Montag, 14. April 2014

Teil 41



Wenn Helena heute mit ihrer Kamera dabei gewesen wäre hätte sie ihre helle Freude und eine Menge zu filmen gehabt. Wie bei jeder Frau, war auch bei ihr eine der ersten Fragen was Mann beruflich macht. Sie hat komischerweise nicht das Weite gesucht oder mitleidig gelächelt und wollte mir auch nicht den „guten“ Ratschlag geben es mit was „besserem“, „anderem“ oder „richtigem“ zu versuchen, weil dieser Beruf nichts Gescheites ist. Sie fragte auch nicht was ich werden wolle wenn ich mal Erwachsen bin. Sie machte große Augen und spitzte die Ohren als ich ihr sagte dass ich nachts Taxi fahre. Sie war großer Fan von Filmen wie Night on Earth, Taxi Taxi, Taxi Driver und hat sogar die Dokumentation Lisboa Taxi über den vermutlich ältesten Taxifahrer der Welt gesehen. Ich war überrascht dies zu hören. So wurden wir sehr gute und sehr enge Freunde. Ihre Freundinnen hingegen teilten ihre Faszination und ihr Interesse nicht und verstanden nicht was Helena an dieser Art von Arbeit überhaupt sieht. Ihr Interesse galt nicht nur der Rumfahrerei sondern auch den Menschen die hinterm Steuer sitzen und den Leuten die ein- und aussteigen. Sie fand es mutig und abenteuerlich eine Droschke in einer Großstadt zu fahren. All die Bezirke die man als „normaler Mensch“ nie besuchen würde, all die Gebäude die man sieht und teilweise auch betritt, all die weiteren Fahrten, die Sprachen die man hört, Dörfer die man sieht, bzw. durchfährt und der Fakt dass man sein Leben nicht planen kann faszinierte sie sehr. Sie sagte immer, man braucht großen Mut und ziemlich viel Courage um so ein Leben zu führen, um so einen Job auszuüben. Jetzt hier, später dort und noch später ganz woanders. Man muss ziemlich spontan sein, es fehlt eine Routine die der Mensch als Gewohnheitstier so dringend braucht um überhaupt leben zu können. Sie las in einer Studie dass Taxifahrer ein viel größeres Gehirn als all die anderen hätten und sich auch in fremder Umgebung ohne weiteres problemlos orientieren können. Für sie war all dies etwas fernes, etwas wovor sie Angst und großen Respekt hatte, etwas was sie selber nie erleben würde. Sie traute sich nicht den Taxischein zu machen um selber dieselben Erfahrungen zu sammeln. Deshalb wollte sie und das war einer ihrer größten Wünsche, mich eine ganze Nacht lang in Taxi begleiten und diese Geschichten und alles was so im Auto passiert mit der Kamera festhalten und sich den Film anschauen wenn sie den Sorgen dieser Welt entfliehen wolle. Ein Fenster in eine andere für sie unerreichbare Welt.
Sie wollte mehr und alles wissen. Sie fragte mich immer aus was ich in meinen Schichten so erlebe und hörte immer sehr interessiert zu. Sie stellte sehr viele Fragen und wollte alles ganz genau wissen. Sie fragte nach Namen, Alter, Hautfarbe, Haarfarbe, Aussehen, Körpergerüche und alles was ihr so in den Sinn kam. Da ich damals noch relativ frisch war in diesen Gewerbe, alles aufregend, abenteuerlich und wildromantisch fand, konnte ich mir vieles merken und es ihr detailliert erzählen und beschreiben. Mein Enthusiasmus und mein Hang zur Romantisierung weckten und vergrößerten ihr Interesse immer mehr.
Obwohl sie Schwedin war, sich hier nicht auskannte weil sie nur ein einziges Mal in der Stadt war, als sie mich vor einigen Jahren über Weihnachten besuchte, kaufte sie sich einen Stadtplan um verfolgen zu können wo ich überall hinkomme. Endlose Stunden verbrachten wir am Telefon oder am Küchentisch überm Stadtplan wenn wir uns mal gegenseitig besuchten. Keine meiner Partnerinnen hatte je ein Interesse an dem Job mit dem ich mein Studium finanziere. Sie wollten, und Sophie am meisten, dass ich „damit“ aufhöre und „was anderes“ mache. Unter „was Anderes“ waren Berufe wie Kellner oder Barmann ausgeschlossen. Sie alle hatten Angst, nicht dass mir etwas Schreckliches zustoßen würde, nein ihre Liebe ging komischerweise nicht soweit, sondern dachten ganz egoistisch an sich selber. Sie befürchteten dass ich massenhaft fremdgehen würde. The city is full of loose women, voll von Frauen die nach einer Bettgeschichte suchen, pflegte Sophie zu sagen und wurde narrisch vor Eifersucht. Sie dachten dass jede Frau die bei mir einsteigt sich mir automatisch an den Hals wirft und mit mir heißen, hemmungslosen und stundenlangen Sex haben möchte. Wenn es tatsächlich so wäre, dass jede Frau von mir heißen, hemmungslosen und stundenlangen Sex haben wollen würde, würde ich nie zum Arbeiten kommen, kein Geld verdienen und mein Boss würde mich rauswerfen. Da könnte ich doch gleich Callboy werden. Es stimmt schon dass es manche Frauen probieren, aber die sind entweder viel zu alt für mich, zu hässlich, zu dick, zu dünn, betrunken, bekifft und wollen einen Taxler zum Freund um umsonst durch die Stadt kutschiert zu werden. Dann gehen die Samstagnacht aus, wenn der Taxlerfreund nicht kann weil er arbeiten muss und der arme Kerl wird dann mehrmals die Nacht angerufen und darf dann seine Angebetete samt Freundinnen und Freunde, eventuell auch Nebenbuhler, für lau von Disco zu Disco kutschieren.

»Einen schönen Abend, viel Spaß und Frohes Fest wünsche ich Dir!« sagt der Franzose auf dem Beifahrersitz, steigt aus und knallt die Tür hinter sich zu.
»He! Warte!« rufe ich ihm durch das geöffnete Fenster hinterher.
»Oui?« Fragt er sich mit Schwung und einen breiten Grinsen im Gesicht zum mir drehend.
»Ich möchte Dir und Deinen Freunden noch was schenken!«
»Schenken?«
»Ja, ja, geh her!«
»Gerald, wo bleibst Du?« wird vom Eingang des Treppenhauses des Skyline gerufen.
»Hier!« sage ich und gebe ihm vier Flaschen Piccolos mit. Leicht enttäuscht aber dankbar nimmt er die Getränke an und verschwindet Richtung Eingang.

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