Ich
fahre auf das Tankstellengelände und parke neben ein paar anderen Taxen. Nehme
den Abrechnungsblock hinter der Sonnenblende hervor und schreibe die Daten vom
Taxameter ab. Dann stecke ich den Abrechnungszettel mit dem Unternehmeranteil
ich einen Briefumschlag, versiegle ihn, schreibe meinen Namen und
Konzessionsnummer drauf, sammle alle meine Habseligkeiten und stelle sie auf
dem Beifahrersitz, steige aus und strecke mich ausgiebig, gehe nach hinten zum
Kofferraum, nehme meinen blauen Rucksack und lege alle meine Sachen rein und
gehe rüber zu Tankstellenladen um die Abrechnung und den Taxischlüssel dem
Tankwart zu geben.
Zu
meiner Überraschung steht der Grieche immer noch hinter der Kasse. Der Laden
sieht schäbig und dreckig aus. Sieht so aus als ob hier die ganze Nacht mächtig
was los war. Auch Giotis sieht nicht mehr ganz frisch aus. Energielos blickt er
in meine Richtung und reißt seine Augen auf als ob er einen Geist vor sich
stünden sehe.
»Was
ist los Grieche, machst Du freiwillig überstunden? Hättest Du nicht längst zu
hause sein sollen?«
»Ach
hör auf! Der Typ von der Tagschicht hat verschlafen und jetzt muss ich warten
bis er kommt. Gott sei dank wohnt er nicht weit. Du schaust ziemlich fertig
aus, mein Lieber! Magst Du was trinken? Was darf ich Dir spendieren?«
»Einen
Whisky-Cola, oder mach besser zwei daraus!«
Er geht
zum Kühlschrank und holt vier Whisky-Cola. Wir Prosten uns zu und nehmen einen
tiefen Schluck. Reden darüber wie unsere Schichten waren und vertiefen uns ins
Gespräch. Um die Uhrzeit gibt es keine Kunden mehr die stören könnten. Um 7:45
Uhr kommt endlich Johann von der Tagschicht. Wir gehen vor die Tür, bleiben
kurz stehen und dann hole ich mein Rennrad. Giotis lässt seinen 5er BMW stehen
weil er keine Winterreifen hat. Da wir in derselben Gegend wohnen beschließen
wir zu Fuß nach hause zu gehen.
Wir
verlassen das Gelände auf der Seite der Klosterhofstraße, bleiben kurz stehen,
zünden uns eine an und blicken beide gleichzeitig zum Himmel. Es hat aufgehört zu
schneien und der Himmel klärt langsam auf. Es ist immer noch sehr kalt, aber
nicht unangenehm kalt. Wir biegen links ab und gehen durch den Unteren Anger in
Richtung Papa-Schmid und Fraunhoferstraße. Keiner von uns sagt auch nur ein
Wort. Langsam ziehen wir an unseren Zigaretten, schlürfen an den Whisky-Colas
und schlendern durch den Schnee. Alles ist so still, so ruhig, nur das
Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen ist zu hören. Kein Vergleich zu dem
Wetter das die ganze Nacht herrschte als die Schneestürme tobten und man sich
den Urgewalten schutzlos ausgeliefert fühlte. Jetzt ist alles weiß, ruhig und
leer. Als ob man auf einem anderen Planeten wäre. Die Luft ist rein und klar.
Es ist ein Genuss sie einzuatmen, die Lungen damit vollzupumpen. Eine
Frischzellenkur, ein Jungbrunnen im vergleich zur trockenen Heizungsluft des
Taxis. Das Gehirn fängt trotz der Müdigkeit wieder an zu arbeiten und die müden
Knochen werden wieder munter.
Eine
Melodie geht mir wieder durch den Kopf. Es dauert etwas bis der dazugehörige
Text dazukommt und die Melodie begleitet. Woher kommt das Lied? Aus irgendeinem
Fenster? Nein, um uns herum ist keiner und alle Fenster sind zu. Ich fantasiere
mal wieder, höre Stimmen und Geräusche die es nicht gibt. Kein Wunder bei der
Müdigkeit. Mein Hirn ist zu Matsch geworden und ich kann nicht mehr klar
denken.
“Freude,
schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!”
Es ist faszinierend so durch den
tiefen Schnee zu gehen mit einer Kippe und einem Whisky-Cola in der Hand und in
Winterkleidung warm eingepackt. Es ist deutlich kälter geworden seitdem es
aufgehört hat zu schneien, aber wir frieren nicht und genießen den Augenblick
in einer Großstadt, in der normalerweise der Verkehr tobt und regelmäßig zusammenbricht,
die Straßen voller Menschen sind und alles sehr laut ist, alleine durch die
einsame Winterlandschaft zu laufen. Es ist irgendwie wie die Ruhe nach dem
Sturm, als ob ein großes Tohuwabohu gerade zu ende ging. Außer uns ist keine
Menschenseele unterwegs, nicht mal Autos, vereinzelt fährt ein vollbesetztes
Taxi vorbei das die letzten Nachtschwärmer nach Hause bringt. Tram fährt heute
keine, denn die Verkehrsbetriebe haben auf Grund der heftigen Schneefälle
beschlossen die Tram und Busse im Depot zu lassen. Glück für die Fahrer die bei
der Kälte und dem Wetter nicht mitten in der Nacht raus müssten um dann leer
oder mit sehr wenigen Fahrgästen stundenlang durch die Stadt zu fahren. Auf uns
wartet ein warmes Bett. Hätte ich, so wie Harry, ein Wasserbett das man auf
eine bestimmte Temperatur einstellen kann, wäre ich noch glücklicher.
Üblicherweise hatten wir es immer
eilig nach hause zu kommen. Nicht aber dieses Mal. Wir schlendern durch den
tiefen Schnee ganz langsam und diverse Erinnerungen kommen auf, wie man als
Kind sich immer weiße Weihnachten wünschte und jedes Mal enttäuscht war, wenn
es nicht schneite. Man wachte jedes Jahr frühmorgens auf um aus dem Fenster zu
schauen ob schon vielleicht Schnee lag und wenn ja, weckte man seine Eltern mit
Riesenkrach und bettelte hinausgehen zu dürfen um Schlittenzufahren oder um
Schneeballschlacht zu spielen. Und kurz darauf waren die Nachbarskinder auch
draußen und man konnte nur lautes Kinderlachen hören, was viele ältere Leute
auf die Palme brachte.
Ich kann mich noch erinnern wie
wir draußen im Garten im tiefen Schnee in aller Herrgottsfrühe tobten, eine
ältere Dame sich über dem Krach den wir machten aufregte und meine Eltern
hinterm Fenster in der warmen Stube zu uns rüber schauten und schmunzelten.
Ich sehe den Griechen mit
glitzernden Augen an und er kapiert sofort was ich vorhabe und sagt: »Komm ja
nicht auf dumme Gedanken!«
Wir erreichen die
Reichenbachbrücke und ich erinnere mich an den Lebensmüden. Ich erinnere mich
auch an letzten Sommer als ich mit Sophie unten im Gras lag, den Himmel über
uns betrachteten und über unsere gemeinsame Zukunft sprachen.
Wir durchqueren die
Ohlmüllerstraße und eine Zeitlang später erreichen wir die große Kreuzung am
Ostfriedhof. Dort bleiben wir kurz stehen, umarmen uns und wünschen uns frohe
Weihnachten und eine gute Nacht und gehen getrennte Wege. Ich schwinge mich auf
mein Rennrad und habe etwas mühe zu radeln. Er ist herrlich wenn keiner
unterwegs ist und man die ganze Straße für sich alleine hat. Ich schließe kurz
die Augen, trete in die Pedale, atme tief ein und denke an gar nichts mehr.
Frei sind die Gedanken! Ein paar Minuten später stehe ich vor meiner Haustür
und treffe auf meinen Nachbarn Tobi der gerade im begriff ist mit seinen Hund
spazieren zu gehen. An solchen Tagen bin ich echt froh dass ich nie einen Hund
besaß. Es muss die Hölle sein in aller Herrgottsfrühe bei Wind und Wetter den
Hund Gassi zu führen.
Ich stelle mein Rad in den Hof
und gehe langsam die Treppen nach oben. Kaum bin ich in der warmen Wohnung befällt
mich eine unglaubliche Müdigkeit. Ich ziehe zuerst die lädierten Lederschuhe
aus und an den Gedanken dass ich sie eventuell wegwerfen muss zerreist es mir
das Herz. Viele schöne Erinnerungen haften an diesen Schuhen. Wie ich sie in
der Auslage eines Geschäftes in Florenz sah und glücklicherweise was es das
letzte Paar und auch in meiner Größe, wie ich mit denen bekleidet zu
verschiedenen Veranstaltungen ging und mit vielen Frauen tanzte und wie einmal
Sophie in einem Wutanfall sie nach mir warf und weil ich mich bückte sie aus
dem Fenster flogen. Ich gehe zuerst ins Bad und quäle mich danach mit meinen
müden Körper den Gang entlang ins Schlafzimmer, ziehe mich langsam aus, werfe
meine Kleidung auf einen Stuhl, lege mich ins Bett, ziehe die Decke bis ganz
nach oben und lege mich auf die Seite. Mein Blick geht in die Richtung des
Radioweckers und trotzdem an ihn vorbei. Ich blicke ins Leere, mein Schädel
brummt, bin hundemüde, kann nicht mehr klar denken, mein Hirn ist zu Brei, zu Matsch
geworden, eine Melodie schwirrt durch den Kopf, viele tausend Gedanken auch,
das Geschehene der letzten Nacht taucht in Bildern, in Gefühlen, in Wörtern, in
Sätzen auf, bin verwirrt und alles dreht sich. Ich weiß nicht wie ich mich
fühlen soll. Soll ich glücklich oder traurig sein? Glücklich über das viele
Geld das ich verdient habe oder traurig über die Art und Weise wie ich es
verdient habe? Traurig auch verlassen worden und am Fest der Liebe alleine in
einer großen Wohnung zu sein? Eine große Leere befällt mich. In diesen Moment
fühle ich mich einsam und verlassen. Mein Körper schmerzt, mein Herz und meine
Seele auch. Ich habe ein Verlangen auszubrechen. Auszubrechen aus meinem
Körper, aus meinem Leben, aus dieser Welt. Am liebsten würde ich aufs Motorrad
springen und zu einer Weltreise aufbrechen. Auf zu neuen Ufern, zu neuen
Abenteuern. Hinaus in die große, weite, unbekannte Welt. In Gedanken befinde
ich mich auf der Weltreise die ich mal mit dem Motorrad machen möchte. Ostwärts
Richtung Balkan, Türkei, Kaukasus und dann entweder quer durch Sibirien rüber
nach Alaska und langsam hinunter bis nach Feuerland oder der Seidenstraße entlang
und am Ende links nach Norden über die Beringstraße. Was für eine Reise! Was
für ein Erlebnis das sein wird! All die Völker, Dörfer, Städte, Sprachen der
man auf den Weg begegnen wird. Eine Reise von der man nicht nur seinen Enkelkindern
erzählen wird. Ich schließe die Augen und denke an Sophie. Was sie gerade
macht? Ob sie schläft? Wie fühlt sie sich? Ist sie einsam? Glücklich? Traurig?
Ich drehe mich zur anderen Seite
und versuche einzuschlafen. Als ich an der Pforte zum Land des Morpheus stehe
höre ich wie mein Handy vibriert und die Melodie „Take Five“ erklingt. Träume
ich? Habe ich wirklich eine SMS bekommen? Wenn ja von wem? Von Sophie etwa? Die
verschiedenen Gedanken schießen mir immer noch durch den Kopf untermahlt von
einer Melodie die ich nicht einordnen kann, nicht weiß welches Lied es
überhaupt ist. Ich versuche mich kurz zu erheben um nachzusehen ob es Traum
oder Wirklichkeit ist und von wem die SMS ist, habe aber keine Kraft und bleibe
liegen so wie ich bin.
„Ain’t no sunshine when she’s gone!“ schießt
es mir durch den Kopf als ich mich
gedankenverloren im Nirwana, im Niemandsland, auf der Schwelle ins Land des
Schlafens und der Träume befinde. Stimmt, es gibt keinen Sonnenschein wenn der
Partner weg ist, er hat ihn mitgenommen. Aber andererseits kann es ja nicht für
immer regnen.
Gute Nacht Sophie. Gute Nacht, wo
auch immer Du sein magst.
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