Sonntag, 13. April 2014

Teil 3



Nach dem Duschen frühstücke ich ausgiebig, denn ich weiß nicht, wann ich wieder dazu kommen werde irgendwas zu essen. Wenn ich es schaffe bei meinen Eltern am Abend vorbei zuschauen, gut, ansonsten wird’s wieder die Leberkässemmel von der Tanke sein die mich durch die Nacht bringt.
Dann ziehe ich mich an, wie jedes Jahr an diesen Tag, schwarzer Mantel, schwarzer Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte, dazu schwarze Schuhe. Ich danke meinen Vater der mich im Alter von neun Jahren ins Kaufhaus schleppte um mir meinen ersten Anzug zu kaufen. Er las damals in einer Zeitschrift dass die Italiener, damals noch richtige Männer und keine Weicheier wie sie es heute sind, ihren Söhnen in dem Alter den ersten Anzug kaufen. Diesen Vater-Sohn Moment vergisst angeblich keiner und es läutet den Beginn eines stilvollen, mannhaften und männlichen Lebens ein. Ich habe jedenfalls diesen Moment nie vergessen und werde es, vorausgesetzt ich werde mal Kinder zeugen, mit meinen Söhnen genauso machen. Hoffentlich werde ich genügend liquide sein um bei einem Schneider Maßanzüge für uns alle anfertigen zu lassen. Diesen Tag werden wir zelebrieren als ob es etwas Heiliges wäre, damit er sich in den kleinen Hirnen einprägt und nie verdrängt wird.
Ich nehme meinen blauen Rucksack, den ich kürzlich in Uppsala gekauft habe und fange an ihn voll zustopfen. Was brauche ich alles? Stadtpläne, meine Geldbeutel (Achtung Kleinkriminelle und Langfinger: jeder Taxler hat mehrere Geldbeutel – Verbrechen lohnt sich nicht, denn die Ausbeute wird mager sein und weit kommt ihr eh nicht, die Kollegen und die Polizei sind schnell vor Ort und dann gibt es eine Anzeige mit saftigen Strafen), die rote Nikolausmütze, Musik – der Soundtrack der Nacht, keine Compilations weil die für Memmen und Luschen ohne ausgeprägten Musikgeschmack sind und für den Fall der Fälle (bei einer Frau die sowieso keinen Musikgeschmack hat) gefallen möchten. Kruder & Dorfmeister, die Schwedenjazzer Bo Kaspers Orkester, Planet Funk, Beethoven, Mozart, Carl Orff – alles sehr wichtig für mein und das Wohlbefinden der Fahrgäste, Magazine. Wobei, jedes Jahr schleppe ich einen Berg Lesestoff mit und komme eh nicht zum lesen. Wie heißt es so schön? Die Geschichte wiederholt sich, aber der Mensch, ja der Mensch ist zu dumm um es zu kapieren und lernt nicht aus seinen Fehlern. Ich hole ein paar Sechserpacks Bier und Piccolos aus dem Kühlschrank und verstaue auch die im Rucksack. Das ist mein Weihnachtsgeschenk an besonders liebe, freundliche oder lustige Fahrgäste. Deren Gesichtsausdruck, wenn sie eine Flasche Bier in die Hand gedrückt bekommen, ist sehr witzig. Die erwarten nicht, von einem Taxler beschenkt zu werden. Irgendein Gefühl sagt mir dass ich heute Nacht wenige Flaschen verschenken werde. Ich habe die dumpfe Vorstellung dass es sehr anstrengend sein wird, dass die Leute eher aggressiv sein werden anstatt wie üblich auf einer Wolke der Glückseligkeit zu schweben. Ich sollte auf mein Bauchgefühl hören, tu es aber nicht und packe viele Flaschen ein. In der Früh werde ich fluchen was für ein Trottel ich doch bin und wozu ich den Leuten was Gutes antun möchte wenn sie es gar nicht wollen. Wozu schleppe ich Jahr für Jahr den schweren Rucksack den Berg runter in die Stadt und dann wieder rauf und wieso gebe ich so viel Geld im Supermarkt für Bier und Piccolos aus? Ich muss schon wirklich bescheuert sein.
Aber wo sind die Zeitungen? Ich gehe zum Gang raus, öffne die Wohnungstür und siehe da, sie liegen alle auf dem Fußabtreter vor der Tür. Von AZ über SZ zu TZ habe ich, außer der einen mit den vier großen Buchstaben und dem einen CSU-Blatt, alle abonniert. Meine Vermieterin, die Frau Müller, ist so freundlich und legt sie mir vor die Wohnungstür. »Damit sie keiner klaut«, sagt sie immer.
Ihr Weihnachtsgeschenk habe ich ihr heute Morgen nach der Schicht vor ihre Türe gelegt. Frau Müller ist eigentlich Finnin, lebt aber seit fast vierzig Jahren in der Stadt. Sie und Herr Müller hatten sich in den 1960er in einem Hotel in Schweden kennen gelernt. Er arbeitete als Koch und sie als Zimmermädchen. Die ganze Familie fährt Volvo und zumindest Herr Müller verbringt seine Sommerferien in Schweden an einem der großen Seen, wo er seine Angel ins Wasser wirft und auf einen dicken Fang hofft, was ihm auch öfters gelingt. Wenn er nicht fischt, geht er jagen. Er erlegt öfters einen Hirschen den er dann zerstückelt und in einer Truhe im Keller aufbewahrt und langsam verspeist.
Frau Müller hingegen fliegt meistens zu Verwandten nach Finnland. Gemeinsam Urlaub machen die kaum, denn einer muss immer da sein und auf das Haus aufpassen.
Kurze Zeit später stehe ich mit meinem Rucksack (verflucht ist er schwer!) und dem Drahtesel auf der Straße vorm Haus, schaue kurz auf die Uhr, es ist genau 15:00 Uhr. Die Luft ist rein und klar. Ich atme sehr tief ein. Die kühle Luft tut gut, sie belebt einen förmlich. Da ich nicht möchte, dass mir zu viel Sauerstoff zu Kopf steigt, zünde ich mir eine an und nehme einen tiefen Zug. Aaahhh, das tut gut! Nikotin am frühen Morgen – für uns Nachteulen ist es noch tiefster Morgen. Im Hintergrund sind die Glocken der Heilig Kreuz Kirche zu hören. Es ist kalt und die Straße ist wie leer gefegt. Keine Menschen und kaum Autos. Ich setze meine rote Weihnachtsmütze auf - denn was wäre ein Weihnachtsmann ohne Mütze? (mein Freund Saki würde jetzt über die Amerikanisierung und Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes fluchen, ich höre ihn schon wettern) – binde mir den roten Schal um den Hals, knöpfe den schwarzen Mantel zu, schaue runter zu meinen schwarzen Italienischen Lederschuhen und denke: Gott, Euch werde ich heute ruinieren wenn Frau Holle ihre Betten kräftig schüttelt! Ich schwinge mich aufs weiße Rennrad, die Kippe lässig im Mundwinkel wie Steve McQueen auf dem Moped im Film The great Escape und fühle mich stark, machohaft und unglaublich cool. Wie ein Held der gerade die Welt vor einer Katastrophe gerettet bzw. bewahrt hat und ihm, vorzugsweise hübsche Frauen zujubeln und anschmachten.
Das war eine Zeit als Männer noch echte Kerle waren. Wild, ungehobelt, abenteuerlustig, hart im Nehmen und keine sensible sitzpinkelnde Festnetztelefonierer, Warmduscher und Jammerlappen. Eine Zeit in der die Motorradfahrer mit Stahlhelm und nackten Oberkörper bei Wind und Wetter und mit einer Amazone auf dem Soziussitz über die Landstraßen bretterten. Das war eine Zeit in der die Männer noch eine Vorbildfunktion und zu Hause die Hosen an hatten und sich von ihren Frauen nicht Sätze anhören mussten wie: Bring den Müll raus, pass aufs Kind auf und dann räum hier auf. Eine glorreiche Zeit in der sie etwas bewegten und keine ja-sagenden Weicheier waren wie heute. Resultat des ganzen, wie auch eine Studie für München belegt, ist, dass Deutsche Frauen sich immer mehr zu Türkischen Männern hingezogen fühlen und Deutsche Männer aufgrund ihrer Probleme mit den starken, emanzipierten Frauen sich Polinnen zur Frau nehmen.
Sogar Walter Röhrl, lebende Legende und Rallye-Weltmeister von 1980 und 1982 sagt in einem Spiegelinterview: »Wir haben damals richtig gekämpft mit den Autos, um ihre Kraft zu bändigen. Und wir saßen bis zu 40 Stunden am Stück hinterm Steuer. Heute fahren sie 8 Stunden und legen sich erstmal zum Schlafen hin.«
Ich fahre bis zur Ampel vor und biege rechts in die Tegernseer Landstr. Dann geht’s durch die weihnachtlich geschmückte Einkaufstraße Giesings bis zum Ostfriedhof, dann links den verschneiten Nockherberg runter durch die menschenleere Au, über die Reichenbachbrücke, die Fraunhoferstraße entlang, über die Papa Schmid, rechts in den Unteren Anger und links in die Klosterhof zur BP, wo unser Unternehmen untergebracht ist. Genau zwei Zigarettenlängen Weg. 

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