Sonntag, 13. April 2014

Teil 6



Als ich vom Tankstellengelände rechts in die Klosterhofstraße Richtung Oberanger abbiege, bemerke ich im Rückspiegel, wie Jiri den Boden vor der Waschstraße wischt. Ich biege dann links in den Oberanger und fahre Richtung Sendlinger Tor. Mein Ziel ist der Hauptbahnhof, besser gesagt der Südbau. Am Waldbarthstand stehen zwei Kollegen. Ich fahre die Sonnenstraße entlang Richtung Stachus und denke mir, Wahnsinn, kein Mensch unterwegs. Vor ein paar Stunden tobte hier alles und der Verkehr kam zum erliegen und jetzt? Freie Fahrt für freie Bürger. Vor dem Stachusrondell, auch da stehen zwei Kollegen, biege ich links ab und fahre die Bayerstraße entlang bis zum Südbau. Dort stelle ich mich als 15. oder so in den Stand, schalte den Motor aus, schnappe mir eine Zeitung aus dem Stapel, lege mich etwas zurück in den Sitz, stelle die Musik ein wenig leiser und fange an zu lesen.
In der Zwischenzeit vergibt der Zentralist einige Aufträge und es fängt zu schneien an. Im Radio kommt wieder mal Last Christmas von Wham und ich wechsle den Sender ohne meine Augen von der Zeitung zu nehmen. Aber auch die anderen Sender spielen Weihnachtsschrott, deshalb schalte ich genervt das Radio aus und konzentriere mich auf den Funk und die Zeitung.
Die Zeit vergeht. Ich bin kurz vorm Einnicken, als plötzlich jemand die Tür aufreißt und mich fragt, ob ich der Nächste sei. Ich gucke ihn geistesgegenwärtig an und sage nichts. Er fragt mich noch mal, worauf ich meinen Kopf nach vorne richte und merke, dass die Kollegen vor mir schon alle weg und die hinter mir beim aufladen sind.
»Ja, ich bin der Nächste« sage ich und springe hastig aus meinem Taxi. Das war’s mit der Ruhe, denke ich mir. Ich gehe nach hinten, schnappe mir die zwei Koffer des Herrn, lege sie in den Kofferraum, mache ihm die hintere rechte Tür auf und steige wieder ein.
»Wo darf es denn hingehen?«
»Einmal zum Goetheplatz, bitte.«
»Also zwei Mal fahre ich Sie bestimmt nicht hin!«
»Bitte?«
»Ach, nichts.«
Ich frage mich oft, wieso die Leute „einmal zum...“ sagen. Es ist unlogisch. Wie ich schon sagte, zweimal fahre ich sie bestimmt nicht hin. Egal.
Der Herr fängt sofort zu reden an. »Ich komme jetzt aus Hamburg, mit dem ICE. Normalerweise dauert die Fahrt sechs Stunden, aber heute hat’s knapp acht gedauert. Auf die Bahn ist kein Verlass mehr. Sie ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Dauernd Verspätungen, keine Informationen, die Heizung ist ausgefallen, wir standen stundenlang auf freier Strecke und uns wurde nichts mitgeteilt, es gab auch keine Entschädigung und das ganze an Heilig Abend, meine Enkel warten schon ganz sehnsüchtig auf die Geschenke und machen sich bestimmt Sorgen.....«
Um Gottes willen! denke ich mir. Gott sei Dank ist der Goetheplatz nicht weit und der Herr steigt aus. Ich nicke die ganze Zeit und sage nur jaja. Die Griechen haben ein Sprichwort dafür: Der Doktor sagt, man muss immer ja sagen, will heißen, keine Widerrede und dem anderen einerseits signalisieren, dass man seiner Meinung ist und andererseits sich denken: Mann, was für’n Scheiß labberst Du denn da! Natürlich darf man das auf keinen Fall sagen. Wie beim Psychologen, bei Mama oder bei der Lehrerin wenn sie einen tadelt: ja, ja, ja... Dann fragt er mich, ob ich Student sei und ob ich die ganze Nacht arbeiten werde, usw. Auf solche Standardfragen habe ich auch Standardantworten. Ja ich bin Student, ja ich werde die ganze Nacht arbeiten, nein ich werde nicht zu meinen Eltern fahren, weil sie wie jedes Jahr in Australien sind, usw. Meine Antworten entsprechen nicht immer der Wahrheit, aber es ist schön zu sehen, wie die Leute etwas empört reagieren, wenn sie hören, dass man an Heilig Abend arbeitet. Dass ich freiwillig und gerne arbeite sage ich denen nicht, denn die meisten haben kein Verständnis dafür und reagieren allergisch. Wie können Sie an so einem Tag arbeiten? wurde ich sehr oft gefragt. Wieso nicht? Wer soll Sie dann durch die Stadt kutschieren? Das Christkind mit dem Schlitten etwa? Die Leute kapieren nicht dass nicht alle an einen Feiertag zu hause bleiben können und dass es viele Menschen gibt die Arbeiten müssen oder sogar wollen. Polizisten, Krankenschwestern, Piloten, Stewardessen, Hotelpersonal, Zugführer und viele andere auch. Es stellt sich keiner vor wie es denn wäre wenn alle auf einmal frei machen würden. Es würde kein Bus, keine Tram und kein Zug fahren, die Patienten in den Kliniken würden vor Schmerzen schreien bis der Feiertag vorbei wäre, die Anarchos würden das Land ins Chaos stürzen wenn die Polizei nicht arbeiten würde, es sei denn die Anarchos würden auch Weihnachten mit der Familie feiern. Es würde kein TV, kein Radio und kein Internet geben. Eventuell auch keinen Strom, keine Heizung und kein warmes Wasser. Wer soll die Maschinen bedienen wenn alle frei haben?
Seitdem erzähle ich den Leuten, dass meine Eltern weit weg sind, dass ich keine Freundin hätte, oder sie halt bei ihren Eltern irgendwo weit weg sei. Diesmal stimmt es sogar. Sophie hat kurz vor Weihnachten Schluss gemacht und ist bei ihren Eltern in England.
Endlich erreichen wir den McDoof am Goetheplatz und bevor ich fragen kann, wo er aussteigen möchte, sagt er: »Da vorne links in die Waltherstraße bitte!« Also fahre ich noch schnell über die Kreuzung und biege nach der Verkehrsinsel scharf links ab. Das Heck des Autos rutscht ein bisschen nach rechts worauf der ältere Herr erschrickt. Nach ungefähr hundert Metern sind wir angekommen. Er zahlt, und während ich das Wechselgeld zähle, nimmt er sein Handy und ruft seine Verwandten an. Als ich dann aussteige, um seine Sachen aus dem Kofferraum zu holen, ist auf einmal der ganze Bürgersteig voller Menschen. Kinder die „Opa, Opa“ schreien, Erwachsene, die zu ihm Vater sagen und alle stürzen sich auf ihn und wollen ihn umarmen. Es ist ein schöner Anblick. Es verleiht dem ganzen etwas Warmes an diesem kalten und grauen Tag. Ich schaue dem Treiben noch ein wenig zu und zünde mir eine an. Kurze Zeit später gehen alle Richtung Hauseingang und lassen die Koffer am Straßenrand stehen.
Ich rufe: »Hey was ist mit den Koffern? Gehen die nicht mit?« Ein Mann mittleren Alters rennt zurück zu mir, schnappt sich die beiden und verschwindet ins Haus.
Ich setze mich wieder in mein warmes Taxi, fahre rückwärts bis zum Goetheplatz aus der Einbahnstraße raus, schwenke nach rechts, schalte in den Ersten und fahre vor bis zur Ampel Ecke Lindwurmstraße. Wo soll ich mich jetzt hinstellen? Schau kurz zum Goethestand, da stehen schon zwei. Nein, das kann hier etwas länger dauern. Richtung Sendlinger Tor? Um die Uhrzeit vielleicht nicht ratsam. Also zurück zum Südbau. Es wird grün und ich fahre los. Mittlerweile habe ich zu Ende geraucht und es schneit wie verrückt. Aus dem Radio ertönt Shakira.

“Whenever, Wherever,
We’re meant to be together,
I’ll be there and you’ll be near,
And that’s the deal my dear… ”

Da wird einem warm uns Herz und man vergisst den Winter um sich. Yeah baby! Shake your booty cutie! »Whenever, Wherever...« Ich sehe sie quasi vor mir wie sie ihre Mähne durch die Luft wirbelt, sich wie ein Derwisch hin und her im Rhythmus der Musik bewegt und sich die Seele aus dem Leib singt. Das ist ein Anblick. Sie hat Feuer unterm Arsch. Wie meine Ex Sophie. Sie liebte es, zu Shakiras Lied in Reizwäsche vor mir zu tanzen und mich heiß zu machen. Mit ihrer braunen, zarten Haut, ihrer dunklen Lockenpracht und glühende Augen war es ein echt scharfer Anblick.
Ich drehe die Musik voll auf und singe lauthals mit und merke nicht, dass mir beinahe jemand auf die Motorhaube springt, als ich den Beethovenplatz überqueren möchte. SCHEISSE!!! Ich trete mit aller Kraft auf die Bremse, um die zwei Männer, die stark gestikulierend auf der Fahrbahn stehen, nicht zu überfahren. Ich bleibe wenige Zentimeter vor ihnen stehen und gucke beide an. Nach einer Schrecksekunde rennen die beiden los und reißen die Türen auf der rechten Seite auf. »Gott sei Dank ein freies Taxi!« sagt der eine, worauf der andere hastig ruft: »Zum Bahnhof bitte, so schnell wie möglich! Wir müssen den Zug erwischen.«
Also gebe ich Gas und fahre weiter die Goethestraße Richtung Norden. Zum Glück erwischen wir eine grüne Welle und kommen relativ schnell durch. Als wir Goethe- Ecke Bayer sind und die Ampel auf Rot ist, zahlen die beiden und wollen raus springen und über die Kreuzung rennen. Da wird’s auf einmal grün und ich drücke auf das Gaspedal und fahre geradeaus über die Kreuzung in den leeren Stand. Bemerke dabei nicht, dass die Türen offen sind und der Mann auf dem Rücksitz halb aus dem Auto ist. Egal. Wir sind da. Sie bedanken sich noch mal, geben ein gutes Trinkgeld und rennen los als ob der Teufel hinter ihnen her wäre.

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