Ich schaue rüber zum
Rotkreuzstand, da stehen zwei. Wunderbar! Denke ich mir. Da stelle ich mich als
dritter hin und rauche erst mal gemütlich eine. Gesagt, getan. Ich fahre die
paar Meter vor bis zum Eingang vom Krankenhaus, biege scharf links über die
Gleise der Tram und fahre ein paar Meter zurück und rein in den Stand. Motor
aus, Musik an, Funk leiser, Kippe in den Mund und Zeitung in den Händen.
Saki
würde über meinen übertriebenen Zigarettenkonsum fluchen und granteln. Er würde
eine Standpauke über den Gestank halten, über das rausgeschmissene Geld,
welches man entweder sparen, spenden oder mit dem man eine Patenschaft in
Afrika eingehen könnte, über die Gesundheitsrisiken die das Rauchen verursacht,
nicht zu sprechen von den armen Passivrauchern und die Kosten die die Raucher
den Krankenkassen verursachen. Dazu kommt der Schmutz den sie hinterlassen.
Asche und Stumpen liegen überall. Sogar am Strand. Er hat mir einen Bericht
gezeigt in dem stand was die Kippen die wir Raucher am Strand im Sand hinterlassen
alles verursachen können. Angefangen von den armen kleinen Kindern die da
rumbuddeln und die Kippen in die Hände nehmen, weiter zu den toxischen Bestandteilen
die langsam freigesetzt werden und den Sand verunreinigen und belasten. Dann
geht es noch weiter mit den Kippen die ins Meer gelangen. Auch die zersetzen
sich und lassen ihre giftige Fracht frei die dann bei den Fischen ankommt und
somit in unsere Nahrungskette gelangt. Bizarr! Was manche Leute für Gedanken
haben! Wahrscheinlich wurde all das von irgendwelchen Männern in ihren
schlaflosen Nächten erdacht bei denen sie Angst um ihre Freiheit hatten und
sich ums „Jawort“ drücken wollten. Oder von Männern die verheiratet sind und
keinen Sex mehr haben und in ihren schlaf- und sexlosen Nächten verschiedene
Gedanken haben um sich abzulenken, um nicht daran denken zu müssen wie toll es
doch vor der Eheschließung war als es noch keinen Nachwuchs gab und einem die
Partnerin voll und ganz gehörte und mit der man(n) jeden Tag stundenlangen,
wilden, hemmungslosen und in verschiedenen Stellungen Sex hatte.
Ich
spüre wie sich über mir eine Blase öffnet, Saki zum Vorschein kommt und leicht
nickt. Nicht jetzt Kumpel! Denke ich mir. Obwohl er nicht unrecht hat. Er hat
mal einen Vortrag über Beziehungen gehalten der ganz gut, sehr interessant und
gleichzeitig abschreckend war. Er stützte seinen Vortrag und Theorien auf
diverse Artikel, Studien und einer repräsentativen Umfrage die er selber
gemacht hat. Ergebnis des ganzen ist, dass man am Anfang der Beziehung, in der
Phase mit den Schmetterlingen im Bauch nach dem Anderen verrückt ist und nicht
ohne ihn leben kann. In dieser Phase hat man auch den meisten Sex. Das ist der
Frühling in der Beziehung. Den Besten allerdings hat man einige Zeit später in
der Phase des Sommers, in der man sich besser kennt, sicherer ist und weiß was
dem Partner gefällt und wo man ihm am Besten anfassen muss damit die
Sicherungen durchbrennen. Zwar hat man in dieser Zeit weniger Sex als in der
Anfangsphase, dafür ist er besser und anhaltender. Und das entschädigt für die
paar sexlosen Tage die man zwischendurch hat. Nach der Unterschrift beim
Standesamt jedoch ändert sich alles schlagartig. Die kalten Jahreszeiten
brechen herein. Zuerst der Herbst, die kinderlose Zeit. Das ist die Phase nach
den Flitterwochen wenn man wieder zuhause ist und die Routine einen wieder hat.
Meistens verweigert sich die Frau, hat ständig Migräne oder fühlt sich zu müde
oder findet einen anderen Grund um nicht mit dem Gatten schlafen zu müssen. Die
Männer wiederum haben es satt vom selben Fleisch zu essen und der Jägerinstinkt
brodelt in so manchen ganz leise und still. Nicht alle Männer erkennen was in
ihren Körper vorgeht. Die die es erkennen gehen entweder fremd, denken an eine
andere wenn sie mit der Partnerin schlafen oder gehen ihren Trieben nach und
wollen, ganz egoistisch, befriedigt werden um nicht als Massenmörder mit
sexuellen Frustrationen in einer Anstalt zu landen. Auch die Frauen gehen
öfters Fremd, denken während des Aktes an jemand anderes oder spielen einen
Orgasmus vor. Nach der Unterschrift lässt man sich auch gehen. Irgendwie
passiert das automatisch und unbewusst. Man fühlt sich geborgen im Hafen der
Ehe, glaubt nicht dass der Partner so schnell das weite sucht, weil auch eine
Scheidung nicht so leicht vollzogen werden kann, aber man denkt eh nicht daran
dass sich der Partner scheiden lassen wird und man denkt generell nicht an
Scheidung. Die Griechen sagen dazu: Jetzt wurde der Esel angekettet, jetzt
läuft er nicht mehr weg. Und ob er weglaufen kann! Wehe die Kette bricht, dann
ist er auf und davon. Der Winter im Schlafzimmer bricht mit dem Nachwuchs
herein. Da ist die Frau so sehr mit den Kindern beschäftigt und geht in ihrer
Mutterrolle auf, dass sie keinen Gedanken mehr an Sex verschwendet und der Mann
sich hinten anstellen und vereinzelt Jahre warten muss bis er zum Zuge kommen
darf. Ich sah mal in einer schlaflosen Nacht auf einem der Privatkanäle so eine
Talkshow in der dieses Thema besprochen wurde. Es wurden Paare vorgeführt die
genau diese These bestätigten. Die Frau, ganz in der Mutterrolle glücklich,
strahlte sogar übers ganze Gesicht sprach von ihren Glücksgefühlen als Mutter
und Ehefrau und dass ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit dem kleinen Racker
gehörte und daneben stand der Ehemann in Gestallt einer armen Kreatur die lamentierte
dass er seit zwei oder drei Jahren darauf wartet mit seiner Frau schlafen zu
dürfen. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sagte dass Frausein und
Mutterschaft unvereinbare Existenzformen seien. Kinder zu gebärden und zu
erziehen erfordert nicht nur den Verzicht auf jedes gesellschaftliche Leben,
sondern auch auf die Sexualität. Eine richtige Familienmutter ist keine Dame
von Welt, denn sie ist in ihrem Heim kaum weniger eingeschlossen als eine Nonne
in ihrem Kloster. Im 18. Jahrhundert wurden Mütter mit der heiligen Mutter
Gottes verglichen: beide leidenswillig, duldsam und frei von sexuellen
Bedürfnissen. In dieser sexlosen Phase des Winters gibt es laut Statistik die
meisten Scheidungen. Es ist nicht das verflixte siebte sondern das dritte Jahr
in dem die Ehen brechen.
Auf der
anderen Seite gibt es die sogenannten Blödelväter die wegen ihres
Hosenscheißers den Verstand verlieren, aus reifen Männern werden Kinder die
sich den ganzen Tag mit ihren Kleinen befassen und herumalbern und ihre
Beziehung vernachlässigen. Kein Wunder dass dann die Partnerin außerehelichen
sexuellen Kontakt sucht und zu recht ihren Ehemann die Hörner aufsetzt.
Saki
hat recht was das Rauchen anbelangt, aber ein Laster braucht der Mensch ist
meine Antwort die er leider nicht akzeptiert und mir eine Moralpredigt über die
gesunde Lebensweise hält.
Damit
ich nicht ein zu arg schlechtes Gewissen habe, bin ich Pate eines Kleinkindes
in Äthiopien geworden. Deswegen ist Saki sehr stolz auf mich und erwähnt es anderen
gegenüber bei jeder Gelegenheit damit mehr Menschen meinem Beispiel folgen. Ich
folgte dem Beispiel von Wulfrich Fickert, so wurde Herr Wickert mal von einem
der Korrespondenten in seiner Sendung genannt. Er sitzt in einer Werbung lässig
auf der Rückbank eines Taxis und erzählt etwas über Patenschaften. Den hatte
ich auch mal auf meinem Beifahrersitz sitzen. Sah in Natura kleiner und schmächtiger
aus als er im Fernsehen rüberkommt.
Ich rauche gemütlich, asche dabei
aus dem Fenster, stelle mir Sakis Tiraden vor, vertiefe mich in einen
Zeitungsartikel und höre gleichzeitig der Musik und dem Funk zu. Es ist ein
Artikel über Autos. Wie alles angefangen hat, wo wir jetzt sind und was für
Autos wir in Zukunft fahren werden. Über die Technik die es in den Autos gab,
gibt und geben wird und die verschiedene Antriebsarten. Angefangen mit dem
allerersten Automobil, das gasbetrieben war und von Karl Benz 1886 entwickelt
wurde, über die Gegenwart und die verschiedenen Antriebsarten die heute
existieren bis hin zu wilden Spekulationen wie es in der Zukunft ausschauen
wird und was uns erwartet. Entweder fahren wir alle mit Strom oder mit fossilen
und erneuerbaren Energien jeglicher Art, wie Biomasse oder Dampf, Wasser oder
aber auch Speiseöl. Einen Motor der mit Speiseöl läuft gibt es seit vielen
Jahren schon. Der wurde mal in der Knoff-Hoff-Show
und bei Wetten Dass? Vorgestellt. Ich
kann mich an beides erinnern. Danach verschwanden der Erfinder und sein Motor.
Anscheinend wollte die Erfindung keiner haben oder wie Saki sagt, die großen
Ölkonzerne haben den guten Mann zum Schweigen gebracht, weil sie Angst hatten
dass bald jeder Öl aus dem Supermarktregal tanken würde und die Ölmultis ihre
Raffinerien und Tankstellen schließen müssten. Könnte was Wahres dran sein. Hoffentlich
haben die den Erfinder mit Geld zum Schweigen gebracht und nicht kaltblütig
ermordet oder ihm sonst was angetan. Saki hat auch diesbezüglich diverse
Szenarien auf Lager, angefangen von einschüchtern über auspeitschen bis hin zum
Morden hat er ein breites Repertoire an Phantasien und Spekulationen.
Garniert ist der Auto und Motorbericht
mit diversen Fotos auf denen Prototypen und Studien zu sehen sind, dazu gibt es
einige Zeichnungen mit Fahrzeugen aus der fernen Zukunft. Bin gespannt ob es
die Welt schaffen wird vom Öl und Benzin wegzukommen. Mein Kumpel Saki sagt
nein, denn zu viele Leute profitieren davon und boykottieren alles Alternative.
Zu viele verdienen am Preis eines Barrel mit und die erdölexportierenden Länder
sind zu mächtig und werden es garantiert nicht zulassen, dass andere Antriebsarten
zum Zuge kommen. Außerdem könnten die mit Krieg drohen. Saki meint dass die
Politik auch schuld am ganzen Desaster sei. Es werden keine neuen Energien
gefördert – wenn etwas gefördert wird, dann nur halbherzig. Neues wie die
Sonnenenergie ist viel zu teuer und es kann sich keiner leisten Solarzellen auf
das Dach zu stellen, damit sein Haus zu heizen, warmes Wasser zu haben und den
Überschuss an die Stadtwerke zu verkaufen. Außerdem können nicht alle sich
Solarzellen auf die Dächer stellen und Strom an die Stadtwerke verkaufen. Was
sollen die mit soviel Strom anfangen? An wen verkaufen?
Das Kartellamt schaut auch den
Preissprüngen an den Tankstellen zu und interveniert nicht. Warum sollte es? Je
mehr der Liter Sprit kostet, desto mehr verdient der Staat mit. Somit werden
wir immer Sklaven der Ölbarone sein. Am besten ist, man zieht aufs Land, baut
sich ein Passivhaus und fährt mit dem Fahrrad durch die Gegend. Total
alternativ und ökologisch. Saki hat noch mehr Theorien auf Lager und sieht
alles sehr düster. Ich frage mich oft, weswegen er noch nicht aus dem Fenster oder
in die Isar gesprungen ist oder auf irgendeine andere Weise Selbstmord begangen
hat und was ihn am Leben hält. Er meint dass ein Sprung aus dem Fenster
hässliche Flecken auf dem Trottoir hinterlassen wird die dann mit viel Energie
und Aufwand und mit dem Einsatz eines Hochdruckreinigers entfernt werden
müssten. Außerdem könnte der runter fallende Körper des Lebensmüden auf einen
Passanten treffen und ihn schwer verletzen, womöglich auch töten. Ein Sprung in
den Fluss sei auch keine Lösung, denn er könnte mit seiner stattlichen Körpermasse
an einem Wehr steckenbleiben und den natürlichen Strom des Wassers behindern.
Außerdem könnten Fische an ihn knabbern und verenden oder falls sie überleben,
werden sie nachher von einem Angler gefischt und landen mit Sakis Resten auf
irgendeinem Teller. Nicht gerade eine appetitliche Vorstellung. Deswegen bleibt
er am Leben und erfreut uns mit seinen Theorien.
Seine letzte Freundin hat er mit
seinen Verschwörungstheorien vergrault. Eines Nachts lagen die Beiden im Bett,
hatten Sex und unterhielten sich danach über dies und das. Sie schaltete den
Fernseher ein und zappte durch die Kanäle. Bei einer Dokumentation über
schwarze Löcher blieb sie stehen. Sie schauten eine Weile gespannt zu, bis Saki
die Bettdecke zur Seite schmiss, sich im Bett aufrichtete und mit tiefer,
inbrünstiger Stimme seinen Theorien freien Lauf ließ. Sie rollte genervt die
Augen, zog sich an, packte ihre Sachen und ging. Zurück kam sie nie.
Seitdem hat er auch Theorien über
Frauen. Frauen sind auf der Welt um uns Männer aufzusaugen und zu vernichten.
Die wollen uns in den Ruin treiben, wollen nur Macht, Geld und ein schönes
Leben. Wollen nicht arbeiten und am liebsten den ganzen Tag mit ihren
Freundinnen Einkaufen gehen und das Geld das der Gatte mühsam verdient aus dem
Fenster schmeißen, bzw. in Schuhe, Handtaschen und Kleidung investieren. Dazwischen
gehen die Frauen in den Yoga und Pilateskurs um sich von den ausgedehnten
Einkaufstouren zu entstressen und zu entspannen.
Es ist nicht alles Blödsinn was
er von sich gibt. Manche Theorien stimmen sogar oder könnten stimmen. Man weiß
es nicht. Er zumindest hält Beiträge im gesamten deutschsprachigen Raum und
verdient prächtig damit. Ich war bei einigen seiner Veranstaltungen dabei und
musste verwundert feststellen wie viele Leute an solchen Weltuntergangsthemen
und Szenarien interessiert sind. Sehr viele Kopfnicker sitzen jedes Mal dabei
die gespannt zuhören. Vielleicht sitzt da mal ein Schriftsteller oder
Drehbuchautor unter den Zuhörern, kommt dann auf Gedanken und schreibt ein Buch
das später verfilmt wird. Eine Art Alf
für Erwachsene. Nicht Melmac, sondern die Erde explodiert und ein paar wenige
Privilegierte schaffen es sich rechtzeitig mit einem Raumschiff abzusetzen.
Irgendwann landen sie auf einem anderen Planeten und die Geschichte nimmt ihren
Lauf. Oder es wird irgendeine andere Geschichte aus Sakis breitgefächertem
Repertoire verfilmt. Und irgendwo steht dann auch im Kleingedruckten: Von Saki,
dem Weltuntergangsimpressario inspiriert.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
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