Als ich
vom Tankstellengelände rechts in die Klosterhofstraße Richtung Oberanger
abbiege, bemerke ich im Rückspiegel, wie Jiri den Boden vor der Waschstraße
wischt. Ich biege dann links in den Oberanger und fahre Richtung Sendlinger
Tor. Mein Ziel ist der Hauptbahnhof, besser gesagt der Südbau. Am
Waldbarthstand stehen zwei Kollegen. Ich fahre die Sonnenstraße entlang Richtung
Stachus und denke mir, Wahnsinn, kein Mensch unterwegs. Vor ein paar Stunden
tobte hier alles und der Verkehr kam zum erliegen und jetzt? Freie Fahrt für
freie Bürger. Vor dem Stachusrondell, auch da stehen zwei Kollegen, biege ich
links ab und fahre die Bayerstraße entlang bis zum Südbau. Dort stelle ich mich
als 15. oder so in den Stand, schalte den Motor aus, schnappe mir eine Zeitung
aus dem Stapel, lege mich etwas zurück in den Sitz, stelle die Musik ein wenig
leiser und fange an zu lesen.
In der Zwischenzeit
vergibt der Zentralist einige Aufträge und es fängt zu schneien an. Im Radio
kommt wieder mal Last Christmas von Wham und ich wechsle den Sender ohne
meine Augen von der Zeitung zu nehmen. Aber auch die anderen Sender spielen
Weihnachtsschrott, deshalb schalte ich genervt das Radio aus und konzentriere
mich auf den Funk und die Zeitung.
Die
Zeit vergeht. Ich bin kurz vorm Einnicken, als plötzlich jemand die Tür aufreißt
und mich fragt, ob ich der Nächste sei. Ich gucke ihn geistesgegenwärtig an und
sage nichts. Er fragt mich noch mal, worauf ich meinen Kopf nach vorne richte
und merke, dass die Kollegen vor mir schon alle weg und die hinter mir beim
aufladen sind.
»Ja,
ich bin der Nächste« sage ich und springe hastig aus meinem Taxi. Das war’s mit
der Ruhe, denke ich mir. Ich gehe nach hinten, schnappe mir die zwei Koffer des
Herrn, lege sie in den Kofferraum, mache ihm die hintere rechte Tür auf und
steige wieder ein.
»Wo
darf es denn hingehen?«
»Einmal
zum Goetheplatz, bitte.«
»Also
zwei Mal fahre ich Sie bestimmt nicht hin!«
»Bitte?«
»Ach,
nichts.«
Ich
frage mich oft, wieso die Leute „einmal zum...“ sagen. Es ist unlogisch. Wie
ich schon sagte, zweimal fahre ich sie bestimmt nicht hin. Egal.
Der
Herr fängt sofort zu reden an. »Ich komme jetzt aus Hamburg, mit dem ICE.
Normalerweise dauert die Fahrt sechs Stunden, aber heute hat’s knapp acht
gedauert. Auf die Bahn ist kein Verlass mehr. Sie ist auch nicht mehr das, was
sie mal war. Dauernd Verspätungen, keine Informationen, die Heizung ist
ausgefallen, wir standen stundenlang auf freier Strecke und uns wurde nichts
mitgeteilt, es gab auch keine Entschädigung und das ganze an Heilig Abend,
meine Enkel warten schon ganz sehnsüchtig auf die Geschenke und machen sich
bestimmt Sorgen.....«
Um
Gottes willen! denke ich mir. Gott sei Dank ist der Goetheplatz nicht weit und
der Herr steigt aus. Ich nicke die ganze Zeit und sage nur jaja. Die Griechen
haben ein Sprichwort dafür: Der Doktor sagt, man muss immer ja sagen, will
heißen, keine Widerrede und dem anderen einerseits signalisieren, dass man seiner
Meinung ist und andererseits sich denken: Mann, was für’n Scheiß labberst Du
denn da! Natürlich darf man das auf keinen Fall sagen. Wie beim Psychologen,
bei Mama oder bei der Lehrerin wenn sie einen tadelt: ja, ja, ja... Dann fragt
er mich, ob ich Student sei und ob ich die ganze Nacht arbeiten werde, usw. Auf
solche Standardfragen habe ich auch Standardantworten. Ja ich bin Student, ja
ich werde die ganze Nacht arbeiten, nein ich werde nicht zu meinen Eltern
fahren, weil sie wie jedes Jahr in Australien sind, usw. Meine Antworten
entsprechen nicht immer der Wahrheit, aber es ist schön zu sehen, wie die Leute
etwas empört reagieren, wenn sie hören, dass man an Heilig Abend arbeitet. Dass
ich freiwillig und gerne arbeite sage ich denen nicht, denn die meisten haben
kein Verständnis dafür und reagieren allergisch. Wie können Sie an so einem Tag
arbeiten? wurde ich sehr oft gefragt. Wieso nicht? Wer soll Sie dann durch die
Stadt kutschieren? Das Christkind mit dem Schlitten etwa? Die Leute kapieren
nicht dass nicht alle an einen Feiertag zu hause bleiben können und dass es
viele Menschen gibt die Arbeiten müssen oder sogar wollen. Polizisten,
Krankenschwestern, Piloten, Stewardessen, Hotelpersonal, Zugführer und viele
andere auch. Es stellt sich keiner vor wie es denn wäre wenn alle auf einmal
frei machen würden. Es würde kein Bus, keine Tram und kein Zug fahren, die Patienten
in den Kliniken würden vor Schmerzen schreien bis der Feiertag vorbei wäre, die
Anarchos würden das Land ins Chaos stürzen wenn die Polizei nicht arbeiten
würde, es sei denn die Anarchos würden auch Weihnachten mit der Familie feiern.
Es würde kein TV, kein Radio und kein Internet geben. Eventuell auch keinen
Strom, keine Heizung und kein warmes Wasser. Wer soll die Maschinen bedienen
wenn alle frei haben?
Seitdem
erzähle ich den Leuten, dass meine Eltern weit weg sind, dass ich keine
Freundin hätte, oder sie halt bei ihren Eltern irgendwo weit weg sei. Diesmal
stimmt es sogar. Sophie hat kurz vor Weihnachten Schluss gemacht und ist bei
ihren Eltern in England.
Endlich
erreichen wir den McDoof am Goetheplatz und bevor ich fragen kann, wo er
aussteigen möchte, sagt er: »Da vorne links in die Waltherstraße bitte!« Also
fahre ich noch schnell über die Kreuzung und biege nach der Verkehrsinsel
scharf links ab. Das Heck des Autos rutscht ein bisschen nach rechts worauf der
ältere Herr erschrickt. Nach ungefähr hundert Metern sind wir angekommen. Er
zahlt, und während ich das Wechselgeld zähle, nimmt er sein Handy und ruft
seine Verwandten an. Als ich dann aussteige, um seine Sachen aus dem Kofferraum
zu holen, ist auf einmal der ganze Bürgersteig voller Menschen. Kinder die „Opa,
Opa“ schreien, Erwachsene, die zu ihm Vater sagen und alle stürzen sich auf ihn
und wollen ihn umarmen. Es ist ein schöner Anblick. Es verleiht dem ganzen
etwas Warmes an diesem kalten und grauen Tag. Ich schaue dem Treiben noch ein
wenig zu und zünde mir eine an. Kurze Zeit später gehen alle Richtung
Hauseingang und lassen die Koffer am Straßenrand stehen.
Ich
rufe: »Hey was ist mit den Koffern? Gehen die nicht mit?« Ein Mann mittleren
Alters rennt zurück zu mir, schnappt sich die beiden und verschwindet ins Haus.
Ich
setze mich wieder in mein warmes Taxi, fahre rückwärts bis zum Goetheplatz aus
der Einbahnstraße raus, schwenke nach rechts, schalte in den Ersten und fahre
vor bis zur Ampel Ecke Lindwurmstraße. Wo soll ich mich jetzt hinstellen? Schau
kurz zum Goethestand, da stehen schon zwei. Nein, das kann hier etwas länger
dauern. Richtung Sendlinger Tor? Um die Uhrzeit vielleicht nicht ratsam. Also
zurück zum Südbau. Es wird grün und ich fahre los. Mittlerweile habe ich zu Ende
geraucht und es schneit wie verrückt. Aus dem Radio ertönt Shakira.
“Whenever, Wherever,
We’re meant to be together,
I’ll be there and you’ll be near,
And that’s the deal my dear… ”
Da wird
einem warm uns Herz und man vergisst den Winter um sich. Yeah baby! Shake your
booty cutie! »Whenever, Wherever...«
Ich sehe sie quasi vor mir wie sie ihre Mähne durch die Luft wirbelt, sich wie
ein Derwisch hin und her im Rhythmus der Musik bewegt und sich die Seele aus
dem Leib singt. Das ist ein Anblick. Sie hat Feuer unterm Arsch. Wie meine Ex
Sophie. Sie liebte es, zu Shakiras Lied in Reizwäsche vor mir zu tanzen und
mich heiß zu machen. Mit ihrer braunen, zarten Haut, ihrer dunklen Lockenpracht
und glühende Augen war es ein echt scharfer Anblick.
Ich
drehe die Musik voll auf und singe lauthals mit und merke nicht, dass mir beinahe
jemand auf die Motorhaube springt, als ich den Beethovenplatz überqueren
möchte. SCHEISSE!!! Ich trete mit aller Kraft auf die Bremse, um die zwei
Männer, die stark gestikulierend auf der Fahrbahn stehen, nicht zu überfahren.
Ich bleibe wenige Zentimeter vor ihnen stehen und gucke beide an. Nach einer
Schrecksekunde rennen die beiden los und reißen die Türen auf der rechten Seite
auf. »Gott sei Dank ein freies Taxi!« sagt der eine, worauf der andere hastig
ruft: »Zum Bahnhof bitte, so schnell wie möglich! Wir müssen den Zug erwischen.«
Also
gebe ich Gas und fahre weiter die Goethestraße Richtung Norden. Zum Glück erwischen
wir eine grüne Welle und kommen relativ schnell durch. Als wir Goethe- Ecke
Bayer sind und die Ampel auf Rot ist, zahlen die beiden und wollen raus springen
und über die Kreuzung rennen. Da wird’s auf einmal grün und ich drücke auf das
Gaspedal und fahre geradeaus über die Kreuzung in den leeren Stand. Bemerke
dabei nicht, dass die Türen offen sind und der Mann auf dem Rücksitz halb aus
dem Auto ist. Egal. Wir sind da. Sie bedanken sich noch mal, geben ein gutes
Trinkgeld und rennen los als ob der Teufel hinter ihnen her wäre.
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