langjährigen und treuen Kunden möchten wir Ihnen folgendes Angebot vorschlagen: Ihr Dispo wird automatisch von 2500 Euro auf 5000 Euro für die Dauer von drei Monaten gesetzt. Wenn Sie entweder davon nicht Gebrauch machen oder dieses unglaubliche Angebot ausschlagen möchten, informieren Sie uns bitte telefonisch oder kommen bei uns vorbei und wir setzen Ihr Dispo wieder auf 2500 Euro zurück.« An dem Tag stattete ich dieser Bank einen Besuch ab und löste mein Konto und das Depot auf und gab sämtliche Kredit- und EC-Karten zurück.
Saki war stolz auf mich als ich ihm davon erzählte. Natürlich folgte einer seiner Vorträge über Verschwendungssucht, Amerikanisierung, Unverantwortung und was wir alle für ein schlechtes Beispiel für unsere Kinder seien. Seinen Monolog schloss er mit den Worten und den Wunsch dass Jeder mir das nachmachen und seine Kreditkarten zurückgeben sollte.
Der Januar ist traditionell der Hungermonat, denn außer einer Messe die etwas Geld in die Kasse spült ist nichts los. Am besten man steigt in den Flieger und verbringt ein paar ruhige und sonnige Wochen ganz weit weg und kommt erst im Februar wieder zurück.
Die Situation wird von der Spider Murphy Gang im Lied Skandal im Sperrbezirk mit folgendem Satz beschrieben: »Die Nutten stehen sich die Füße platt!« Leider nicht nur die, sondern auch Taxler, Bedienungen und Kaufhausangestellte. Erst zum Februar hin, dank Messen, schlechtem Wetter, Fasching und überstandener Durststrecke der Leute, beginnt das Geschäft wieder zu laufen.

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