Sonntag, 13. April 2014

Teil 14



Kaum rauche ich die Zigarette zu ende, bin ich schon Erster am Stand und das Schwammerl, die gemeine Rufsäule, bimmelt. Ich steige vorsichtig aus um nicht mit meinen Italotretern im Schneematsch zu versinken. Gehe ran und eine Fraustimme bestellt mich zur Winthirstraße, zum Photostudio im Rückgebäude. Sie fragt ob ich auch mit dem Gepäck behilflich sein kann. »Natürlich!« sage ich und gehe zurück zum Auto. Kaum steige ich ein, schaltet die Ampel vor mir auf grün. Ich fahre vom Stand auf die Straße, biege rechts ab, fahre die kleine kopfsteingepflasterte Steigung hinauf, biege an der Ampel rechts und nach ein paar Metern bin ich da. Ich fahre die Einfahrt rein und dann nach hinten rechts. Vor einer hölzernen Tür mit großen Scheiben im oberen Bereich bleibe ich stehen. Schalte den Motor aus, steige aus und gehe hinein. Im Vorraum ist keiner. Von links kommen Stimmen. Ich gehe die Richtung und sehe eine Horde leicht bekleideter Damen die im Raum auf und ab gehen und fotografiert werden. Ein Älterer Herr gefolgt von einer jüngeren Dame kommt zu mir und fragt ob ich das Taxi sei. Links neben mir stehen ein paar Koffer die ich mitnehmen und verstauen soll. Bevor ich zwei der Koffer hebe, schaue ich noch einmal in den Raum und schweife mit meinem Blick von links nach rechts und wieder zurück. »Oh Mann! So muss es im Paradies ausschauen!« flüstere ich vor mich hin. Der Ältere Mann hört es, lächelt und sagt: »So wünsche ich es mir auch!« Dann lachen wir beide. Ich packe die zwei Koffer und gehe hinaus zum Taxi. Kaum draußen,  kommen die Dame und der Herr und bringen das restliche Gepäck hinaus in den Hof. Dort fragt die Dame ob ich Kreditkarten akzeptiere und ob sie im Voraus zahlen kann und was es bis zum Flughafen kosten wird. Als ich das Wort „Kreditkarte“ höre, muss ich an Saki und Shania Twain denken und schmunzeln.
Ich bejahe ihre Fragen und nenne einen Preis. Sie ist einverstanden und gibt mir ihre Kreditkarte. Dann fragt sie wie ich fahren werde.
»Den kürzesten Weg, Gnädigste!«
»Könnten Sie hintenrum fahren?«
»Wie meinen Sie, hintenrum?«
»Vornerum ist meistens zu viel Verkehr, es gibt eine Baustelle und es dauert lange bis man ankommt.«
»Was meinen Sie mit ‚hintenrum’ Gnädigste?«
»Ja, hintenrum halt!«
»Ah ja! Dass ihr Frauen es immer von hinten wollt!«
»Bitte?«
»Ach nichts.«
»Wie nichts, was sagten Sie?«
»Das ihr Frauen es immer von hinten wollt! Lange Zeit hieß es: Nein, nein! Es ist schmutzig und unmoralisch! Nein, es tut weh, nein, ich möchte Dir in die Augen schauen können wenn wir es machen, usw. Jetzt seid ihr auf den Geschmack gekommen und wollt es nur noch von hinten!«
» ….. «
»Heute herrscht kein Verkehr Gnädigste, wahrscheinlich nicht mal in den Betten dieser wunderbaren Republik. Die Straßen sind frei. Ich fahre den kürzesten Weg, so sparen Sie sich Geld und ich Zeit.«
Ich ziehe die Karte durchs Gerät, sie unterschreibt den Beleg, ich stelle ihr noch eine Quittung aus, der Mann steigt ein und wir fahren los.
»Zum Terminal 2, bitte!« sagt er und fügt lachend hinzu: »Die frigide Dame ist wirklich sprachlos geblieben! Sehr schön gemacht junger Mann!« Er lehnt sich zurück, ich drehe die Musik etwas lauter, wir fahren den Ring nach Norden und genießen die Fahrt am Olympiadorf und BMW-Gelände vorbei, hinein in den Petueltunnel und raus auf die Autobahn.
Er schweigt die ganze Zeit und schaut aus dem Fenster.

“Follow me
To a place where we can be absolutely free
To be exactly what you wanna be completely
Lose control that’s why I need you more
Give me the key to set your heart and spirits free ooohhhhh yeeeaaahhh”

Bei diesem Lied muss ich wieder an Sophie denken. Jedes Mal als es im Radio kam drehte sie die Musik lauter und sang mit.

“I wanna love you now
I wanna take you high
I wanna give you everything that you desire”

Dann sang und schrie sie noch:

“I don't care if you don't want me, I'm yours right now
You know I can't stand it baby
You don't want me, I'm yours right now”

Wir gingen auch regelmäßig in Clubs und als eines dieser Lieder gespielt wurde nahm sie mich an der Hand, zerrte mich auf die Tanzfläche, wirbelte mit ihren Armen und Haaren, ließ ihren Kopf im Rhythmus der Musik kreisen, wackelte lasziv mit ihren süßen Hintern und warf mir heiße, verliebte Blicke zu. Danach sprang sie auf mich, legte ihre Beine um meine Hüften, ihre Arme um meine Schultern und küsste mich wild. Ich sehe sie vor mir wie sie rumtanzt und singt. Später zuhause als wir erschöpft zu Bett gingen sang sie mir leise ins Ohr:

You look into my eyes
I go out of my mind
I can't see anything
Cos this love's got me blind
I can't help myself
I can't break the spell
I can't even try

Was für ein Liebeslied! Es kribbelt in mir wenn ich nur daran denke und wünsche mir diese Zeit wieder zurück. Oh Sophie! Wie Du mir fehlst! Warum musste alles so kommen? Warum nur sind wir nicht mehr zusammen? Warum ist unsere Beziehung zu ende?
Ich fahre weiter von der A9 auf die A92. Der Fahrgast schaut immer noch aus dem Fenster und schweigt. Viel kann man nicht sehen weil es dunkel ist. Es ist anstrengend bei dichtem Schneetreiben zu fahren. So als ob man gegen eine weiße Wand fährt, hinein ins Ungewisse. Die Flocken hypnotisieren einen förmlich und wenn man denen zuschaut wie sie einen entgegen kommen verliert man sich in Gedanken und man lässt Raum und Zeit hinter sich. So als ob man den PC-Bildschirmschoner anhat und den Blick darauf fixiert und alles andere drum herum auf einmal verschwindet. Oder als die Enterprise mit voller Kraft voraus in fremde Galaxien vorstieß und die Sterne der Besatzung nur so um die Ohren, bzw. ums Raumschiff flogen.

So langsam möchte ich auch aufs Klo.

Wir kommen dem Flughafen immer näher. Man merkt es an dem orangefarbenen Himmel. Nach einer langen Rechtskurve biegen wir auf die Tagente und vor uns erstreckt sich das riesige Gelände. Unglaublich was der große FJS hier bauen ließ. Ein Prototyp von Ede Stoibers Gedächtnisbahn steht in der Vorhalle beim Terminal 2. Irgendwann soll man damit in zehn Minuten vom Hauptbahnhof zum Flughafen magnetisch gleiten können. Kaum vorstellbar dass bis vor ein paar Jahren hier alles Moor und Sumpfgebiet war. Wir fahren am riesigen Tannenbaum vorbei und biegen nach links ab.
»Ehm, hätten wir da nicht rechts abbiegen sollen?« fragt der Fahrgast.
»Geht auch, aber rechts ist für den Privatverkehr und links für uns Taxen.«
Wir fahren unter der Brücke durch auf der gerade ein Flugzeug rüber fährt, auf der anderen Seite wieder Hoch, nehmen die Ausfahrt und biegen am Kreisel rechts und fahren vor bis zum Stand. Dort steigen wir beide gleichzeitig aus, ich gehe nach hinten zum Kofferraum und nehme alles raus während der Fahrgast einen Kofferwagen organisiert. Er bedankt sich für die schöne und angenehme Fahrt und gibt mir noch ein wenig Trinkgeld. Als er in die Halle reingeht schließe ich das Taxi ab und gehe hinein auf die Toilette.

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