Ich fahre rückwärts auf die
Straße, wende und möchte Richtung Bahnhof fahren da gibt der Zentralist einen
Auftrag frei. Ich melde mich mit:
»980
Schäftlarn- Ecke Urban!«
»980,
Irschenhauser 11 Schnabel!«
»11,
Schnabel, danke!«
Auf dem Weg dahin denke ich, wenn
das so weiter geht mit dem Trinkgeld, würde ich echt Glück haben und mit dem
Kofferraum voller Kohle nach Hause gehen. Skin von Skunk Anansie singt im Song „Carmen Queasy“: Money making
is a wonderful thing. Den Slogan sollte ich mir an die Wand über meinen
Schreibtisch anbringen. Natürlich ist so etwas selten. Gutes Trinkgeld gibt’s
zwar öfters, aber so eins wie das gerade eben ein Mal im Jahr vielleicht. Leider!
Die Straßen sind immer noch leer
und es schneit jetzt heftiger als zuvor. Ein paar Meter vor mir fährt eine
Polizeistreife und hinterlässt Fahrspuren auf der schneebedeckten Fahrbahn. Es ist
schön die Flocken zu beobachten. Auf einmal wird die Geschichte von Frau Holle
wahr. Wer hätte vor ein paar Stunden gedacht, dass es so viel schneien würde! Nur
der Wetterbericht sagte heftige Schneefälle voraus und jetzt.... Aber das wird
meistens vorausgesagt und dann schneit es trotzdem nicht. Diesmal haben wir
weiße Weihnachten, zum ersten Mal seit langem.
Während ich noch in meinen
Gedanken schwelge, an meine verflossene denke und die Umgebung genieße, merke
ich gar nicht wie schnell ich ankomme.
Vorm Haus Nummer 11 steht eine
ältere Dame. Als sie mich sieht sagt sie: »Na
endlich sind Sie da! Ich frier’ mir hier den Allerwertesten ab!« Ich halte vor ihr und frage ob sie Frau Schnabel
sei. Sie bejaht und geht ums Auto herum. Ich öffne ihr von innen die Tür und
sie steigt ein.
»Kennen
Sie die Pfennigparade?« fragt sie.
»Ja,
sie ist in der Barlachstraße«, sage ich.
»Genau
da will ich hin!«
»Kein
Problem«, sage ich. Wende und fahre in
Richtung Wolfratshauserstraße los.
Endlich mal eine lange Fahrt quer
durch die Stadt! Da lacht das Taxlerherz!
Kaum links in die Wolfratshauser
abgebogen fängt die Dame an zu quasseln. Und wie sie quasseln kann! Es ist ja
wissenschaftlich erwiesen dass Frauen mit 23.000 Wörtern am Tag fast das
Doppelte über die Lippen bringen als Männer, aber hier ist der Name Programm.
Wahrscheinlich schafft sie die doppelte Menge und erschöpft das Wortpotenzial
des Ehegatten und des männlichen Nachbarn damit es nicht verloren geht.
»Also,
wissen’S« sagt sie, »ich
bin kein Menschenhasser oder so was, aber was die neuen Mieter die kürzlich
eingezogen sind so bringen ist nicht mehr tolerierbar!«
»Was
machen die denn schlimmes?« frage ich ohne
wirklich daran interessiert zu sein und konzentriere mich auf die total
verschneite Plinganserstraße.
»Wir
waren bis vor kurzem ein sehr ruhiges Haus, bis die jetzt mit zwei Kindern ins Dachgeschoss eingezogen sind.«
»Wo
liegt das Problem?«
»Das
Einziehen an sich hat ja fast eine Woche gedauert. Im Treppenhaus hat’s
ausgeschaut sage ich Ihnen! Wie auf’m Schlachtfeld!«
»Ist
doch wieder alles weggeräumt, oder?«
»Das
schon, aber uns wurde vorher nicht gesagt, dass da eine junge Familie einziehen
würde! Da hätten wir alle nein dazu gesagt.«
»Weswegen
hätte man sie fragen sollen? Seit wann fragt man die anderen Mieter um
Erlaubnis? Mögen Sie denn keine Kinder?« Diese
Frage hätte ich mir getrost sparen können, aber in meiner geistigen Abwesenheit
habe ich sie dennoch gestellt, wohl ahnend was kommt.
»Die
sind so was von Laut, das können Sie sich nicht vorstellen! Die toben den
ganzen Tag nur rum und machen Krach. Sie wälzen sich auch stundenlang im Schnee
und spielen Schneeballschlacht und machen Radau!«
»Kinder
sind nun mal keine Katzen, die sind von Natur aus laut und man sollte es denen
nicht verbieten. Unterdrückte Gefühle und Freiheiten können im späteren Leben
negative Auswirkungen haben. Die lassen dann ihren angesammelten Frust raus und
enden als Vergewaltiger, Mörder oder sonst was. Außerdem ist es gut die Kinder
ein paar Stunden toben zu lassen, denn dann sind sie müde und schlafen ziemlich
lang« sage ich ihr. Wissend dass gleich eine
Standpauke und ein unendlicher Monolog kommt füge ich noch hinzu: »Ich bin mir sicher, dass auch Sie mal klein und
laut waren, und Sie selber auch mal kleine laute Kinder hatten…«
»Das
war damals anders!« protestiert sie und erhebt
ihren Zeigefinger. »Damals gab’s Anstand und Moral! Es wurde auf die
Erwachsenen gehört…«
Das ist der Anfang des besagten
Monologes. Wobei sie nicht ganz unrecht hat.
»Klar
waren wir auch mal laut, aber auf dem Bolzplatz und nicht in der Wohnung… auf
unsere Eltern und Nachbarn haben wir hören müssen, sonst gab’s ´ne tracht
Prügel… Die heutigen Eltern verteilen nicht mehr Ohrfeigen… Wie sollen die
Kinder anständig groß werden ohne eins auf die Finger zu bekommen? ... Es gibt
in der heutigen Zeit keinen Anstand und keine Moral, alles geht den Bach
runter… Man sieht es im Bus und in der Tram, dass die jungen Leute nicht mal
aufstehen um den Platz einer älteren Person zu überlassen… Wir siezten die
Erwachsenen und manchmal auch die eigenen Eltern. Wie schaut's heute aus? Man
wird von den Jugendlichen geduzt und respektlos behandelt. Wie soll es
weitergehen mit diesem Land? …«
Mein Kumpel Saki würde der Dame
zu 100% zustimmen.
»Du
bist Deutschland!« murmele ich.
»Ha?«
»Nix.«
Und der Monolog geht weiter.
»Das
Fernsehen ist auch nicht mehr das was es mal war. Es wird da nur dummes Zeug
gezeigt. Wo ist die Qualität? Kein Wunder dass die Leute verblöden wenn sie den
ganzen Tag vor der Kiste sitzen. Die Kinder sitzen auch den ganzen Tag zu hause
und spielen grausame Spiele auf dem Computer, anstatt raus zu gehen und sich
mit anderen zu treffen. Die Eltern erziehen ihre Kinder antiautoritär und was
haben wir jetzt davon? Die kriegen alles was sie sich wünschen und respektieren
weder sich, noch die Eltern, noch das Umfeld und nicht mal die Sachen die sie
von ihren Eltern geschenkt bekommen.«
Hier würde Saki der Dame
zujubeln.
Und es geht noch weiter.
»Wo
bleibt die Moral? Der Anstand? Die Erziehung? Die Eltern sind völlig
überfordert, meinen es gut mit den Kindern, die Lehrer dürfen die Hand nicht
mehr heben und die kleinen Biester erlauben sich einfach alles….. «
An dieser Stelle würde Saki sich
niederknien, um ein Autogramm bitten und der Dame eine Zusammenarbeit als Gastrednerin
bei seiner nächsten Veranstaltung anbieten.
Um Gottes Willen! Denke ich mir.
Sind denn heute nur wahnsinnige unterwegs die sich über alles und jeden beklagen
müssen?
Ich sage die ganze Zeit gar
nichts, weil Argumentieren mit einer Person die so eingestellt ist völlig
sinnlos ist. In der Zwischenzeit sind wir dank leerer Strassen und grüner Welle
sehr weit gekommen. Wir fahren gerade die Belgrad hoch als sie mich fragt ob
ich verheiratet sei und Kinder hätte.
»Nein,
weder noch« sage ich »dafür
bin ich noch zu jung.«
»Ich
frage mich wie sich diese Familie die Dachgeschosswohnung leisten kann!«
»So
teuer wird sie wohl nicht sein. Sendling ist nicht gerade ein Luxusviertel.«
»Das
nicht, aber sie arbeitet ja nicht. Sie ist Hausfrau und verbringt den ganzen
Tag zu hause mit den Kindern.«
»Vielleicht
hat er einen gut bezahlten Job und sie kriegt eine Stütze vom Staat oder sie
arbeitet von zu hause aus. Vielleicht ist sie eine berühmte Schriftstellerin die
unter ein Pseudonym Bücher veröffentlicht. Sie könnte auch eine Übersetzerin
sein, oder Softwareentwicklerin, oder irgendwas anderes machen wofür man nicht
aus dem Haus gehen muss um seine Semmeln zu verdienen. Oder sie arbeitet nachts
als Stripperin. Das können Sie nicht wissen. Dank der modernen Technologie ist
heute vieles einfacher als früher. Es gibt auch viel mehr Möglichkeiten Geld zu
verdienen und man kann diverse Berufe von zu hause aus ausüben. All das ging
bis vor wenigen Jahren nicht.«
Zu meinem Glück biegen wir in
diesen Moment in die Barlach rechts ab. Das Ende der Reise und des Gesprächs
ist nah. Ich fahre bis zum Zebrastreifen vor und halte an. Die Dame zahlt,
bedankt sich für’s zuhören, die angenehme Fahrt und steigt endlich aus und
geht. Ich bin erlöst und erleichtert! Armes Deutschland!
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