Ich steige wieder in mein Taxi
ein, mache das Fenster runter, zünde mir eine an, drehe den Funk lauter und
überlege wo ich als nächstes hinfahren soll. Es schneit immer noch wie
verrückt, und wenn es nicht aufhört werde ich Schneeketten aufziehen müssen.
Einen Winterdienst habe ich bis jetzt nicht gesehen.
Hinter mir gibt es den
Mauerkircher und den Park-Hilton-Stand. Der eine gefällt mir nicht, beim
anderen kann man sowohl Glück aber auch Pech haben. Entweder man steht kurz und
bekommt noch dazu eine gute Fahrt oder man steht sich die Reifen platt und wird
auch noch mit einer Kurzfahrt bestraft.
Taxiregel Nr. 2: Je länger die
Standzeit, desto kürzer die Fahrt. Meistens gefolgt von einer besseren oder
einer zweiten Kurzfahrt und der Frust ist dann schnell vergessen. Kann aber
auch vorkommen dass man wirklich Pech hat und die ganze Schicht hindurch sich
mit Kurzfahrten herumplagen muss.
Vielleicht sollte ich in die
Stadt rein. Zum PX? Obwohl er öfters gerufen wird, mag ich den Stand überhaupt
nicht. Den neuen in der Alexandrastraße zwischen Staatlichem Vermessungsamt und
Finanzdirektion mag ich überhaupt nicht. Da stehen überall Kameras und man
fühlt sich beobachtet. Big Brother is watching you! Ich weiß was Du letzten
Sommer getan hast! Ich weiß immer noch was Du letzten Sommer getan hast! Nimm
Dich in acht! Ich verfolge Dich auf Schritt und Tritt. Ich weiß mit wem Du
telefonierst, weil ich Deine Gespräche mithöre und mitschneide. Außerdem kann
ich die Nummern und Namen auf dem Handydisplay lesen. Ich führe Buch über jede
Deiner Bewegungen, ich weiß dass Du gegen die Hauswand gepinkelt hast, ich weiß
ob Du den Stand zumüllst oder ob Du Deinen Müll in den Abfalleimer wirfst oder mitnimmst.
Ich sehe ob und wie viel Du rauchst und ob Du die Stumpen und Asche aus dem
Fenster Deines Autos wirfst. Ich weiß wie lange Du hier gestanden bist, Du
glaubst Du seiest alleine hier? Du glaubst hinter Dir ist niemand? Oh wie Du
Dich irrst! Meine Augen sind überall und verfolgen Dich … Genau der richtige
Standplatz für Saki und seinen Theorien.
Haus der Kunst? Nicht an einen
Feiertag. Wenn die Beratungsfirma mit den schottischen Namen gegenüber zu ist,
gehen da auch keine Aufträge raus. Außerdem kriegt man von der Schottenfirma
ohne zu schmieren keine guten Stiche. Die guten Fahrten gehen an die Kollegen
die ohne Uhr fahren, einen guten Preis machen und dem Pförtner oder wem auch
immer Geld zukommen lassen. Für die kurzen Stiche wird die Zentrale angerufen.
Dann dürfen wir einmal über die Straße fahren, jemanden mit langer Wartezeit
abholen, der nur ein paar Häuserblocks weiter möchte. Der Haus der Kunst Stand
ist einer von vielen die ich nicht anfahre, weil ich nicht der Depp sein
möchte, der zusieht wie die korrupten Kollegen vorfahren, einladen und mit
einem Grinsen bis zu den Ohren auf großer Fahrt gehen. Korruption ist leider
auch im Taxigewerbe gang und gäbe und in jeder erdenklichen Form zu finden. Es
wird geschmiert was das Zeug hält. Hotelpersonal, sei es der Pförtner oder der
Rezeptionist oder wer auch immer die Taxen bestellt, Firmenpersonal genauso.
Entweder unterbreiten die Kollegen den Firmen ein Angebot oder die Firmen
fragen sich durch und finden einen Kollegen der zum besonders günstigen Preis
fährt und den Butler spielt. Meistens sind es Kollegen die ein Oberklasseauto
fahren. Andere Spezialisten fahren ganz einfach ohne Uhr und fügen somit auch
dem Finanzamt und dem Taxiunternehmer Schaden zu. In letzter Zeit treten aber
Hotelangestellte besonders dreist auf, wie die von dem noblen Bahnhofshotel
direkt hinter dem Taxistand auf der Südseite die nach einem Trinkgeld verlangen
um Flughafen- oder weitere Fahrten zu vergeben. Wer sich weigert zu zahlen
kriegt keine weitere Fahrt mehr.
Zum Bahnhof? Ist zu weit und
wahrscheinlich haben auch all die anderen Kollegen diese Idee und wir stehen
dann dort und glotzen uns gegenseitig an. Ich hab’s! Zum Prinze werde ich
fahren! Gesagt, getan. Ich biege an der Prinzregenten links ab und fahre über die
Brücke. Als ich auf dem Weg nach oben bin ruft der Zentralist:
»Für
Möhl!«
Ich hacke sofort rein und melde
mich mit: »980 beim Friedensengel aufwärts!«
»980
zum griechischen Konsulat!«
»Zum
griechischen, danke!« Dass die heute noch
arbeiten? Sind die nicht in Griechenland bei ihren Familien und Verwandten? Hm…
Vielleicht ist es eine hübsche Griechin die auf mich wartet? Aber sicher etwas
älter, verheiratet mit Kindern. Auch wenn sie jünger ist, wird sie bestimmt verheiratet
sein und Kinder haben. Habe mir sagen lassen, dass es in Griechenland üblich
ist früh zu heiraten. Ein paar griechische Freunde berichten, dass wenn man als
Frau nicht mit 25 verheiratet ist, als alte Jungfer gilt und Männer müssen
spätestens mit 30 unter der Haube sein. Die Eltern und die ganze Verwandtschaft
gehen einen so sehr auf den Sack mit der Frage ob man schon jemanden habe, wenn
ja, wann die ihn kennen lernen werden und wann die Hochzeit sein wird. Wenn
dann geheiratet wird muss spätestens ein Jahr drauf ein Kind in die Welt gesetzt
worden sein, sonst denkt die liebe Verwandtschaft Mann sei impotent oder es
stimme etwas nicht. Die meisten Griechen ziehen nicht einfach mit 18 aus,
sondern bleiben – wenn sie nicht zwecks Studiums umziehen müssen, bei ihren
Eltern und ziehen erst nach der Hochzeit aus. Und auch da bleiben sie in der
Nähe der Eltern. Wenn sie nicht gerade im selben Haus mit den Eltern wohnen,
dann ist es dieselbe Straße oder die nähere Umgebung. Wenn die jungen Leute
wegen des Studiums umziehen, besuchen sie fast jedes Wochenende ihre Eltern.
Und wenn sie fertig studiert haben ziehen sie zu den Eltern zurück. In Italien
ist es genauso. Die Mama steht über alles und allem und bestimmt wo es
langgeht. Sie mischt sich auch in das Private der Kinder ein und die Schwiegertochter
hat nichts zu melden. Wenn es irgendwann mal Enkelkinder gibt sind die Eltern
ständig bei den Kindern zu hause um sich um ihre Enkel zu kümmern oder nach
ihnen zu sehen. Ich frage mich wie man es schafft noch mehr Nachwuchs in die
Welt zu setzen wenn ständig die Eltern dabei sind und man keine Minute in Ruhe
gelassen wird. Vielleicht bleiben die Italiener aus genau diesem Grund bei
einem Kind anstatt noch mehr zu produzieren.
Diese und weitere Gedanken über
die Gepflogenheiten des Mittelmeerraumes gehen mir durch den Kopf, als ich plötzlich
nicht eine sondern ganze vier Damen vorm Gitterzaun des Konsulates stehen sehe.
Oha! Die schauen ja fesch aus! Wird bestimmt eine lustige Fahrt.
Ich fahre bis direkt vor dem Tor
und mache die Beifahrertür von innen auf. Gleichzeitig geht hinten die rechte
Tür auf und langsam schlüpfen die vier Damen rein. Sofort wird der Innenraum
des Wagens von verschiedenen Düften überflutet. Es scheint als ob alle vier
gerade erst aus der Dusche gekommen sind, sich parfümiert, eingecremt, schick gemacht
und sich sofort ein Taxi bestellt haben. Ich schließe kurz die Augen und atme
sehr tief ein. Herrlich wie das duftet! Wie damals als man als Kind vor Mutters
Schminktisch saß und vor einem sämtliche Dosen, Puder und Düfte ausgebreitet waren.
Als ob man im Sommer auf einer Wiese läge, die Augen schlösse, die Aromen von
Mutter Natur einatmen und seinen Gedanken und Träumen freien Lauf ließe. Sie
duften nicht nur herrlich, sie sehen auch bezaubernd aus. Alle vier sind
Brünett, zwei haben lockige und zwei glatte Haare. Eine hat Grübchen wenn sie
lächelt und alle sind ähnlich angezogen, zumindest sind die Farben ähn-lich
dunkel. Braun und Schwarz. Sie sehen sich auch ähnlich würde ich meinen.
Vielleicht bilde ich es mir nur ein oder es liegt am fahlen Licht der
Straßenbeleuchtung – nachts sind ja bekanntlich die Katzen grau! Oder ich halluziniere
wieder mal und träume von irgendwelchen Amazonen von denen ich mich verführen
lassen möchte.
»Hallo! Was bist Du denn für
hübsches Exemplar?« sagt die Dame auf dem Beifahrersitz.
»Danke fürs Kompliment!« sage
ich, immer noch vom Duft betört. »Wo darf ich Sie denn hinfahren?«
»Oh, und ein schüchterner
Vornehmer ist er auch noch! Wie süß!« schallt es von hinten.
»Hätten Sie die Güte uns in die
Ottostraße Nummer 6 zu fahren?« fragt eine der Damen von hinten.
»Aber natürlich Gnädigste! Und so
förmlich brauchen wir wirklich nicht sein.«
Ich wende und fahre die Möhlstraße
zurück und biege rechts ab Richtung Friedensengel.
»Sie
kommen jetzt nicht aus dem Konsulat, oder? Besonders griechisch schauen Sie
nicht gerade aus!« sage ich.
»Nein,
wir, besser gesagt unsere Freundin hier vorne wohnt direkt gegenüber. Ist aber
leichter die Adresse des Konsulates anzugeben als unsere Nummer. Sie und Ihre
Kollegen brauchen dann nicht lange zu suchen.«
»Sehr
gute Idee!«
»Hättest
Du gescheite Musik dabei? Dieses Radiogedudel kann man wirklich nicht mehr
hören!«
»Aber
sicher habe ich was Gutes dabei!« Ich krame kurz in den CDs, nehme eine aus dem
Stapel, stecke sie in der Schlitz des Spielers und drücke auf Lied Nummer
sechs.
“This thing right here
Is lettin all the ladies know
What guys talk about
You know
The finer things in life
Hahaha
Check it out”
Is lettin all the ladies know
What guys talk about
You know
The finer things in life
Hahaha
Check it out”
»Oh das ist gut! Sisqo!«
“Ooh dat dress so scandalous
And ya know another nigga couldn't handle it
…
Cuz she was livin la vida loca”
And ya know another nigga couldn't handle it
…
Cuz she was livin la vida loca”
»Kann ich es lauter drehen?«
fragt die Dame auf dem Beifahrersitz und noch bevor ich zustimmen kann dreht
sie den Lautstärkenregler voll auf und es fangen alle zu singen an.
“She had dumps like a truck
truck truck
Thighs like what what what
Baby move your butt butt butt
Uh
I think I sing it again…”
Thighs like what what what
Baby move your butt butt butt
Uh
I think I sing it again…”
Jetzt öffnen sie auch noch die
Fenster und singen so laut sie können. Ich singe mit und muss gleichzeitig
höllisch aufpassen dass wir auf der verschneiten Prinzregentenstraße nicht ins
Schleudern kommen. Die Damen scheinen einen Mordsspaß zu haben. Sie bewegen
sich im Takt und versuchen zu tanzen, sie singen lauthals mit, winken den vorbeifahrenden
Autos zu und schicken Küsschen rüber. Auch ich werde von der Beifahrerin auf
der Wange geküsst und umarmt.
Ein paar Minuten später biegen
wir in die Ottostraße ab und wie es die Damen wünschen, halte ich direkt vor
der Nummer sechs an. Ich drehe die Musik leiser, die Damen bezahlen, geben ein
sehr gutes Trinkgeld, bedanken sich alle herzlich bei mir, jede mit einer
Umarmung und einem Kuss an der Wange und die Letzte die Aussteigt zwinkert mir
zu und drückt mir ihre Visitenkarte in die Hand. Ich werfe einen kurzen Blick
drauf. Tatiana Beckendorfer, Anwältin.
Was für ein Name! Ich kann mir vorstellen dass die gute Dame jeden Prozess
gewinnt wenn sie in Rock, enger Bluse und mit wallenden Haaren durch den
Gerichtsaal wie eine Elfe schwebt und ihr Plädoyer vorträgt. Das ist knisternde
Erotik vom Allerfeinsten! Jeden wird sie mit ihrem Auftreten in den Bann ziehen
und alle Blicke werden auf dem wohlgeformten Hintern und durchtrainierten Waden
hängen bleiben wenn sie lasziv übers Parkett schlendert. Alles was sie dann
sagt wird zur Nebensächlichkeit, weil eh keiner zuhören wird. Ihr Mandant
sollte man sein! Ob sie einen Freund hat? Bestimmt nicht wenn sie mir ihre
Karte heimlich zusteckt. Ob ich sie anrufen soll?
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