Ich
fahre langsam und vorsichtig aus den Seitenstraßen raus und versuche nirgendwo
stecken zu bleiben. Wenn ich stecken bleibe wird Didi mit seiner Aussage:
„Gnade uns Gott“ recht haben. Hier wird mir um diese Uhrzeit keiner helfen.
Ich
fahre auf den Schatzbogen in Richtung Stand und höre dem Funk zu. Wahnsinn wie
viele Aufträge immer noch rausgehen! Vielleicht sollte auch ich bis um neun
arbeiten. Mal schauen.
»Schatzbogen!«
Oha!
Mist verdammter ich bin noch weit vom Stand und werde den Auftrag verlieren.
»Schatzbogen!
Steht jemand am Schatzbogen? Messe ICM! Bahnhof Trudering! Trudering! Für Stahlgruberring!«
Ich
zögere ein wenig mich zu melden und überlege mir wie es kommt dass an all
diesen Ständen keiner steht. Das ist sehr eigenartig. Warum hackt auch keiner
rein? Bin ich das einzige Taxi weit und breit? Habe ich mit der Geschichte
vorhin was verpasst? Stehen die Kollegen doch am Stand und melden sich nicht
weil sie mehr wissen als ich?
»Für
Stahlgruberring! Ist da jemand in da näh? Mag’s je-mand hamn?«
Ach zum
Henker!
»980 am
Moosfeld, werde gerade beim Hotel frei« lüge ich um glaubwürdiger zu klingen.
»980
zum „Caeser’s“!«
»Zum
Palace, danke!«
Mann
habe ich ein Glück heute! Trotz dem ganzen Ärger lacht mir Fortuna zu wie schon
lange nicht mehr. So sollte es wirklich jeden Tag sein. Ich biege in den
Stahlgruberring ein und suche das Palace. In dieser Straße sind so viele Clubs
dass ich mir nie merken kann an welcher Stelle die sind. Manche ändern auch
öfters ihren Namen sodass die Sache mit dem Namenmerken schwieriger wird. Mit
den Hotels ist es genauso. Heute so, morgen anders und übermorgen wieder ein
anderer Name.
Ich
finde das Palace endlich. Parke vor der Tür, steige aus und trete prompt in
einen Berg von Schnee. Zefix! Scheißwetter! Jetzt habe ich mir die Schuhe
endgültig ruiniert! Ich gehe rein in den Club und marschiere geradezu auf die leere
Bar hin und sage dem Barmann dass das bestellte Taxi da sei.
»Du
bist der Taxler?« fragt mich der Barmann von Oben nach Unten anschauend und ein
Weißbierglas polierend.
»Ja!
Was gibt es daran auszusetzen?« frage ich auf mich hinunter blickend.
»Nichts!
Ich habe noch nie einen so gut gekleideten Tax-ler gesehen!«
»Tja!
Es gibt immer ein erstes Mal!« sage ich nüchtern und trocken. »Wo ist jetzt
mein Fahrgast?«
»Es
gibt keinen, weil wir kein Taxi bestellt haben!«
»Was
soll das heißen, ihr habt keins bestellt? Ich habe doch den Auftrag von der
Zentrale vor nicht mal drei Minuten bekommen. Also müsst Ihr ein Taxi bestellt
haben!«
»Ich
bin derjenige der bei der Zentrale anruft, und wenn ich Dir sage, ich habe
keins bestellt, dann habe ich auch keins bestellt!« sagt der Barmann nüchtern
während er ein weiteres Glas poliert.
Verflucht,
Zefix, was für eine Verdammte Scheiße! Fluche ich vor mich hin, drehe mich um
und gehe zurück zum Auto um zu reklamieren. Ich gehe sofort auf K4 und melde
dass der Barmann nichts von einer Bestellung wusste. Die Zentrale kann mir
leider auch nicht weiterhelfen und meint ich soll mich nachher zum Ausgleich
melden. Zähneknirschend fahre ich zum Schatzbogenstand. Als ich auf dem leeren
Stand fahre werde ich von der Zentrale auf K4 gerufen.
»980
die Dame reklamiert!«
»Soll
das ein Witz sein, Zentrale? Ich war doch gerade eben da und der Barmann wusste
nicht bescheid und hat mich weggeschickt.«
»DES IS
KOA WITZ NED! SIE FAHRN ZURÜCK, DIE DAME HAT PRIVAT BESTELLT, HAT SIE WEGFAHREN
SEHEN UND STEHT JETZT VOR DER TÜR UND FRIERT SICH DEN ALLERWERTE-STEN AB!«
Ich
kann das hübsche, süße und zornige Gesicht der Zentralistin quasi vor mir sehen
und möchte ihr am liebsten ins Mikro hauchen: Wenn Sie so zornig schreien
wirken Sie noch süßer und erotischer als sie ohnehin schon sind und es macht
mich an Sie so schreien zu hören…
»Is
scho recht! I fahr zurück! Dame steht vor der Tür! Dankschee!«
Also
fahre ich wieder raus vom Stand, die gute hundert-fünfzig Meter vor und biege
links in den Stahlgruberring ab. Fahre vor bis zum Club und sehe wie
tatsächlich eine Dame vor der Tür unter einem Regenschirm steht. Ich fahre die
Auffahrt hoch, zumindest glaube ich eine Auffahrt hochzufahren, vielleicht ist
es nur eine Rasenfläche die sich unter dem Schnee verbirgt, und halte direkt
vor ihr. Sie geht einen Schritt nach vorne, Licht fällt auf ihr Gesicht und ich
erkenne sie wieder. Es ist Frau Sklivanova von der Marienstraße. Oh Gott! Denke
ich. Guter Stich, aber anstrengende Frau. Wenn die mal ihre Tage hat ist sie
unausstehlich, aber ansonsten ganz nett. Ist immer am Anfang der Fahrt sehr zickig
und wird danach immer netter. Komische Frau. Mir geht sie immer auf den Geist
und ich versuche sie zu meiden. Meistens erfolglos. Sie bestellt sich ein Taxi
immer zu unterschiedlichen Zeiten und auch von verschiedenen Plätzen. Sie
arbeitet nicht nur in einen Club sodass ich jedes Mal aufs Neue überrascht bin
sie aus einem anderen Club herauskommen zu sehen oder hinzufahren.
Sie
geht zur Beifahrerseite und macht die hintere Tür auf, setzt sich rein und gibt
als Fahrziel die Marienstraße an, ohne mich nur eines einzigen Blickes zu
würdigen. Eine echte Diva. Ich möchte nicht wissen wie sie mit ihren Kunden
umgeht. Die müssen ja Angst vor ihr haben.
»Geht
klar Frau Sklivanova!« sage ich und setze den Rückwärtsgang und fahre von der
vermeintlichen Auffahrt auf die Straße.
»Sie
kennen meinen Namen? Woher?«
»Ihr
Kurzzeitgedächtnis scheint nicht wirklich gut zu sein, Frau Sklivanova! Ich
habe Sie schon sehr oft gefahren. Sie scheinen mich nicht sonderbar zu mögen,
deswegen werden Sie sich wahrscheinlich auch nicht an mich erinnern. Macht
nichts, ich mag Sie auch nicht besonders. Dieses ewige rumgezicke und
divenhafte Benehmen geht mir auf den Sack!«
So das
hat jetzt gepasst! Das wollte ich ihr schon immer mal sagen, Ihr mal meine
Meinung so richtig geigen. Jetzt fühle ich mich besser.
»Das
Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Ich mag Sie auch nicht« sagt sie und schaut
mich dabei nicht an. »Nehmen Sie es aber nicht persönlich, ich bin eine
Menschenhasserin und möchte meine Ruhe haben. Besonders Taxifahrer kann ich
nicht leiden.«
»Was
haben wir Ihnen denn schreckliches angetan?« frage ich und kann mir schon
denken welche Antwort ich hören werde.
»Was
soll ich sagen?«
»Die
schonungslose Wahrheit! Dass wir, zumindest männliche Kollegen Schweine sind,
ohne Anstand, Moral und Benehmen.«
»Sie
haben vollkommen recht« sagt Frau Sklivanova und fügt hinzu: »Ihre Kollegen
sind wirklich das Letzte! Ich und meine Freundin bestellen jeden Tag ein Taxi
und fahren teilweise weite Strecken. Anstatt sich über die gute Fahrt zu
freuen, werden wir aufs übelste angemacht. Alles Mögliche haben wir zu hören
bekommen. „Blas mir einen Schatzi, dann brauchst Du auch nichts zu zahlen“ war
das harmloseste.«
»Und
warum mögen Sie mich nicht? Ich habe nie etwas Schlechtes zu Ihnen gesagt. Bin
immer freundlich, außer Sie werden zickig, dann brennen auch bei mir die
Sicherungen durch. Weder habe ich etwas gegen Sie oder gegen den Beruf den Sie
ausüben. Ganz im Gegenteil, ich finde dass es ein verdammt harter Beruf ist der
Anerkennung verdient, und viele Ihrer Kolleginnen sind sehr gute Menschen und
haben einen besseren Charakter als so manche Frau die da draußen herumläuft.«
So, das wollte ich ihr schon immer mal sagen!
»Das
sagen Sie ja nur so um mich zu besänftigen. Das meinen Sie nicht wirklich. Ich
mag Sie trotzdem nicht.«
»Das
ist mein voller Ernst! Und warum mögen Sie mich nicht? Was habe ich Ihnen denn
getan? Ich fahre weder Umwege, noch belästige ich Sie.«
»Sie sind
ein männlicher Taxifahrer und das alleine ist ein Grund Sie nicht zu mögen!«
Das hat
jetzt gesessen! Verstehe Einer die Logik der Frauen.
»Wissen’S
was, warum bestellen Sie sich keine Fahrerin? Ich habe es Ihnen schon mal
gesagt. Man kann sich eine Frau als Fahrer bestellen, dann gibt es garantiert
keinen Ärger. Warum machen Sie das nicht endlich? Das würde uns Konversationen
wie diese hier in Zukunft ersparen!«
Sie
sagt nichts mehr und blickt aus dem Fenster hinaus in die weiße Nacht.
Inzwischen stehen wir am Haidenauplatz an der roten Ampel. Ich stehe auf der
mittleren Fahrspur und warte auf Grün. Da hechtet von rechts eine Dame, reißt
die Beifahrertür auf und steigt ein.
»Zum
Kunstpark!« sagt sie.
»Ha?
Bitte was?« frage ich.
»Zum
Kunstpark!« wiederholt sie. »Gib doch Gas Mann! Ich hab’s eilig!«
»Das
ist mir scheißegal! 1. Man sagt „Bitte!“, 2. Nicht in diesem Ton, 3. Ich bin
besetzt und nicht frei und 4. der Kunstpark ist gleich dahinten.«
»Bist
Du schwerhörig Mann! Ich will zum Kunstpark und Du hast mich gefälligst zu
fahren! Das ist Dein Job und dafür wirst Du auch bezahlt!«
»Schau
mal nach hinten Süße! Wir sind nicht allein.«
Inzwischen
haben wir die Ampel verpasst und Frau Sklivanova hat immer noch keinen Laut von
sich gegeben. Als uns das das letzte Mal passierte ist sie ausgerastet und
schrie den Fahrgast in die Flucht.
»Ha?«
fragt der weibliche Fahrgast.
»Auf
der Rückbank sitzt eine Dame, mein Fahrgast. Sie möchte nicht in den Kunstpark,
sie hat ein anderes Fahrziel. Also steig aus bevor ich Dich hier rausprügle!«
Sie
dreht langsam den Kopf nach hinten und sieht Frau Sklivanova genau hinter sich
sitzen.
»Verfluchte
Scheiße! Jetzt muss ich zu Fuß! Um die Uhrzeit kriegt man hier kein Taxi!« Sie
macht mit einen mächtigen Schwung die Tür auf, dass ich Angst bekomme sie wird
sie aus den Angeln reißen, steigt fluchend aus und knallt sie wieder zu. Frau
Sklivanova sagt immer noch nichts und ich gebe Gas dass die Reifen durchdrehen
und fahre über die Kreuzung. Bloß weg hier! Mann, was laufen heute für Verrückte
durch die Botanik! Haben die alle Freigang?
Wir
fahren durch die leeren Straßen und hören der Musik und dem Funk zu. Weder sie
noch ich sagen irgendwas. Nach einer Weile kommen wir an. Ich halte vor ihrer
Tür, sie zahlt ohne irgendetwas zu sagen, lässt sich das Wechselgeld
ausbezahlen, schaut es kurz an, nimmt ein paar Münzen aus ihrer Handfläche und
gibt sie mir. Ich bedanke mich und wünsche frohe Feiertage, aber sie sagt immer
noch kein einziges Wort. Sie steigt einfach so aus, knallt die Tür zu und geht
zum Hauseingang. Als ich anfahre beschließe ich die Dame nie wieder zu fahren.
Wenn ich doch noch aus versehen den Auftrag bekommen sollte, werde ich ihn
zurückgeben und mich für ihre Adresse und Namen sperren lassen. Meine Geduld
mit dieser Diva ist zu ende. Sollen sich die Kollegen mit ihr rumplagen.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen