Montag, 14. April 2014

Teil 35



Als ich ins Taxi steige ruft die Zentrale den Stand. Da keiner außer mir am Stand ist melde ich mich und bekomme den Auftrag ans Deutsche Theater zu fahren. Dort stand wohl keiner, denke ich mir. Glück gehabt. Ich fahre aus dem Stand und erwische die Ampel an der Ecke Schwanthaler. Biege links ab und fahre vor bis zu Stand des Theaters. Kaum will ich aussteigen kommt ein Herr mit einem Koffer aus der Einfahrt und fragt ob ich das bestellte Taxi sei. Er legt seinen Koffer in den Kofferraum und steigt vorne ein. Er riecht nach Wein. Wahrscheinlich haben die nach der Vorstellung noch gefeiert. Als Fahrziel gibt er zuerst die BP am Oberanger und danach soll es weitergehen in die Holzstraße.
Ich trete aufs Gas, fahre geradeaus, überquere die Sonnenstraße, biege rechts in die Herzogspital und wieder rechts in die Herzog-Wilhelm. Der Fahrgast sagt die ganze Zeit nichts und auch ich fange kein Gespräch an. Meine Gedanken kreisen sich um die paar letzten Fahrten. Es ist wirklich wie Achterbahnfahren. Einmal lustig und angenehm und einmal anstrengend und zum kotzen. Kurze Zeit später erreichen wir die Tankstelle. Bevor er aussteigt fragt er mich ob er mir was mitbringen kann. Nein, erwidere ich, ich gehe kurz mit.
Als wir in den Laden reingehen ruft der Tankwart quer durch den Tankstellenladen:
»Na wie siehst Du denn aus?« und lacht dabei.
»Sei ruhig Grieche!« erwidere ich, »Du siehst auch nicht besonders gut aus! Schon mal in den Spiegel geschaut?«
Mein Fahrgast schaut uns Beide abwechselnd an, sagt nichts und geht nach hinten zu den Regalen. Der ‚Grieche’ kommt zu mir vor als ich in Richtung Kühlschrank gehe und räumt ein paar leere Bierkästen zur Seite. Er trägt ein enges weißes Hemd mit nach oben gekrempelten Ärmeln das seinen Muskulösen Körper sehr betont, und mit einem breiten Grinsen bis zu den Ohren sagt er: »Du siehst wirklich schlecht aus mein lieber! Hast Du eine aufregende Nacht?«
»Es ist doch jedes Jahr an Weihnachten dasselbe Theater Grieche! Es ändert sich nie! Was fragst Du so blöd? Bei Dir ist es bestimmt auch nicht anders!«
Der Tankwart ist Grieche und heißt Giotis, was eine Kurzform von einem längeren Namen ist, den er nie verriet, wir alle nennen ihn aber voller Erfurcht den „Griechen“. Er ist 38 Jahre alt, geschieden, hat zwei Buben im Alter von acht und zehn die bei ihrer Mutter leben. Er selbst lebt mit seiner Freundin und ihrer kleinen Tochter. Seine Freundin arbeitet halbtags bei der Post und er nachts an der Tankstelle. Eigentlich ist er kein richtiger Tankwart, er ist Sicherheitsmann bei einer Firma und hat jahrelang im Personen- und Objektschutz gearbeitet, bis ihn das ganze angewidert hat und er den Job quittierte.
Objektschutz fand er ziemlich langweilig und Personenschutz gefährlich. Er wurde auch mal angeschossen, und hat eine Narbe am linken Oberschenkel. Das war sein Hauptgrund den Job zu schmeißen, denn seine damalige Frau war schon immer gegen solche Art von Arbeit und ließ sich auch deswegen scheiden. Sie konnte nicht damit leben, dass er nachts Objekte beschützt und nicht zu hause war oder sein Leben für irgendwelche Prominente aufs Spiel setzte. Seine Firma ließ ihn aber nicht gehen und schickte ihn zu diversen Tankstellen, bis er bei der BP am Oberanger landete. Hier arbeitet er mehrere Jahre in der Nachtschicht, vier Mal die Woche, von Montag bis Donnerstag und an Weihnachten weil seine Ex-Frau mit den Kindern ihre Eltern besucht und seine Freundin Weihnachten bei ihren Eltern verbringt. So bleibt er alleine und füllt die Zeit mit Arbeit. Seine Ex-Frau ist bei einer Bank angestellt. Er liebt seine Kinder und verbringt sehr viel Zeit mit ihnen und fährt gelegentlich auch mal in Urlaub mit ihnen. 
Der Grieche ist relativ kleingewachsen für einen Mann. Nicht mal 1.70 m groß, hat kurze braune Haare, braune Augen, lächelt immer, hat ein sehr freundliches Gesicht mit mediterranen Zügen, sein Körper ist mit Muskeln bepackt und er hat Tätowierungen auf seinen Armen die ihn ehrfürchtig erscheinen lassen und Spekulationen hervorbringen was er wohl in seinem Leben alles so getrieben habe, ob er je im Gefängnis saß, Drogengeschäfte betrieben habe, usw. Er sagt nie etwas dazu und lächelt verdächtig, als ob er sagen wolle: »Ja ja, mag schon stimmen was ihr da so erzählt«. Es herrscht ein regelrechter Mythos um seine Person und daher kam auch der Name „der Grieche“ wie im Film „Bube, Dame, König, Gras“, da spielt auch ein Grieche mit, nämlich der kriminelle „Nick der Grieche“. Mit der Zeit wurde Giotis immer beliebter, nicht nur bei uns Taxlern, sondern auch bei den Leuten die im Laden ein und ausgehen und auch bei den Obdachlosen die sich Nacht für Nacht mit Alkohol und Zigaretten eindecken.
Da mein Fahrgast noch eine Weile braucht, nutze ich die Zeit mit dem Griechen zu reden. Da geht auf einmal die Tür auf und Schorsch kommt herein. Schorsch ist der bekannteste Obdachlose der Stadt. Nicht nur fast alle Taxler und Obdachlose kennen ihn, er ist auch einem breiten Publikum bekannt. Das kommt davon dass er öfters auf der Verkehrsinsel, über dem Altstadtringtunnel vorm „Prinzregentenstüberl“ steht, meistens singend und tanzend und mit einer Kerze auf dem Boden.
Er sieht uns kurz an und grüßt. Er blickt verloren um sich herum als würde er etwas suchen.
»Servus Schorsch!« grüßt ihm Giotis. »Wie geht’s Dir? Du schaust heute aber gut aus. Gewaschen, gekämmt, rasiert und so sauber. Ist heute Dein Waschtag?«
In der Tat sieht Schorsch heute extrem sauber aus, als ob er gerade aus der Badewanne entsprungen wäre. So sauber wie jetzt habe ich ihn selten gesehen.
Schorsch lacht kurz auf und fällt dann mitten im Laden auf die Knie. Schnappt sich das Kreuz das er um den Hals trägt und fängt an das „Vater Unser“ runter zu beten. Alle im Laden bleiben wie angewurzelt stehen und blicken in seine Richtung. Giotis ist das peinlich und bittet Schorsch damit aufzuhören. Aber Schorsch lässt sich nicht beirren und bettet weiter. Er holt noch einen Rosenkranz aus seiner Tasche und erhebt seine Stimme. Die Leute im Laden und zwei die gerade reinkommen stehen immer noch wie angewurzelt da. Auf einmal kniet sich einer der Leute neben Schorsch und fängt auch zu beten an. Giotis dem diese Szene sichtlich peinlich ist, auch wegen der Kameras die überall angebracht sind, bietet den Beiden ein Gratisbier an damit sie aufhören.
Mein Fahrgast hat jetzt endlich was er braucht, zahlt und wir verlassen den Tankstellenladen.
Beim Rausgehen streichle ich Schorschis Haar und er gibt mir seinen Segen: »Gott sei mit Dir, mein Schaf!«
Obwohl er obdachlos ist und selber nichts besitzt außer ein paar Habseligkeiten, hat er ein großes Herz und hilft anderen Leuten, anderen Obdachlosen und in Not geratenen. Vor circa einer Woche fuhr ich so gegen Mitternacht hierher zur Tankstelle um Pause zu machen und um den Griechen zu sehen. Schorsch war auch da. Als ich wieder arbeiten gehen wollte, hielt er mich an und wollte mit mir mitfahren.
»Schorsch, ein anderes Mal gerne, heute habe ich kaum was verdient und kann Dich nicht umsonst durch die Stadt kutschieren!«
»Ich kann Dich bezahlen!«
»Von Dir nehme ich kein Geld an. Wohin willst Du überhaupt?«
»In die Seitz zum Roten Kreuz.«
»Also gut, steig ein. Aber dort steigst Du wirklich aus, ja? Ich kutschier Dich nicht die ganze Nacht rum!«
»Jaja…«
Wir fuhren ins Lehel zum Roten Kreuz. Dort angekommen meinte er, ich solle kurz warten.
»Schorsch!« schrie ich energisch, »was haben wir ausgemacht?«
Er streichelte mir die Haare und stieg aus. Ich überlegte kurz ob ich abhauen oder doch lieber auf ihn warten sollte. Ich entschied mich fürs Warten weil meine Neugierde zu groß war und ich unbedingt wissen wollte was er ausheckt. Nach ein paar Minuten kam er wieder. Er flitzte vom Eingang zum Kofferraum des Taxis sodass ich nicht erkennen konnte was er in den Händen hielt. Ich stieg aus und ging nach hinten. Er hatte den Kofferraum schon geöffnet gehabt und war gerade dabei eine Menge Decken reinzulegen.
»Was willst Du mit so vielen Decken?« fragte ich. »Woher hast Du sie?«
»Pscht!« sagte er, machte die passende Geste dazu, haute den Kofferraumdeckel runter, ging nach vorne und stieg ein. Ich folgte und stieg auch ein.
»Und wohin jetzt Schorsch?«
Er beauftragte mich durchs Lehel zu fahren und alle paar Meter sollte ich stoppen. Er stieg dann aus, ging nach hinten, holte sich eine Decke aus dem Kofferraum und verschwand hinter den geparkten Autos. Einen kurzen Moment später war er wieder zurück. Danach ging’s weiter. Beim dritten Mal stieg ich auch aus um zu sehen was er überhaupt macht. Hinter den geparkten Autos lagen Obdachlose in Hauseingängen die er zudeckte. Als wir eine halbe Stunde später alle Decken los waren fuhr ich ihn zu seiner Verkehrsinsel und er stieg aus. Zum Dank gab er mir 15 Euro.
Ich fahre mit meinem Fahrgast weiter zur Holzstraße wo er auf Höhe der Nummer 9 aussteigt. Wie während der ganzen Fahrt sagte er auch von der Tanke bis hierher gar nichts. Er bezahlt den Fahrpreis und gibt sogar Trinkgeld. Auch dies geschieht wortlos und er steigt aus ohne ein Wort zu sagen. Nicht mal „Frohe Weihnachten“ oder „Gute Nacht“, nein, nichts dergleichen.
Komische Leute gibt’s! Einerseits ist es unheimlich wenn ein Fahrgast die ganze Zeit nichts sagt, man glaubt er könnte ein Räuber oder Mörder sein der nur auf den richtigen Augenblick wartet einem zu schaden, aber andererseits sind solche Zeitgenossen sehr angenehm. Sie gehen einem nicht mit blöden Fragen auf die Nerven, sie reizen einem nicht, verursachen keinen Stress sodass man angenehm und konzentriert fahren, der Musik und dem Funk zuhören oder den eigenen Gedanken nachgehen kann. Trotzdem ist es ab und zu unheimlich einen schweigenden Fahrgast zu haben. Man bekommt es mit der Angst zu tun, gerade wenn er hinterm Fahrersitz Platz nimmt und/oder die Fahrt in eine zwielichtige Gegend, in ein ruhiges und dünn besiedeltes Viertel oder aus der Stadt geht. Man bekommt öfters über Funk mit wie die Kollegen ausgeraubt oder bedroht werden. Gott sei dank werden die meisten Täter gefasst. Es ist auch schon mal vorgekommen dass ein Kollege verwundet, bzw. erstochen wurde und auf der Intensivstation landete. Wofür das Ganze? Für nicht mal eine handvoll Geld. Die Beträge die geraubt werden sind immer klein und wir riskieren unser Leben dafür.

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