Wenn
Helena heute mit ihrer Kamera dabei gewesen wäre hätte sie ihre helle Freude
und eine Menge zu filmen gehabt. Wie bei jeder Frau, war auch bei ihr eine der
ersten Fragen was Mann beruflich macht. Sie hat komischerweise nicht das Weite
gesucht oder mitleidig gelächelt und wollte mir auch nicht den „guten“
Ratschlag geben es mit was „besserem“, „anderem“ oder „richtigem“ zu versuchen,
weil dieser Beruf nichts Gescheites ist. Sie fragte auch nicht was ich werden
wolle wenn ich mal Erwachsen bin. Sie machte große Augen und spitzte die Ohren
als ich ihr sagte dass ich nachts Taxi fahre. Sie war großer Fan von Filmen wie
Night on Earth, Taxi Taxi, Taxi Driver und
hat sogar die Dokumentation Lisboa Taxi
über den vermutlich ältesten Taxifahrer der Welt gesehen. Ich war überrascht
dies zu hören. So wurden wir sehr gute und sehr enge Freunde. Ihre Freundinnen
hingegen teilten ihre Faszination und ihr Interesse nicht und verstanden nicht
was Helena an dieser Art von Arbeit überhaupt sieht. Ihr Interesse galt nicht
nur der Rumfahrerei sondern auch den Menschen die hinterm Steuer sitzen und den
Leuten die ein- und aussteigen. Sie fand es mutig und abenteuerlich eine
Droschke in einer Großstadt zu fahren. All die Bezirke die man als „normaler
Mensch“ nie besuchen würde, all die Gebäude die man sieht und teilweise auch
betritt, all die weiteren Fahrten, die Sprachen die man hört, Dörfer die man
sieht, bzw. durchfährt und der Fakt dass man sein Leben nicht planen kann
faszinierte sie sehr. Sie sagte immer, man braucht großen Mut und ziemlich viel
Courage um so ein Leben zu führen, um so einen Job auszuüben. Jetzt hier,
später dort und noch später ganz woanders. Man muss ziemlich spontan sein, es
fehlt eine Routine die der Mensch als Gewohnheitstier so dringend braucht um
überhaupt leben zu können. Sie las in einer Studie dass Taxifahrer ein viel
größeres Gehirn als all die anderen hätten und sich auch in fremder Umgebung
ohne weiteres problemlos orientieren können. Für sie war all dies etwas fernes,
etwas wovor sie Angst und großen Respekt hatte, etwas was sie selber nie
erleben würde. Sie traute sich nicht den Taxischein zu machen um selber
dieselben Erfahrungen zu sammeln. Deshalb wollte sie und das war einer ihrer
größten Wünsche, mich eine ganze Nacht lang in Taxi begleiten und diese
Geschichten und alles was so im Auto passiert mit der Kamera festhalten und
sich den Film anschauen wenn sie den Sorgen dieser Welt entfliehen wolle. Ein
Fenster in eine andere für sie unerreichbare Welt.
Sie
wollte mehr und alles wissen. Sie fragte mich immer aus was ich in meinen
Schichten so erlebe und hörte immer sehr interessiert zu. Sie stellte sehr
viele Fragen und wollte alles ganz genau wissen. Sie fragte nach Namen, Alter,
Hautfarbe, Haarfarbe, Aussehen, Körpergerüche und alles was ihr so in den Sinn
kam. Da ich damals noch relativ frisch war in diesen Gewerbe, alles aufregend,
abenteuerlich und wildromantisch fand, konnte ich mir vieles merken und es ihr
detailliert erzählen und beschreiben. Mein Enthusiasmus und mein Hang zur
Romantisierung weckten und vergrößerten ihr Interesse immer mehr.
Obwohl
sie Schwedin war, sich hier nicht auskannte weil sie nur ein einziges Mal in
der Stadt war, als sie mich vor einigen Jahren über Weihnachten besuchte,
kaufte sie sich einen Stadtplan um verfolgen zu können wo ich überall hinkomme.
Endlose Stunden verbrachten wir am Telefon oder am Küchentisch überm Stadtplan
wenn wir uns mal gegenseitig besuchten. Keine meiner Partnerinnen hatte je ein
Interesse an dem Job mit dem ich mein Studium finanziere. Sie wollten, und
Sophie am meisten, dass ich „damit“ aufhöre und „was anderes“ mache. Unter „was
Anderes“ waren Berufe wie Kellner oder Barmann ausgeschlossen. Sie alle hatten
Angst, nicht dass mir etwas Schreckliches zustoßen würde, nein ihre Liebe ging
komischerweise nicht soweit, sondern dachten ganz egoistisch an sich selber.
Sie befürchteten dass ich massenhaft fremdgehen würde. The city is full of loose women, voll von Frauen die nach einer
Bettgeschichte suchen, pflegte Sophie
zu sagen und wurde narrisch vor Eifersucht. Sie dachten dass jede Frau die bei
mir einsteigt sich mir automatisch an den Hals wirft und mit mir heißen,
hemmungslosen und stundenlangen Sex haben möchte. Wenn es tatsächlich so wäre,
dass jede Frau von mir heißen, hemmungslosen und stundenlangen Sex haben wollen
würde, würde ich nie zum Arbeiten kommen, kein Geld verdienen und mein Boss würde
mich rauswerfen. Da könnte ich doch gleich Callboy werden. Es stimmt schon dass
es manche Frauen probieren, aber die sind entweder viel zu alt für mich, zu
hässlich, zu dick, zu dünn, betrunken, bekifft und wollen einen Taxler zum
Freund um umsonst durch die Stadt kutschiert zu werden. Dann gehen die
Samstagnacht aus, wenn der Taxlerfreund nicht kann weil er arbeiten muss und
der arme Kerl wird dann mehrmals die Nacht angerufen und darf dann seine
Angebetete samt Freundinnen und Freunde, eventuell auch Nebenbuhler, für lau von
Disco zu Disco kutschieren.
»Einen
schönen Abend, viel Spaß und Frohes Fest wünsche ich Dir!« sagt der Franzose
auf dem Beifahrersitz, steigt aus und knallt die Tür hinter sich zu.
»He!
Warte!« rufe ich ihm durch das geöffnete Fenster hinterher.
»Oui?«
Fragt er sich mit Schwung und einen breiten Grinsen im Gesicht zum mir drehend.
»Ich
möchte Dir und Deinen Freunden noch was schenken!«
»Schenken?«
»Ja,
ja, geh her!«
»Gerald,
wo bleibst Du?« wird vom Eingang des Treppenhauses des Skyline gerufen.
»Hier!«
sage ich und gebe ihm vier Flaschen Piccolos mit. Leicht enttäuscht aber
dankbar nimmt er die Getränke an und verschwindet Richtung Eingang.
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