Als ich wieder Richtung Drehtür
gehe mit einer Zigarette in der Hand die ich im Begriff bin anzuzünden, sehe
ich durch die Glasfront wie draußen ein paar Leute stehen und warten. Weit und
breit ist kein Auto zu sehen. Nur mein Taxi steht einsam und verlassen da. Ich
schaue mir die Leute von innen noch mal kurz an und denke, dass die eventuell
auf ein Taxi warten. Oder täusche ich mich und die warten auf jemanden der sie
abholt? Der eigentliche Taxistand ist ein Stockwerk tiefer. Sie kamen unten
raus und müssten eigentlich nur nach rechts gehen und aus der Tür raus und dort
würden Taxen stehen. Hier auf jemanden zu warten ist auch falsch, weil in diesem
Teil nur Taxler und Leute mit einem Sonderausweis vorfahren dürfen. Der
Privatverkehr ist auf der anderen Seite. Also gibt es drei Möglichkeiten: Entweder
wollen die ein Taxi und haben sich verlaufen, oder sie haben es nicht weit und
wollen die Kollegen unten nicht ärgern, oder sie warten tatsächlich auf
jemanden und stehen auf der falschen Seite.
Ich gehe raus, stelle mich neben
mein Taxi hin und warte kurz um zu sehen ob sie reagieren. In der Tat, kaum
sehen sie mich, kommen sie auf mich zu und fragen ob ich frei sei.
»Natürlich
bin ich frei!« sage ich und erkenne die Leute
wieder. »Geht es nach hause in die Widenmayerstraße?«
»Ja,
aber woher wissen Sie das?« fragt eine der Damen und
beide Damen sehen mich mit fragendem und ratlosem Blick an.
»Solche
entzückende Fahrgäste vergisst man nicht so schnell!«
»Danke
fürs Kompliment! Aber leider erkennen wir Sie nicht mehr. Haben Sie uns vor
längerer Zeit gefahren?«
»Ja,
letzten Sommer. Von zuhause in die Feilitzschstraße zur Modenschau. Ich habe
damals die Kleidung und Sie transportiert und bin mit ein paar der Models hin
und her gefahren.«
»Das
war ein hektischer Tag! Tut uns leid dass wir uns nicht an Sie erinnern. Da
waren so viele Menschen und großer Trubel dass es unmöglich war sich die Namen
und die Gesichter zu merken.«
Ich lächle und packe das Gepäck
der zwei Damen und des Jungen in den Kofferraum, installiere den Kindersitz für
den Kleinen, setze ihn rein und schnalle ihn an, dann setzen sich auch die zwei
Damen rein und los geht die Fahrt!
Den Tag an dem ich sie zum ersten
Mal gefahren habe werde ich nie vergessen. Es war Samstag und ich fuhr den
2993, den Taxibus eines Freundes. Ich stand zufällig am Mauerkircherstand und
bekam den Auftrag in die Widenmayer zu fahren. Als ich dort ankam stand ein
Kleiderständer voller Kleidung auf Plastikbügel (ich dachte immer Holzbügel
wären die Besten?!) auf dem Trottoir. Ich wunderte mich und dachte nicht dass
es sich um einen Umzug handelte, denn es würde vorher gesagt werden und
außerdem, wer hat schon einen Kaufhauskleiderständer zu hause stehen? Da die
Haustür offen stand ging ich hinein. Die Wohnungstür im Hochparterre rechts
stand auch offen. Ich ging rein und stand mitten in einem Vorraum mit einem
Tisch, einem Telefon, einem großen Spiegel an der Wand und zwei Stühlen davor,
rechts war eine Tür zu einem Zimmer, die auch offen Stand. Dort gab es einen
Ledersessel, einen kleinen Tisch und Bilder an den Wänden. Was anderes konnte
ich nicht sehen. Vom Fenster das gegenüber der Tür war, konnte man hinaus auf
die Straße sehen. Vor mir ging es durch eine Tür in die weitere Wohnung.
Überall lagen Kleider und Kleiderständer voller Kleidung standen auch herum. Es
war ein Altbau mit Parkettboden, hoher Decke von denen prächtige Lampen und
Kronleuchter hingen, Stuck an den Wänden, riesige Räume und eine Ausstattung
vom allerfeinsten. Es schaute richtig nobel aus, wie in einem Palast.
Von innen hörte ich zwei
Frauenstimmen. Ich ging in das Zimmer vor mir. Als ich mitten im Zimmer war und
mich umschaute kam ein blonder Engel von links und fragte mit zarter Stimme ob
ich der bestellte Taxifahrer sei. Ich war baff von dieser Erscheinung und
flüsterte leise ja. Jaaaaa! Wollte ich aufschreien. Jaaaaa! Sie haben mich,
mich ganz persönlich bestellt und ich bin sehr dankbar darüber. Die Bestellung
erfolgte übers Telefon und ich wurde, nein ich habe mich selber frei Haus
geliefert. Jetzt gehöre ich Ihnen. Sie können mit mir, wie mit einer
Versandhausware, machen was Sie wollen. Ich bekam allerdings kein einziges Wort
über meine Lippen und blieb stumm. Sie kam lächelnd auf mich zu und machte den
Eindruck als ob sie durch den Korridor schwebte. Ich schaute in ihre
smaragdgrünen Augen als sie näher kam und merkte wie meine Knie weich wurden.
Fühlte mich wie in einem Film oder Comic, wenn auf einmal aus dem Nichts ein
bezauberndes Wesen erscheint, hinter ihm das Licht bricht und leise süßliche
sirenenartige Musik ertönt, man von ihr bezaubert und weggetragen wird und man
denkt man träumt und zwickt sich um zu sehen ob man noch wach ist. Man wird
debil und vergisst alles um sich herum. Man schwebt auf einer Wolke der
Glückseligkeit durch Raum und Zeit und alles um sich herum erscheint gar nicht
mehr wichtig. So muss sich auch Odysseus bei den Sirenen gefühlt haben. Die
Geschichte wird wahr. Ein Erlebnis zum anfassen, begreifen, verstehen.
Hinter ihr kam noch ein zweiter
Engel, ein paar Jahre jünger und genauso bezaubernd wie der erste Engel. Ich stand
regungslos da als beide zu mir kamen. Eine der beiden Schwestern mit den
klangvollen Nachnamen des berühmtesten Geheimagenten der Welt der im Dienste
Ihrer Majestät Verbrecher jagt und die Welt von bösen Gestalten rettet, fragte
mich ob ich viel Zeit hätte und ob ich ihnen helfen könnte.
Tausend Gedanken schossen mir in
dem Moment durch den Kopf und ich benahm mich wie ein schüchterner Schuljunge
und sagte:
»Ja!
Ja! Ja, gnädigste, ich habe viel Zeit und würde mit Ihnen bis ans Ende der Welt
fahren…«
Sie nahm mich an der Hand und
ging mit mir nach hinten. Danke lieber Gott! Das ist das Paradies! Doch dann
merkte ich dass ich doch nicht im Garten Eden war, sondern den Damen dabei
helfen musste all die Kleiderständer, Tüten, Koffer und Kleidung zur Modenschau
zu bringen. Das brachte mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir
brachten erstmal alles nach draußen. Als die Damen das ganze Gepäck sahen
erschraken sie und dachten wir bräuchten ein zweites Taxi. Da ich aber Meister
im Packen bin – reise seit meiner Kindheit ständig durch Europa, da lernt man
wie man richtig packt, überlegte ich kurz und fing an alles ins Taxi zu
verstauen. Zehn Minuten später war das Taxi, außer den drei Sitzplätzen ganz
vorne, voll. Die Damen staunten und gaben mir jeweils ein Küsschen auf der
Wange. Dann ging die eine rein ins Haus und kam kurze Zeit später mit Felix,
dem achtjährigen Sohn wieder raus. Felix, dachte ich, der Glückliche! Da ist
der Name Programm!
Wir stiegen alle vorne ein und
fuhren in die Feilitzschstraße. Dort angekommen musste ich in eine Einfahrt
neben der Schwabinger 7 rein fahren und nach hinten in den Hof. Neben der Tür
und der steilen Treppe die nach oben führte war ein Laden mit Streetwear. Davor
standen ein paar Jungendliche die einen düsteren Eindruck machten. Wir beauftragten
Felix sich grimmig und breitbeinig vors Taxi zu stellen und auf die Sachen
aufzupassen während wir rauf und runter gingen. Ich gab ihm noch eine meiner
Mützen die er schräg auf sein Haupt setzte, dazu noch meine Fahrradhandschuhe
die ihm ein bisschen zu groß waren. Wie ein kleiner Gangsta Rapper sah er aus.
Niedlich und zugleich zum fürchten.
Als diese Aktion vorbei war
musste ich die Models einsammeln fahren und sie zur Schau zu bringen. Ich
durfte dann auch dort bleiben und mir die Präsentation anschauen. Danach ging
ich wieder arbeiten und später am Nachmittag riefen die mich an und musste
zuerst die Models kutschieren und danach die äußerst bezaubernden Schwestern
mit Sack und Pack nach Hause bringen.
Eines der Models fragte nach
meiner Nummer und rief am Abend an. Wir trafen uns und feierten die ganze Nacht
hindurch. Zuerst gingen wir Afghanisch essen. Da es für mich das erste Mal war,
fühlte ich mich wie ein Schuljunge dem was beigebracht wurde. Ich lernte von
ihr, dass die Models sich nicht nur aus Wasser und Salatblättern ernähren, sondern
sehr wohl ganz normale Mahlzeiten zu sich nehmen, aber darauf achten was sie
essen. Abwechslungsreich sollte das Essen sein und wenn’s geht mit wenigen
Kalorien und sollte leicht verdaulich sein. Reis statt Pommes, Olivenöl statt
Butter und Margarine, usw.
Wir gingen von Club zu Club und
mussten dank ihrer Bekanntschaften und ihrer Schönheit nirgendwo Eintritt zahlen.
In manchen Clubs war ich zum ersten Mal drin und fühlte mich auch nicht so
richtig wohl. Aber mit einer so bezaubernden Dame an meiner Seite, die sich
auch bestens auskannte war es einfacher. Ich folgte ihr wie ein Hündchen und
ließ sie machen um mich nicht zu blamieren und zu outen. Die Leute gafften uns
an, egal wo wir aufkreuzten. Die Männer bewundernd – was mich als glücklichen
Bastard fühlen ließ, die Frauen warfen uns, oder besser gesagt ihr, neidische
Blicke zu. Mir war das überhaupt nicht unangenehm. Ich genoss es sogar im
Rampenlicht zu stehen und von allen begafft und beneidet zu werden. Ich fühlte
mich wie ein Star, wie ein Held, unheimlich stark.
Wir gingen auch von Bar zu Bar
und als der Morgen graute gingen wir noch frühstücken und danach ins Bett. Kein
Wunder dass ich diesen Tag und diese Nacht nie vergessen werde.
Wir fahren überm Kreisel auf die
Tagente an den alten Flugzeugen vorbei und dann auf die A92. Veronica, die ältere
der beiden, erinnert sich langsam an jenem Tag und meint sie hätte noch meine
Nummer konnte aber mit dem Namen nichts anfangen da sie nicht ‚Taxi’ daneben
geschrieben hat. Das korrigierte sie jetzt und wird mich wieder anrufen wenn
die Beiden wieder eine Modenschau haben werden. Sie erzählt dass sie im Herbst
eine hatten und der Kollege der vorfuhr nicht helfen wollte und sie alles alleine
machen mussten.
»Wie
kann man zwei so phantastischen Frauen wie Ihnen einen Wunsch abschlagen?«
Veronica errötet leicht und
lächelt verlegen.
Die Schwestern erzählen die Fahrt
über dass sie in Paris und London auf Präsentationen waren um sich Ideen für
die eigene Kollektion zu holen. Sie erzählen was sie dort überall sahen und was
sie unternahmen, in welche Museen und Restaurants sie waren, usw. und ehe wir
uns versehen stehen wir schon vor deren Haustür. Sie geben mir zum Abschied
noch ein Küsschen auf die Wange und winken mir zum Abschied noch zu ehe sie im
Haus verschwinden.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen