Montag, 14. April 2014

Teil 32



Am Ende der Straße biege ich rechts ab, fahre durch die Mainzer, dann geht’s links in die Rhein, über die Leopold und durch die Potsdamer. An der Kreuzung zur Dietlinden ist die Ampel rot und zwingt mich zum stehenbleiben. Ich schaue schräg nach rechts rüber zum Tankstellengelände und sehe dass dort eine Menge Taxen stehen. Kein Wunder dass es überall so zugeht, wenn die Kollegen hier versammelt sind und Pause machen. Die Ampel schaltet auf Grün und ich fahre über die Kreuzung und sofort rechts aufs Gelände. Wo zum Teufel soll ich jetzt parken? Die Plätze vorm Laden sind mit Taxen zugeparkt, sogar auf den Behindertenparkplatz steht ein Kollege. An den Säulen und an der Hauswand entlang stehen auch welche. Ich stelle meinen Benz gleich rechts neben dem Busch. Steige aus und trete mit meinen Edel-Italotreter in den Schneehaufen. So ein Mist! Schließe ab und gehe in den Laden hinein. Tatsächlich sitzen hier die üblichen Verdächtigen. All die Kollegen die man Nacht für Nacht hier trifft sind auch heute da. Habe erwartet dass ich hier welche antreffe, die Singles und die  Geschiedenen, aber dass Familienväter auch hier sind wundert mich sehr. Beatrice ist nicht da. Wieso eigentlich? Sie ist immer um diese Uhrzeit hier. Vielleicht kommt sie noch. Ich gehe zu Didi um ihn was über PCs zu fragen. Er ist über 60, steht kurz vor der Pensionierung und kennt sich mit Computern besser aus als jeder Jugendliche. Didi ist dürr, klein, fast kein Haar auf dem Haupt, ist quicklebendig und sehr fit – geistig und körperlich, läuft das ganze Jahr über, auch im Winter, mit Birkenstocksandalen durch die Gegend, außer es schneit so wild wie heute dann trägt er Schuhe, schwärmt für Griechenland und möchte wenn er mal in Rente geht, einen Wohnwagen kaufen und dorthin ziehen. Den Wohnwagen irgendwo hinstellen und ein schönes Leben führen. Er hat in seinem Leben den gesamten Balkan bereist und kennt sich dort bestens aus. Mir hat er mal zu einer Mopedtour die Dalmatinische Küste runter geraten, anstatt wie immer zum Achen- Walchen- Schlier – Tegern- und Kochelsee zu fahren. Er meinte, wenn man schon auf Tour geht, dann sollte man eine richtig gescheite machen und kein Kinderkram (mittags raus – abends zurück, dazwischen irgendwo einkehren um ein Schnitzel zu verdrücken) wie ich und Harry es tun. Gute Idee. Er kann mir auch mit meinem Softwareproblem helfen. Gut dass es Didi gibt! So spart man sich viel Ärger und Frust und muss nicht irgendwelche Hotlines anrufen und mit einem Nichtsnutz endlos reden der einen auch nicht weiterhelfen kann, einen aber jede Telefonsekunde um einige Euro ärmer macht.
Ich gehe nach links zum Kühlschrank und nehme mir daraus eine Flasche Cola. Dann gehe ich zur rothaarigen Regina an der Kasse, auch so eine Kreatur der Nacht wie wir alle, und bestelle mir eine Brez’n, eine Schachtel Zigaretten und zwei Leberkässemmeln mit mittelscharfem Senf. Nach dem Zahlen gehe ich rüber zur Theke am Fenster, setze mich auf einen der Hocker neben Ernstl, Manfred und Didi und höre denen beim Quatschen zu. Ich habe irgendwie keine Lust zum reden und widme mich den Leberkässemmeln zu, die erstaunlich gut schmecken.
Ich spüre wie über mir eine Blase aufgeht aus der Saki runter guckt, seinen Zeigefinger mahnend und tadelnd hebt und grantelt: Schau was aus unserer Gesellschaft geworden ist! Keine Zeit mehr was Richtiges zwischen die Zähne zu bekommen, sondern nur Fastfood! Auch wenn eine Leberkässemmel kein Burger ist, ist sie eine Art Fastfood lokaler Küche. Schmeckt gut, füllt den Magen, ist kalorienreich und ungesund. Wo driftet unser Land, unsere Gesellschaft hin? Wenn wir so weiter machen, werden wir alle an irgendwelche Krankheiten, Fettleibigkeit, erhöhten Blutzuckerspiegel und Cholesterinwerten, Allergien usw. sterben. Wir werden von Arzt zu Arzt geschickt und werden uns mit Medikamenten vollpumpen und ein armseliges aber langes Leben führen bis wir mal qualvoll krepieren!
Dass Saki ein beleibter Mensch ist der gerne mal eine Leberkässemmel verdrückt zählt nicht. »Es ist alles Bio was ich esse« sagt er.
Klar Saki! Hätte meine Oma Räder, wäre sie ein Skateboard.
Ich schaue raus aufs Gelände dem Schneetreiben zu und meine Gedanken wandern mal wieder ins weite Unbekannte. Die letzten paar Tage bin ich nicht ganz da, körperlich anwesend, geistig abwesend. Aus dem Radio ertönt Michael Jacksons „Thriller“.
               
“It’s close to midnight and something evil’s lurking in the dark
Under the moonlight you see a sight that almost stops your heart
…..
You’re fighting for your life inside a killer, thriller tonight

Ich habe seit langer Zeit diese Vorstellung, diesen Traum wie wir Kollegen wie Michael Jackson und all die Zombies im Videoclip im Gleichschritt über das Tankstellengelände tanzen und den Leuten Angst machen. Wenn ich mir die Gesichter und die Hautfarbe mancher Kollegen anschaue muss ich feststellen, dass es keinen großen Unterschied zu den Zombies gibt. Ob jetzt Untote oder Halbtote und Scheintote übers Tankstellengelände rhythmisch zur Musik hüpfen ist eigentlich egal. Der Effekt wird der gleiche sein. Dass die Leute nicht erschrecken wenn sie bei den Kollegen ins Taxi einsteigen wundert mich immer wieder. Obwohl, einmal ist eine Frau aus einem Taxi ausgestiegen, und das nach der ersten Kurve schon, und kam laufend zu mir an den Stand. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Bei dem Kollegen kann ich es sogar verstehen. Er fährt einen alten klapprigen Passat, schaut selbst genau so schäbig aus wie sein Auto, redet kein Wort, bewegt sich ganz langsam, am Stand liest er keine Zeitung, er funkt nicht, er hört keine Musik und schaut immer nur geradeaus. Er schaltet auch nie die Innenbeleuchtung an. Eine richtige Kreatur der Nacht. Bizarr! Der sollte jetzt hier sein um zu MJs Klängen zu tanzen!

“You hear the door slam and realize there’s nowhere left to run
You feel the cold hand and wonder if you’ll ever see the sun

Und zwo, drei, vier…

Night creatures call
And the dead start to walk in their masquerade
…..
This is the end of your life”

Und rechts herum im Gleichschritt, zwo, drei, vier…

“Darkness falls across the land
The midnight hour is close at hand
…..
The evil of the thriller

Dieses Lied passt zu uns, den Gestallten, den Kreaturen der Nacht, sehr gut. Wir schlafen den ganzen Tag, trauen uns erst raus wenn die Sonne untergeht, und ehe es Hell wird sind wir wieder zu hause im Bett. Und das Tag für Tag, Nacht für Nacht. Mit dem normalen Leben können wir nichts anfangen, es ist uns zu hektisch und überfordert uns. Wir orientieren uns an Lichtern und finden so den Weg durch die Stadt, tagsüber sieht alles anders aus und wir verfahren uns leicht oder finden uns schwerer zurecht. Tagsüber muss man auf Grund des Verkehrs auch anders fahren. Man muss immer überlegen welche Uhrzeit es ist und dementsprechend fahren um nicht im Stau stecken zu bleiben. Nachts ist es egal wie man fährt, sämtliche Straßen sind leer und man kommt überall schnell durch.
Letztes Jahr war ich längere Zeit im Winter in der Stadt und bin jede Nacht Taxi gefahren. Ein paar Tage bevor ich wieder wegfahren und zur Uni zurückkehren musste, stand ich früher auf weil ich nicht schlafen konnte und außerdem ein paar Sachen kaufen wollte. So gegen elf Uhr Vormittags ging ich begleitet von meiner Mutter aus dem Haus. Draußen schien die pralle Sonne sodass ich als allererstes meine dunkle Sonnenbrille aufsetzte ehe ich einen Schritt auf die Straße wagte. Meine Mutter sah mich an und meinte nur: Bist Du schon zum Vampir, zum Blutsauger mutiert? Ich ging zur U-Bahn und wusste nicht welches Ticket ich lösen sollte, wusste nicht welche Linie ich nehmen sollte, stieg auch prompt in die Falsche ein und merkte es ein paar Stationen weiter. Beim Umsteigen machte ich wieder alles falsch. Als ich am Stachus ausstieg hatte ich das Gefühl von den Massen erdrückt, überrumpelt und zur Seite gedrängt zu werden. Als ich dann sehr langsam durch die Fußgängerzone schlenderte, so in etwa wie die Italiener abends oder Sonntags über den Corso schlendern und sich benehmen als befänden sie sich auf einem Laufsteg, genau in diesem Tempo ging ich auch. Ich sah mir all die Gebäude an, blieb sogar stehen um zu staunen und ging ein paar Meter weiter um wieder stehen zu bleiben. Ich fühlte mich wie ein Tourist an einen fremden Ort oder auch wie ein Blinder der die Sehkraft erlangte und nun sich im wirklichen Leben zurechtfinden müsste. Ich ging durch die Kaufhäuser, diese Tempel des Konsums und war vom Überangebot erschlagen. Wie ein kleines Kind im Schlaraffenland fühlte ich mich und wusste nicht mehr was ich kaufen wollte. Ich ging noch eine Weile spazieren und nutzte den Tag und das Sonnenlicht um mir die Stadt anzusehen. Es dauerte aber nicht lange und ich wurde müde. Alles viel zu anstrengend. Zu viel Action wie Harry sagt. Ich ging zum nächsten Taxistand und ließ mich nach hause kutschieren. Zu hause angekommen legte ich mich erstmal hin um zu mir zu kommen und als ich einigermaßen fit war bestellte ich mir, wie üblich alles übers Internet.
»Gnade uns Gott wenn es so weiter schneit« höre ich Didi sagen und werde von meinen Träumen zurückgeholt.
»Was?« frage ich ihm.                                                         
»Gnade uns Herrgott« wiederholt Didi.
»Wird eine anstrengende Nacht« sage ich meinen Müll packend und zum Abfalleimer gehend. »Als wären die Fahrgäste nicht anstrengend genug, ist auch das Wetter gegen uns« fahre ich fort während ich zu Tür gehe und den Laden verlasse. Beatrice ist immer noch nicht da. Komisch, denn normalerweise treffen wir uns hier um die Uhrzeit. Vielleicht hat sie eine längere Fahrt oder befindet sich am anderen Ende der Stadt. Ich habe sie auch nicht funken gehört. Dass sie heute zu hause geblieben sein könnte, ist unwahrscheinlich. So eine Nacht lässt sie sich nicht entgehen. 

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