Sonntag, 13. April 2014

Teil 22



Kaum möchte ich losfahren geht die Tür vom Bierhimmel auf, ein Mann tritt heraus und zwei weitere kommen die Treppe hinauf. Ich schaue kurz rüber und ehe ich reagieren kann schreit einer der Männer: „Taxi!“ und der Erste hat schon seine Hand am Türgriff.
»Oh Lord!« würde Sophie jetzt seufzen, die Augen verdrehen und nach oben in den Himmel schauen.
Jannis Joplin sang mal:

Oh Lord, won't you buy me
a Mercedes Benz…”

Ja, einen Benz geschenkt bekommen wäre sicherlich nicht schlecht! So wie das Taxi das ich fahre, mit vielen Extras. Mittlerweile sitzen die drei Herren gemütlich im Taxi verteilt. Sie stinken nach Bier und Zigaretten. Am liebsten würde ich sie sofort rausschmeißen oder einen Zuschlag für diese Zumutung verlangen. Zehn Euro mindestens. Hoffentlich wollen die nicht weit! Mit so einem Gestank würde ich es nicht lange aushalten.
»Kennst des Marktstadl?« fragt mich der Herr auf dem Beifahrersitz.
»Freilich! Do kimm i grod her!«
»Jessas! Warst a beim saufn?«
»Na! Die drei Weiber her gfohrn!«
»Ja do legst Di nieder!«
Ich gebe Gas fahre drei Mal rechts die Einbahnstraßen entlang, an der Kreuzung Paul-Heyse / Landwehr schaue ich hinüber zur Paulskirche und Marias Duft steigt mir wieder durch die Nase. Wie schön es doch mit ihr war! Wie schön es doch wäre immer noch mit ihr dort zu sein! Oder an einen anderen Ort und nicht hier mit diesen stinkenden Grobianen von Kneipe zu Kneipe zu fahren! Deren primitiver Humor und Gelächter bringen mich schnell wieder aus meinen Träumen und Wünschen zurück in das reale Leben.
Als wir die Schwanthalerstraße entlangfahren fragt mich der Herr der auf dem Beifahrersitz sitzt:
»Du Taxler! Warum fährst Du eigentlich Taxi?«
»Weil Leute wie Sie ein Taxi brauchen und irgendjemand Sie ja fahren muss!«
»Geh weiter! Warum fährst Du Taxi? Hast nix gescheites gelernt?«
Auch das noch! So eine kurze Fahrt, lassen ihren Gestank im Auto und ich muss ihn womöglich die ganze Schicht einatmen. Stellen auch noch blöde und unverschämte Fragen! Führen selber ein mickriges Leben am Rande des Existenzminimums, versaufen und verrauchen ihr ganzes Geld und spielen dann den starken Helden, den Mann von Welt, spielen sich auf als ob sie es im Leben geschafft hätten, sie die absoluten Gewinner wären und alle anderen hoffnungslose Verlierer die über Kurz oder Lang in der Gosse landen werden. Das ist der wahre Abschaum der Gesellschaft, aber leider leben ganze Wirtschafts- und Industriezweige von deren Geld. Bier und Zigarettenbranche und die ganzen Stüberl die auf so eine Klientel nicht verzichten können. Sie machen leider auch einen Großteil der Taxikundschaft aus. Am liebsten würde ich die rauswerfen und denen ein lebenslanges Taxiverbot verhängen damit sie keinen Kollegen mehr belästigen und sie über ihr Verhalten nachdenken können. Soweit es überhaupt eine funktionierende Hirnmasse gibt. Wo ist Saki?! Er könnte mir jetzt mit diesen Arschlöchern behilflich sein.
»Es gibt doch diesen Spruch« sagt er, »wer nix wird, wird Wirt! Gibt’s auch etwas über Taxler?«
Großes Gelächter im Auto.
»Nein, was Ähnliches gibt es nicht. Aber was macht Sie so sicher, dass ich nichts Anderes oder nichts Gescheites gelernt habe?«
»Reine Logik« sagt er mit Stolz und dreht sich zu den zwei Hampeln nach hinten. »Hättest Du was Gescheites gelernt, würdest Du uns heute nicht durch die Gegend kutschieren.«
»Ah ja! Passen Sie mal auf: Ich habe ein abgeschlossenes BWL Studium«, lüge ich ihn an, »dazu einen Master in Business Administration und schreibe zurzeit an meiner Promotionsarbeit. Damit ich sehe wie die erlernte Theorie in der Praxis funktioniert habe ich einen Taxibetrieb gegründet. Wenn Sie einen Blick auf das Firmenschild hier vorne richten«, ich zeige mit dem Zeigefinger auf das kleine Schild oberhalb des Handschuhfachs, »werden Sie die Daten meines Unternehmens sehen. Ich habe zwanzig Taxen und dreiundfünfzig Angestellte. Was haben Sie zu bieten?«
Nach diesem kurzen aber heftigen Monolog ist er baff und die zwei Hansel von der Rückbank lachen sich kaputt. Einer klopft ihn auf die Schulter und sagt: »Jetzt hat er es Dir gezeigt, der Herr angehender Doktor!«
Ich fühle mich nicht Stolz darüber, vielmehr ärgert mich so etwas. Entweder man gibt nach und lässt dieses Gesindel lästern, was nicht unbedingt förderlich ist weil man verletzt und zur Zielscheibe wird, manche wissen nicht wann sie aufhören sollen, oder man kontert mit Angeberei und bringt sie zum Schweigen. Bei meinem Kollegen Harry funktioniert das ganz gut. Er kontert immer mit dieser Masche und kommt als Sieger aus dem Wortgefecht. Mich kotzt das an. Am liebsten würde ich die anschreien und sagen: »Ich bin gerade dabei was anständiges zu lernen damit ich in Zukunft keine Arschgeigen wie Euch durch die Gegend fahren muss!« Wenn ich heute noch mehr solche Fahrgäste habe, werde ich in den nächsten Ferien garantiert nicht mehr Taxi fahren.
Als wir in den Viktualienmarkt hineinfahren sagt einer von den zwei Hinterbänklern:
»Stopp! I miaß bieseln!«
»Wir sind gleich da!« sage ich und will weiterfahren.
»Stopp sog i! I koanns nimma hoidn!«
Also halte ich direkt an den Ständen und der Herr steigt aus. Er verschwindet hinter einen der Stände und lässt auf sich warten. Es vergehen ein paar Minuten und er kommt immer noch nicht zurück. Einer der anderen Zwei steigt aus und macht sich auf dem Weg um ihn zu suchen. Auch er kommt nicht mehr zurück.
»Ja wos is jetzt des?« fragt der Dritte.
»Keine Ahnung!« sage ich und füge fragend hinzu: »Ist da ein schwarzes Loch hinter den Ständen?« Wir beschließen nachzusehen wo die Beiden so lange bleiben. Als wir um den ersten Stand herum gehen sehen wir was los ist. Der Erste wurde von der Polizei beim Wildbieseln erwischt und muss Strafe zahlen. Da er sich aber weigert den Strafzettel anzunehmen, den Beamten beleidigt und wie ein Verrückter schreit, wurde  Verstärkung angefordert. Er wird gegen die Wand des Standes gedrückt, seine Hände werden nach hinten gezogen und auf dem Rücken fixiert und ihm werden Handschellen angelegt, worauf seine Kumpels protestieren. Ich verkneife mir das Lachen und meine Schadenfreude, erkenne dass es nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt ist, bitte aber dennoch um den Fahrpreis. Da sich die Herren weigern zu zahlen, bitte ich die Polizei um Hilfe. Jetzt brüllen auch die anderen Zwei wie verrückt und es wird noch mehr Verstärkung angefordert. Währendessen toben die drei Grobiane, beschimpfen die Beamten und einer der drei tritt so heftig gegen die Holzwand des Gemüsehäuschens, dass eines der Bretter nachgibt und beinahe bricht. Die Polizisten haben Mühe die drei im Zaum zu halten und auch den anderen zwei Handschellen anzulegen. Über Funk wird noch mal nachgefragt wo die Verstärkung bleibt. Ich trete ein paar Schritte zurück um nichts abzubekommen und überlasse die Arbeit den Profis. Kaum zünde ich mir eine an, klingelt auch mein Mobiltelefon.
»Servus Harry!« sage ich den Zigarettenqualm aus meinen Lungen rauspustend. »Frohes Fest! Was gibt’s?«
»Lust ins Pusser’s mitzukommen? Was ist das eigentlich für ein Lärm bei Dir? Ziehst Du Dir einen Porno der härteren Sorte rein?«
»Ist eine lange Geschichte. Pusser’s klingt gut, aber ich arbeite wie jedes Jahr in der heiligen Nacht. Und heute frage ich mich warum ich mir das überhaupt antue.«
»Na ja, Du weißt wo Du uns findest. Servus!«
Kurze Zeit später sind zwei Kleinbusse voller Beamten vor Ort und versuchen zu schlichten und zu erfahren worum es geht. Als einer der drei Männer einem Beamten gegen das Schienbein tritt werden alle drei in den Schwitzkasten genommen und abgeführt. Auch ich soll als Zeuge mit auf die Wache. Die Kleinbusse der Polizei fahren mit Blaulicht aus dem Viktualienmarkt raus und ich im Taxi hinterher. Macht Spaß in Polizeieskorte zu fahren. Man fühlt sich wie ein Politiker, wie ein wichtiger, ein Superstar. Kaum eine Minute später erreichen wir die PI 11 in der Hochbrückenstraße und parken direkt vorm Gebäude. Als wir hineintreten fühle ich mich wie im Film. Das ist die berühmte Wache aus Franz Xaver Bogners Serie. Ich darf mich auf eine Bank setzen und soll erst mal warten. Die Männer werden nach hinten gebracht und voneinander getrennt. So wird’s ruhiger auf dem Revier. Ich schaue mich um und tatsächlich erinnert mich alles an die Serie. Ich rechne damit dass jeden Augenblick die Tür aufgeht und die Herren Xaver Bartl und Felix – Fexer – Kandler reinmarschieren. Ich schließe die Augen, höre den Geräuschen, dem Funk und den Beamten beim Reden zu und stelle mir Szenen der einzelnen Episoden vor. Nach etwa zehn Minuten reißt mich eine weibliche Stimme aus meinen Träumen. Ich stehe auf und gehe zum Tresen wo eine äußerst bezaubernde Polizistin wartet und mich zum Tathergang ausfragt. Währendessen kommt ein weiterer Beamter hinzu und gibt mir das Geld für den Fahrpreis. Ich wundere mich wie er es geschafft hat die Leute dazu zu bringen mir die Fahrt zu bezahlen. Kurz darauf darf ich gehen. Ich werde irgendwann als Zeuge vor Gericht erscheinen müssen und meine Aussage wiederholen. Die Beamten wollen sicher gehen, dass ihnen der Richter glaubt dass ihr Kollege getreten worden ist. Ist doch Ehrensache dass ich gegen diese Unholde aussage. So wie mir die Polizei öfters hilft, ist es jetzt meine Pflicht denen zu helfen.

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