Sonntag, 13. April 2014

Teil 9



Ein Hupen und ein lautes »Fahr weiter Kollege!« wecken mich aus meinen Träumen und Gedanken und so fahr ich die paar Meter vor zum Ersten in der Schlange.
Die allerersten in der Schlange sind ein Pärchen mitte Dreißig. Der Mann ist im schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd, schwarzen Schuhen und roter Krawatte gekleidet und die Frau mit einem kurzen schwarzem Rock der bis knapp über die Knie geht, hohen schwarzen Stiefeln, weißer Bluse mit sehr tiefen Ausschnitt und einer schwarzen Jacke. Beide steigen hinten ein. Ich wundere mich ein wenig, dass sie gar nicht winterlich gekleidet sind, da sagt schon der Mann wohin sie möchten. »Zum Sendlinger Tor Platz, bitte!« Innerlich fängt es jetzt langsam an zu nerven (Mist verdammter! Verflucht! Himmi Herrgott Sakrament! Zefix Hallelujah!), weil das wieder keine längere Fahrt ist und ich wieder zum Bahnhof zurückfahren werde. Aber dann fügt der Mann hinzu, dass es noch weitergehen wird (jaja, rüber zur Kirche wahrscheinlich!). Da bin ich echt gespannt!
Ich fahre los, geradeaus über die Kreuzung in die Goethestraße richtung Schwanthaler. Die beiden sitzen ruhig da, schauen aus dem Fenster und sagen kein Wort. Währenddessen schreit sich der Zentralist die Seele aus dem Leib weil er die Aufträge nicht rauskriegt.
»Deisenhofener!«
Keiner meldet sich.
»Ostfriedhof!«
Wieder keiner.
»Giesinger Bahnhof!«
Auch keiner.
»Für Herzogstand!«
»1536 in der Perlacher!«
»1536 Herzogstand 24, Opfer - Martinikus.«
»24, wia hoast der?«
»Doppelname: Opfer – Martinikus. Wahrscheinlich eine Stiftung oder Religionsgemeinschaft oder was ähnliches.«
»Opfer – Martinikus, Danke!«
»Limes! Für Limes!«
»Pasinger Bahnhof, Pasinger Maria! Des is a Schmarrn! Am Pasinger Bahnhof stänga die Leit’! Fahrt da jemand hi?«
»Feilitzsch! Artur Kutscher! Ainmiller! Für Franz!«
(Grosses Rauschen auf dem Kanal, vereinzelt sind Stimmen zu hören).
»2309 in der...«
»3372, in der...«
»111, in der...«
»Wer ist der Inder? Wer ist in der Occam?«
»2309 in der Occam!«
»2309, Franz weiter!«
»Franz weiter!«
»Michaeli! Quidde! Für Heinrich Wieland!«
Wieder Rauschen auf dem Kanal.
»2547, in der ...«
»02, in der …«
»1365, ende ...«
»Wer ist am Ende? Wer ist am Ende?«
»1365, ende Bad Schachener!«
»1365 zur Aral!«
»Zur Anal, danke!«
»Für Authari, für Boschi, für Thalkirchen, für PX, für Prinze, Ostbahnhof geht mehrmals! Möchte jemand was haben? Wer nimmt mir was ab? Is denn Heit’ koa freies Taxi unterwegs?«

Als wir am Sendlinger Tor ankommen steigt der Mann aus und verschwindet kurz in einem Haus. Zwei Minuten später kommt er mit deren Wintermänteln zurück und steigt wieder ein. »Muss ich das verstehen?« frage ich. Und bevor der Mann antworten kann sagt die Frau:
»Und jetzt weiter zur Schäftlarnstraße bitte, aber vorher halten wir an der Esso Tankstelle kurz nach der Großmarkthalle an!«
Auf dem Weg dahin unterhalten sich die Beiden und ich bekomme mit wie etwas über eine Kirchenzeremonie am Morgen und über das Abendessen bei den Eltern der Dame später am Abend erwähnt wird. Dann beugt sich der Mann zu mir nach vorne und fängt ein Gespräch mit mir an. Es ist das Übliche. Ob ich Heilig Abend mit der Familie oder Freundin oder sonst wem verbringen werde, wann ich angefangen habe und wie lange ich noch zu arbeiten hätte, usw. Sie sind, wie jeder andere auch, geschockt zu hören, dass es Leute gibt die an Weihnachten freiwillig arbeiten und können es nicht verstehen. Dann folgen Fragen was ich sonst so mache außer Taxifahren, usw. Jetzt kommen wir an der Tankstelle an und sie bitten mich Champagner, Zigaretten und Schokolade einzukaufen. Ich steige aus und gehe zum Tankstellengeschäft, kaufe alles ein und als ich zurück Richtung Auto gehe sehe ich von weiten, dass sich die Beiden innig küssen und dass der tiefe Ausschnitt der Dame noch tiefer geworden ist und deren Hände an nicht jugendfreien Körperpartien sind... Da muss ich schmunzeln und kann mir vorstellen wozu die den Champagner brauchen. Schade nur, dass es zu dieser Jahreszeit keine Erdbeeren gibt. Sicher könnte man welche auf der südlichen Hemisphäre importieren. Ich fühle als ob mich jemand für diesen Gedanken am Hinterkopf schlägt, bleibe stehen und schaue kurz nach oben. Wie in einen Cartoon sehe ich in einer Wolke über mir Saki schweben wie er auf mich schimpft: »Schäm Dich auch nur daran zu denken! Weißt Du nicht wie viel Schadstoffe für so einen Transport in die Luft geblasen werden? Weißt Du nicht was das für die Ozonschicht bedeutet? Und für was das Ganze? Damit sich zwei einen schönen Abend machen?« Recht hat er, mein Kumpel. Meine Gedanken gehen weiter und ich bin etwas beunruhigt. Die Schicht fängt ja gut an! Wenn die Fahrgäste schon mit sowas am Nachmittag anfangen, was wird denn später in der Nacht passieren? Sie bemerken mich und hören auf sich zu küssen und setzen sich ganz schnell wieder gerade hin und lächeln als ich die Fahrertür aufmache und mich reinsetze. Dann fahren wir noch ein paar hundert Meter geradeaus. Kurz nach der Brudermühlstraße sagt der Herr ich soll rechts in eine Einfahrt fahren. Als wir stehen bleiben bezahlt der Herr zuerst die Einkäufe. Der Fahrpreis beträgt 16.70 Euro, er zückt einen Fünfzig-Euro-Schein, sagt vielen Dank, frohe Weihnachten und steigt aus. Ich sehe ihn verblüfft an und sage ihm, dass das viel zu viel sei was er mir gegeben hat, aber die Frau meint es sei so in Ordnung und ich solle mit dem Trinkgeld meine Freundin zum Essen einladen.
Dass ich Single bin und meine Freundin mich vor kurzem verlassen hat glauben sie mir nicht, was aber der Wahrheit entspricht. Die Frau sagt dann scherzhaft ich solle ihr was schenken und versuchen sie zurück zu gewinnen, was unmöglich ist, weil meine Ex in England lebt und es endgültig aus ist zwischen uns. Es besteht keine Hoffnung auf einen Fortgang der Beziehung. Leider!
Ich schenke ihnen noch zwei Flaschen Bier und weg sind sie, im Schneegestöber unsichtbar geworden.

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