Montag, 14. April 2014

Teil 43



Kaum stehe ich an der Ampel am Lenbachplatz gehen hinten die Türen auf und zwei hübsche Frauen steigen ein. Ehe ich reagieren kann wird als Fahrziel das Park-Cafe angegeben. Ich überlege kurz wie ich fahren soll, einfach und lang oder kompliziert und kurz? Ich entscheide mich für die Kurze Variante damit ich die Beiden schneller los bin. Obwohl, wenn ich mir die so anschaue, könnte die Fahrt ruhig etwas länger dauern. Sie sind freundlich und gut drauf. Genau das was ich jetzt brauche um auf andere Gedanken zu kommen und die schrecklichen Ereignisse von vorhin zu verdrängen.

“How can you say she’s perfect for you
when that has been my job
when I was born only to heal
the sorrows of your heart

»Ist das Jewel?« werde ich von einer der beiden Damen gefragt.
»Nein, Verenice!«
»Vere wer? Klingt irgendwie nach Jewel.«
»Mag sein. Verenice heißt die Sängerin. Eine noch unbekannte Künstlerin.«
»Klingt sehr gut. Machst Du mal lauter?«
»Ihr Wunsch ist mir Befehl!« und schon drehe ich die Musik lauter.
Nicht mal zwei Minuten später stehen wir an der Meiser Ecke Sophien (was für ein Name!) direkt gegenüber des Einganges vom Park-Cafe. Mein Blick schweift ein wenig in der Gegend bis die Beiden zahlen. Viele Leute stehen vorm Eingang, ein paar Taxen warten rechts davon am Bedarfsstand und einige Luxuskarossen parken in den Buchten ringsum. Als die Beiden aussteigen und über die Straße gehen, fahren zwei der Taxen besetzt weg. Ich beschließe noch einen Stich zu machen und erst danach aufzuhören. Ich reihe mich als sechster ein, nehme einen letzten Zug von der Zigarette und entledige sie im Aschenbecher. Da ich viel zu müde, viel zu kaputt, viel zu aufgeregt bin um Zeitung zu lesen steige ich aus um mir die Beine zu vertreten und zünde mir eine an. Gedankenverloren blicke ich vor mich hin und schaue den Menschen nach was die so treiben. Dass die bei dem Schneetreiben und der Kälte vorm Eingang stehen und nicht reingehen oder sonst was machen, wundert mich. Ich ziehe genüsslich an meiner Zigarette und blicke nach oben gen Himmel. Frau Holle leistet ganze Arbeit heute. Dann sehe ich einen völlig eingeschneiten Lamborghini und daneben einen Ferrari stehen und denke mir dass die Beiden Autos sicherlich noch länger hier stehen bleiben werden bis der Winterdienst sie aus ihrem weißen Gefängnis befreit. Gibt es eigentlich Winterreifen und Schneeketten für solche Autos?
Es geht so langsam voran und ich steige wieder ein. Ich drehe den Funk etwas lauter um zu hören ob und wo was geht und bin erstaunt dass immer noch die Hölle los ist. Anscheinend haben einige Kollegen aufgehört und es bleiben mehr Fahrgäste für uns übrig.
Jetzt bin ich erster. Ich schalte den Funk und auch die Musik leiser, weil aus dem halbgeöffneten Eingang wummernde Bässe ertönen und dazu R’n’B. Menschen kommen und gehen. Erstaunlich viele Farbige darunter. Ich bete darum keinen Farbigen fahren zu müssen. Ich bin alles andere als ein Rassist, aber ich habe den Eindruck das Farbige – soweit sie trinken – nicht viel vertragen und sich dann wie betrunkene Frauen, unmöglich, um es nicht mit Harrys Worten zu sagen: „Unter aller Sau!“ benehmen. Außerdem trauen sie den Weißen nicht, haben es nicht weit, geben kein Trinkgeld und man kann viele von denen kaum verstehen weil sie des Deutschen nicht mächtig sind und Englisch oder Französisch mit starkem Akzent sprechen.
Was kommt auf mich zu? Ein Farbiger um die vierzig. Bingo! Er steigt ein und gibt als Fahrziel die Widenmayerstraße an. Naja, weder Kurz- noch Langfahrt. Ich fahre los und schalte die Musik wieder ein. Ich habe eine House-CD eingelegt und die ersten Klänge eines Stückes erklingen. Besser gesagt die Baseline erklingt. Da sagt auch schon mein Fahrgast:
»Oh, Bon Jovi!«
»Nein, Sie irren sich, das ist nicht Bon Jovi.«
»Doch, doch!« sagt er, »hören sie den Bass und den Rhythmus nicht?«
»Mag schon sein dass da was geklaut wurde, aber das hier ist definitiv nicht Bon Jovi.«
In diesen Moment fängt der Sänger an zu singen.
»Hören Sie?« frage ich den Fahrgast »das ist Bryan Adams und die Musik dazu kommt von Chicane.«
»Nein, nein, Sie täuschen sich! Es ist Bon Jovi!« sagt er und um seine Behauptung zu unterstreichen fängt er an ein Lied von Bon Jovi zu summen.
»Wie gesagt, mag schon sein, dass da was geklaut wurde, aber das hier ist definitiv nicht Jon Bon Jovis Stimme sondern die von Bryan Adams!« Und damit ich meine Behauptung unterstreiche nehme ich die CD-Hülle und zeige dem Fahrgast die Stelle an der „Chicane feat. Bryan Adams, Don’t give Up!“ steht und füge mit einem triumphierenden Lächeln hinzu »ich weiß doch was ich höre!«
»Glauben Sie mir, ich habe Millionen Platten verkauft und viele Lieder produziert und wenn ich Ihnen sage dass das hier Bon Jovi ist, dann stimmt es auch!«
Good Lord! Würde Sophie jetzt stöhnen.
»Ja klar!« sage ich leicht gelangweilt und genervt »und ich bin eigentlich Papst in meinem Hauptberuf und weil es mir im Vatikan zu ruhig und langweilig ist fahre ich nachts Taxi!«
»Mein Name ist Alexander Nestor Haddaway« sagt er mit ruhiger Stimme. Ich drehe langsam meinen Kopf zu ihm, schalte die Innenbeleuchtung ein und blicke in sein Gesicht. Jetzt erkenne ich ihn wieder. Er zwinkert mir zu und wir beide fangen an wie bescheuerte zu lachen. Den kurzen Rest der Fahrt unterhalten wir uns über ihn, wo er gerade lebt, was er so treibt und warum man von ihm kaum was hört. Wir bleiben auch eine Weile vor seiner Haustür stehen und reden weiter. Als sein Handy klingelt verabschiedet er sich von mir, steigt aus und geht. Das Trinkgeld ist nicht unbedingt der Rede wert.
Ich mache das Fenster auf, zünde mir eine an, stelle mir vor wie Saki über meinem übertriebenen Zigarettenkonsum fluchen würde und überlege ob ich das Auto abstellen und aufhören soll oder doch lieber ein oder zwei Stiche machen solle. Ich kann einfach nicht aufhören. Das ist das gemeine an der Arbeit. Es ist wie eine Sucht. Wenn es gut läuft, und heute tut es das, kann man (zumindest ich) nicht so einfach aufhören und nach hause gehen. Ich werde regelrecht zum Dagobert Duck und kriege genau so wie er Dollarzeichen in den Augen. Saki hänselt mich diesbezüglich ab und zu und hat mir auch einen Spitznamen verpasst. Er meinte mal als wir eines Nachts beide völlig betrunken auf dem Rasen des Gärtnerplatzes lagen, wenn Du eine Aktie wärst, ich würde Dich kaufen. Für diesen Satz wollte ich ihn umarmen und küssen, habe es mir verkniffen und doch nicht getan. Eines der schönsten Komplimente die man mir jemals gemacht hat. Er ist überzeugt dass ich es weit bringen werde im Leben. Na ja, wenn es weiterhin so gut läuft werde ich bald mit einem Neoprenanzug im Geldspeicher gegen Dagobert Duck um die Wette schwimmen.

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