Nach
dem Duschen frühstücke ich ausgiebig, denn ich weiß nicht, wann ich wieder dazu
kommen werde irgendwas zu essen. Wenn ich es schaffe bei meinen Eltern am Abend vorbei zuschauen, gut, ansonsten wird’s wieder die Leberkässemmel von der Tanke
sein die mich durch die Nacht bringt.
Dann
ziehe ich mich an, wie jedes Jahr an diesen Tag, schwarzer Mantel, schwarzer Anzug,
weißes Hemd, keine Krawatte, dazu schwarze Schuhe. Ich danke meinen Vater der
mich im Alter von neun Jahren ins Kaufhaus schleppte um mir meinen ersten Anzug
zu kaufen. Er las damals in einer Zeitschrift dass die Italiener, damals noch
richtige Männer und keine Weicheier wie sie es heute sind, ihren Söhnen in dem
Alter den ersten Anzug kaufen. Diesen Vater-Sohn Moment vergisst angeblich
keiner und es läutet den Beginn eines stilvollen, mannhaften und männlichen
Lebens ein. Ich habe jedenfalls diesen Moment nie vergessen und werde es,
vorausgesetzt ich werde mal Kinder zeugen, mit meinen Söhnen genauso machen.
Hoffentlich werde ich genügend liquide sein um bei einem Schneider Maßanzüge
für uns alle anfertigen zu lassen. Diesen Tag werden wir zelebrieren als ob es
etwas Heiliges wäre, damit er sich in den kleinen Hirnen einprägt und nie
verdrängt wird.
Ich nehme
meinen blauen Rucksack, den ich kürzlich in Uppsala gekauft habe und fange an
ihn voll zustopfen. Was brauche ich alles? Stadtpläne, meine Geldbeutel (Achtung
Kleinkriminelle und Langfinger: jeder Taxler hat mehrere Geldbeutel –
Verbrechen lohnt sich nicht, denn die Ausbeute wird mager sein und weit kommt
ihr eh nicht, die Kollegen und die Polizei sind schnell vor Ort und dann gibt
es eine Anzeige mit saftigen Strafen), die rote Nikolausmütze, Musik – der
Soundtrack der Nacht, keine Compilations weil die für Memmen und Luschen ohne
ausgeprägten Musikgeschmack sind und für den Fall der Fälle (bei einer Frau die
sowieso keinen Musikgeschmack hat) gefallen möchten. Kruder &
Dorfmeister, die Schwedenjazzer Bo Kaspers Orkester, Planet Funk, Beethoven,
Mozart, Carl Orff – alles sehr wichtig für mein und
das Wohlbefinden der Fahrgäste, Magazine. Wobei, jedes Jahr schleppe ich einen
Berg Lesestoff mit und komme eh nicht zum lesen. Wie heißt es so schön? Die
Geschichte wiederholt sich, aber der Mensch, ja der Mensch ist zu dumm um es zu
kapieren und lernt nicht aus seinen Fehlern. Ich hole ein paar Sechserpacks
Bier und Piccolos aus dem Kühlschrank und verstaue auch die im Rucksack. Das
ist mein Weihnachtsgeschenk an besonders liebe, freundliche oder lustige
Fahrgäste. Deren Gesichtsausdruck, wenn sie eine Flasche Bier in die Hand gedrückt
bekommen, ist sehr witzig. Die erwarten nicht, von einem Taxler beschenkt zu
werden. Irgendein Gefühl sagt mir dass ich heute Nacht wenige Flaschen verschenken
werde. Ich habe die dumpfe Vorstellung dass es sehr anstrengend sein wird, dass
die Leute eher aggressiv sein werden anstatt wie üblich auf einer Wolke der
Glückseligkeit zu schweben. Ich sollte auf mein Bauchgefühl hören, tu es aber
nicht und packe viele Flaschen ein. In der Früh werde ich fluchen was für ein
Trottel ich doch bin und wozu ich den Leuten was Gutes antun möchte wenn sie es
gar nicht wollen. Wozu schleppe ich Jahr für Jahr den schweren Rucksack den
Berg runter in die Stadt und dann wieder rauf und wieso gebe ich so viel Geld
im Supermarkt für Bier und Piccolos aus? Ich muss schon wirklich bescheuert
sein.
Aber wo
sind die Zeitungen? Ich gehe zum Gang raus, öffne die Wohnungstür und siehe da,
sie liegen alle auf dem Fußabtreter vor der Tür. Von AZ über SZ zu TZ habe ich,
außer der einen mit den vier großen Buchstaben und dem einen CSU-Blatt, alle
abonniert. Meine Vermieterin, die Frau Müller, ist so freundlich und legt sie
mir vor die Wohnungstür. »Damit sie keiner klaut«, sagt sie immer.
Ihr
Weihnachtsgeschenk habe ich ihr heute Morgen nach der Schicht vor ihre Türe
gelegt. Frau Müller ist eigentlich Finnin, lebt aber seit fast vierzig Jahren
in der Stadt. Sie und Herr Müller hatten sich in den 1960er in einem Hotel in
Schweden kennen gelernt. Er arbeitete als Koch und sie als Zimmermädchen. Die
ganze Familie fährt Volvo und zumindest Herr Müller verbringt seine
Sommerferien in Schweden an einem der großen Seen, wo er seine Angel ins Wasser
wirft und auf einen dicken Fang hofft, was ihm auch öfters gelingt. Wenn er
nicht fischt, geht er jagen. Er erlegt öfters einen Hirschen den er dann
zerstückelt und in einer Truhe im Keller aufbewahrt und langsam verspeist.
Frau
Müller hingegen fliegt meistens zu Verwandten nach Finnland. Gemeinsam Urlaub
machen die kaum, denn einer muss immer da sein und auf das Haus aufpassen.
Kurze
Zeit später stehe ich mit meinem Rucksack (verflucht ist er schwer!) und dem
Drahtesel auf der Straße vorm Haus, schaue kurz auf die Uhr, es ist genau 15:00
Uhr. Die Luft ist rein und klar. Ich atme sehr tief ein. Die kühle Luft tut
gut, sie belebt einen förmlich. Da ich nicht möchte, dass mir zu viel Sauerstoff
zu Kopf steigt, zünde ich mir eine an und nehme einen tiefen Zug. Aaahhh, das
tut gut! Nikotin am frühen Morgen – für uns Nachteulen ist es noch tiefster
Morgen. Im Hintergrund sind die Glocken der Heilig Kreuz Kirche zu hören. Es
ist kalt und die Straße ist wie leer gefegt. Keine Menschen und kaum Autos. Ich
setze meine rote Weihnachtsmütze auf - denn was wäre ein Weihnachtsmann
ohne Mütze? (mein Freund Saki würde jetzt über die Amerikanisierung und
Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes fluchen, ich höre ihn schon wettern) –
binde mir den roten Schal um den Hals, knöpfe den schwarzen Mantel zu, schaue
runter zu meinen schwarzen Italienischen Lederschuhen und denke: Gott, Euch
werde ich heute ruinieren wenn Frau Holle ihre Betten kräftig schüttelt! Ich schwinge mich aufs weiße Rennrad, die Kippe lässig im
Mundwinkel wie Steve McQueen auf dem Moped im Film The great Escape und fühle mich stark, machohaft und unglaublich
cool. Wie ein Held der gerade die Welt vor einer Katastrophe gerettet bzw.
bewahrt hat und ihm, vorzugsweise hübsche Frauen zujubeln und anschmachten.
Das war
eine Zeit als Männer noch echte Kerle waren. Wild, ungehobelt, abenteuerlustig,
hart im Nehmen und keine sensible sitzpinkelnde Festnetztelefonierer,
Warmduscher und Jammerlappen. Eine Zeit in der die Motorradfahrer mit Stahlhelm
und nackten Oberkörper bei Wind und Wetter und mit einer Amazone auf dem
Soziussitz über die Landstraßen bretterten. Das war eine Zeit in der die Männer
noch eine Vorbildfunktion und zu Hause die Hosen an hatten und sich von ihren
Frauen nicht Sätze anhören mussten wie: Bring den Müll raus, pass aufs Kind auf
und dann räum hier auf. Eine glorreiche Zeit in der sie etwas bewegten und keine
ja-sagenden Weicheier waren wie heute. Resultat des ganzen, wie auch eine
Studie für München belegt, ist, dass Deutsche Frauen sich immer mehr zu
Türkischen Männern hingezogen fühlen und Deutsche Männer aufgrund ihrer
Probleme mit den starken, emanzipierten Frauen sich Polinnen zur Frau nehmen.
Sogar
Walter Röhrl, lebende Legende und Rallye-Weltmeister von 1980 und 1982 sagt in
einem Spiegelinterview: »Wir haben damals richtig gekämpft mit den Autos, um
ihre Kraft zu bändigen. Und wir saßen bis zu 40 Stunden am Stück hinterm
Steuer. Heute fahren sie 8 Stunden und legen sich erstmal zum Schlafen hin.«
Ich fahre
bis zur Ampel vor und biege rechts in die Tegernseer Landstr. Dann geht’s durch
die weihnachtlich geschmückte Einkaufstraße Giesings bis zum Ostfriedhof, dann
links den verschneiten Nockherberg runter durch die menschenleere Au, über die
Reichenbachbrücke, die Fraunhoferstraße entlang, über die Papa Schmid, rechts
in den Unteren Anger und links in die Klosterhof zur BP, wo unser Unternehmen
untergebracht ist. Genau zwei Zigarettenlängen Weg.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
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