Als ich
ins Taxi steige ruft die Zentrale den Stand. Da keiner außer mir am Stand ist
melde ich mich und bekomme den Auftrag ans Deutsche Theater zu fahren. Dort
stand wohl keiner, denke ich mir. Glück gehabt. Ich fahre aus dem Stand und
erwische die Ampel an der Ecke Schwanthaler. Biege links ab und fahre vor bis
zu Stand des Theaters. Kaum will ich aussteigen kommt ein Herr mit einem Koffer
aus der Einfahrt und fragt ob ich das bestellte Taxi sei. Er legt seinen Koffer
in den Kofferraum und steigt vorne ein. Er riecht nach Wein. Wahrscheinlich
haben die nach der Vorstellung noch gefeiert. Als Fahrziel gibt er zuerst die
BP am Oberanger und danach soll es weitergehen in die Holzstraße.
Ich
trete aufs Gas, fahre geradeaus, überquere die Sonnenstraße, biege rechts in
die Herzogspital und wieder rechts in die Herzog-Wilhelm. Der Fahrgast sagt die
ganze Zeit nichts und auch ich fange kein Gespräch an. Meine Gedanken kreisen
sich um die paar letzten Fahrten. Es ist wirklich wie Achterbahnfahren. Einmal
lustig und angenehm und einmal anstrengend und zum kotzen. Kurze Zeit später erreichen
wir die Tankstelle. Bevor er aussteigt fragt er mich ob er mir was mitbringen
kann. Nein, erwidere ich, ich gehe kurz mit.
Als wir
in den Laden reingehen ruft der Tankwart quer durch den Tankstellenladen:
»Na wie siehst Du denn aus?« und lacht dabei.
»Sei
ruhig Grieche!« erwidere ich, »Du siehst auch nicht besonders gut aus! Schon mal
in den Spiegel geschaut?«
Mein Fahrgast schaut uns Beide
abwechselnd an, sagt nichts und geht nach hinten zu den Regalen. Der ‚Grieche’
kommt zu mir vor als ich in Richtung Kühlschrank gehe und räumt ein paar leere
Bierkästen zur Seite. Er trägt ein enges weißes Hemd mit nach oben gekrempelten
Ärmeln das seinen Muskulösen Körper sehr betont, und mit einem breiten Grinsen
bis zu den Ohren sagt er: »Du siehst wirklich
schlecht aus mein lieber! Hast Du eine aufregende Nacht?«
»Es
ist doch jedes Jahr an Weihnachten dasselbe Theater Grieche! Es ändert sich
nie! Was fragst Du so blöd? Bei Dir ist es bestimmt auch nicht anders!«
Der Tankwart ist Grieche und heißt
Giotis, was eine Kurzform von einem längeren Namen ist, den er nie verriet, wir
alle nennen ihn aber voller Erfurcht den „Griechen“. Er ist 38 Jahre alt,
geschieden, hat zwei Buben im Alter von acht und zehn die bei ihrer Mutter
leben. Er selbst lebt mit seiner Freundin und ihrer kleinen Tochter. Seine
Freundin arbeitet halbtags bei der Post und er nachts an der Tankstelle. Eigentlich
ist er kein richtiger Tankwart, er ist Sicherheitsmann bei einer Firma und hat
jahrelang im Personen- und Objektschutz gearbeitet, bis ihn das ganze
angewidert hat und er den Job quittierte.
Objektschutz fand er ziemlich
langweilig und Personenschutz gefährlich. Er wurde auch mal angeschossen, und
hat eine Narbe am linken Oberschenkel. Das war sein Hauptgrund den Job zu
schmeißen, denn seine damalige Frau war schon immer gegen solche Art von Arbeit
und ließ sich auch deswegen scheiden. Sie konnte nicht damit leben, dass er
nachts Objekte beschützt und nicht zu hause war oder sein Leben für
irgendwelche Prominente aufs Spiel setzte. Seine Firma ließ ihn aber nicht
gehen und schickte ihn zu diversen Tankstellen, bis er bei der BP am Oberanger
landete. Hier arbeitet er mehrere Jahre in der Nachtschicht, vier Mal die
Woche, von Montag bis Donnerstag und an Weihnachten weil seine Ex-Frau mit den
Kindern ihre Eltern besucht und seine Freundin Weihnachten bei ihren Eltern
verbringt. So bleibt er alleine und füllt die Zeit mit Arbeit. Seine Ex-Frau
ist bei einer Bank angestellt. Er liebt seine Kinder und verbringt sehr viel
Zeit mit ihnen und fährt gelegentlich auch mal in Urlaub mit ihnen.
Der Grieche ist relativ
kleingewachsen für einen Mann. Nicht mal 1.70 m groß, hat kurze braune Haare,
braune Augen, lächelt immer, hat ein sehr freundliches Gesicht mit mediterranen
Zügen, sein Körper ist mit Muskeln bepackt und er hat Tätowierungen auf seinen
Armen die ihn ehrfürchtig erscheinen lassen und Spekulationen hervorbringen was
er wohl in seinem Leben alles so getrieben habe, ob er je im Gefängnis saß,
Drogengeschäfte betrieben habe, usw. Er sagt nie etwas dazu und lächelt verdächtig,
als ob er sagen wolle: »Ja ja, mag schon
stimmen was ihr da so erzählt«. Es herrscht
ein regelrechter Mythos um seine Person und daher kam auch der Name „der
Grieche“ wie im Film „Bube, Dame, König, Gras“, da spielt auch ein Grieche mit,
nämlich der kriminelle „Nick der Grieche“. Mit der Zeit wurde Giotis immer
beliebter, nicht nur bei uns Taxlern, sondern auch bei den Leuten die im Laden
ein und ausgehen und auch bei den Obdachlosen die sich Nacht für Nacht mit
Alkohol und Zigaretten eindecken.
Da mein
Fahrgast noch eine Weile braucht, nutze ich die Zeit mit dem Griechen zu reden.
Da geht auf einmal die Tür auf und Schorsch kommt herein. Schorsch ist der
bekannteste Obdachlose der Stadt. Nicht nur fast alle Taxler und Obdachlose
kennen ihn, er ist auch einem breiten Publikum bekannt. Das kommt davon dass er
öfters auf der Verkehrsinsel, über dem Altstadtringtunnel vorm „Prinzregentenstüberl“
steht, meistens singend und tanzend und mit einer Kerze auf dem Boden.
Er
sieht uns kurz an und grüßt. Er blickt verloren um sich herum als würde er
etwas suchen.
»Servus
Schorsch!« grüßt ihm Giotis. »Wie geht’s Dir? Du schaust heute aber gut aus.
Gewaschen, gekämmt, rasiert und so sauber. Ist heute Dein Waschtag?«
In der
Tat sieht Schorsch heute extrem sauber aus, als ob er gerade aus der Badewanne entsprungen
wäre. So sauber wie jetzt habe ich ihn selten gesehen.
Schorsch
lacht kurz auf und fällt dann mitten im Laden auf die Knie. Schnappt sich das
Kreuz das er um den Hals trägt und fängt an das „Vater Unser“ runter zu beten.
Alle im Laden bleiben wie angewurzelt stehen und blicken in seine Richtung.
Giotis ist das peinlich und bittet Schorsch damit aufzuhören. Aber Schorsch
lässt sich nicht beirren und bettet weiter. Er holt noch einen Rosenkranz aus
seiner Tasche und erhebt seine Stimme. Die Leute im Laden und zwei die gerade
reinkommen stehen immer noch wie angewurzelt da. Auf einmal kniet sich einer
der Leute neben Schorsch und fängt auch zu beten an. Giotis dem diese Szene
sichtlich peinlich ist, auch wegen der Kameras die überall angebracht sind,
bietet den Beiden ein Gratisbier an damit sie aufhören.
Mein
Fahrgast hat jetzt endlich was er braucht, zahlt und wir verlassen den
Tankstellenladen.
Beim
Rausgehen streichle ich Schorschis Haar und er gibt mir seinen Segen: »Gott sei
mit Dir, mein Schaf!«
Obwohl
er obdachlos ist und selber nichts besitzt außer ein paar Habseligkeiten, hat
er ein großes Herz und hilft anderen Leuten, anderen Obdachlosen und in Not
geratenen. Vor circa einer Woche fuhr ich so gegen Mitternacht hierher zur
Tankstelle um Pause zu machen und um den Griechen zu sehen. Schorsch war auch
da. Als ich wieder arbeiten gehen wollte, hielt er mich an und wollte mit mir
mitfahren.
»Schorsch,
ein anderes Mal gerne, heute habe ich kaum was verdient und kann Dich nicht
umsonst durch die Stadt kutschieren!«
»Ich
kann Dich bezahlen!«
»Von
Dir nehme ich kein Geld an. Wohin willst Du überhaupt?«
»In die
Seitz zum Roten Kreuz.«
»Also
gut, steig ein. Aber dort steigst Du wirklich aus, ja? Ich kutschier Dich nicht
die ganze Nacht rum!«
»Jaja…«
Wir
fuhren ins Lehel zum Roten Kreuz. Dort angekommen meinte er, ich solle kurz
warten.
»Schorsch!«
schrie ich energisch, »was haben wir ausgemacht?«
Er
streichelte mir die Haare und stieg aus. Ich überlegte kurz ob ich abhauen oder
doch lieber auf ihn warten sollte. Ich entschied mich fürs Warten weil meine
Neugierde zu groß war und ich unbedingt wissen wollte was er ausheckt. Nach ein
paar Minuten kam er wieder. Er flitzte vom Eingang zum Kofferraum des Taxis
sodass ich nicht erkennen konnte was er in den Händen hielt. Ich stieg aus und
ging nach hinten. Er hatte den Kofferraum schon geöffnet gehabt und war gerade
dabei eine Menge Decken reinzulegen.
»Was willst
Du mit so vielen Decken?« fragte ich. »Woher hast Du sie?«
»Pscht!«
sagte er, machte die passende Geste dazu, haute den Kofferraumdeckel runter,
ging nach vorne und stieg ein. Ich folgte und stieg auch ein.
»Und
wohin jetzt Schorsch?«
Er
beauftragte mich durchs Lehel zu fahren und alle paar Meter sollte ich stoppen.
Er stieg dann aus, ging nach hinten, holte sich eine Decke aus dem Kofferraum
und verschwand hinter den geparkten Autos. Einen kurzen Moment später war er
wieder zurück. Danach ging’s weiter. Beim dritten Mal stieg ich auch aus um zu
sehen was er überhaupt macht. Hinter den geparkten Autos lagen Obdachlose in
Hauseingängen die er zudeckte. Als wir eine halbe Stunde später alle Decken los
waren fuhr ich ihn zu seiner Verkehrsinsel und er stieg aus. Zum Dank gab er
mir 15 Euro.
Ich
fahre mit meinem Fahrgast weiter zur Holzstraße wo er auf Höhe der Nummer 9
aussteigt. Wie während der ganzen Fahrt sagte er auch von der Tanke bis hierher
gar nichts. Er bezahlt den Fahrpreis und gibt sogar Trinkgeld. Auch dies
geschieht wortlos und er steigt aus ohne ein Wort zu sagen. Nicht mal „Frohe
Weihnachten“ oder „Gute Nacht“, nein, nichts dergleichen.
Komische
Leute gibt’s! Einerseits ist es unheimlich wenn ein Fahrgast die ganze Zeit
nichts sagt, man glaubt er könnte ein Räuber oder Mörder sein der nur auf den
richtigen Augenblick wartet einem zu schaden, aber andererseits sind solche
Zeitgenossen sehr angenehm. Sie gehen einem nicht mit blöden Fragen auf die
Nerven, sie reizen einem nicht, verursachen keinen Stress sodass man angenehm
und konzentriert fahren, der Musik und dem Funk zuhören oder den eigenen
Gedanken nachgehen kann. Trotzdem ist es ab und zu unheimlich einen
schweigenden Fahrgast zu haben. Man bekommt es mit der Angst zu tun, gerade
wenn er hinterm Fahrersitz Platz nimmt und/oder die Fahrt in eine zwielichtige
Gegend, in ein ruhiges und dünn besiedeltes Viertel oder aus der Stadt geht.
Man bekommt öfters über Funk mit wie die Kollegen ausgeraubt oder bedroht
werden. Gott sei dank werden die meisten Täter gefasst. Es ist auch schon mal
vorgekommen dass ein Kollege verwundet, bzw. erstochen wurde und auf der
Intensivstation landete. Wofür das Ganze? Für nicht mal eine handvoll Geld. Die
Beträge die geraubt werden sind immer klein und wir riskieren unser Leben
dafür.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen