Ein Hupen und ein lautes »Fahr weiter Kollege!«
wecken mich aus meinen Träumen und Gedanken und so fahr ich die paar Meter vor
zum Ersten in der Schlange.
Die allerersten in der Schlange
sind ein Pärchen mitte Dreißig. Der Mann ist im schwarzen Anzug mit schwarzem
Hemd, schwarzen Schuhen und roter Krawatte gekleidet und die Frau mit einem
kurzen schwarzem Rock der bis knapp über die Knie geht, hohen schwarzen Stiefeln,
weißer Bluse mit sehr tiefen Ausschnitt und einer schwarzen Jacke. Beide
steigen hinten ein. Ich wundere mich ein wenig, dass sie gar nicht winterlich
gekleidet sind, da sagt schon der Mann wohin sie möchten. »Zum Sendlinger Tor Platz, bitte!« Innerlich fängt es jetzt langsam an zu nerven
(Mist verdammter! Verflucht! Himmi Herrgott Sakrament! Zefix Hallelujah!), weil
das wieder keine längere Fahrt ist und ich wieder zum Bahnhof zurückfahren
werde. Aber dann fügt der Mann hinzu, dass es noch weitergehen wird (jaja,
rüber zur Kirche wahrscheinlich!). Da bin ich echt gespannt!
Ich fahre los, geradeaus über die
Kreuzung in die Goethestraße richtung Schwanthaler. Die beiden sitzen ruhig da,
schauen aus dem Fenster und sagen kein Wort. Währenddessen schreit sich der
Zentralist die Seele aus dem Leib weil er die Aufträge nicht rauskriegt.
»Deisenhofener!«
Keiner meldet sich.
»Ostfriedhof!«
Wieder keiner.
»Giesinger
Bahnhof!«
Auch keiner.
»Für
Herzogstand!«
»1536
in der Perlacher!«
»1536
Herzogstand 24, Opfer - Martinikus.«
»24,
wia hoast der?«
»Doppelname:
Opfer – Martinikus. Wahrscheinlich eine Stiftung oder Religionsgemeinschaft
oder was ähnliches.«
»Opfer
– Martinikus, Danke!«
»Limes!
Für Limes!«
»Pasinger
Bahnhof, Pasinger Maria! Des is a Schmarrn! Am Pasinger Bahnhof stänga die
Leit’! Fahrt da jemand hi?«
»Feilitzsch!
Artur Kutscher! Ainmiller! Für Franz!«
(Grosses Rauschen auf dem Kanal,
vereinzelt sind Stimmen zu hören).
»2309
in der...«
»3372,
in der...«
»111,
in der...«
»Wer
ist der Inder? Wer ist in der Occam?«
»2309
in der Occam!«
»2309,
Franz weiter!«
»Franz
weiter!«
»Michaeli!
Quidde! Für Heinrich Wieland!«
Wieder Rauschen auf dem Kanal.
»2547,
in der ...«
»02,
in der …«
»1365,
ende ...«
»Wer
ist am Ende? Wer ist am Ende?«
»1365,
ende Bad Schachener!«
»1365
zur Aral!«
»Zur
Anal, danke!«
»Für
Authari, für Boschi, für Thalkirchen, für PX, für Prinze, Ostbahnhof geht
mehrmals! Möchte jemand was haben? Wer nimmt mir was ab? Is denn Heit’ koa
freies Taxi unterwegs?«
Als wir am Sendlinger Tor
ankommen steigt der Mann aus und verschwindet kurz in einem Haus. Zwei Minuten
später kommt er mit deren Wintermänteln zurück und steigt wieder ein. »Muss ich das verstehen?«
frage ich. Und bevor der Mann antworten kann sagt die Frau:
»Und
jetzt weiter zur Schäftlarnstraße bitte, aber vorher halten wir an der Esso
Tankstelle kurz nach der Großmarkthalle an!«
Auf dem Weg dahin unterhalten
sich die Beiden und ich bekomme mit wie etwas über eine Kirchenzeremonie am
Morgen und über das Abendessen bei den Eltern der Dame später am Abend erwähnt
wird. Dann beugt sich der Mann zu mir nach vorne und fängt ein Gespräch mit mir
an. Es ist das Übliche. Ob ich Heilig Abend mit der Familie oder Freundin oder sonst
wem verbringen werde, wann ich angefangen habe und wie lange ich noch zu
arbeiten hätte, usw. Sie sind, wie jeder andere auch, geschockt zu hören, dass
es Leute gibt die an Weihnachten freiwillig arbeiten und können es nicht
verstehen. Dann folgen Fragen was ich sonst so mache außer Taxifahren, usw. Jetzt
kommen wir an der Tankstelle an und sie bitten mich Champagner, Zigaretten und
Schokolade einzukaufen. Ich steige aus und gehe zum Tankstellengeschäft, kaufe
alles ein und als ich zurück Richtung Auto gehe sehe ich von weiten, dass sich
die Beiden innig küssen und dass der tiefe Ausschnitt der Dame noch tiefer
geworden ist und deren Hände an nicht jugendfreien Körperpartien sind... Da muss
ich schmunzeln und kann mir vorstellen wozu die den Champagner brauchen. Schade
nur, dass es zu dieser Jahreszeit keine Erdbeeren gibt. Sicher könnte man
welche auf der südlichen Hemisphäre importieren. Ich fühle als ob mich jemand
für diesen Gedanken am Hinterkopf schlägt, bleibe stehen und schaue kurz nach
oben. Wie in einen Cartoon sehe ich in einer Wolke über mir Saki schweben wie
er auf mich schimpft: »Schäm Dich auch nur daran zu denken! Weißt Du nicht wie
viel Schadstoffe für so einen Transport in die Luft geblasen werden? Weißt Du
nicht was das für die Ozonschicht bedeutet? Und für was das Ganze? Damit sich
zwei einen schönen Abend machen?« Recht hat er, mein Kumpel. Meine Gedanken gehen
weiter und ich bin etwas beunruhigt. Die Schicht fängt ja gut an! Wenn die
Fahrgäste schon mit sowas am Nachmittag anfangen, was wird denn später in der
Nacht passieren? Sie bemerken mich und hören auf sich zu küssen und setzen sich
ganz schnell wieder gerade hin und lächeln als ich die Fahrertür aufmache und
mich reinsetze. Dann fahren wir noch ein paar hundert Meter geradeaus. Kurz
nach der Brudermühlstraße sagt der Herr ich soll rechts in eine Einfahrt
fahren. Als wir stehen bleiben bezahlt der Herr zuerst die Einkäufe. Der
Fahrpreis beträgt 16.70 Euro, er zückt einen Fünfzig-Euro-Schein, sagt vielen
Dank, frohe Weihnachten und steigt aus. Ich sehe ihn verblüfft an und sage ihm,
dass das viel zu viel sei was er mir gegeben hat, aber die Frau meint es sei so
in Ordnung und ich solle mit dem Trinkgeld meine Freundin zum Essen einladen.
Dass ich Single bin und meine
Freundin mich vor kurzem verlassen hat glauben sie mir nicht, was aber der
Wahrheit entspricht. Die Frau sagt dann scherzhaft ich solle ihr was schenken
und versuchen sie zurück zu gewinnen, was unmöglich ist, weil meine Ex in
England lebt und es endgültig aus ist zwischen uns. Es besteht keine Hoffnung
auf einen Fortgang der Beziehung. Leider!
Ich schenke ihnen noch zwei
Flaschen Bier und weg sind sie, im Schneegestöber unsichtbar geworden.
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