Ich
bedanke mich bei denen und setze mich wieder in mein Auto. Ich zünde mir eine
an um mich zu beruhigen. Dazu schalte ich das Radio ein und höre der Musik zu.
Der
Erste bekommt von der Zentrale einen Auftrag zum Ausgleich für die geleistete
Hilfe und ist nach einer Minute weg. Auch der Zweite bekommt einen Ausgleich
und fährt weg. Der Kollege vor mir wird jetzt Erster und rückt vor. Ich bleibe
immer noch da wo ich bin, blicke aus dem Fenster in die Cafes gegenüber und
denke über das Geschehene nach. Wozu tue ich mir die ganze Scheiße an? Wozu
fahre ich Taxi? Ist es Wert mein Leben, meine Gesundheit, mein Gemüt diesen
Wilden auszusetzen und mich von denen schikanieren zu lassen? Gott sei Dank
sind nicht alle Fahrgäste so. Die Meisten wissen sich zu benehmen, Siezen einen,
geben Trinkgeld, grüßen wenn sie ein- oder aussteigen, stinken nicht, schreien
nicht wenn man deren Straße nicht kennt und sind sehr angenehm. Die
angenehmsten sind die sogenannten ‚Gastarbeiter’. Türken, Jugos, Griechen,
Italiener aber auch Deutsche aus den sozial schwächeren Vierteln. Man wird von
denen respektiert für das was man ist und tut. Die fühlen mit dir und schauen
nicht abschätzig von oben herab. Je ärmer und ungebildeter die Leute sind,
desto freundlicher sind sie und desto mehr Trinkgeld geben sie. Wieso kriegt
man eigentlich das meiste Trinkgeld von Leuten die selbst wenig haben?
Mit
manchen hat man nette Unterhaltungen, andere wiederum sagen gar nichts. Mir
sind beide recht. Manchmal will ich reden, manchmal auch nicht. Ich zwinge mich
den Leuten nicht auf. Thema Nummer eins ist das Wetter und dann geht’s um
Persönliches. Viele Leute erzählen einem alles Mögliche, alle ihre Probleme,
weil die entweder gar keinem zum Reden haben oder sich einfach denken „Er ist
ja nur der Taxler. In einer großen Stadt sieht man ihn nie wieder. Stimmt aber
nicht ganz. Man trifft manche Leute mehr als einmal. Wenn das so weiter geht
mit den Fahrten und den Leuten werde ich das Taxi abstellen, Harry, Niko und
Uli anrufen um zu sehen wo sie sind und mir die Kante geben. Nach den
Feiertagen werde ich dann weiter arbeiten und zu Ostern nicht wieder kommen und
mir in Schweden einen Job neben dem Studium suchen. Am besten einen bei dem man
keine Leute sehen muss, einen Datenerfassungsjob, wo man den ganzen Tag vorm
Computer sitzt und irgendwelche Daten eintippt.
Auf
einmal werden alle drei Türen gleichzeitig aufgerissen und vier junge Leute
steigen lachend ein. Die junge Frau die hinten in der Mitte platz nimmt sagt:
»Follow
that cab, driver!« und zeigt mit dem Zeigefinger auf das Taxi vor uns das gerade
den Stand verlässt.
»What?«
»Follow that cab, driver! Folge der
Droschke, Fahrer!« wiederholt sie. »Oh I always wanted to say this to a cabby! Oh, das wollte ich schon
immer einem Kutscher sagen!«
Ich
blicke geistesgegenwärtig nach vorne, sehe wie der Kollege schon über die
Kreuzung ist und die Ampel auf Gelb springt, ich setze den Blinker, gebe Gas und
schaffe es gerade noch rechtzeitig über die Kreuzung ehe die Ampel Rot zeigt.
»Wohin
fahren wir?« frage ich.
»Follow
that cab, man!« bekomme ich als Antwort.
»Is
scho recht, aber ich möchte wissen wohin wir fahren, falls wir die verlieren.«
»Zum
Schiller-Cafe, fahren wir!«
Die
jungen Leute öffnen sämtliche Fenster und winken den wenigen Passanten und
anderen Autos zu. Sie scheinen eine menge Spaß daran zu haben.
Als wir
am Siegestor vorbei fahren schaffe ich es neben dem anderen Taxi zu fahren.
Auch die Leute vom anderen Taxi haben sämtliche Fenster geöffnet, singen
lauthals und grüßen Passanten und andere Autos. Als wir auf derselben Höhe sind
schütteln sich einer meiner Fahrgäste und ein Fahrgast vom anderen Taxi die
Hände. Während der Fahrt reden alle durcheinander, stellen mir aber auch
diverse Fragen, wie woher ich komme, wie ich heiße, wie alt ich bin, ob ich
eine Freundin habe, etc. Sie erzählen sie kommen aus Irland und sind für wenige
Tage in der Stadt und würden Morgen nach Österreich zum Skifahren fahren.
Iren?
Da fallen mir die irischen Nonnen ein die ich letzten Sommer vom Hotel zur
Lukaskirche gefahren habe wo sie ein Konzert gaben. Auch sie waren gut drauf
und sangen und beteten im Taxi. Zum Schluss gaben sie mir ihren Segen und ich
durfte mir das Konzert sogar umsonst anschauen.
Die
junge Frau auf dem Beifahrersitz schließt ihr Fenster und dreht sich zu mir um
und gafft mich an. Eine Weile sagt sie nichts, doch dann beginnt sie mit dem
Zipfel der Nikolausmütze zu spielen und beugt sich zu mir rüber und gibt mir
einen Kuss auf die Wange. Dann entdeckt sie das Schiebedach. Sie fragt ob ich
es öffnen kann. Ich tue ihr den Gefallen und öffne es. Sie schnallt sich ab,
schiebt den Sitz weiter nach hinten und steht auf. Sie ist jetzt halb im Auto,
halb überm Dach. Sie breitet die Arme aus und fängt an zu singen:
“I believe I can
fly
I believe I can
touch the sky”
Als wir
in der Briennerstraße an der Ampel stehen und nach links in Richtung
Maximiliansplatz abbiegen möchten, steht rechts neben uns eine Polizeistreife.
Mein erster Gedanke ist: Oh Gott! Die steigen jetzt sofort aus, nehmen uns fest
und brummen uns saftige Strafen weil wir uns (besser gesagt die Fahrgäste, aber
ich toleriere es) nicht gemäß der Straßenverkehrsordnung benehmen. Aber nein,
die Iren schicken denen Küsschen zu und die Beamten lächeln sogar. Danke Oh
Herr!
Wir
fahren weiter und die junge Frau singt immer weiter, immer lauter:
“I believe I can soar
I see me running through that open door
I believe I can fly”
I see me running through that open door
I believe I can fly”
Drinnen
im Auto schneit es und mir wird so langsam kalt. Ich bitte die junge Frau sich
wieder zu setzen und das Schiebedach zu schließen, was sie auch prompt macht.
Ihre Haare und ihre Jacke sind voller Schnee und ihr Gesicht ist rot von der
Kälte und dem Fahrtwind. Als wir in den Schillerstand fahren und ich vorm Cafe
anhalte, fragen mich die Leute ob ich mitkommen möchte, sie würden mir einen ausgeben.
Sie bezahlen mich, geben sogar gutes Trinkgeld dafür dass ich den Spaß
mitgemacht habe, wir steigen aus und gehen ins Cafe. Ich bestelle mir einen Tee
um mich zu wärmen. Mittlerweile ist auch der Rest der Gruppe eingetroffen. Sie
setzen sich zu uns und bestellen sich Bier und Schnaps. Sie stellen mir diverse
Fragen und als ich denen von meinem Irlandaufenthalt vor einigen Jahren erzähle
sind sie hellauf begeistert. Wir unterhalten uns eine Weile und dann gehe ich
wieder arbeiten.
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