Montag, 14. April 2014

Teil 38



Ich fahre langsam und vorsichtig aus den Seitenstraßen raus und versuche nirgendwo stecken zu bleiben. Wenn ich stecken bleibe wird Didi mit seiner Aussage: „Gnade uns Gott“ recht haben. Hier wird mir um diese Uhrzeit keiner helfen.
Ich fahre auf den Schatzbogen in Richtung Stand und höre dem Funk zu. Wahnsinn wie viele Aufträge immer noch rausgehen! Vielleicht sollte auch ich bis um neun arbeiten. Mal schauen.
»Schatzbogen!«
Oha! Mist verdammter ich bin noch weit vom Stand und werde den Auftrag verlieren.
»Schatzbogen! Steht jemand am Schatzbogen? Messe ICM! Bahnhof Trudering! Trudering! Für Stahlgruberring!«
Ich zögere ein wenig mich zu melden und überlege mir wie es kommt dass an all diesen Ständen keiner steht. Das ist sehr eigenartig. Warum hackt auch keiner rein? Bin ich das einzige Taxi weit und breit? Habe ich mit der Geschichte vorhin was verpasst? Stehen die Kollegen doch am Stand und melden sich nicht weil sie mehr wissen als ich?
»Für Stahlgruberring! Ist da jemand in da näh? Mag’s je-mand hamn?«
Ach zum Henker!
»980 am Moosfeld, werde gerade beim Hotel frei« lüge ich um glaubwürdiger zu klingen.
»980 zum „Caeser’s“!«
»Zum Palace, danke!«
Mann habe ich ein Glück heute! Trotz dem ganzen Ärger lacht mir Fortuna zu wie schon lange nicht mehr. So sollte es wirklich jeden Tag sein. Ich biege in den Stahlgruberring ein und suche das Palace. In dieser Straße sind so viele Clubs dass ich mir nie merken kann an welcher Stelle die sind. Manche ändern auch öfters ihren Namen sodass die Sache mit dem Namenmerken schwieriger wird. Mit den Hotels ist es genauso. Heute so, morgen anders und übermorgen wieder ein anderer Name.
Ich finde das Palace endlich. Parke vor der Tür, steige aus und trete prompt in einen Berg von Schnee. Zefix! Scheißwetter! Jetzt habe ich mir die Schuhe endgültig ruiniert! Ich gehe rein in den Club und marschiere geradezu auf die leere Bar hin und sage dem Barmann dass das bestellte Taxi da sei.
»Du bist der Taxler?« fragt mich der Barmann von Oben nach Unten anschauend und ein Weißbierglas polierend.
»Ja! Was gibt es daran auszusetzen?« frage ich auf mich hinunter blickend.
»Nichts! Ich habe noch nie einen so gut gekleideten Tax-ler gesehen!«
»Tja! Es gibt immer ein erstes Mal!« sage ich nüchtern und trocken. »Wo ist jetzt mein Fahrgast?«
»Es gibt keinen, weil wir kein Taxi bestellt haben!«
»Was soll das heißen, ihr habt keins bestellt? Ich habe doch den Auftrag von der Zentrale vor nicht mal drei Minuten bekommen. Also müsst Ihr ein Taxi bestellt haben!«
»Ich bin derjenige der bei der Zentrale anruft, und wenn ich Dir sage, ich habe keins bestellt, dann habe ich auch keins bestellt!« sagt der Barmann nüchtern während er ein weiteres Glas poliert.
Verflucht, Zefix, was für eine Verdammte Scheiße! Fluche ich vor mich hin, drehe mich um und gehe zurück zum Auto um zu reklamieren. Ich gehe sofort auf K4 und melde dass der Barmann nichts von einer Bestellung wusste. Die Zentrale kann mir leider auch nicht weiterhelfen und meint ich soll mich nachher zum Ausgleich melden. Zähneknirschend fahre ich zum Schatzbogenstand. Als ich auf dem leeren Stand fahre werde ich von der Zentrale auf K4 gerufen.
»980 die Dame reklamiert!«
»Soll das ein Witz sein, Zentrale? Ich war doch gerade eben da und der Barmann wusste nicht bescheid und hat mich weggeschickt.«
»DES IS KOA WITZ NED! SIE FAHRN ZURÜCK, DIE DAME HAT PRIVAT BESTELLT, HAT SIE WEGFAHREN SEHEN UND STEHT JETZT VOR DER TÜR UND FRIERT SICH DEN ALLERWERTE-STEN AB!«
Ich kann das hübsche, süße und zornige Gesicht der Zentralistin quasi vor mir sehen und möchte ihr am liebsten ins Mikro hauchen: Wenn Sie so zornig schreien wirken Sie noch süßer und erotischer als sie ohnehin schon sind und es macht mich an Sie so schreien zu hören…
»Is scho recht! I fahr zurück! Dame steht vor der Tür! Dankschee!«
Also fahre ich wieder raus vom Stand, die gute hundert-fünfzig Meter vor und biege links in den Stahlgruberring ab. Fahre vor bis zum Club und sehe wie tatsächlich eine Dame vor der Tür unter einem Regenschirm steht. Ich fahre die Auffahrt hoch, zumindest glaube ich eine Auffahrt hochzufahren, vielleicht ist es nur eine Rasenfläche die sich unter dem Schnee verbirgt, und halte direkt vor ihr. Sie geht einen Schritt nach vorne, Licht fällt auf ihr Gesicht und ich erkenne sie wieder. Es ist Frau Sklivanova von der Marienstraße. Oh Gott! Denke ich. Guter Stich, aber anstrengende Frau. Wenn die mal ihre Tage hat ist sie unausstehlich, aber ansonsten ganz nett. Ist immer am Anfang der Fahrt sehr zickig und wird danach immer netter. Komische Frau. Mir geht sie immer auf den Geist und ich versuche sie zu meiden. Meistens erfolglos. Sie bestellt sich ein Taxi immer zu unterschiedlichen Zeiten und auch von verschiedenen Plätzen. Sie arbeitet nicht nur in einen Club sodass ich jedes Mal aufs Neue überrascht bin sie aus einem anderen Club herauskommen zu sehen oder hinzufahren.
Sie geht zur Beifahrerseite und macht die hintere Tür auf, setzt sich rein und gibt als Fahrziel die Marienstraße an, ohne mich nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Eine echte Diva. Ich möchte nicht wissen wie sie mit ihren Kunden umgeht. Die müssen ja Angst vor ihr haben.
»Geht klar Frau Sklivanova!« sage ich und setze den Rückwärtsgang und fahre von der vermeintlichen Auffahrt auf die Straße.
»Sie kennen meinen Namen? Woher?«
»Ihr Kurzzeitgedächtnis scheint nicht wirklich gut zu sein, Frau Sklivanova! Ich habe Sie schon sehr oft gefahren. Sie scheinen mich nicht sonderbar zu mögen, deswegen werden Sie sich wahrscheinlich auch nicht an mich erinnern. Macht nichts, ich mag Sie auch nicht besonders. Dieses ewige rumgezicke und divenhafte Benehmen geht mir auf den Sack!«
So das hat jetzt gepasst! Das wollte ich ihr schon immer mal sagen, Ihr mal meine Meinung so richtig geigen. Jetzt fühle ich mich besser.
»Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Ich mag Sie auch nicht« sagt sie und schaut mich dabei nicht an. »Nehmen Sie es aber nicht persönlich, ich bin eine Menschenhasserin und möchte meine Ruhe haben. Besonders Taxifahrer kann ich nicht leiden.«
»Was haben wir Ihnen denn schreckliches angetan?« frage ich und kann mir schon denken welche Antwort ich hören werde.
»Was soll ich sagen?«
»Die schonungslose Wahrheit! Dass wir, zumindest männliche Kollegen Schweine sind, ohne Anstand, Moral und Benehmen.«
»Sie haben vollkommen recht« sagt Frau Sklivanova und fügt hinzu: »Ihre Kollegen sind wirklich das Letzte! Ich und meine Freundin bestellen jeden Tag ein Taxi und fahren teilweise weite Strecken. Anstatt sich über die gute Fahrt zu freuen, werden wir aufs übelste angemacht. Alles Mögliche haben wir zu hören bekommen. „Blas mir einen Schatzi, dann brauchst Du auch nichts zu zahlen“ war das harmloseste.«
»Und warum mögen Sie mich nicht? Ich habe nie etwas Schlechtes zu Ihnen gesagt. Bin immer freundlich, außer Sie werden zickig, dann brennen auch bei mir die Sicherungen durch. Weder habe ich etwas gegen Sie oder gegen den Beruf den Sie ausüben. Ganz im Gegenteil, ich finde dass es ein verdammt harter Beruf ist der Anerkennung verdient, und viele Ihrer Kolleginnen sind sehr gute Menschen und haben einen besseren Charakter als so manche Frau die da draußen herumläuft.« So, das wollte ich ihr schon immer mal sagen!
»Das sagen Sie ja nur so um mich zu besänftigen. Das meinen Sie nicht wirklich. Ich mag Sie trotzdem nicht.«
»Das ist mein voller Ernst! Und warum mögen Sie mich nicht? Was habe ich Ihnen denn getan? Ich fahre weder Umwege, noch belästige ich Sie.«
»Sie sind ein männlicher Taxifahrer und das alleine ist ein Grund Sie nicht zu mögen!«
Das hat jetzt gesessen! Verstehe Einer die Logik der Frauen.
»Wissen’S was, warum bestellen Sie sich keine Fahrerin? Ich habe es Ihnen schon mal gesagt. Man kann sich eine Frau als Fahrer bestellen, dann gibt es garantiert keinen Ärger. Warum machen Sie das nicht endlich? Das würde uns Konversationen wie diese hier in Zukunft ersparen!«
Sie sagt nichts mehr und blickt aus dem Fenster hinaus in die weiße Nacht. Inzwischen stehen wir am Haidenauplatz an der roten Ampel. Ich stehe auf der mittleren Fahrspur und warte auf Grün. Da hechtet von rechts eine Dame, reißt die Beifahrertür auf und steigt ein.
»Zum Kunstpark!« sagt sie.
»Ha? Bitte was?« frage ich.
»Zum Kunstpark!« wiederholt sie. »Gib doch Gas Mann! Ich hab’s eilig!«
»Das ist mir scheißegal! 1. Man sagt „Bitte!“, 2. Nicht in diesem Ton, 3. Ich bin besetzt und nicht frei und 4. der Kunstpark ist gleich dahinten.«
»Bist Du schwerhörig Mann! Ich will zum Kunstpark und Du hast mich gefälligst zu fahren! Das ist Dein Job und dafür wirst Du auch bezahlt!«
»Schau mal nach hinten Süße! Wir sind nicht allein.«
Inzwischen haben wir die Ampel verpasst und Frau Sklivanova hat immer noch keinen Laut von sich gegeben. Als uns das das letzte Mal passierte ist sie ausgerastet und schrie den Fahrgast in die Flucht.
»Ha?« fragt der weibliche Fahrgast.
»Auf der Rückbank sitzt eine Dame, mein Fahrgast. Sie möchte nicht in den Kunstpark, sie hat ein anderes Fahrziel. Also steig aus bevor ich Dich hier rausprügle!«
Sie dreht langsam den Kopf nach hinten und sieht Frau Sklivanova genau hinter sich sitzen.
»Verfluchte Scheiße! Jetzt muss ich zu Fuß! Um die Uhrzeit kriegt man hier kein Taxi!« Sie macht mit einen mächtigen Schwung die Tür auf, dass ich Angst bekomme sie wird sie aus den Angeln reißen, steigt fluchend aus und knallt sie wieder zu. Frau Sklivanova sagt immer noch nichts und ich gebe Gas dass die Reifen durchdrehen und fahre über die Kreuzung. Bloß weg hier! Mann, was laufen heute für Verrückte durch die Botanik! Haben die alle Freigang?
Wir fahren durch die leeren Straßen und hören der Musik und dem Funk zu. Weder sie noch ich sagen irgendwas. Nach einer Weile kommen wir an. Ich halte vor ihrer Tür, sie zahlt ohne irgendetwas zu sagen, lässt sich das Wechselgeld ausbezahlen, schaut es kurz an, nimmt ein paar Münzen aus ihrer Handfläche und gibt sie mir. Ich bedanke mich und wünsche frohe Feiertage, aber sie sagt immer noch kein einziges Wort. Sie steigt einfach so aus, knallt die Tür zu und geht zum Hauseingang. Als ich anfahre beschließe ich die Dame nie wieder zu fahren. Wenn ich doch noch aus versehen den Auftrag bekommen sollte, werde ich ihn zurückgeben und mich für ihre Adresse und Namen sperren lassen. Meine Geduld mit dieser Diva ist zu ende. Sollen sich die Kollegen mit ihr rumplagen.

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