Samstag, 12. April 2014

Teil 1



Es ist kurz vor 13:30 Uhr, als ich vom Gedudel des Radioweckers geweckt werde und meine Augen öffne. Die Nachrichten höre ich zwar im Unterbewusstsein und im Halbschlaf, aber meine Gedanken sind ganz woanders und ich höre nicht richtig zu. Meine Gedanken schweifen fort, entschweben ab in den Äther, in ferne Welten, in Gefühle, in gekannte und in mir fremde und konfuse die mir Angst machen. Sie gehen zurück in Geschehnisse der Vergangenheit, rennen von dort in die Gegenwart und lassen mich fühlen, deuten an was eventuell die Zukunft bringen wird. Die Gedanken rennen, rasen ohne stehen zu bleiben, ohne eine Pause einzulegen, als ob sie sich nicht entscheiden wollen oder können wo und wann sie stehen bleiben sollen. Sie springen von einem Thema zum Nächsten und mir wird schwindelig. Nicht bis zu dem Punkt an dem ich ein Aspirin einwerfen müsste um mich zu beruhigen und um wieder zu Sinnen zu kommen, aber so dass ich jegliches Gefühl für Zeit und Raum verliere. Der Radiomoderator verliest gerade den Verkehrsfunk, die neuesten Blitzer und den Wetterbericht. So langsam normalisiert sich der Verkehr, keine Männchen in Grün, die die aktuelle Winterkollektion vorführen oder sich hinterm Busch verstecken und arme Bürger erschrecken. Schnee ist angesagt. Ich starre die Decke an, blinzle langsam, bewege mich noch nicht und höre dem Radio zu, aber irgendwie bin ich doch ganz woanders, abwesend, verloren in meinen Gedanken. Bin noch müde von letzter Nacht. Es war wieder mal eine lange und anstrengende Nacht. Bis um Sieben in der Früh habe ich gearbeitet und bin kurz vor Acht ins Bett gegangen.
Als ich immer noch an die Decke starre und an letzte Nacht denke, hört der Moderator auf zu reden und Last Christmas von der Gruppe Wham erklingt. Oh ja, es ist wieder mal soweit. Heute ist Heilig Abend. Die Nacht der Nächte. Es wird wieder mal eine verdammt lange und anstrengende Nacht werden.
Meine Gedanken drehen sich noch um letzte Nacht und ich bin immer noch nicht ganz bei mir. In diesem Moment fühle ich mich wie Hlynur aus Hallgrímur Helgasons 101 Reykjavík. Bloß dass ich nicht verkatert, mit einer mir unbekannten Frau an der Seite und mit einem Beigeschmack von Alkohol und Zigaretten auf der Zunge aufwache (hätte nichts dagegen so aufzuwachen), sondern total fertig von der Arbeit. Spüre die Müdigkeit in den Knochen. Ich drehe langsam meine Augen nach links und rechts und sehe, wie etwas Licht durch den blauen Vorhang hinter mir ins Zimmer fällt. Da ich ohne meine Kontaktlinsen schlecht sehe, kann ich auch nicht viel erkennen. Das Radiogedudel geht weiter.

“Last Christmas I gave you my heart,
but the very next day you gave it away,
last Christmas...”.

Weihnachten. Scheiße! Wieder mal. Verdammt! Ich wende den Kopf nach rechts und blicke auf die Anzeige des Radioweckers. 13:30 Uhr. In dem Moment verziehen sich meine tausend Gedanken wie die dunklen Wolken nach einem Sommergewitter und mir wird klar, wo ich mich befinde.
Damit ich was sehe, setze ich meine Ersatzbrille auf, die ich sehr ungern trage obwohl es eine sehr schöne Brille ist und gut zu meinem Gesicht passt, werfe die Bettdecke zur Seite, setze mich auf die Bettkante, meine Füße schlüpfen nicht automatisch in Flip-Flops oder in irgendwelche Pantoffeln oder Hausschuhe die sich vorm Bett befinden, denn nach Meinung von Wäis Kiani, Autorin des Buches Stirb Susi tragen solches Material an ihren Füßen nur Luschen, verweiblichte Geschlechtsgenossen die entweder auf einem Metrosexuellen Trip sind oder sich mit ihrer innerlichen Weiblichkeit in Einklang bringen möchten und sonstige Loser und Muttersöhnchen. Wahre Männer laufen barfuß herum. Oder hat jemand jemals Clark Gable in Flip-Flops gesehen? Würde auch einen schrecklichen Anblick geben. Außer man heißt David Beckham, dann ist es egal was man anhat und auf welchen Trip auch immer man sich befindet. Der Mann sieht immer wie ein griechischer Sexgott aus. Mein äußerst geschätzter Kumpel Saki ist bei alldem auch selber Meinung.
Ich bleibe ein paar Sekunden sitzen, fahre mir mit der Hand durch die Haare, stehe langsam auf, gehe zum Fenster und mache die Vorhänge auf. Draußen blicke ich auf einen winterlichen Hinterhof, der menschenleer ist. Er wirkt etwas eigenartig, seelenlos, tot. Wo sind all die Kinder hin, die üblicherweise im Schnee spielen? Wo ist das kindliche Gelächter und Geschrei? Wo sind die tobenden Nachbarn die sich über das Gelächter und Geschrei aufregen und die glockenhellen Stimmen der Kinder die das Geschrei der Nachbarn übertönen?
Der Schneemann sieht einsam und verlassen in der Kälte aus. Er lächelt zwar, aber wer weiß wie lange noch? Die Kinder haben ihm einen Zylinderhut aufgesetzt, eine sehr lange Möhre ziert sein Gesicht, ihm wurde eine alte Jacke übergeworfen und an seiner Seite lehnt ein Spazierstock. Im Mundwinkel hat er eine Pfeife und auf dem Arm trägt er eine Weinflasche. Wie ein Akademiker vom Typ Gymnasiallehrer oder ein intellektueller Trinker schaut er aus. Fehlen nur noch eine Brille, ein Schnauzbart und Stirnfalten um ihn einen nachdenklichen, Günter Grasseresken Touch zu verleihen.
Noch ist es hell, aber es wird bald anfangen zu dämmern. Die Luft scheint klar zu sein und ein Blick auf’s Thermometer verrät, dass es minus 13 Grad sind. Viel zu kalt für neuen Schneefall, aber es soll, laut Radio, bald wärmer werden und schneien.
Meine Handys vibrieren und spielen verschiedene Melodien. Es sind Textnachrichten von meinen Freunden. Sie wünschen mir Frohe Weihnachten und meinen ich solle nicht zu sehr traurig sein, denn Zeit heilt alle Wunden. Recht haben sie! Da ich immer noch nicht klar denken kann, entscheide ich denen später zu antworten.
Ich gehe ins Bad und dusche erst mal sehr lange. Während das heiße Wasser auf meinen gut trainierten Körper fällt – die unzähligen Stunden im Fitnessstudio und stundenlanges Joggen in den einsamen Wäldern Schwedens haben sich bezahlt gemacht, kreisen sich meine Gedanken an letzte Nacht und ich frage mich wie die heutige Schicht sein wird, was mich so erwartet. Wahrscheinlich wird es noch stressiger als gestern, mit noch mehr betrunkenen, verrückten, aggressiven, depressiven, einsamen, und vollgefressenen Leuten die auf einer Wolke der Glückseligkeit schweben.
Nachts ist alles möglich wurde ich mal im Jugendmagazin Punto einer großen Bank zitiert. In einem Bericht über Nachtarbeiter wurde auch ich interviewt, als der jüngste Taxifahrer der Stadt. In der Tat ist alles möglich. Es gibt langweilige Nächte, in denen nichts Außergewöhnliches passiert und die man schnell vergisst, und dann gibt es welche, die einen länger beschäftigen und man nicht so schnell vergisst. Menschen kommen und gehen, manche vergisst man schnell, andere wiederum nicht. Manche trifft man zwei Mal – You always meet twice, sagte mal James Bond in einen seiner Filme, oder war es doch Michael Jackson in eines seiner Lieder??? - und manche sogar öfter. Wie den Türken mit dem deutschen Nachnamen vom Mexikanischen Restaurant El Pollo Loco in der Mariannenstraße. Den fahre ich mindestens zweimal in der Woche vom Einkaufen ins Lokal. Seine Belegschaft sagt nur: »Ach du schon wieder!« wenn sie mich sieht.

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