Sonntag, 13. April 2014

Teil 21



Ich rauche noch zu ende, stelle das Taxischild wieder auf dem Dach und fahre los. Gute Frage! Wohin? Den Theresienhöhestand mag ich nicht besonders, der Südbau wird wahrscheinlich voll sein, noch weiter raus fahren, Richtung Ganghofer? Wäre nicht schlecht. Ich schalte die Musik aus und höre dem Funk zu:
»Pocci am Stand geht einmal!«
»Rosenheimer geht mehrmals! Da ist die S-Bahn ausgefallen!«
»Kieferngarten geht a einmal! Fahrt do jemand hi?«
»Authari! Authari! Geiselgasteig! Für Langobarden! Für Langobarden!«
»2344 in der Nauplia!«
»2344 Langobarden 13, Müller!«
»13, Müller! Danke!«
»Waldheim! Carl Wery! Oma Graf! Für Rotkäppchen! Für Rotkäppchen! Mog’s jemand hamn? Koana der so weit draußen is? Für Rotkäppchen!«
»3606 in Putzbrunn auf weit!«
»3606, Rotkäppchen weiter! Und danke!«
»Weiter!«
»Der Herr am Kieferngarten reklamiert! Fahrt do jemand hi?«
»775 schaut vorbei!«
»775 der Herr Rosenstock warten auf Sie!«
»Rosenstock, danke!«
Oh Mann! Das macht mir die Entscheidung auch nicht leichter. Soll ich zur Stadtmitte oder doch weiter raus fahren? Der Ganghofer ist nicht so weit und ist ein guter Stand. Also fahre ich dahin. Ich biege rechts ab in den Bavariaring, fahre übers Brausebad rauf zum Alten Messeplatz.
»Ganghofer!«
»100, dritter!«
Was ist los? Wie viele stehen denn dort? War doch keine so weise Entscheidung. Mist verdammter! Himmi Herrgott Zefix! Was mache ich jetzt? Egal! Fährst eben hin.
Als ich an der Ampel zur Ganghofer stehe und somit dem Stand schräg gegenüber, sehe ich wie nur ein Taxi dort steht und wie ein Fahrgast einsteigt. Oha! Denke ich mir. Das ging aber schnell! Ich fahre rechts bis zur Straßenabsperrung (die Grünen kamen mal auf die Idee Blumentöpfe hinzustellen um den Durchgangsverkehr zu Stoppen, seitdem werden die Anwohner mit elenden Einbahnregelungen gequält) und mache einen U-Turn der sich gewaschen hat und fahre in den Stand. Kaum stelle ich den Motor ab klingelt auch das Standplatztelefon.
»Guten Abend! Schwarz mein Name. Könnten Sie bitte zur Ligsalzstraße 4 kommen?«
»Natürlich! Ligsalz 4, Schwarz wie Weiß!«
»Na, ned schwarzweiß! Bloß Schwarz!«
»Iss scho recht! 4 Schwarz.«
»Na, ned vier schwarze! Einmal Schwarz, ich komme runter.«
»Herr Schwarz kommt runter. Bin gleich da!«
Mann ist der Anstrengend! Besoffen oder bekifft? Will er mich verarschen? Macht sich da einer einen Spaß? Werden wir gleich sehen. Ich springe ins Auto und fahre über die gerade auf grün geschaltete Ampel nach links und ein paar Meter weiter wieder links. Vor der Nummer 4 halte ich an und warte. Als zwei Minuten später immer noch keiner runter kommt steige ich aus und schaue mir die Namen auf den Klingeln an. Weder Schwarz noch Weiß, noch Schwarzweiß. »So ein Mist! War’s also doch ´ne Verarsche!« Ich gehe zurück zum Taxi und fahre dann zurück zum Stand. Gott sei dank steht da keiner! So komme ich hoffentlich schnell weg. Tatsächlich geht das Standplatztelefon kurze Zeit später. Ich gehe ran und melde mich mit:
»Taxi Ganghofer, guten Abend!«
»Hallo! Schwarz mein Name. Kommen Sie bitte in die Ligsalz Nummer 4.«
»Warum sollte ich das?«
»Weil ich ein Taxi brauche!«
»Ah ja! Wollten Sie nicht vorhin runter kommen?«
»Bin ich auch, aber Sie waren weg.«
»Und warum steht der Name Schwarz nicht auf der Klingel? Weder Schwarz noch Weiß noch Schwarz-weiß.«
»Ich bin neu zugezogen und mein Name steht noch nicht auf der Klingel.«
»Das soll ich Ihnen glauben? Was für ein Name steht denn an der Tür?«
»Rot!«
»Rot? Machen wir jetzt ein Farbenspiel?«
»Nein. Schwarz und Weiß sind keine Farben, aber Rot ist eine!«
»Wissen’S was? Bestellen Sie sich woanders ein Taxi oder stellen Sie sich auf die Straße und winken Sie sich eins oder kommen Sie rüber zum Stand. Ich komme garantiert nicht mehr hin!«
So! Das hat jetzt gepasst. Ich lege auf und gehe zurück zum warmen Auto.
Nach gefühlten zwei Minuten ertönt es aus dem Funkgerät:
»Ganghofer!«
»980 Aloa!«
»980, Ligsalz 4, Schwarz.«
Wie bitte? Geht die Verarsche jetzt weiter? Spinnt der Typ? Hat er nichts Besseres zu tun als Taxler zu schikanieren? Fühlt er sich so einsam? Ist er dermaßen bekifft oder betrunken das er nicht weiß was er tut?
»980, hätten Sie die Freundlichkeit zu wiederholen?«
»4 Schwarz!«
Ich gehe gleich auf K4 und schildere der Zentrale was vorhin passiert ist. Die geben sich erstaunt und lachen sich im Hintergrund einen ab.
»Moment, wir haben eine Handynummer da. Wir rufen da mal an.«
Kurze Zeit später ist der Kollege wieder da und meint:
»Er beharrt dass er ‚Schwarz’ heißt und auf der Klingel ‚Rot’ steht. Hätten’S die Freundlichkeit dahin zu fahren um zu sehen was los ist? Sie kriegen auch einen Ausgleich wenn’s aus der Fahrt nix wird. Aufträge haben wir genügend da.«
Also fahre ich noch mal hin. Jetzt steht tatsächlich jemand vorm Eingang und raucht. Als ich vorfahre mache ich das Fenster runter und frage:
»Schwarz wie Weiß wie Schwarzweiß wie Rot?«
»Genau der bin ich!«
Mein Gott was für eine schwere Geburt! Während er ums Auto geht um einzusteigen, melde ich der Zentrale auf K4 dass ich den Fahrgast aufgenommen habe.
Er steigt lächelnd ein und gibt als Fahrziel das ‚Marktstadl’ an. Als ich losfahre fügt er noch hinzu: »Das war aber eine schwere Geburt!«
Soll ich jetzt was dazu sagen oder nicht? Soll ich ihm an die Gurgel springen? Saki hätte ihm bestimmt was zugeflüstert. Ich spüre wie er in einer Blase über mir schwebt und was sagen möchte, es doch nicht tut weil ich verärgert nach oben gucke und er samt Blase verschwindet.
»Ja, war es! Verwirrendes Farbenspiel.«
Er lächelt und sagt: »Schwarz und Weiß sind keine Farben, also war es auch kein Farbenspiel!« Ich werfe ihm einen Blick zu der töten könnte und fahre vor zur Schwanthaler und dann den Hügel runter, schieße über die Kreuzung und immer geradeaus. Er summt und murmelt die ganze Zeit etwas, dass ich nicht verstehe. Als wir ein paar Minuten später vorm Marktstadl stehen, verabschiedet er sich sehr freundlich, bittet wegen der Verwirrung um Verzeihung, bezahlt und gibt ein gutes Trinkgeld. Als er die Tür des Lokals aufmacht stürzen drei Frauen hinaus die ihn beinahe überm Haufen rempeln und laut lachend „Taxi!!!“ rufen. Um Gottes Willen denke ich mir. Bloß weg hier! Aber ehe ich reagieren kann hat eine der Frauen ihre Hand schon am Türgriff und reißt die Tür auf.

»Einen wunderschönen guten Abend der Herr! Oh und was für ein hübscher das ist! Mädels schaut mal her! Ein so junger Bursche! Ist unser Glückstag heute!«
Meiner scheint es nicht gerade zu sein, wenn es so weitergeht.
»Schönen Abend die Damen! Wo darfst denn hingehen?«
»Kennst den Bierhimmel?«
»Freilich!«
»Genau do fahrst Du uns hi!«
Das kann heute noch heiter werden! Taxiregel Nummer 3: Nach einer angenehmen Fahrt folgt meistens eine anstrengende.
Ich fahre die Westenrieder raus auf die Frauenstraße, dann über die Blumenstraße Richtung Sendlinger Tor. Die Damen kichern albern und versuchen mich anzubaggern.
»Hast Du eine Freundin?« Gelächter und Gekicher.
»Nein.«
»Bist Du schwul?« Lauteres Gelächter.
»Na, wia kimmst denn do drauf?«
»Na so hübsche Männer wie Du einer bist sind entweder besetzt oder schwul.«
»Jaja, und Frauen sind entweder besetzt oder beschissen! Weder noch! Kann für andere stimmen, für mich aber nicht.«
»Dürfen wir Dich auch in Naturalien bezahlen?«
»Ich kiffe nicht!«
»Nein, nicht mit Grass, magst Du nicht mit uns drei eine Orgie feiern?«
Was ist los? Wie ziehe ich mich jetzt aus der Affäre? Warum habe ich nicht einfach behauptet ich sei schwul? Das habe ich doch öfters gemacht und bin immer gut davon gekommen. Mist!
»Meine Religion verbietet es mir.«
»Deine Religion? Welche Religion verbietet es Sex mit jemandem zu haben?«
»Hamma in da Schui ned o’passt?«
Die Damen schauen sich fragend an und wissen nicht was los ist.
»Gefallen wir Dir nicht?«
»Habe ich das gesagt?«
»Nein, aber gedacht!«
»Kannst Du Gedanken lesen?«
»Ich bin eine Frau. Ich habe den 6. Sinn. Übersinnliche Kräfte. Ich spüre so was.«
»Ah ja. Bist Du also eine Hexe? Willst Du mich verzaubern und in einen Frosch verwandeln?«
»Hexe? Beschimpfst Du mich als eine hässliche Hexe?«
»Ich habe nicht hässlich gesagt. Ich sagte Hexe, aber nicht hässlich. Wie man im Fernsehen sehen kann gibt es äußerst hübsche Exemplare.«
»Wir gefallen Dir nicht!«
»Habe ich das gesagt?«
»Nein aber gedacht! Würden wir Dir gefallen, würdest Du mit uns ins Bett hüpfen wollen. Da Du aber nicht mit willst, bedeutet es dass wir Dir nicht gefallen.«
Verstehe einer die Frauen!
»Also ich sagte dass meine Religion es mir verbietet, nicht dass Ihr mir nicht gefällt.«
»Und welche Religion ist es?«
»Die Katholische! Im Katechismus steht geschrieben, dass man Ehelichen Beischlaf nur zur Fortpflanzung haben soll. Nicht zum Spaß. Der Papst verurteilt auch voreheliche Bettgeschichten und ist gegen Kondome. Da ich ein sehr gläubiger Mensch bin und nicht in der Hölle landen möchte, befolge ich die Ratschläge des Papstes. Amen!«
»Und Du bist Dir sicher dass Du nicht mit uns gehen möchtest?«
»Ganz sicher! Außerdem ist es auch gegen den Numismatismus!«
»Gegen was?«
»Hamma wiada ned in da Schui o’passt?!«
»Verarscht Du uns etwa? Spuist den Oberschlau’n?«
»Eine der Regeln des Numismatismus besagt, dass man keinen Sex während der Arbeitszeit haben darf. Generell ist die Arbeitszeit mit Arbeit zu füllen und zu nutzen. Alles andere kann man nach der Arbeit machen. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen!«
»Oiso derf ma Di späta o’rufa?«
»Morgen früh so gegen 6.«
»Sex ist immer gut!« sagt eine der Damen und alle kichern drauf los. Gott sei dank kommen wir beim Bierhimmel an und sie vergessen nach meiner Nummer zu fragen. Zahlen und steigen mit mühe aus. Der Alkoholpegel scheint sehr hoch zu sein und das schon am frühen Abend! Da bin ich aber noch glimpflich davon gekommen. Eine Orgie mit dem Trio hätte ich bestimmt nicht überlebt. Die scheinen wilde Absichten zu haben und leicht ausgehungert zu sein. Dazu noch der Alkohol und man vergisst sämtliche Hemmungen.
Warum ist der Bierhimmel eigentlich ein Kellerlokal? Mit dem Namen sollte man unters Dach ziehen, wie das Café am Glockenspiel, das ganz oben ist. Dazu Hacker Pschorr als Sponsor und Lieferanten mit der dazugehörigen Werbung, weißblauer Deckendekoration, Aloisius von der Decke hängend und man würde sich wirklich wie im Bierhimmel fühlen.
 

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