Montag, 14. April 2014

Teil 33



Ich steige in mein Taxi ein, schalte den Funk an höre eine Minute zu was so für Aufträge rausgehen und überlege mir wo ich mich hinstellen soll. Ich beschließe zum Artur-Kutscher zu fahren und wenn dort zu viele stehen, fahre ich weiter zum Feilitzsch. Ich fahre vom Gelände hinaus auf die Dietlinden, rechts in die Kunigunden und vor zum Kutscherplatz. Meine Güte! Da stehen drei Taxen! Darf es denn wahr sein! Ich möchte kein Risiko eingehen an diesem Stand zu versauern und fahre weiter zum Feilitzsch. Als ich in der Marktstraße kurz vorm „Restaurant mit dem goldenen ‚M’“ bin (ich höre Saki schon schimpfen: Des is koa Restaurant ned!) versucht der Zentralist einen Auftrag rauszugeben aber keiner meldet sich.
»Für Werneck! Für Werneck! Die Fahrgäste warten schon seit fuchzehn Minuten auf a Taxi! Ist denn koana am Ainmiller, Feilitzsch oder Reitschule? Koana frei in dera Gegend? Koana der frei wird?«
Oh Gott! Denke ich mir. Tu dem Mann was Gutes und melde Dich für den Auftrag. Wird eh eine Scheißfahrt sein. Ich hatte noch nie einen guten Stich von dort. Die Fahrgäste sind meistens betrunken, arrogant und aggressiv. Was soll’s! Heute ist schließlich die heilige Nacht und Sophie würde jetzt sagen: Do something good for humanity! Zum Henker! Zum Teutates!
»980 in der Markt!«
»980 Werneck 11, Gast und entschuldigen Sie sich bitte bei den Fahrgästen unsererseits für dass die lange warten mussten.«
»Is scho recht! 11 Gast!«
Ich fahre über die Kreuzung in die Siegesstraße rein und quäle mich mit den Einbahnstraßen (Saki würde wieder fluchen, diesmal auf die Ökos, auf die dieser Mist gewachsen ist. Anstatt den Verkehr fließen und somit weniger Schadstoffe entstehen zu lassen, wird er abgebremst, die Autofahrer schikaniert, die Anwohner leiden unter dem Lärm des Abbremsens und Beschleunigens, bei diesem Prozess werden viel mehr Abgase und Schadstoffe produziert als wenn der Verkehr fließen würde und es würde auch weniger Benzin und Diesel verbraucht. Politiker hätte er werden sollen!). Nach ca. drei Minuten stehe ich vorm Lokal. Da die Straße zu eng ist und man dort nirgendwo parken kann, schalte ich die Warnblinkanlage an, lasse das Taxi mitten auf der Straße stehen, steige aus (meine Schuhe!!!) und gehe rein um bescheid zu sagen. Kaum öffne ich die Tür des Lokals und bemerke dass der Laden leer ist, stehen zwei Herrschaften auf, rufen mir zu: »Endlich ist das verdammte Taxi da!« und kommen auf mich zu. Mir gefällt deren Auftreten nicht und wende mich fragend zum einzigen Kellner: »Sind das die Fahrgäste?«
»Siehst Du irgendwen sonst noch hier?«                 
»Wie viel haben die intus? Sind die schlecht drauf?«
»Du hast sie zu fahren!« bekomme ich als Antwort und denke mir: Was für eine Arschgeige von einem Kellner! Kein Wunder dass der Laden schlechtes Publikum anzieht, wenn die Kellner mies drauf sind, wie sollten dann die Gäste sein?
»Junger Mann, wir warten seit einer geschlagenen halbe Stunde auf Dich. Was ist Deine Entschuldigung?« werde ich vom männlichen Fahrgast gefragt.
Ich hebe meine linke Augenbraue und sage: »Damit eins Klar ist: Sie warten auf ein Taxi und nicht auf mich. Sie haben nicht mich Persönlich bestellt sondern einen Fiaker. Dass es länger gedauert hat ist nicht meine Schuld und die Zentrale lässt sich wegen der langen Wartezeit entschuldigen.«
»Frech samma a noch?« sagt der Mann.
»Wenn’S den Ton nicht eine Spur freundlicher machen, können Sie sich ein anderes Taxi rufen oder gleich zu Fuß gehen! Mit mir werden Sie nicht fahren! Servus, habe die Ehre und schönen Abend noch!«
Ich drehe mich um und schreite zur Tür hinaus. Die beiden folgen mir ohne irgendwas zu sagen. Als ich im Begriff bin die Fahrertür zu öffnen sehe ich wie die Beiden auf der Beifahrerseite stehen und warten einsteigen zu dürfen.
»Sie wünschen?« frage ich die Beiden.
»Wuist uns ned fohrn?« fragt der Mann.
»Warum sollte ich?«
»Weil wir ein Taxi bestellt haben und so lange gewartet haben bist Du kommst.«
»Und? Ich habe vorhin gesagt, wenn der Ton nicht freundlicher wird, können Sie sich ein anderes Taxi bestellen. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich möchte gerne weiter arbeiten.«
»Ach kommen Sie!« sagt die Frau. »Wir versprechen ruhig zu sein. Es ist spät, wir sind müde und möchten nach hause. Wir haben’s auch nicht weit und Sie werden uns bald los!«
»Sicher?« frage ich.
»Ja ganz sicher!« versichert mir die Frau. Mein Bauchgefühl aber sagt mir was anderes. Ich schaue kurz nach oben, aber weder Saki noch der liebe Herrgott erscheinen um mir zu helfen. Aber von irgendwoher ist Musik zu hören. Ich spitze die Ohren um herauszufinden um welche Melodie es sich handelt und woher sie kommt.
»Was ist los? Fahren wir?« fragt der Mann.
Ich drehe meinen Kopf kurz zur Seite und konzentriere mich darauf woher die Musik kommt. Es sind Klänge von Michael Jackson. MJ? Träume ich? Habe ich wieder Visionen? Halluzinationen? Sinnestäuschungen? Ich höre MJ singen: Because I’m bad, I’m bad, come one, Bad, Bad, really really bad… Soll das ein Zeichen sein? Ich schaue kurz nach oben und höre dann wie ein Auto um die Ecke biegt, stehen bleibt, sehe wie das Fenster auf der Fahrerseite offen ist und merke dass die Musik von diesen Auto kommt.
»Geht’s da vorne bald weiter?« ruft der Fahrer in die Nacht hinein.
»Nehmen Sie uns jetzt mit?« fragt die Dame und reißt mich aus meinen Gedanken.
»Wird’s bald da vorne?« ruft der Fahrer des Autos.
»Also gut. Wenn das so ist, fahren wir!«     
Wir steigen alle gleichzeitig ein. Er vorne, sie hinten. Klare Geschlechtertrennung. Ich schalte die Uhr ein und drehe den Zündschlüssel und das Radio geht automatisch an. Der männliche Fahrgast gibt als Fahrziel die Rambergstraße an. Es ist eine ganz kleine Straße hinter der Akademie der bildenden Künste. Das hätten die locker zu Fuß gehen können anstatt hier eine halbe Stunde auf ein Taxi zu warten. Ich gebe kurz Gas und höre dem Radio genauer zu. Die Melodie kenne ich doch, der Rhythmus ist einmalig, bloß um welches Lied handelt es sich noch mal? Ich höre noch genauer zu und jetzt endlich fällt es mir ein.
TUT! TUUUUT!!! Höre ich das Auto von vorhin hupen und sehe in den Rückspiegel wie der Fahrer seine Faust aus dem Fenster gen Himmel reckt.
Klar! Es handelt sich um „Beat it“ von Michael Jackson. Soll das wieder ein Zeichen sein? Ein Zeichen dass ich diese Fahrt hätte ablehnen sollen? Ein Zeichen dafür dass die Fahrgäste entgegen ihrem Versprechen sich doch noch daneben benehmen und Ärger machen werden?
Kaum fünfzig Meter weiter stellt mir der Mann auch die erste Frage:
»Du Taxler! Was bist Du für ein Landsmann?«
»Was spielt das jetzt für eine Rolle?« erwidere ich.
»Das spielt keine Rolle« sagt die Frau von hinten, »mein Mann möchte es gerne wissen.«
»Genauso einer wie Sie es sind. Ich habe den Pleitegeier auf meinem Pass!«
»Du Lügner! Du elender Lügner!«
»He! Nicht in diesen Ton! Sonst können Sie zu Fuß gehen!«
»Drohst Du uns jetzt auch noch? Sag, was für ein Landsmann bist Du? Du bist kein Einheimischer!«
»Bin ich doch! Wie ich sagte, auch ich habe den Pleitegeier auf dem Pass.«
»Ein Deutscher würde nie ‚Fiaker’ und nie ‚Pass’ sagen. Du lügst!«
»Wie wär’s mit ein im Ausland aufgewachsenes Mitglied der Arischen Volksgruppe?« frage ich und grinse unverschämt in seine Richtung.
»Bist Du ein Schluchtenscheißer, Du Kluckscheißer Du!?«
»Jetzt wird’s mir zu bunt. Die Fahrt ist hier beendet. Sie zahlen und steigen aus!« Weit sind wir eh nicht gekommen. Ich fahre in den Ainmillerstand rein und stelle mich hinter das dritte Taxi welches dort steht und auf Aufträge wartet.
Die Fahrgäste wollen nicht zahlen und einfach abhauen.
»Mit solchen Lügnern wie Dich fahren wir nicht! Und zahlen tun wir auch nicht!«
Geistesgegenwärtig drücke ich mit beiden Händen auf die Hupe sodass die angenehme Stille die draußen herrscht gestört wird. Die drei Kollegen vor mir springen aus ihren Autos raus und kommen zu mir nach hinten und fragen was los ist. Ich erkläre denen dass ich verbal angegriffen werde und die Fahrgäste nicht zahlen wollen. Während einer von den Kollegen zurück zu seinem Taxi geht um der Zentrale bescheid zu geben und die Polizei zu rufen, gehen die anderen zwei auf die Beifahrerseite, der Eine blockiert die hintere Tür damit die Dame nicht aussteigen kann und der Andere reißt die Beifahrertür auf sodass sich der Fahrgast für einen kurzen Moment erschreckt. Als er sich wieder fasst, schreit er den Kollegen an was das Ganze soll. Der Kollege, ein Zwei-Meter-Schrank von einem Mann, stellt sich breitbeinig hin und macht sich noch größer als er ohnehin schon ist. Dazu setzt er ein zum fürchten erregendes grimmiges Gesicht auf und befielt dem Fahrgast die „Schnauze zu halten, zu zahlen und zu warten bis die Polizei kommt“. Die Polizei taucht auch Gott sei dank in diesen Moment auf. Parkt hinter mir, zwei Beamten steigen aus ihrem Vehikel und kommen zu mir nach vorne. Einer links, einer rechts. Der eine fragt mich was hier los ist worauf ich ihm es kurz erkläre. Der andere fordert den Fahrgast auf auszusteigen und sich neben das Taxi zu stellen. Er schreit beim Aussteigen dem Beamten an, duzt ihm und beschimpft ihn auch noch. Der Beamte reagiert ziemlich gelassen auf die Beschimpfung und verlangt nach dem Ausweis des Fahrgastes. Auch ich werde nach meinen Ausweis gefragt und muss dazu noch eine Aussage machen die schriftlich festgehalten wird. Der Fahrgast hört was ich sage und flippt total aus.
»Du Lügner! Du verdammter Lügner! Glaubt’s ihm gar nix! Er wollte uns rausschmeißen der Saukerl und dafür sollten wir auch noch bezahlen!« Dann macht er einen großen Fehler. Aus Wut tritt er gegen die hintere Tür und hinterlässt eine Beule. Jetzt ist es auch für die Beamten genug. Sie legen ihm Handschellen an und er wird zum Streifenwagen gebracht wo er hinten Platz nehmen darf. Seine Frau wird zu ihm gebracht. Die Kollegen und ich müssen eine Zeugenaussage an Ort und Stelle machen. Unsere Papiere werden geprüft und wir werden dann entlassen.
»Sie werden in den nächsten paar Wochen von uns hören. Sie und ihre Kollegen werden irgendwann mal vor Gericht aussagen müssen und ein Brief von der Staatsanwaltschaft wird an Ihren Unternehmer wegen des Schadens gehen« sagt der Beamte zu mir und geht zum Streifenwagen. Die Türen der Streife knallen zu und die Beamten wenden mit Karacho auf der Stelle und fahren die Leopoldstraße nach Norden Richtung PI. Auf den Fahrpreis bleibe ich sitzen. So ein Mist!
»Was für eine Scheiße!« sagt einer der Kollegen, »und das an Heilig Abend!«

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