Kaum
stehe ich an der Ampel am Lenbachplatz gehen hinten die Türen auf und zwei
hübsche Frauen steigen ein. Ehe ich reagieren kann wird als Fahrziel das
Park-Cafe angegeben. Ich überlege kurz wie ich fahren soll, einfach und lang
oder kompliziert und kurz? Ich entscheide mich für die Kurze Variante damit ich
die Beiden schneller los bin. Obwohl, wenn ich mir die so anschaue, könnte die
Fahrt ruhig etwas länger dauern. Sie sind freundlich und gut drauf. Genau das
was ich jetzt brauche um auf andere Gedanken zu kommen und die schrecklichen
Ereignisse von vorhin zu verdrängen.
“How can you say she’s perfect
for you
when that has been my job
when I was born only to heal
the sorrows of your heart”
when that has been my job
when I was born only to heal
the sorrows of your heart”
»Ist
das Jewel?« werde ich von einer der beiden Damen gefragt.
»Nein,
Verenice!«
»Vere wer?
Klingt irgendwie nach Jewel.«
»Mag
sein. Verenice heißt die Sängerin. Eine noch unbekannte Künstlerin.«
»Klingt
sehr gut. Machst Du mal lauter?«
»Ihr
Wunsch ist mir Befehl!« und schon drehe ich die Musik lauter.
Nicht
mal zwei Minuten später stehen wir an der Meiser Ecke Sophien (was für ein
Name!) direkt gegenüber des Einganges vom Park-Cafe. Mein Blick schweift ein
wenig in der Gegend bis die Beiden zahlen. Viele Leute stehen vorm Eingang, ein
paar Taxen warten rechts davon am Bedarfsstand und einige Luxuskarossen parken
in den Buchten ringsum. Als die Beiden aussteigen und über die Straße gehen,
fahren zwei der Taxen besetzt weg. Ich beschließe noch einen Stich zu machen
und erst danach aufzuhören. Ich reihe mich als sechster ein, nehme einen
letzten Zug von der Zigarette und entledige sie im Aschenbecher. Da ich viel zu
müde, viel zu kaputt, viel zu aufgeregt bin um Zeitung zu lesen steige ich aus
um mir die Beine zu vertreten und zünde mir eine an. Gedankenverloren blicke
ich vor mich hin und schaue den Menschen nach was die so treiben. Dass die bei
dem Schneetreiben und der Kälte vorm Eingang stehen und nicht reingehen oder
sonst was machen, wundert mich. Ich ziehe genüsslich an meiner Zigarette und
blicke nach oben gen Himmel. Frau Holle leistet ganze Arbeit heute. Dann sehe
ich einen völlig eingeschneiten Lamborghini und daneben einen Ferrari stehen
und denke mir dass die Beiden Autos sicherlich noch länger hier stehen bleiben
werden bis der Winterdienst sie aus ihrem weißen Gefängnis befreit. Gibt es
eigentlich Winterreifen und Schneeketten für solche Autos?
Es geht
so langsam voran und ich steige wieder ein. Ich drehe den Funk etwas lauter um
zu hören ob und wo was geht und bin erstaunt dass immer noch die Hölle los ist.
Anscheinend haben einige Kollegen aufgehört und es bleiben mehr Fahrgäste für
uns übrig.
Jetzt
bin ich erster. Ich schalte den Funk und auch die Musik leiser, weil aus dem
halbgeöffneten Eingang wummernde Bässe ertönen und dazu R’n’B. Menschen kommen
und gehen. Erstaunlich viele Farbige darunter. Ich bete darum keinen Farbigen
fahren zu müssen. Ich bin alles andere als ein Rassist, aber ich habe den
Eindruck das Farbige – soweit sie trinken – nicht viel vertragen und sich dann
wie betrunkene Frauen, unmöglich, um es nicht mit Harrys Worten zu sagen:
„Unter aller Sau!“ benehmen. Außerdem trauen sie den Weißen nicht, haben es
nicht weit, geben kein Trinkgeld und man kann viele von denen kaum verstehen
weil sie des Deutschen nicht mächtig sind und Englisch oder Französisch mit
starkem Akzent sprechen.
Was
kommt auf mich zu? Ein Farbiger um die vierzig. Bingo! Er steigt ein und gibt
als Fahrziel die Widenmayerstraße an. Naja, weder Kurz- noch Langfahrt. Ich
fahre los und schalte die Musik wieder ein. Ich habe eine House-CD eingelegt
und die ersten Klänge eines Stückes erklingen. Besser gesagt die Baseline
erklingt. Da sagt auch schon mein Fahrgast:
»Oh,
Bon Jovi!«
»Nein,
Sie irren sich, das ist nicht Bon Jovi.«
»Doch, doch!«
sagt er, »hören sie den Bass und den Rhythmus nicht?«
»Mag
schon sein dass da was geklaut wurde, aber das hier ist definitiv nicht Bon
Jovi.«
In
diesen Moment fängt der Sänger an zu singen.
»Hören
Sie?« frage ich den Fahrgast »das ist Bryan Adams und die Musik dazu kommt von
Chicane.«
»Nein,
nein, Sie täuschen sich! Es ist Bon Jovi!« sagt er und um seine Behauptung zu
unterstreichen fängt er an ein Lied von Bon Jovi zu summen.
»Wie
gesagt, mag schon sein, dass da was geklaut wurde, aber das hier ist definitiv
nicht Jon Bon Jovis Stimme sondern die von Bryan Adams!« Und damit ich meine
Behauptung unterstreiche nehme ich die CD-Hülle und zeige dem Fahrgast die
Stelle an der „Chicane feat. Bryan Adams, Don’t give Up!“ steht und füge mit
einem triumphierenden Lächeln hinzu »ich weiß doch was ich höre!«
»Glauben
Sie mir, ich habe Millionen Platten verkauft und viele Lieder produziert und wenn
ich Ihnen sage dass das hier Bon Jovi ist, dann stimmt es auch!«
Good
Lord! Würde Sophie jetzt stöhnen.
»Ja
klar!« sage ich leicht gelangweilt und genervt »und ich bin eigentlich Papst in
meinem Hauptberuf und weil es mir im Vatikan zu ruhig und langweilig ist fahre
ich nachts Taxi!«
»Mein
Name ist Alexander Nestor Haddaway« sagt er mit ruhiger Stimme. Ich drehe
langsam meinen Kopf zu ihm, schalte die Innenbeleuchtung ein und blicke in sein
Gesicht. Jetzt erkenne ich ihn wieder. Er zwinkert mir zu und wir beide fangen
an wie bescheuerte zu lachen. Den kurzen Rest der Fahrt unterhalten wir uns
über ihn, wo er gerade lebt, was er so treibt und warum man von ihm kaum was
hört. Wir bleiben auch eine Weile vor seiner Haustür stehen und reden weiter.
Als sein Handy klingelt verabschiedet er sich von mir, steigt aus und geht. Das
Trinkgeld ist nicht unbedingt der Rede wert.
Ich
mache das Fenster auf, zünde mir eine an, stelle mir vor wie Saki über meinem
übertriebenen Zigarettenkonsum fluchen würde und überlege ob ich das Auto
abstellen und aufhören soll oder doch lieber ein oder zwei Stiche machen solle.
Ich kann einfach nicht aufhören. Das ist das gemeine an der Arbeit. Es ist wie
eine Sucht. Wenn es gut läuft, und heute tut es das, kann man (zumindest ich)
nicht so einfach aufhören und nach hause gehen. Ich werde regelrecht zum
Dagobert Duck und kriege genau so wie er Dollarzeichen in den Augen. Saki
hänselt mich diesbezüglich ab und zu und hat mir auch einen Spitznamen
verpasst. Er meinte mal als wir eines Nachts beide völlig betrunken auf dem
Rasen des Gärtnerplatzes lagen, wenn Du eine Aktie wärst, ich würde Dich
kaufen. Für diesen Satz wollte ich ihn umarmen und küssen, habe es mir
verkniffen und doch nicht getan. Eines der schönsten Komplimente die man mir
jemals gemacht hat. Er ist überzeugt dass ich es weit bringen werde im Leben.
Na ja, wenn es weiterhin so gut läuft werde ich bald mit einem Neoprenanzug im
Geldspeicher gegen Dagobert Duck um die Wette schwimmen.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen