Sonntag, 13. April 2014

Teil 28



Ich fahre die Einbahnstraße vor in die Berdux hinein und Richtung Paul-Gerhardt-Allee. Weiß wieder mal nicht wo ich hinfahren soll. Also drehe ich den Funk lauter.
»Allacher Bahnhof! Verdi! Für Augustenfelder! Für Augustenfelder! Is koana in da näh der’s mir abnehma kannt? Für Augustenfelder!«
Wo diese Augustenfelder ist, weiß ich auch nicht, aber annehmen könnte ich es. Mein Bauchgefühl sagt mir ich soll es lieber sein lassen. Aber als der Zentralist noch mal darum bettelt den Auftrag rauszugeben, melde ich mich mit:
»980 in der Berdux auf weit!«
»980, Augustenfelder 9 Herr Kiesl. Wird Ihnen schon keiner abstauben!«
»9, Kiesl!« Wiederhole ich und schau auf dem Plan wo die Straße sein könnte. Eversbusch rauf, Lochholz nach hinten und praktisch am Arsch der Welt. Hoffentlich staubt ihn mir keiner ab! Ich werde nämlich eine Weile brauchen bis ich ankomme.
Ich drehe die Musik etwas lauter, ziehe an meiner Kippe, der kalte Wind weht durch das geöffnete Fenster und es schneit ins Taxi rein, aber das ist mir egal. Aus dem Radio ertönen orientalische Klänge, was mich stutzig macht und mich fragen lässt seit wann die Radiosender solche Musik spielen. Die Türken standen vor langer Zeit vor Wien, haben sie es, bzw. die Araber jetzt nach mehreren Jahrhunderten es geschafft uns zu erobern? Die Stimme, diese weiche und warme Stimme, ist es nicht „Cheb Mami“?

I dream of rain
I dream of gardens in the desert land
I wake in vain
I dream of love as time runs through my hand”

Natürlich! Habe ich’s doch gewusst! Stings „Desert Rose“. Ich drehe die Musik lauter und singe lauthals mit als ich durch die leeren Straßen kurve.

I dream of fire
Those dreams that tie two hearts that will never die
And near the flames
The shadows play in the shape of the man’s desire”

Ich bin so in die Melodie vertieft dass ich nicht so sehr auf den Verkehr achte. Welchen Verkehr? Bin eh allein unterwegs. Ich sause durch die leere und total verschneite Frauendorferstraße und biege am Ende scharf links, dann wieder rechts und an der Ecke Verdi leuchtet die Ampel gerade grün sodass ich mit Karacho und mit starkem übersteuern links abbiege und eine menge Schnee in die Luft wirble.

This desert rose
Whose shadow bears the secret promise
This desert flower
No sweet perfume that would torture you more than this”

Mann ist das ‘ne Riesengaudi bei Schnee und Eis Auto zu fahren! Ich fahre die Verdi entlang, biege dann rechts in die Pippinger als ich von der Zentrale gerufen werde auf K4 zu schalten.
»980 auf K4!«
»980 der Kunde reklamiert. Wo bleiben Sie?«
»Bin grad auf die Pippinger abgebogen. Brauche noch zwei Minuten. Ist nicht leicht bei dem Wetter zu fahren.«
»Is scho recht! Wir geben’s durch!«

And now she turns
This way she moves in the logic of all my dreams
This fire burns
I realize that nothing’s as it seems
I dream of rain…”

Oha! Was sind das für zwei Gestalten mit Rastas die da vorne mitten auf der Straße stehen? Ich bremse scharf um sie nicht zu überfahren. Als ich zum halten komme, kommt einer der Beiden zu mir auf die Fahrerseite und fragt durch das geöffnete Fenster ob ich das bestellte Taxi sei.
»Auf welchen Namen habt Ihr bestellt?«
»Schorsch, was haben wir gesagt? Meinen oder Deinen?«
»Schachtlhuber oder Kiesl. Sie können es sich aussuchen!«
»Is scho recht! Für Augustenfelder 9, ja?«
Die beiden schauen sich fragend an und geben keine Antwort.
»Wieso brennt da kein Licht? Und was macht ihr zwei Rastas in so einer Gegend? Ihr passt gar nicht in die Landschaft. Wolltet ihr einbrechen oder habt den falschen Bus genommen?«
Die beiden schütteln sich den Schnee von der Kleidung und steigen ein. Einer vorne, einer hinten. Ich fahre los als einer der beiden sagt:
»Ist ´ne lange Geschichte, Mann! Wir müssen nach Dachau zum Bahnhof!«
»Ist geritzt! Aber interessieren würde es mich trotzdem was ihr hier macht.«
»Wir waren in Langwied, einen Freund besuchen. Danach fuhr nichts mehr Heim und da wir kein Geld haben, wollten wir zu Fuß nach hause und falls wir unterwegs einen Bankautomaten finden würden, hätten wir uns ein Taxi gerufen.«
»Ist aber ein sehr langer Spaziergang bis nach Dachau! Wisst ihr überhaupt wo wir sind?«
»Nein. Aber weit dürfte es nicht mehr sein. Wir hatten das Rauschen der Züge die ganze Zeit im Ohr und haben uns danach orientiert.«
»Macht ihr Witze? Das Rauschen der Züge? Seid ihr dicht? Auf was für einen Rausch seid ihr? Es gehen schon Bahngleise hier in der Nähe entlang, aber es verläuft auch eine Autobahn. Wahrscheinlich habt ihr die Autos und nicht die Züge gehört. Habt ihr eine EC-Karte dabei? Sollen wir an einen Automaten anhalten oder wollt ihr mich mit der Karte bezahlen?«
Wir fahren gemütlich an der MAN vorbei als einer der Beiden eine Bob Marley CD aus seiner Jackentasche zaubert und mich fragt ob ich sie reinlegen kann.
Kurz darauf fahren wir zu Reggaeklängen in Richtung Dachau.

Preacherman, don’t tell me
Heaven is under the earth
…..
Stand up for your rights, come on!”

Ja, das gefällt den Rastas! Jetzt sind sie wieder glücklich und singen mit. Beim Chorus singe auch ich mit und lasse mich von deren guter Stimmung mitreißen. Was diese Fahrt perfekt machen würde ist – passend zur Musik – ein Joint. So eine richtig große Tüte voll Gras.

“Get up, stand up, stand up for your rights!
Get up, stand up, don’t give up the fight!”

Ein paar Marley-Songs weiter kommen wir auch am Dachauer Bahnhof an. Die Beiden bezahlen, bedanken sich für die gute Fahrt und steigen aus. Ich möchte gerne eine Zigarettenpause einlegen, aber die Dachauer Taxikollegen schauen etwas grimmig zu mir rüber als ob ich denen die Fahrgäste wegnehmen würde. Deshalb fahre ich aus dem Bahnhofsvorplatz raus und parke ein paar Meter weiter. 

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