Am Ende
der Straße biege ich rechts ab, fahre durch die Mainzer, dann geht’s links in
die Rhein, über die Leopold und durch die Potsdamer. An der Kreuzung zur
Dietlinden ist die Ampel rot und zwingt mich zum stehenbleiben. Ich schaue
schräg nach rechts rüber zum Tankstellengelände und sehe dass dort eine Menge
Taxen stehen. Kein Wunder dass es überall so zugeht, wenn die Kollegen hier
versammelt sind und Pause machen. Die Ampel schaltet auf Grün und ich fahre
über die Kreuzung und sofort rechts aufs Gelände. Wo zum Teufel soll ich jetzt
parken? Die Plätze vorm Laden sind mit Taxen zugeparkt, sogar auf den Behindertenparkplatz
steht ein Kollege. An den Säulen und an der Hauswand entlang stehen auch
welche. Ich stelle meinen Benz gleich rechts neben dem Busch. Steige aus und
trete mit meinen Edel-Italotreter in den Schneehaufen. So ein Mist! Schließe ab
und gehe in den Laden hinein. Tatsächlich sitzen hier die üblichen
Verdächtigen. All die Kollegen die man Nacht für Nacht hier trifft sind auch
heute da. Habe erwartet dass ich hier welche antreffe, die Singles und die Geschiedenen, aber dass Familienväter auch hier
sind wundert mich sehr. Beatrice ist nicht da. Wieso eigentlich? Sie ist immer
um diese Uhrzeit hier. Vielleicht kommt sie noch. Ich gehe zu Didi um ihn was
über PCs zu fragen. Er ist über 60, steht kurz vor der Pensionierung und kennt
sich mit Computern besser aus als jeder Jugendliche. Didi ist dürr, klein, fast
kein Haar auf dem Haupt, ist quicklebendig und sehr fit – geistig und
körperlich, läuft das ganze Jahr über, auch im Winter, mit Birkenstocksandalen
durch die Gegend, außer es schneit so wild wie heute dann trägt er Schuhe,
schwärmt für Griechenland und möchte wenn er mal in Rente geht, einen Wohnwagen
kaufen und dorthin ziehen. Den Wohnwagen irgendwo hinstellen und ein schönes Leben
führen. Er hat in seinem Leben den gesamten Balkan bereist und kennt sich dort
bestens aus. Mir hat er mal zu einer Mopedtour die Dalmatinische Küste runter geraten,
anstatt wie immer zum Achen- Walchen- Schlier – Tegern- und Kochelsee zu fahren.
Er meinte, wenn man schon auf Tour geht, dann sollte man eine richtig gescheite
machen und kein Kinderkram (mittags raus – abends zurück, dazwischen irgendwo
einkehren um ein Schnitzel zu verdrücken) wie ich und Harry es tun. Gute Idee.
Er kann mir auch mit meinem Softwareproblem helfen. Gut dass es Didi gibt! So
spart man sich viel Ärger und Frust und muss nicht irgendwelche Hotlines
anrufen und mit einem Nichtsnutz endlos reden der einen auch nicht weiterhelfen
kann, einen aber jede Telefonsekunde um einige Euro ärmer macht.
Ich
gehe nach links zum Kühlschrank und nehme mir daraus eine Flasche Cola. Dann
gehe ich zur rothaarigen Regina an der Kasse, auch so eine Kreatur der Nacht
wie wir alle, und bestelle mir eine Brez’n, eine Schachtel Zigaretten und zwei
Leberkässemmeln mit mittelscharfem Senf. Nach dem Zahlen gehe ich rüber zur
Theke am Fenster, setze mich auf einen der Hocker neben Ernstl, Manfred und
Didi und höre denen beim Quatschen zu. Ich habe irgendwie keine Lust zum reden
und widme mich den Leberkässemmeln zu, die erstaunlich gut schmecken.
Ich
spüre wie über mir eine Blase aufgeht aus der Saki runter guckt, seinen
Zeigefinger mahnend und tadelnd hebt und grantelt: Schau was aus unserer
Gesellschaft geworden ist! Keine Zeit mehr was Richtiges zwischen die Zähne zu
bekommen, sondern nur Fastfood! Auch wenn eine Leberkässemmel kein Burger ist,
ist sie eine Art Fastfood lokaler Küche. Schmeckt gut, füllt den Magen, ist
kalorienreich und ungesund. Wo driftet unser Land, unsere Gesellschaft hin?
Wenn wir so weiter machen, werden wir alle an irgendwelche Krankheiten,
Fettleibigkeit, erhöhten Blutzuckerspiegel und Cholesterinwerten, Allergien
usw. sterben. Wir werden von Arzt zu Arzt geschickt und werden uns mit Medikamenten
vollpumpen und ein armseliges aber langes Leben führen bis wir mal qualvoll
krepieren!
Dass
Saki ein beleibter Mensch ist der gerne mal eine Leberkässemmel verdrückt zählt
nicht. »Es ist alles Bio was ich esse« sagt er.
Klar
Saki! Hätte meine Oma Räder, wäre sie ein Skateboard.
Ich
schaue raus aufs Gelände dem Schneetreiben zu und meine Gedanken wandern mal
wieder ins weite Unbekannte. Die letzten paar Tage bin ich nicht ganz da,
körperlich anwesend, geistig abwesend. Aus dem Radio ertönt Michael Jacksons
„Thriller“.
“It’s close to midnight and
something evil’s lurking in the dark
Under the moonlight you see a sight that almost stops your heart
…..
You’re fighting for your life inside a killer, thriller tonight”
Under the moonlight you see a sight that almost stops your heart
…..
You’re fighting for your life inside a killer, thriller tonight”
Ich
habe seit langer Zeit diese Vorstellung, diesen Traum wie wir Kollegen wie Michael
Jackson und all die Zombies im Videoclip im Gleichschritt über das
Tankstellengelände tanzen und den Leuten Angst machen. Wenn ich mir die
Gesichter und die Hautfarbe mancher Kollegen anschaue muss ich feststellen,
dass es keinen großen Unterschied zu den Zombies gibt. Ob jetzt Untote oder
Halbtote und Scheintote übers Tankstellengelände rhythmisch zur Musik hüpfen
ist eigentlich egal. Der Effekt wird der gleiche sein. Dass die Leute nicht
erschrecken wenn sie bei den Kollegen ins Taxi einsteigen wundert mich immer
wieder. Obwohl, einmal ist eine Frau aus einem Taxi ausgestiegen, und das nach
der ersten Kurve schon, und kam laufend zu mir an den Stand. Sie bekam es mit
der Angst zu tun. Bei dem Kollegen kann ich es sogar verstehen. Er fährt einen
alten klapprigen Passat, schaut selbst genau so schäbig aus wie sein Auto,
redet kein Wort, bewegt sich ganz langsam, am Stand liest er keine Zeitung, er
funkt nicht, er hört keine Musik und schaut immer nur geradeaus. Er schaltet auch nie die
Innenbeleuchtung an. Eine richtige Kreatur der
Nacht. Bizarr! Der sollte jetzt hier sein um zu MJs Klängen zu tanzen!
“You hear the door slam and
realize there’s nowhere left to run
You feel the cold hand and wonder if you’ll ever see the sun”
You feel the cold hand and wonder if you’ll ever see the sun”
Und zwo, drei, vier…
“Night creatures call
And the dead start to walk in their masquerade
…..
This is the end of your life”
And the dead start to walk in their masquerade
…..
This is the end of your life”
Und rechts
herum im Gleichschritt, zwo, drei, vier…
“Darkness falls across the
land
The midnight hour is close at hand
…..
The evil of the thriller”
The midnight hour is close at hand
…..
The evil of the thriller”
Dieses
Lied passt zu uns, den Gestallten, den Kreaturen der Nacht, sehr gut. Wir
schlafen den ganzen Tag, trauen uns erst raus wenn die Sonne untergeht, und ehe
es Hell wird sind wir wieder zu hause im Bett. Und das Tag für Tag, Nacht für
Nacht. Mit dem normalen Leben können wir nichts anfangen, es ist uns zu
hektisch und überfordert uns. Wir orientieren uns an Lichtern und finden so den
Weg durch die Stadt, tagsüber sieht alles anders aus und wir verfahren uns
leicht oder finden uns schwerer zurecht. Tagsüber muss man auf Grund des
Verkehrs auch anders fahren. Man muss immer überlegen welche Uhrzeit es ist und
dementsprechend fahren um nicht im Stau stecken zu bleiben. Nachts ist es egal
wie man fährt, sämtliche Straßen sind leer und man kommt überall schnell durch.
Letztes
Jahr war ich längere Zeit im Winter in der Stadt und bin jede Nacht Taxi
gefahren. Ein paar Tage bevor ich wieder wegfahren und zur Uni zurückkehren
musste, stand ich früher auf weil ich nicht schlafen konnte und außerdem ein
paar Sachen kaufen wollte. So gegen elf Uhr Vormittags ging ich begleitet von
meiner Mutter aus dem Haus. Draußen schien die pralle Sonne sodass ich als
allererstes meine dunkle Sonnenbrille aufsetzte ehe ich einen Schritt auf die
Straße wagte. Meine Mutter sah mich an und meinte nur: Bist Du schon zum
Vampir, zum Blutsauger mutiert? Ich ging zur U-Bahn und wusste nicht welches
Ticket ich lösen sollte, wusste nicht welche Linie ich nehmen sollte, stieg
auch prompt in die Falsche ein und merkte es ein paar Stationen weiter. Beim
Umsteigen machte ich wieder alles falsch. Als ich am Stachus ausstieg hatte ich
das Gefühl von den Massen erdrückt, überrumpelt und zur Seite gedrängt zu
werden. Als ich dann sehr langsam durch die Fußgängerzone schlenderte, so in
etwa wie die Italiener abends oder Sonntags über den Corso schlendern und sich
benehmen als befänden sie sich auf einem Laufsteg, genau in diesem Tempo ging
ich auch. Ich sah mir all die Gebäude an, blieb sogar stehen um zu staunen und
ging ein paar Meter weiter um wieder stehen zu bleiben. Ich fühlte mich wie ein
Tourist an einen fremden Ort oder auch wie ein Blinder der die Sehkraft
erlangte und nun sich im wirklichen Leben zurechtfinden müsste. Ich ging durch
die Kaufhäuser, diese Tempel des Konsums und war vom Überangebot erschlagen.
Wie ein kleines Kind im Schlaraffenland fühlte ich mich und wusste nicht mehr
was ich kaufen wollte. Ich ging noch eine Weile spazieren und nutzte den Tag
und das Sonnenlicht um mir die Stadt anzusehen. Es dauerte aber nicht lange und
ich wurde müde. Alles viel zu anstrengend. Zu viel Action wie Harry sagt. Ich ging
zum nächsten Taxistand und ließ mich nach hause kutschieren. Zu hause angekommen
legte ich mich erstmal hin um zu mir zu kommen und als ich einigermaßen fit war
bestellte ich mir, wie üblich alles übers Internet.
»Gnade
uns Gott wenn es so weiter schneit« höre ich Didi sagen und werde von meinen
Träumen zurückgeholt.
»Was?«
frage ich ihm.
»Gnade
uns Herrgott« wiederholt Didi.
»Wird
eine anstrengende Nacht« sage ich meinen Müll packend und zum Abfalleimer
gehend. »Als wären die Fahrgäste nicht anstrengend genug, ist auch das Wetter gegen
uns« fahre ich fort während ich zu Tür gehe und den Laden verlasse. Beatrice
ist immer noch nicht da. Komisch, denn normalerweise treffen wir uns hier um
die Uhrzeit. Vielleicht hat sie eine längere Fahrt oder befindet sich am anderen
Ende der Stadt. Ich habe sie auch nicht funken gehört. Dass sie heute zu hause
geblieben sein könnte, ist unwahrscheinlich. So eine Nacht lässt sie sich nicht
entgehen.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen