Kaum
möchte ich losfahren geht die Tür vom Bierhimmel auf, ein Mann tritt heraus und
zwei weitere kommen die Treppe hinauf. Ich schaue kurz rüber und ehe ich
reagieren kann schreit einer der Männer: „Taxi!“ und der Erste hat schon seine
Hand am Türgriff.
»Oh
Lord!« würde Sophie jetzt seufzen, die Augen verdrehen und nach oben in den
Himmel schauen.
Jannis
Joplin sang mal:
“Oh Lord, won't you buy me
a Mercedes Benz…”
a Mercedes Benz…”
Ja, einen Benz geschenkt bekommen
wäre sicherlich nicht schlecht! So wie das Taxi das ich fahre, mit vielen
Extras. Mittlerweile sitzen die drei Herren gemütlich im Taxi verteilt. Sie
stinken nach Bier und Zigaretten. Am liebsten würde ich sie sofort
rausschmeißen oder einen Zuschlag für diese Zumutung verlangen. Zehn Euro
mindestens. Hoffentlich wollen die nicht weit! Mit so einem Gestank würde ich
es nicht lange aushalten.
»Kennst
des Marktstadl?« fragt mich der Herr auf dem Beifahrersitz.
»Freilich! Do kimm i grod her!«
»Jessas!
Warst a beim saufn?«
»Na!
Die drei Weiber her gfohrn!«
»Ja do
legst Di nieder!«
Ich
gebe Gas fahre drei Mal rechts die Einbahnstraßen entlang, an der Kreuzung
Paul-Heyse / Landwehr schaue ich hinüber zur Paulskirche und Marias Duft steigt
mir wieder durch die Nase. Wie schön es doch mit ihr war! Wie schön es doch
wäre immer noch mit ihr dort zu sein! Oder an einen anderen Ort und nicht hier
mit diesen stinkenden Grobianen von Kneipe zu Kneipe zu fahren! Deren
primitiver Humor und Gelächter bringen mich schnell wieder aus meinen Träumen
und Wünschen zurück in das reale Leben.
Als wir
die Schwanthalerstraße entlangfahren fragt mich der Herr der auf dem
Beifahrersitz sitzt:
»Du
Taxler! Warum fährst Du eigentlich Taxi?«
»Weil
Leute wie Sie ein Taxi brauchen und irgendjemand Sie ja fahren muss!«
»Geh
weiter! Warum fährst Du Taxi? Hast nix gescheites gelernt?«
Auch
das noch! So eine kurze Fahrt, lassen ihren Gestank im Auto und ich muss ihn
womöglich die ganze Schicht einatmen. Stellen auch noch blöde und unverschämte
Fragen! Führen selber ein mickriges Leben am Rande des Existenzminimums,
versaufen und verrauchen ihr ganzes Geld und spielen dann den starken Helden,
den Mann von Welt, spielen sich auf als ob sie es im Leben geschafft hätten,
sie die absoluten Gewinner wären und alle anderen hoffnungslose Verlierer die
über Kurz oder Lang in der Gosse landen werden. Das ist der wahre Abschaum der
Gesellschaft, aber leider leben ganze Wirtschafts- und Industriezweige von
deren Geld. Bier und Zigarettenbranche und die ganzen Stüberl die auf so eine
Klientel nicht verzichten können. Sie machen leider auch einen Großteil der
Taxikundschaft aus. Am liebsten würde ich die rauswerfen und denen ein lebenslanges
Taxiverbot verhängen damit sie keinen Kollegen mehr belästigen und sie über ihr
Verhalten nachdenken können. Soweit es überhaupt eine funktionierende Hirnmasse
gibt. Wo ist Saki?! Er könnte mir jetzt mit diesen Arschlöchern behilflich
sein.
»Es
gibt doch diesen Spruch« sagt er, »wer nix wird, wird Wirt! Gibt’s auch etwas
über Taxler?«
Großes
Gelächter im Auto.
»Nein,
was Ähnliches gibt es nicht. Aber was macht Sie so sicher, dass ich nichts
Anderes oder nichts Gescheites gelernt habe?«
»Reine
Logik« sagt er mit Stolz und dreht sich zu den zwei Hampeln nach hinten. »Hättest
Du was Gescheites gelernt, würdest Du uns heute nicht durch die Gegend
kutschieren.«
»Ah ja!
Passen Sie mal auf: Ich habe ein abgeschlossenes BWL Studium«, lüge ich ihn an,
»dazu einen Master in Business Administration und schreibe zurzeit an meiner Promotionsarbeit.
Damit ich sehe wie die erlernte Theorie in der Praxis funktioniert habe ich
einen Taxibetrieb gegründet. Wenn Sie einen Blick auf das Firmenschild hier
vorne richten«, ich zeige mit dem Zeigefinger auf das kleine Schild oberhalb
des Handschuhfachs, »werden Sie die Daten meines Unternehmens sehen. Ich habe
zwanzig Taxen und dreiundfünfzig Angestellte. Was haben Sie zu bieten?«
Nach
diesem kurzen aber heftigen Monolog ist er baff und die zwei Hansel von der
Rückbank lachen sich kaputt. Einer klopft ihn auf die Schulter und sagt: »Jetzt
hat er es Dir gezeigt, der Herr angehender Doktor!«
Ich
fühle mich nicht Stolz darüber, vielmehr ärgert mich so etwas. Entweder man
gibt nach und lässt dieses Gesindel lästern, was nicht unbedingt förderlich ist
weil man verletzt und zur Zielscheibe wird, manche wissen nicht wann sie
aufhören sollen, oder man kontert mit Angeberei und bringt sie zum Schweigen.
Bei meinem Kollegen Harry funktioniert das ganz gut. Er kontert immer mit
dieser Masche und kommt als Sieger aus dem Wortgefecht. Mich kotzt das an. Am
liebsten würde ich die anschreien und sagen: »Ich bin gerade dabei was
anständiges zu lernen damit ich in Zukunft keine Arschgeigen wie Euch durch die
Gegend fahren muss!« Wenn ich heute noch mehr solche Fahrgäste habe, werde ich
in den nächsten Ferien garantiert nicht mehr Taxi fahren.
Als wir
in den Viktualienmarkt hineinfahren sagt einer von den zwei Hinterbänklern:
»Stopp!
I miaß bieseln!«
»Wir
sind gleich da!« sage ich und will weiterfahren.
»Stopp sog i! I koanns nimma hoidn!«
Also
halte ich direkt an den Ständen und der Herr steigt aus. Er verschwindet hinter
einen der Stände und lässt auf sich warten. Es vergehen ein paar Minuten und er
kommt immer noch nicht zurück. Einer der anderen Zwei steigt aus und macht sich
auf dem Weg um ihn zu suchen. Auch er kommt nicht mehr zurück.
»Ja wos
is jetzt des?« fragt der Dritte.
»Keine
Ahnung!« sage ich und füge fragend hinzu: »Ist da ein schwarzes Loch hinter den
Ständen?« Wir beschließen nachzusehen wo die Beiden so lange bleiben. Als wir
um den ersten Stand herum gehen sehen wir was los ist. Der Erste wurde von der
Polizei beim Wildbieseln erwischt und muss Strafe zahlen. Da er sich aber
weigert den Strafzettel anzunehmen, den Beamten beleidigt und wie ein
Verrückter schreit, wurde Verstärkung
angefordert. Er wird gegen die Wand des Standes gedrückt, seine Hände werden
nach hinten gezogen und auf dem Rücken fixiert und ihm werden Handschellen
angelegt, worauf seine Kumpels protestieren. Ich verkneife mir das Lachen und
meine Schadenfreude, erkenne dass es nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt
ist, bitte aber dennoch um den Fahrpreis. Da sich die Herren weigern zu zahlen,
bitte ich die Polizei um Hilfe. Jetzt brüllen auch die anderen Zwei wie
verrückt und es wird noch mehr Verstärkung angefordert. Währendessen toben die
drei Grobiane, beschimpfen die Beamten und einer der drei tritt so heftig gegen
die Holzwand des Gemüsehäuschens, dass eines der Bretter nachgibt und beinahe
bricht. Die Polizisten haben Mühe die drei im Zaum zu halten und auch den anderen
zwei Handschellen anzulegen. Über Funk wird noch mal nachgefragt wo die
Verstärkung bleibt. Ich trete ein paar Schritte zurück um nichts abzubekommen
und überlasse die Arbeit den Profis. Kaum zünde ich mir eine an, klingelt auch
mein Mobiltelefon.
»Servus
Harry!« sage ich den Zigarettenqualm aus meinen Lungen rauspustend. »Frohes
Fest! Was gibt’s?«
»Lust
ins Pusser’s mitzukommen? Was ist das eigentlich für ein Lärm bei Dir? Ziehst
Du Dir einen Porno der härteren Sorte rein?«
»Ist
eine lange Geschichte. Pusser’s klingt gut, aber ich arbeite wie jedes Jahr in
der heiligen Nacht. Und heute frage ich mich warum ich mir das überhaupt antue.«
»Na ja,
Du weißt wo Du uns findest. Servus!«
Kurze
Zeit später sind zwei Kleinbusse voller Beamten vor Ort und versuchen zu
schlichten und zu erfahren worum es geht. Als einer der drei Männer einem
Beamten gegen das Schienbein tritt werden alle drei in den Schwitzkasten genommen
und abgeführt. Auch ich soll als Zeuge mit auf die Wache. Die Kleinbusse der
Polizei fahren mit Blaulicht aus dem Viktualienmarkt raus und ich im Taxi
hinterher. Macht Spaß in Polizeieskorte zu fahren. Man fühlt sich wie ein
Politiker, wie ein wichtiger, ein Superstar. Kaum eine Minute später erreichen
wir die PI 11 in der Hochbrückenstraße und parken direkt vorm Gebäude. Als wir
hineintreten fühle ich mich wie im Film. Das ist die berühmte Wache aus Franz
Xaver Bogners Serie. Ich darf mich auf eine Bank setzen und soll erst mal
warten. Die Männer werden nach hinten gebracht und voneinander getrennt. So
wird’s ruhiger auf dem Revier. Ich schaue mich um und tatsächlich erinnert mich
alles an die Serie. Ich rechne damit dass jeden Augenblick die Tür aufgeht und
die Herren Xaver Bartl und Felix – Fexer – Kandler reinmarschieren. Ich
schließe die Augen, höre den Geräuschen, dem Funk und den Beamten beim Reden zu
und stelle mir Szenen der einzelnen Episoden vor. Nach etwa zehn Minuten reißt
mich eine weibliche Stimme aus meinen Träumen. Ich stehe auf und gehe zum
Tresen wo eine äußerst bezaubernde Polizistin wartet und mich zum Tathergang
ausfragt. Währendessen kommt ein weiterer Beamter hinzu und gibt mir das Geld
für den Fahrpreis. Ich wundere mich wie er es geschafft hat die Leute dazu zu
bringen mir die Fahrt zu bezahlen. Kurz darauf darf ich gehen. Ich werde
irgendwann als Zeuge vor Gericht erscheinen müssen und meine Aussage
wiederholen. Die Beamten wollen sicher gehen, dass ihnen der Richter glaubt
dass ihr Kollege getreten worden ist. Ist doch Ehrensache dass ich gegen diese
Unholde aussage. So wie mir die Polizei öfters hilft, ist es jetzt meine
Pflicht denen zu helfen.
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