Die
Zeit vor und an Weihnachten ist, neben der Wiesn und Silvester, die wildeste. Wenn
das Wetter auch noch winterlich, mit reichlich Schnee und Kälte ist, ist es
umso wilder. Nachdem der ganze Wiesn Trubel verflogen ist, ist es erstmal
ruhig, aber dann jagt eine Messe die andere und kaum hat man sich versehen ist
es schon Adventszeit. Das ist die Zeit der betrieblichen Weihnachtsfeiern, der
Glühweinleichen und der großen Einkäufe. Eine durchaus hektische Zeit bevor das
große Katzenjammer im Januar anfängt. Erst da beginnt die staade, die ruhige
Zeit. Die Leute haben kein Geld mehr, haben alles für Geschenke, Böller und Skiurlaub
verpulvert und drehen jeden Penny zweimal um.
Shania
Twain beschreibt die Situation im Lied Ka-ching
vorzüglich. Sie singt darüber wie wir in einer gierigen Welt leben die jedem
Kind beibringt dass man so viel wie möglich verdienen soll wie man kann und
dann sich einfach umdreht und das Geld wie verrückt ausgibt. Wir haben uns ein
Kreditkartenchaos kreiert, wir geben das Geld aus welches wir nicht besitzen,
unsere Religion besagt dass wir ausziehen und alles verpulvern, so ist Einkaufen
jeden Sonntag in einem Einkaufszentrum.
Na ja,
wir haben zwar keine Shopping Malls, diese riesigen Einkaufszentren, wie im
Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und die hiesigen Öffnungszeiten sind dank
Kirche, Politik und Gewerkschaften auch sehr beschränkt, aber trotzdem schaffen
wir es unser Geld innerhalb diesen kurzen und starren Öffnungszeiten, aber auch
dank Online-Shopping und Katalogbestellung zu verpulvern. Es ist wahnsinnig
was sich in der Adventszeit jeden Samstag in den Geschäften und in der
Innenstadt abspielt. Man kann sich nicht frei bewegen, man kann nicht mehr
atmen und man kann froh sein wenn man es unbeschadet und unfallfrei nach Haus
schafft.
Es ist
schon traurig zu sehen wie die Gesellschaft funktioniert, wie abhängig die Leute
vom „Zahltag“ sind und wie unverantwortlich mit dem Geld umgegangen wird. Wirtschaften
kann so ziemlich keiner mehr. Es ist ein ständiges auf und ab. Als ob man die
Kurve des Börsenindex’ vor sich hätte oder eine Tabelle mit einer Welle drin.
Zweimal im Monat ist Zahltag, wobei die Meisten ihr Gehalt am ende des Monats
beziehen und nicht am 15. Kurz davor ist es sehr ruhig und wenn dann die
Lohntüte voll ist winkt jeder mit großen Scheinen und uns geht das Wechselgeld
aus.
Saki,
ein enger Freund, ein Verschwörungstheoretiker, meint dass sich der American Way of Life schleichend bei uns
eingenistet hat, praktisch durch die Hintertür und wir haben den Ernst der Lage
noch nicht realisiert. Ändern können wir nicht viel, denn es ist zu spät. Wir
haben über Jahrzehnte alles Amerikanische aufgesaugt und zugelassen, so dass
wir nicht mehr auf dem rechten Weg finden werden. Die Amerikanisierung fängt
bei banalen Sachen an, wie Essen und Trinken. Das Restaurant mit dem goldenen M, Kaffeetrinker auf der Straße mit albernen
Pappbecher in der Hand die wie Schnabeltassen aussehen, hirnlose Filme in denen
es vor Weltverbesserern und Weltrettern nur so wimmelt, riesengroße Popcorn-
und Colaportionen im Kino, Tiefkühlprodukte im Supermarkt und der Einzug der Kreditkarten
mit denen wir alles auf Pump kaufen können. Er sieht einen klaren Gewinner: die
Banken! Die sich an unserer Verschwendungssucht und an den völlig überhöhten
Überziehungszinsen eine goldene Nase verdienen.
Eines
Abends führten wir wieder mal eine hitzige Diskussion darüber wie es dazu
kommen konnte und ob es doch noch einen Ausweg aus diesem Dilemma gäbe, als
Saki, vom Alkohol, wie wir alle, ziemlich bedudelt, aufstand und die Bar
schreiend ketzerisch mit erhobenen Finger und mit folgenden Worten verlies:
»Es ist
zu spät! Wir sind verdammt! Wir landen alle in der Hölle, jeder in seiner
eigenen ganz privaten, vom Teufel persönlich eingerichteten Hölle! WIR sind der
Teufel, nicht irgendeine in hautengen roten Leder angezogene Kreatur!«
Wie es
der Zufall so will, bekam ich tags darauf Post von meiner Bank. »Herr Kapitalas«,
stand dort, »als langjährigen und treuen Kunden möchten wir Ihnen folgendes
Angebot vorschlagen: Ihr Dispo wird automatisch von 2500 Euro auf 5000 Euro für
die Dauer von drei Monaten gesetzt. Wenn Sie entweder davon nicht Gebrauch
machen oder dieses unglaubliche Angebot ausschlagen möchten, informieren Sie
uns bitte telefonisch oder kommen bei uns vorbei und wir setzen Ihr Dispo
wieder auf 2500 Euro zurück.« An dem Tag stattete ich dieser Bank einen Besuch
ab und löste mein Konto und das Depot auf und gab sämtliche Kredit- und
EC-Karten zurück.
Saki
war stolz auf mich als ich ihm davon erzählte. Natürlich folgte einer seiner
Vorträge über Verschwendungssucht, Amerikanisierung, Unverantwortung und was
wir alle für ein schlechtes Beispiel für unsere Kinder seien. Seinen Monolog
schloss er mit den Worten und den Wunsch dass Jeder mir das nachmachen und seine
Kreditkarten zurückgeben sollte.
Der
Januar ist traditionell der Hungermonat, denn außer einer Messe die etwas Geld
in die Kasse spült ist nichts los. Am besten man steigt in den Flieger und
verbringt ein paar ruhige und sonnige Wochen ganz weit weg und kommt erst im
Februar wieder zurück.
Die
Situation wird von der Spider Murphy Gang
im Lied Skandal im Sperrbezirk mit
folgendem Satz beschrieben: »Die Nutten stehen sich die Füße platt!« Leider
nicht nur die, sondern auch Taxler, Bedienungen und Kaufhausangestellte. Erst
zum Februar hin, dank Messen, schlechtem Wetter, Fasching und überstandener Durststrecke
der Leute, beginnt das Geschäft wieder zu laufen.
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