Montag, 14. April 2014

Teil 46



Ich fahre auf das Tankstellengelände und parke neben ein paar anderen Taxen. Nehme den Abrechnungsblock hinter der Sonnenblende hervor und schreibe die Daten vom Taxameter ab. Dann stecke ich den Abrechnungszettel mit dem Unternehmeranteil ich einen Briefumschlag, versiegle ihn, schreibe meinen Namen und Konzessionsnummer drauf, sammle alle meine Habseligkeiten und stelle sie auf dem Beifahrersitz, steige aus und strecke mich ausgiebig, gehe nach hinten zum Kofferraum, nehme meinen blauen Rucksack und lege alle meine Sachen rein und gehe rüber zu Tankstellenladen um die Abrechnung und den Taxischlüssel dem Tankwart zu geben.
Zu meiner Überraschung steht der Grieche immer noch hinter der Kasse. Der Laden sieht schäbig und dreckig aus. Sieht so aus als ob hier die ganze Nacht mächtig was los war. Auch Giotis sieht nicht mehr ganz frisch aus. Energielos blickt er in meine Richtung und reißt seine Augen auf als ob er einen Geist vor sich stünden sehe.
»Was ist los Grieche, machst Du freiwillig überstunden? Hättest Du nicht längst zu hause sein sollen?«
»Ach hör auf! Der Typ von der Tagschicht hat verschlafen und jetzt muss ich warten bis er kommt. Gott sei dank wohnt er nicht weit. Du schaust ziemlich fertig aus, mein Lieber! Magst Du was trinken? Was darf ich Dir spendieren?«
»Einen Whisky-Cola, oder mach besser zwei daraus!«
Er geht zum Kühlschrank und holt vier Whisky-Cola. Wir Prosten uns zu und nehmen einen tiefen Schluck. Reden darüber wie unsere Schichten waren und vertiefen uns ins Gespräch. Um die Uhrzeit gibt es keine Kunden mehr die stören könnten. Um 7:45 Uhr kommt endlich Johann von der Tagschicht. Wir gehen vor die Tür, bleiben kurz stehen und dann hole ich mein Rennrad. Giotis lässt seinen 5er BMW stehen weil er keine Winterreifen hat. Da wir in derselben Gegend wohnen beschließen wir zu Fuß nach hause zu gehen.
Wir verlassen das Gelände auf der Seite der Klosterhofstraße, bleiben kurz stehen, zünden uns eine an und blicken beide gleichzeitig zum Himmel. Es hat aufgehört zu schneien und der Himmel klärt langsam auf. Es ist immer noch sehr kalt, aber nicht unangenehm kalt. Wir biegen links ab und gehen durch den Unteren Anger in Richtung Papa-Schmid und Fraunhoferstraße. Keiner von uns sagt auch nur ein Wort. Langsam ziehen wir an unseren Zigaretten, schlürfen an den Whisky-Colas und schlendern durch den Schnee. Alles ist so still, so ruhig, nur das Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen ist zu hören. Kein Vergleich zu dem Wetter das die ganze Nacht herrschte als die Schneestürme tobten und man sich den Urgewalten schutzlos ausgeliefert fühlte. Jetzt ist alles weiß, ruhig und leer. Als ob man auf einem anderen Planeten wäre. Die Luft ist rein und klar. Es ist ein Genuss sie einzuatmen, die Lungen damit vollzupumpen. Eine Frischzellenkur, ein Jungbrunnen im vergleich zur trockenen Heizungsluft des Taxis. Das Gehirn fängt trotz der Müdigkeit wieder an zu arbeiten und die müden Knochen werden wieder munter.
Eine Melodie geht mir wieder durch den Kopf. Es dauert etwas bis der dazugehörige Text dazukommt und die Melodie begleitet. Woher kommt das Lied? Aus irgendeinem Fenster? Nein, um uns herum ist keiner und alle Fenster sind zu. Ich fantasiere mal wieder, höre Stimmen und Geräusche die es nicht gibt. Kein Wunder bei der Müdigkeit. Mein Hirn ist zu Matsch geworden und ich kann nicht mehr klar denken.

Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!

Es ist faszinierend so durch den tiefen Schnee zu gehen mit einer Kippe und einem Whisky-Cola in der Hand und in Winterkleidung warm eingepackt. Es ist deutlich kälter geworden seitdem es aufgehört hat zu schneien, aber wir frieren nicht und genießen den Augenblick in einer Großstadt, in der normalerweise der Verkehr tobt und regelmäßig zusammenbricht, die Straßen voller Menschen sind und alles sehr laut ist, alleine durch die einsame Winterlandschaft zu laufen. Es ist irgendwie wie die Ruhe nach dem Sturm, als ob ein großes Tohuwabohu gerade zu ende ging. Außer uns ist keine Menschenseele unterwegs, nicht mal Autos, vereinzelt fährt ein vollbesetztes Taxi vorbei das die letzten Nachtschwärmer nach Hause bringt. Tram fährt heute keine, denn die Verkehrsbetriebe haben auf Grund der heftigen Schneefälle beschlossen die Tram und Busse im Depot zu lassen. Glück für die Fahrer die bei der Kälte und dem Wetter nicht mitten in der Nacht raus müssten um dann leer oder mit sehr wenigen Fahrgästen stundenlang durch die Stadt zu fahren. Auf uns wartet ein warmes Bett. Hätte ich, so wie Harry, ein Wasserbett das man auf eine bestimmte Temperatur einstellen kann, wäre ich noch glücklicher.
Üblicherweise hatten wir es immer eilig nach hause zu kommen. Nicht aber dieses Mal. Wir schlendern durch den tiefen Schnee ganz langsam und diverse Erinnerungen kommen auf, wie man als Kind sich immer weiße Weihnachten wünschte und jedes Mal enttäuscht war, wenn es nicht schneite. Man wachte jedes Jahr frühmorgens auf um aus dem Fenster zu schauen ob schon vielleicht Schnee lag und wenn ja, weckte man seine Eltern mit Riesenkrach und bettelte hinausgehen zu dürfen um Schlittenzufahren oder um Schneeballschlacht zu spielen. Und kurz darauf waren die Nachbarskinder auch draußen und man konnte nur lautes Kinderlachen hören, was viele ältere Leute auf die Palme brachte.
Ich kann mich noch erinnern wie wir draußen im Garten im tiefen Schnee in aller Herrgottsfrühe tobten, eine ältere Dame sich über dem Krach den wir machten aufregte und meine Eltern hinterm Fenster in der warmen Stube zu uns rüber schauten und schmunzelten.
Ich sehe den Griechen mit glitzernden Augen an und er kapiert sofort was ich vorhabe und sagt: »Komm ja nicht auf dumme Gedanken!«
Wir erreichen die Reichenbachbrücke und ich erinnere mich an den Lebensmüden. Ich erinnere mich auch an letzten Sommer als ich mit Sophie unten im Gras lag, den Himmel über uns betrachteten und über unsere gemeinsame Zukunft sprachen.
Wir durchqueren die Ohlmüllerstraße und eine Zeitlang später erreichen wir die große Kreuzung am Ostfriedhof. Dort bleiben wir kurz stehen, umarmen uns und wünschen uns frohe Weihnachten und eine gute Nacht und gehen getrennte Wege. Ich schwinge mich auf mein Rennrad und habe etwas mühe zu radeln. Er ist herrlich wenn keiner unterwegs ist und man die ganze Straße für sich alleine hat. Ich schließe kurz die Augen, trete in die Pedale, atme tief ein und denke an gar nichts mehr. Frei sind die Gedanken! Ein paar Minuten später stehe ich vor meiner Haustür und treffe auf meinen Nachbarn Tobi der gerade im begriff ist mit seinen Hund spazieren zu gehen. An solchen Tagen bin ich echt froh dass ich nie einen Hund besaß. Es muss die Hölle sein in aller Herrgottsfrühe bei Wind und Wetter den Hund Gassi zu führen.
Ich stelle mein Rad in den Hof und gehe langsam die Treppen nach oben. Kaum bin ich in der warmen Wohnung befällt mich eine unglaubliche Müdigkeit. Ich ziehe zuerst die lädierten Lederschuhe aus und an den Gedanken dass ich sie eventuell wegwerfen muss zerreist es mir das Herz. Viele schöne Erinnerungen haften an diesen Schuhen. Wie ich sie in der Auslage eines Geschäftes in Florenz sah und glücklicherweise was es das letzte Paar und auch in meiner Größe, wie ich mit denen bekleidet zu verschiedenen Veranstaltungen ging und mit vielen Frauen tanzte und wie einmal Sophie in einem Wutanfall sie nach mir warf und weil ich mich bückte sie aus dem Fenster flogen. Ich gehe zuerst ins Bad und quäle mich danach mit meinen müden Körper den Gang entlang ins Schlafzimmer, ziehe mich langsam aus, werfe meine Kleidung auf einen Stuhl, lege mich ins Bett, ziehe die Decke bis ganz nach oben und lege mich auf die Seite. Mein Blick geht in die Richtung des Radioweckers und trotzdem an ihn vorbei. Ich blicke ins Leere, mein Schädel brummt, bin hundemüde, kann nicht mehr klar denken, mein Hirn ist zu Brei, zu Matsch geworden, eine Melodie schwirrt durch den Kopf, viele tausend Gedanken auch, das Geschehene der letzten Nacht taucht in Bildern, in Gefühlen, in Wörtern, in Sätzen auf, bin verwirrt und alles dreht sich. Ich weiß nicht wie ich mich fühlen soll. Soll ich glücklich oder traurig sein? Glücklich über das viele Geld das ich verdient habe oder traurig über die Art und Weise wie ich es verdient habe? Traurig auch verlassen worden und am Fest der Liebe alleine in einer großen Wohnung zu sein? Eine große Leere befällt mich. In diesen Moment fühle ich mich einsam und verlassen. Mein Körper schmerzt, mein Herz und meine Seele auch. Ich habe ein Verlangen auszubrechen. Auszubrechen aus meinem Körper, aus meinem Leben, aus dieser Welt. Am liebsten würde ich aufs Motorrad springen und zu einer Weltreise aufbrechen. Auf zu neuen Ufern, zu neuen Abenteuern. Hinaus in die große, weite, unbekannte Welt. In Gedanken befinde ich mich auf der Weltreise die ich mal mit dem Motorrad machen möchte. Ostwärts Richtung Balkan, Türkei, Kaukasus und dann entweder quer durch Sibirien rüber nach Alaska und langsam hinunter bis nach Feuerland oder der Seidenstraße entlang und am Ende links nach Norden über die Beringstraße. Was für eine Reise! Was für ein Erlebnis das sein wird! All die Völker, Dörfer, Städte, Sprachen der man auf den Weg begegnen wird. Eine Reise von der man nicht nur seinen Enkelkindern erzählen wird. Ich schließe die Augen und denke an Sophie. Was sie gerade macht? Ob sie schläft? Wie fühlt sie sich? Ist sie einsam? Glücklich? Traurig?
Ich drehe mich zur anderen Seite und versuche einzuschlafen. Als ich an der Pforte zum Land des Morpheus stehe höre ich wie mein Handy vibriert und die Melodie „Take Five“ erklingt. Träume ich? Habe ich wirklich eine SMS bekommen? Wenn ja von wem? Von Sophie etwa? Die verschiedenen Gedanken schießen mir immer noch durch den Kopf untermahlt von einer Melodie die ich nicht einordnen kann, nicht weiß welches Lied es überhaupt ist. Ich versuche mich kurz zu erheben um nachzusehen ob es Traum oder Wirklichkeit ist und von wem die SMS ist, habe aber keine Kraft und bleibe liegen so wie ich bin.
„Ain’t no sunshine when she’s gone!“ schießt es mir durch den Kopf als ich mich gedankenverloren im Nirwana, im Niemandsland, auf der Schwelle ins Land des Schlafens und der Träume befinde. Stimmt, es gibt keinen Sonnenschein wenn der Partner weg ist, er hat ihn mitgenommen. Aber andererseits kann es ja nicht für immer regnen.
Gute Nacht Sophie. Gute Nacht, wo auch immer Du sein magst.

Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen