Sonntag, 13. April 2014

Teil 16



Ich steige wieder in mein Taxi ein, mache das Fenster runter, zünde mir eine an, drehe den Funk lauter und überlege wo ich als nächstes hinfahren soll. Es schneit immer noch wie verrückt, und wenn es nicht aufhört werde ich Schneeketten aufziehen müssen. Einen Winterdienst habe ich bis jetzt nicht gesehen.
Hinter mir gibt es den Mauerkircher und den Park-Hilton-Stand. Der eine gefällt mir nicht, beim anderen kann man sowohl Glück aber auch Pech haben. Entweder man steht kurz und bekommt noch dazu eine gute Fahrt oder man steht sich die Reifen platt und wird auch noch mit einer Kurzfahrt bestraft.
Taxiregel Nr. 2: Je länger die Standzeit, desto kürzer die Fahrt. Meistens gefolgt von einer besseren oder einer zweiten Kurzfahrt und der Frust ist dann schnell vergessen. Kann aber auch vorkommen dass man wirklich Pech hat und die ganze Schicht hindurch sich mit Kurzfahrten herumplagen muss.
Vielleicht sollte ich in die Stadt rein. Zum PX? Obwohl er öfters gerufen wird, mag ich den Stand überhaupt nicht. Den neuen in der Alexandrastraße zwischen Staatlichem Vermessungsamt und Finanzdirektion mag ich überhaupt nicht. Da stehen überall Kameras und man fühlt sich beobachtet. Big Brother is watching you! Ich weiß was Du letzten Sommer getan hast! Ich weiß immer noch was Du letzten Sommer getan hast! Nimm Dich in acht! Ich verfolge Dich auf Schritt und Tritt. Ich weiß mit wem Du telefonierst, weil ich Deine Gespräche mithöre und mitschneide. Außerdem kann ich die Nummern und Namen auf dem Handydisplay lesen. Ich führe Buch über jede Deiner Bewegungen, ich weiß dass Du gegen die Hauswand gepinkelt hast, ich weiß ob Du den Stand zumüllst oder ob Du Deinen Müll in den Abfalleimer wirfst oder mitnimmst. Ich sehe ob und wie viel Du rauchst und ob Du die Stumpen und Asche aus dem Fenster Deines Autos wirfst. Ich weiß wie lange Du hier gestanden bist, Du glaubst Du seiest alleine hier? Du glaubst hinter Dir ist niemand? Oh wie Du Dich irrst! Meine Augen sind überall und verfolgen Dich … Genau der richtige Standplatz für Saki und seinen Theorien.
Haus der Kunst? Nicht an einen Feiertag. Wenn die Beratungsfirma mit den schottischen Namen gegenüber zu ist, gehen da auch keine Aufträge raus. Außerdem kriegt man von der Schottenfirma ohne zu schmieren keine guten Stiche. Die guten Fahrten gehen an die Kollegen die ohne Uhr fahren, einen guten Preis machen und dem Pförtner oder wem auch immer Geld zukommen lassen. Für die kurzen Stiche wird die Zentrale angerufen. Dann dürfen wir einmal über die Straße fahren, jemanden mit langer Wartezeit abholen, der nur ein paar Häuserblocks weiter möchte. Der Haus der Kunst Stand ist einer von vielen die ich nicht anfahre, weil ich nicht der Depp sein möchte, der zusieht wie die korrupten Kollegen vorfahren, einladen und mit einem Grinsen bis zu den Ohren auf großer Fahrt gehen. Korruption ist leider auch im Taxigewerbe gang und gäbe und in jeder erdenklichen Form zu finden. Es wird geschmiert was das Zeug hält. Hotelpersonal, sei es der Pförtner oder der Rezeptionist oder wer auch immer die Taxen bestellt, Firmenpersonal genauso. Entweder unterbreiten die Kollegen den Firmen ein Angebot oder die Firmen fragen sich durch und finden einen Kollegen der zum besonders günstigen Preis fährt und den Butler spielt. Meistens sind es Kollegen die ein Oberklasseauto fahren. Andere Spezialisten fahren ganz einfach ohne Uhr und fügen somit auch dem Finanzamt und dem Taxiunternehmer Schaden zu. In letzter Zeit treten aber Hotelangestellte besonders dreist auf, wie die von dem noblen Bahnhofshotel direkt hinter dem Taxistand auf der Südseite die nach einem Trinkgeld verlangen um Flughafen- oder weitere Fahrten zu vergeben. Wer sich weigert zu zahlen kriegt keine weitere Fahrt mehr.

Zum Bahnhof? Ist zu weit und wahrscheinlich haben auch all die anderen Kollegen diese Idee und wir stehen dann dort und glotzen uns gegenseitig an. Ich hab’s! Zum Prinze werde ich fahren! Gesagt, getan. Ich biege an der Prinzregenten links ab und fahre über die Brücke. Als ich auf dem Weg nach oben bin ruft der Zentralist:
»Für Möhl!«
Ich hacke sofort rein und melde mich mit: »980 beim Friedensengel aufwärts!«
»980 zum griechischen Konsulat!«
»Zum griechischen, danke!« Dass die heute noch arbeiten? Sind die nicht in Griechenland bei ihren Familien und Verwandten? Hm… Vielleicht ist es eine hübsche Griechin die auf mich wartet? Aber sicher etwas älter, verheiratet mit Kindern. Auch wenn sie jünger ist, wird sie bestimmt verheiratet sein und Kinder haben. Habe mir sagen lassen, dass es in Griechenland üblich ist früh zu heiraten. Ein paar griechische Freunde berichten, dass wenn man als Frau nicht mit 25 verheiratet ist, als alte Jungfer gilt und Männer müssen spätestens mit 30 unter der Haube sein. Die Eltern und die ganze Verwandtschaft gehen einen so sehr auf den Sack mit der Frage ob man schon jemanden habe, wenn ja, wann die ihn kennen lernen werden und wann die Hochzeit sein wird. Wenn dann geheiratet wird muss spätestens ein Jahr drauf ein Kind in die Welt gesetzt worden sein, sonst denkt die liebe Verwandtschaft Mann sei impotent oder es stimme etwas nicht. Die meisten Griechen ziehen nicht einfach mit 18 aus, sondern bleiben – wenn sie nicht zwecks Studiums umziehen müssen, bei ihren Eltern und ziehen erst nach der Hochzeit aus. Und auch da bleiben sie in der Nähe der Eltern. Wenn sie nicht gerade im selben Haus mit den Eltern wohnen, dann ist es dieselbe Straße oder die nähere Umgebung. Wenn die jungen Leute wegen des Studiums umziehen, besuchen sie fast jedes Wochenende ihre Eltern. Und wenn sie fertig studiert haben ziehen sie zu den Eltern zurück. In Italien ist es genauso. Die Mama steht über alles und allem und bestimmt wo es langgeht. Sie mischt sich auch in das Private der Kinder ein und die Schwiegertochter hat nichts zu melden. Wenn es irgendwann mal Enkelkinder gibt sind die Eltern ständig bei den Kindern zu hause um sich um ihre Enkel zu kümmern oder nach ihnen zu sehen. Ich frage mich wie man es schafft noch mehr Nachwuchs in die Welt zu setzen wenn ständig die Eltern dabei sind und man keine Minute in Ruhe gelassen wird. Vielleicht bleiben die Italiener aus genau diesem Grund bei einem Kind anstatt noch mehr zu produzieren.
Diese und weitere Gedanken über die Gepflogenheiten des Mittelmeerraumes gehen mir durch den Kopf, als ich plötzlich nicht eine sondern ganze vier Damen vorm Gitterzaun des Konsulates stehen sehe. Oha! Die schauen ja fesch aus! Wird bestimmt eine lustige Fahrt.
Ich fahre bis direkt vor dem Tor und mache die Beifahrertür von innen auf. Gleichzeitig geht hinten die rechte Tür auf und langsam schlüpfen die vier Damen rein. Sofort wird der Innenraum des Wagens von verschiedenen Düften überflutet. Es scheint als ob alle vier gerade erst aus der Dusche gekommen sind, sich parfümiert, eingecremt, schick gemacht und sich sofort ein Taxi bestellt haben. Ich schließe kurz die Augen und atme sehr tief ein. Herrlich wie das duftet! Wie damals als man als Kind vor Mutters Schminktisch saß und vor einem sämtliche Dosen, Puder und Düfte ausgebreitet waren. Als ob man im Sommer auf einer Wiese läge, die Augen schlösse, die Aromen von Mutter Natur einatmen und seinen Gedanken und Träumen freien Lauf ließe. Sie duften nicht nur herrlich, sie sehen auch bezaubernd aus. Alle vier sind Brünett, zwei haben lockige und zwei glatte Haare. Eine hat Grübchen wenn sie lächelt und alle sind ähnlich angezogen, zumindest sind die Farben ähn-lich dunkel. Braun und Schwarz. Sie sehen sich auch ähnlich würde ich meinen. Vielleicht bilde ich es mir nur ein oder es liegt am fahlen Licht der Straßenbeleuchtung – nachts sind ja bekanntlich die Katzen grau! Oder ich halluziniere wieder mal und träume von irgendwelchen Amazonen von denen ich mich verführen lassen möchte.  
»Hallo! Was bist Du denn für hübsches Exemplar?« sagt die Dame auf dem Beifahrersitz.
»Danke fürs Kompliment!« sage ich, immer noch vom Duft betört. »Wo darf ich Sie denn hinfahren?«
»Oh, und ein schüchterner Vornehmer ist er auch noch! Wie süß!« schallt es von hinten.
»Hätten Sie die Güte uns in die Ottostraße Nummer 6 zu fahren?« fragt eine der Damen von hinten.
»Aber natürlich Gnädigste! Und so förmlich brauchen wir wirklich nicht sein.«
Ich wende und fahre die Möhlstraße zurück und biege rechts ab Richtung Friedensengel.
»Sie kommen jetzt nicht aus dem Konsulat, oder? Besonders griechisch schauen Sie nicht gerade aus!« sage ich.
»Nein, wir, besser gesagt unsere Freundin hier vorne wohnt direkt gegenüber. Ist aber leichter die Adresse des Konsulates anzugeben als unsere Nummer. Sie und Ihre Kollegen brauchen dann nicht lange zu suchen.«
»Sehr gute Idee!«
»Hättest Du gescheite Musik dabei? Dieses Radiogedudel kann man wirklich nicht mehr hören!«
»Aber sicher habe ich was Gutes dabei!« Ich krame kurz in den CDs, nehme eine aus dem Stapel, stecke sie in der Schlitz des Spielers und drücke auf Lied Nummer sechs.

“This thing right here
Is lettin all the ladies know
What guys talk about
You know
The finer things in life
Hahaha
Check it out

»Oh das ist gut! Sisqo!«

“Ooh dat dress so scandalous
And ya know another nigga couldn't handle it

Cuz she was livin la vida loca

»Kann ich es lauter drehen?« fragt die Dame auf dem Beifahrersitz und noch bevor ich zustimmen kann dreht sie den Lautstärkenregler voll auf und es fangen alle zu singen an.

“She had dumps like a truck truck truck
Thighs like what what what
Baby move your butt butt butt
Uh
I think I sing it again…

Jetzt öffnen sie auch noch die Fenster und singen so laut sie können. Ich singe mit und muss gleichzeitig höllisch aufpassen dass wir auf der verschneiten Prinzregentenstraße nicht ins Schleudern kommen. Die Damen scheinen einen Mordsspaß zu haben. Sie bewegen sich im Takt und versuchen zu tanzen, sie singen lauthals mit, winken den vorbeifahrenden Autos zu und schicken Küsschen rüber. Auch ich werde von der Beifahrerin auf der Wange geküsst und umarmt.
Ein paar Minuten später biegen wir in die Ottostraße ab und wie es die Damen wünschen, halte ich direkt vor der Nummer sechs an. Ich drehe die Musik leiser, die Damen bezahlen, geben ein sehr gutes Trinkgeld, bedanken sich alle herzlich bei mir, jede mit einer Umarmung und einem Kuss an der Wange und die Letzte die Aussteigt zwinkert mir zu und drückt mir ihre Visitenkarte in die Hand. Ich werfe einen kurzen Blick drauf. Tatiana Beckendorfer, Anwältin. Was für ein Name! Ich kann mir vorstellen dass die gute Dame jeden Prozess gewinnt wenn sie in Rock, enger Bluse und mit wallenden Haaren durch den Gerichtsaal wie eine Elfe schwebt und ihr Plädoyer vorträgt. Das ist knisternde Erotik vom Allerfeinsten! Jeden wird sie mit ihrem Auftreten in den Bann ziehen und alle Blicke werden auf dem wohlgeformten Hintern und durchtrainierten Waden hängen bleiben wenn sie lasziv übers Parkett schlendert. Alles was sie dann sagt wird zur Nebensächlichkeit, weil eh keiner zuhören wird. Ihr Mandant sollte man sein! Ob sie einen Freund hat? Bestimmt nicht wenn sie mir ihre Karte heimlich zusteckt. Ob ich sie anrufen soll?

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