Es ist
kurz vor 13:30 Uhr, als ich vom Gedudel des Radioweckers geweckt werde und
meine Augen öffne. Die Nachrichten höre ich zwar im Unterbewusstsein und im Halbschlaf,
aber meine Gedanken sind ganz woanders und ich höre nicht richtig zu. Meine
Gedanken schweifen fort, entschweben ab in den Äther, in ferne Welten, in
Gefühle, in gekannte und in mir fremde und konfuse die mir Angst machen. Sie
gehen zurück in Geschehnisse der Vergangenheit, rennen von dort in die
Gegenwart und lassen mich fühlen, deuten an was eventuell die Zukunft bringen
wird. Die Gedanken rennen, rasen ohne stehen zu bleiben, ohne eine Pause
einzulegen, als ob sie sich nicht entscheiden wollen oder können wo und wann
sie stehen bleiben sollen. Sie springen von einem Thema zum Nächsten und mir
wird schwindelig. Nicht bis zu dem Punkt an dem ich ein Aspirin einwerfen
müsste um mich zu beruhigen und um wieder zu Sinnen zu kommen, aber so dass ich
jegliches Gefühl für Zeit und Raum verliere. Der Radiomoderator verliest gerade
den Verkehrsfunk, die neuesten Blitzer und den Wetterbericht. So langsam
normalisiert sich der Verkehr, keine Männchen in Grün, die die aktuelle
Winterkollektion vorführen oder sich hinterm Busch verstecken und arme Bürger
erschrecken. Schnee ist angesagt. Ich starre die Decke an, blinzle langsam,
bewege mich noch nicht und höre dem Radio zu, aber irgendwie bin ich doch ganz
woanders, abwesend, verloren in meinen Gedanken. Bin noch müde von letzter
Nacht. Es war wieder mal eine lange und anstrengende Nacht. Bis um Sieben in
der Früh habe ich gearbeitet und bin kurz vor Acht ins Bett gegangen.
Als ich
immer noch an die Decke starre und an letzte Nacht denke, hört der Moderator
auf zu reden und Last Christmas von
der Gruppe Wham erklingt. Oh ja, es
ist wieder mal soweit. Heute ist Heilig Abend. Die Nacht der Nächte. Es wird
wieder mal eine verdammt lange und anstrengende Nacht werden.
Meine
Gedanken drehen sich noch um letzte Nacht und ich bin immer noch nicht ganz bei
mir. In diesem Moment fühle ich mich wie Hlynur
aus Hallgrímur Helgasons 101 Reykjavík. Bloß dass ich nicht
verkatert, mit einer mir unbekannten Frau an der Seite und mit einem
Beigeschmack von Alkohol und Zigaretten auf der Zunge aufwache (hätte nichts
dagegen so aufzuwachen), sondern total fertig von der Arbeit. Spüre die
Müdigkeit in den Knochen. Ich drehe langsam meine Augen nach links und rechts und
sehe, wie etwas Licht durch den blauen Vorhang hinter mir ins Zimmer fällt. Da
ich ohne meine Kontaktlinsen schlecht sehe, kann ich auch nicht viel erkennen. Das Radiogedudel geht
weiter.
“Last Christmas I gave you my heart,
but the very next day you gave it away,
last Christmas...”.
Weihnachten.
Scheiße! Wieder mal. Verdammt! Ich wende den Kopf nach rechts und blicke auf
die Anzeige des Radioweckers. 13:30 Uhr. In dem Moment verziehen sich meine tausend
Gedanken wie die dunklen Wolken nach einem Sommergewitter und mir wird klar, wo
ich mich befinde.
Damit ich
was sehe, setze ich meine Ersatzbrille auf, die ich sehr ungern trage obwohl es
eine sehr schöne Brille ist und gut zu meinem Gesicht passt, werfe die Bettdecke
zur Seite, setze mich auf die Bettkante, meine Füße schlüpfen nicht automatisch
in Flip-Flops oder in irgendwelche Pantoffeln oder Hausschuhe die sich vorm Bett befinden, denn nach Meinung von Wäis Kiani, Autorin des Buches Stirb Susi
tragen solches Material an ihren Füßen nur Luschen, verweiblichte
Geschlechtsgenossen die entweder auf einem Metrosexuellen Trip sind oder sich
mit ihrer innerlichen Weiblichkeit in Einklang bringen möchten und sonstige
Loser und Muttersöhnchen. Wahre Männer laufen barfuß herum. Oder hat jemand
jemals Clark Gable in Flip-Flops gesehen? Würde auch einen schrecklichen
Anblick geben. Außer man heißt David Beckham, dann ist es egal was man anhat
und auf welchen Trip auch immer man sich befindet. Der Mann sieht immer wie ein
griechischer Sexgott aus. Mein äußerst geschätzter Kumpel Saki ist bei alldem
auch selber Meinung.
Ich
bleibe ein paar Sekunden sitzen, fahre mir mit der Hand durch die Haare, stehe
langsam auf, gehe zum Fenster und mache die Vorhänge auf. Draußen blicke ich
auf einen winterlichen Hinterhof, der menschenleer ist. Er wirkt etwas
eigenartig, seelenlos, tot. Wo sind all die Kinder hin, die üblicherweise im
Schnee spielen? Wo ist das kindliche Gelächter und Geschrei? Wo sind die
tobenden Nachbarn die sich über das Gelächter und Geschrei aufregen und die glockenhellen
Stimmen der Kinder die das Geschrei der Nachbarn übertönen?
Der
Schneemann sieht einsam und verlassen in der Kälte aus. Er lächelt zwar, aber
wer weiß wie lange noch? Die Kinder haben ihm einen Zylinderhut aufgesetzt,
eine sehr lange Möhre ziert sein Gesicht, ihm wurde eine alte Jacke
übergeworfen und an seiner Seite lehnt ein Spazierstock. Im Mundwinkel hat er
eine Pfeife und auf dem Arm trägt er eine Weinflasche. Wie ein Akademiker vom
Typ Gymnasiallehrer oder ein intellektueller Trinker schaut er aus. Fehlen nur
noch eine Brille, ein Schnauzbart und Stirnfalten um ihn einen nachdenklichen,
Günter Grasseresken Touch zu verleihen.
Noch
ist es hell, aber es wird bald anfangen zu dämmern. Die Luft scheint klar zu
sein und ein Blick auf’s Thermometer verrät, dass es minus 13 Grad sind. Viel
zu kalt für neuen Schneefall, aber es soll, laut Radio, bald wärmer werden und
schneien.
Meine
Handys vibrieren und spielen verschiedene Melodien. Es sind Textnachrichten von
meinen Freunden. Sie wünschen mir Frohe Weihnachten und meinen ich solle nicht
zu sehr traurig sein, denn Zeit heilt alle Wunden. Recht haben sie! Da
ich immer noch nicht klar denken kann, entscheide ich denen später zu
antworten.
Ich
gehe ins Bad und dusche erst mal sehr lange. Während das heiße Wasser auf
meinen gut trainierten Körper fällt – die unzähligen Stunden im Fitnessstudio
und stundenlanges Joggen in den einsamen Wäldern Schwedens haben sich bezahlt
gemacht, kreisen sich meine Gedanken an letzte Nacht und ich frage mich wie die
heutige Schicht sein wird, was mich so erwartet. Wahrscheinlich wird es noch
stressiger als gestern, mit noch mehr betrunkenen, verrückten, aggressiven,
depressiven, einsamen, und vollgefressenen Leuten die auf einer Wolke der
Glückseligkeit schweben.
Nachts ist alles möglich wurde ich mal im Jugendmagazin Punto einer großen Bank zitiert. In einem Bericht über
Nachtarbeiter wurde auch ich interviewt, als der jüngste Taxifahrer der Stadt.
In der Tat ist alles möglich. Es gibt langweilige Nächte, in denen nichts Außergewöhnliches
passiert und die man schnell vergisst, und dann gibt es welche, die einen
länger beschäftigen und man nicht so schnell vergisst. Menschen kommen und
gehen, manche vergisst man schnell, andere wiederum nicht. Manche trifft man
zwei Mal – You always meet twice,
sagte mal James Bond in einen seiner Filme, oder war es doch Michael Jackson in
eines seiner Lieder??? - und manche sogar öfter. Wie den Türken mit dem
deutschen Nachnamen vom Mexikanischen Restaurant El Pollo Loco in der Mariannenstraße. Den fahre ich mindestens zweimal
in der Woche vom Einkaufen ins Lokal. Seine Belegschaft sagt nur: »Ach du schon
wieder!« wenn sie mich sieht.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
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