Sonntag, 13. April 2014

Teil 10



Ich fahre rückwärts auf die Straße, wende und möchte Richtung Bahnhof fahren da gibt der Zentralist einen Auftrag frei. Ich melde mich mit:
»980 Schäftlarn- Ecke Urban!«
»980, Irschenhauser 11 Schnabel!«
»11, Schnabel, danke!«
Auf dem Weg dahin denke ich, wenn das so weiter geht mit dem Trinkgeld, würde ich echt Glück haben und mit dem Kofferraum voller Kohle nach Hause gehen. Skin von Skunk Anansie singt im Song „Carmen Queasy“: Money making is a wonderful thing. Den Slogan sollte ich mir an die Wand über meinen Schreibtisch anbringen. Natürlich ist so etwas selten. Gutes Trinkgeld gibt’s zwar öfters, aber so eins wie das gerade eben ein Mal im Jahr vielleicht. Leider!
Die Straßen sind immer noch leer und es schneit jetzt heftiger als zuvor. Ein paar Meter vor mir fährt eine Polizeistreife und hinterlässt Fahrspuren auf der schneebedeckten Fahrbahn. Es ist schön die Flocken zu beobachten. Auf einmal wird die Geschichte von Frau Holle wahr. Wer hätte vor ein paar Stunden gedacht, dass es so viel schneien würde! Nur der Wetterbericht sagte heftige Schneefälle voraus und jetzt.... Aber das wird meistens vorausgesagt und dann schneit es trotzdem nicht. Diesmal haben wir weiße Weihnachten, zum ersten Mal seit langem.
Während ich noch in meinen Gedanken schwelge, an meine verflossene denke und die Umgebung genieße, merke ich gar nicht wie schnell ich ankomme.
Vorm Haus Nummer 11 steht eine ältere Dame. Als sie mich sieht sagt sie: »Na endlich sind Sie da! Ich frier’ mir hier den Allerwertesten ab!« Ich halte vor ihr und frage ob sie Frau Schnabel sei. Sie bejaht und geht ums Auto herum. Ich öffne ihr von innen die Tür und sie steigt ein.
»Kennen Sie die Pfennigparade?« fragt sie.
»Ja, sie ist in der Barlachstraße«, sage ich.
»Genau da will ich hin!«
»Kein Problem«, sage ich. Wende und fahre in Richtung Wolfratshauserstraße los.
Endlich mal eine lange Fahrt quer durch die Stadt! Da lacht das Taxlerherz!
Kaum links in die Wolfratshauser abgebogen fängt die Dame an zu quasseln. Und wie sie quasseln kann! Es ist ja wissenschaftlich erwiesen dass Frauen mit 23.000 Wörtern am Tag fast das Doppelte über die Lippen bringen als Männer, aber hier ist der Name Programm. Wahrscheinlich schafft sie die doppelte Menge und erschöpft das Wortpotenzial des Ehegatten und des männlichen Nachbarn damit es nicht verloren geht.
»Also, wissen’S« sagt sie, »ich bin kein Menschenhasser oder so was, aber was die neuen Mieter die kürzlich eingezogen sind so bringen ist nicht mehr tolerierbar!«
»Was machen die denn schlimmes?« frage ich ohne wirklich daran interessiert zu sein und konzentriere mich auf die total verschneite Plinganserstraße.
»Wir waren bis vor kurzem ein sehr ruhiges Haus, bis die jetzt mit zwei Kindern ins Dachgeschoss eingezogen sind.«
»Wo liegt das Problem?«
»Das Einziehen an sich hat ja fast eine Woche gedauert. Im Treppenhaus hat’s ausgeschaut sage ich Ihnen! Wie auf’m Schlachtfeld!«
»Ist doch wieder alles weggeräumt, oder?«
»Das schon, aber uns wurde vorher nicht gesagt, dass da eine junge Familie einziehen würde! Da hätten wir alle nein dazu gesagt.«
»Weswegen hätte man sie fragen sollen? Seit wann fragt man die anderen Mieter um Erlaubnis? Mögen Sie denn keine Kinder?« Diese Frage hätte ich mir getrost sparen können, aber in meiner geistigen Abwesenheit habe ich sie dennoch gestellt, wohl ahnend was kommt.
»Die sind so was von Laut, das können Sie sich nicht vorstellen! Die toben den ganzen Tag nur rum und machen Krach. Sie wälzen sich auch stundenlang im Schnee und spielen Schneeballschlacht und machen Radau!«
»Kinder sind nun mal keine Katzen, die sind von Natur aus laut und man sollte es denen nicht verbieten. Unterdrückte Gefühle und Freiheiten können im späteren Leben negative Auswirkungen haben. Die lassen dann ihren angesammelten Frust raus und enden als Vergewaltiger, Mörder oder sonst was. Außerdem ist es gut die Kinder ein paar Stunden toben zu lassen, denn dann sind sie müde und schlafen ziemlich lang« sage ich ihr. Wissend dass gleich eine Standpauke und ein unendlicher Monolog kommt füge ich noch hinzu: »Ich bin mir sicher, dass auch Sie mal klein und laut waren, und Sie selber auch mal kleine laute Kinder hatten…«
»Das war damals anders!« protestiert sie und erhebt ihren Zeigefinger. »Damals gab’s Anstand und Moral! Es wurde auf die Erwachsenen gehört…«
Das ist der Anfang des besagten Monologes. Wobei sie nicht ganz unrecht hat.
»Klar waren wir auch mal laut, aber auf dem Bolzplatz und nicht in der Wohnung… auf unsere Eltern und Nachbarn haben wir hören müssen, sonst gab’s ´ne tracht Prügel… Die heutigen Eltern verteilen nicht mehr Ohrfeigen… Wie sollen die Kinder anständig groß werden ohne eins auf die Finger zu bekommen? ... Es gibt in der heutigen Zeit keinen Anstand und keine Moral, alles geht den Bach runter… Man sieht es im Bus und in der Tram, dass die jungen Leute nicht mal aufstehen um den Platz einer älteren Person zu überlassen… Wir siezten die Erwachsenen und manchmal auch die eigenen Eltern. Wie schaut's heute aus? Man wird von den Jugendlichen geduzt und respektlos behandelt. Wie soll es weitergehen mit diesem Land? …«
Mein Kumpel Saki würde der Dame zu 100% zustimmen.
»Du bist Deutschland!« murmele ich.
»Ha?«
»Nix.«
Und der Monolog geht weiter.
»Das Fernsehen ist auch nicht mehr das was es mal war. Es wird da nur dummes Zeug gezeigt. Wo ist die Qualität? Kein Wunder dass die Leute verblöden wenn sie den ganzen Tag vor der Kiste sitzen. Die Kinder sitzen auch den ganzen Tag zu hause und spielen grausame Spiele auf dem Computer, anstatt raus zu gehen und sich mit anderen zu treffen. Die Eltern erziehen ihre Kinder antiautoritär und was haben wir jetzt davon? Die kriegen alles was sie sich wünschen und respektieren weder sich, noch die Eltern, noch das Umfeld und nicht mal die Sachen die sie von ihren Eltern geschenkt bekommen.«
Hier würde Saki der Dame zujubeln.
Und es geht noch weiter.
»Wo bleibt die Moral? Der Anstand? Die Erziehung? Die Eltern sind völlig überfordert, meinen es gut mit den Kindern, die Lehrer dürfen die Hand nicht mehr heben und die kleinen Biester erlauben sich einfach alles….. «
An dieser Stelle würde Saki sich niederknien, um ein Autogramm bitten und der Dame eine Zusammenarbeit als Gastrednerin bei seiner nächsten Veranstaltung anbieten.
Um Gottes Willen! Denke ich mir. Sind denn heute nur wahnsinnige unterwegs die sich über alles und jeden beklagen müssen?
Ich sage die ganze Zeit gar nichts, weil Argumentieren mit einer Person die so eingestellt ist völlig sinnlos ist. In der Zwischenzeit sind wir dank leerer Strassen und grüner Welle sehr weit gekommen. Wir fahren gerade die Belgrad hoch als sie mich fragt ob ich verheiratet sei und Kinder hätte.
»Nein, weder noch« sage ich »dafür bin ich noch zu jung.«
»Ich frage mich wie sich diese Familie die Dachgeschosswohnung leisten kann!«
»So teuer wird sie wohl nicht sein. Sendling ist nicht gerade ein Luxusviertel.«
»Das nicht, aber sie arbeitet ja nicht. Sie ist Hausfrau und verbringt den ganzen Tag zu hause mit den Kindern.«
»Vielleicht hat er einen gut bezahlten Job und sie kriegt eine Stütze vom Staat oder sie arbeitet von zu hause aus. Vielleicht ist sie eine berühmte Schriftstellerin die unter ein Pseudonym Bücher veröffentlicht. Sie könnte auch eine Übersetzerin sein, oder Softwareentwicklerin, oder irgendwas anderes machen wofür man nicht aus dem Haus gehen muss um seine Semmeln zu verdienen. Oder sie arbeitet nachts als Stripperin. Das können Sie nicht wissen. Dank der modernen Technologie ist heute vieles einfacher als früher. Es gibt auch viel mehr Möglichkeiten Geld zu verdienen und man kann diverse Berufe von zu hause aus ausüben. All das ging bis vor wenigen Jahren nicht.«
Zu meinem Glück biegen wir in diesen Moment in die Barlach rechts ab. Das Ende der Reise und des Gesprächs ist nah. Ich fahre bis zum Zebrastreifen vor und halte an. Die Dame zahlt, bedankt sich für’s zuhören, die angenehme Fahrt und steigt endlich aus und geht. Ich bin erlöst und erleichtert! Armes Deutschland!

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