Ich
schalte das Radio aus und stelle den Funk etwas lauter. Öffne das Fenster auf
der Fahrerseite, steige aus, lehne mich an die Fahrertür, zünde mir eine an und
schaue in den Himmel. Es schneit immer noch ohne Ende. Bin gespannt ob es irgendwann
mal aufhört oder ob wir es den Verkehrsbetrieben nachmachen und den Betrieb
einstellen und auf Skiern nach hause fahren. Ich senke meinen Kopf, ziehe an
der Zigarette und schaue mir die Leute an die an mir vorbei gehen. Sehr viele
Paare sind unterwegs. Glückliche Paare die Hand in Hand, oder Arm im Arm gehen,
alle paar Meter stehen bleiben um sich zu küssen, sich tief in die Augen zu
schauen und dann weiter gehen. Gott! Mir fehlt Sophie so sehr! Was würde ich
jetzt geben mit ihr ganz verliebt durch die schneereiche Nacht zu schlendern!
Sie zu umarmen und zu küssen, in ihre Augen zu schauen und wenn sie nicht mehr
weiter kann, sie huckepack zu nehmen und immer weiter durch die Straßen zu
ziehen!
Ich
rauche zu ende, steige ins Taxi und fahre weg Richtung Stadt. Die Arbeit wird
mich auf andere Gedanken bringen. Ich höre dem Funk eine Weile zu während ich
durch Dachau kurve, in der Hoffnung, dass ein Auftrag irgendwo in der Gegend
rausgeht. Da ich nicht ganz bei der Sache bin verfahre ich mich auch. So ein
Mist! Wenn ich hier irgendwo stecken bleibe holt mich keiner raus. Vom
Winterdienst immer noch keine Spur und der Schnee türmt sich so langsam und
macht das Autofahren sehr schwer. Wenn man jetzt von der Straße abkommt hat man
die Arschkarte gezogen und darf lange warten bis Hilfe vorbei kommt. Bis dahin
sollte man schauen dass man nicht erfriert und vor die Hunde geht.
Ich
finde den richtigen Weg und befinde mich auf der Hauptstraße Richtung Stadt.
Ich drehe das Radio auf und es erklingen die letzten Töne von Wham’s „Last
Christmas“. Gott sei dank wurde ich davon verschont und muss mir das Lied nicht
ganz anhören und bin auch nicht dazu gezwungen den Sender zu wechseln und nach
mir gefallender Musik zu suchen.
“For so many years we were friends
And yes I always knew what we could do
But so many tears in the rain
Felt the night you said
That love had come to you.”
Ach Du
Scheiße! Auch das noch! Ich versuche den Trennungsschmerz mit Sophie zu
verdrängen und alles erinnert mich an sie und macht alles nur noch schlimmer!
“I thought you were not my kind
I thought that I could never feel for you
The passion and love you were feeling
And so you left
For someone new
And now that you’re far and away
I’m sending a letter today…”
Ganz im
Gegenteil zu dem Lied, hat Sophie, das ist klar, mich nicht für einen Anderen
verlassen. Die Gründe liegen woanders.
“From Sarah with love
She got the lover she is dreaming of
She never found the words to say
But I know that today
She’s gonna send her letter to you
From Sarah with love…”
Was für
eine Ironie! Was für eine Ironie des Schicksals! Dieses Lied wird zum Hit, eine
der schönsten Balladen überhaupt, und meine Sophie die mit mittleren Namen
Sarah heißt verlässt mich kurz vor Weihnachten.
“From Sarah with love
She took your picture to the stars above
And they told her it is true
She could dare to fall in love with you
So don’t make her blue when she writes to you
From Sarah with love…”
Ich
drehe die Muke bis zum Anschlag, öffne die Fenster des Autos, Brause über die
Autobahn nach Karlsfeld und singe lauthals mit. Besser gesagt ich schreie mir
den Schmerz, den Kummer von der Seele.
“From
Sarah with love…”
Sarah,
Sophie, wie auch immer Du heißen magst, warum hattest Du nicht die Eier es mir
ins Gesicht zu sagen und hast übers Telefon Schluss gemacht? Hattest Du Angst
dass ich Dich überreden könnte doch nicht Schluss zu machen? Warum hast Du
unsere Beziehung, unsere Liebe aufgegeben? Warum konnten wir das nicht
meinetwegen auch am Telefon ausdiskutieren? Darüber reden wie zwei Erwachsene
Menschen? Wir redeten doch über alles andere auch. Wir führten stundenlange
Gespräche und fanden immer eine Lösung. Wir rafften uns doch immer zusammen.
Für unsere Umgebung waren wir der Alptraum von einem Paar, aber unsere Liebe
war so stark, dass wir, dass sie, jede Schwierigkeit meisterte die sich ihr in
den Weg stellte.
“From
Sarah with loooooooooooveeeeeeeeee………….”
Ich
sagte es Dir schon letztes Jahr dass es so kommen würde, aber Du wolltest nicht
auf mich hören und machtest mir Vorwürfe dass ich Dich nicht lieben und ich mich
in Schweden in eine blonde Traumfrau verlieben würde. Nein Sophie, Du würdest
mich verlassen, und die Gründe dafür lieferte ich Dir auch. Ich sagte Dir, und
davon war ich überzeugt, dass Du sobald Du in Barcelona allein sein würdest,
zum ersten Mal in Deinem Leben allein auf Dich gestellt, weit weg von den
Eltern, den Verwandten und den Freunden, anfangen würdest über Dich und Dein
Leben nachzudenken und alles in Frage stellen – wo kommst Du her, wo bist Du gerade,
wo gehst Du hin? – zum radikalen Schluss kommen und mich abschießen würdest.
Das wolltest Du aber nicht hören und machtest mir eine Szene sodass wir
tagelang Krach hatten. Was ist jetzt passiert? Genau was ich damals
voraussagte. Du gingst nach Barcelona um Dein Erasmusjahr zu absolvieren, hattest
diverse Probleme die jeder in einer fremden Stadt hat, hast Dich abgeschottet
und Dir nicht helfen lassen und nachdem sich die Lage etwas entspannte fingst
Du an alles in Frage zu stellen. Als allererstes musste ich daran glauben. Ich
der Dich auf Händen getragen hat, der Dich abgöttisch liebte und immer noch
liebt, der alles für Dich getan hat. Vielleicht war genau das mein Fehler.
Vielleicht war ich zu gut zu Dir. Vielleicht hast Du die Schnauze voll von
einem netten Freund und willst ein Arschloch, ein Schwein an Deiner Seite. Wenn
Du mir wenigstens die Gründe für Dein Schluss machen sagen würdest!
Wahrscheinlich weißt Du es selber nicht. Wahrscheinlich hast Du einfach auf
Deine Mutter gehört – obwohl sie mich nie kennengelernt hat, bin ich für sie
ein Unsympath, eine Persona non grata, ein Schwein das böses im Schilde führt
und Dich nur zum Zeitvertreib hat. Oder blicktest Du in die Zukunft und sahst
keine gemeinsame Zukunft weil Du immer noch glaubst dass ich nach meinem
Studium Britannien und Dich verlassen werde? Das käme mir nie in den Sinn! Ich
liebe Deine gottverdammte Insel zu sehr um wieder fortzugehen. Nirgendwo sonst
kann man Hobbys wie Golf, Polo, Reiten oder Jagen nachgehen und ausüben ohne
schief angeguckt und belächelt zu werden. Ich, ein königstreuer
Pseudoaristokrat wie aus dem Bilderbuch, fühle mich sehr wohl in einem Land das
viel Wert auf Geschichte, Eleganz und Tradition legt. Dieses Grün, die sanfte
Landschaft, die zauberhaften Blumen überall die jeden Kreisverkehr schmücken,
der milde Regen der die Natur bewässert, die urgemütlichen Pubs die es überall
gibt und wie größere Wohnzimmer aussehen, das herrliche Bier, die wunderbaren
alten und eleganten Autos die immer noch herumfahren, die netten und höflichen
Menschen die jederzeit bereit für einen Plausch sind, die Burgen und Schlösser
und viele andere Sachen die es gibt und mir sehr gefallen. Aus welchem Grund
sollte ich hier wieder weg gehen wollen? Aus welchem Grund sollte ich meine
Traumfrau, die Frau meines Lebens zurücklassen? Wo sollte ich denn hin? Wohin
und warum sollte ich ohne Dich wegziehen?
ˮFrom Sarah, from Sarah…“
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