Sonntag, 13. April 2014

Teil 15



Als ich wieder Richtung Drehtür gehe mit einer Zigarette in der Hand die ich im Begriff bin anzuzünden, sehe ich durch die Glasfront wie draußen ein paar Leute stehen und warten. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Nur mein Taxi steht einsam und verlassen da. Ich schaue mir die Leute von innen noch mal kurz an und denke, dass die eventuell auf ein Taxi warten. Oder täusche ich mich und die warten auf jemanden der sie abholt? Der eigentliche Taxistand ist ein Stockwerk tiefer. Sie kamen unten raus und müssten eigentlich nur nach rechts gehen und aus der Tür raus und dort würden Taxen stehen. Hier auf jemanden zu warten ist auch falsch, weil in diesem Teil nur Taxler und Leute mit einem Sonderausweis vorfahren dürfen. Der Privatverkehr ist auf der anderen Seite. Also gibt es drei Möglichkeiten: Entweder wollen die ein Taxi und haben sich verlaufen, oder sie haben es nicht weit und wollen die Kollegen unten nicht ärgern, oder sie warten tatsächlich auf jemanden und stehen auf der falschen Seite.
Ich gehe raus, stelle mich neben mein Taxi hin und warte kurz um zu sehen ob sie reagieren. In der Tat, kaum sehen sie mich, kommen sie auf mich zu und fragen ob ich frei sei.
»Natürlich bin ich frei!« sage ich und erkenne die Leute wieder. »Geht es nach hause in die Widenmayerstraße?«
»Ja, aber woher wissen Sie das?« fragt eine der Damen und beide Damen sehen mich mit fragendem und ratlosem Blick an.
»Solche entzückende Fahrgäste vergisst man nicht so schnell!«
»Danke fürs Kompliment! Aber leider erkennen wir Sie nicht mehr. Haben Sie uns vor längerer Zeit gefahren?«
»Ja, letzten Sommer. Von zuhause in die Feilitzschstraße zur Modenschau. Ich habe damals die Kleidung und Sie transportiert und bin mit ein paar der Models hin und her gefahren.«
»Das war ein hektischer Tag! Tut uns leid dass wir uns nicht an Sie erinnern. Da waren so viele Menschen und großer Trubel dass es unmöglich war sich die Namen und die Gesichter zu merken.«
Ich lächle und packe das Gepäck der zwei Damen und des Jungen in den Kofferraum, installiere den Kindersitz für den Kleinen, setze ihn rein und schnalle ihn an, dann setzen sich auch die zwei Damen rein und los geht die Fahrt!
Den Tag an dem ich sie zum ersten Mal gefahren habe werde ich nie vergessen. Es war Samstag und ich fuhr den 2993, den Taxibus eines Freundes. Ich stand zufällig am Mauerkircherstand und bekam den Auftrag in die Widenmayer zu fahren. Als ich dort ankam stand ein Kleiderständer voller Kleidung auf Plastikbügel (ich dachte immer Holzbügel wären die Besten?!) auf dem Trottoir. Ich wunderte mich und dachte nicht dass es sich um einen Umzug handelte, denn es würde vorher gesagt werden und außerdem, wer hat schon einen Kaufhauskleiderständer zu hause stehen? Da die Haustür offen stand ging ich hinein. Die Wohnungstür im Hochparterre rechts stand auch offen. Ich ging rein und stand mitten in einem Vorraum mit einem Tisch, einem Telefon, einem großen Spiegel an der Wand und zwei Stühlen davor, rechts war eine Tür zu einem Zimmer, die auch offen Stand. Dort gab es einen Ledersessel, einen kleinen Tisch und Bilder an den Wänden. Was anderes konnte ich nicht sehen. Vom Fenster das gegenüber der Tür war, konnte man hinaus auf die Straße sehen. Vor mir ging es durch eine Tür in die weitere Wohnung. Überall lagen Kleider und Kleiderständer voller Kleidung standen auch herum. Es war ein Altbau mit Parkettboden, hoher Decke von denen prächtige Lampen und Kronleuchter hingen, Stuck an den Wänden, riesige Räume und eine Ausstattung vom allerfeinsten. Es schaute richtig nobel aus, wie in einem Palast.
Von innen hörte ich zwei Frauenstimmen. Ich ging in das Zimmer vor mir. Als ich mitten im Zimmer war und mich umschaute kam ein blonder Engel von links und fragte mit zarter Stimme ob ich der bestellte Taxifahrer sei. Ich war baff von dieser Erscheinung und flüsterte leise ja. Jaaaaa! Wollte ich aufschreien. Jaaaaa! Sie haben mich, mich ganz persönlich bestellt und ich bin sehr dankbar darüber. Die Bestellung erfolgte übers Telefon und ich wurde, nein ich habe mich selber frei Haus geliefert. Jetzt gehöre ich Ihnen. Sie können mit mir, wie mit einer Versandhausware, machen was Sie wollen. Ich bekam allerdings kein einziges Wort über meine Lippen und blieb stumm. Sie kam lächelnd auf mich zu und machte den Eindruck als ob sie durch den Korridor schwebte. Ich schaute in ihre smaragdgrünen Augen als sie näher kam und merkte wie meine Knie weich wurden. Fühlte mich wie in einem Film oder Comic, wenn auf einmal aus dem Nichts ein bezauberndes Wesen erscheint, hinter ihm das Licht bricht und leise süßliche sirenenartige Musik ertönt, man von ihr bezaubert und weggetragen wird und man denkt man träumt und zwickt sich um zu sehen ob man noch wach ist. Man wird debil und vergisst alles um sich herum. Man schwebt auf einer Wolke der Glückseligkeit durch Raum und Zeit und alles um sich herum erscheint gar nicht mehr wichtig. So muss sich auch Odysseus bei den Sirenen gefühlt haben. Die Geschichte wird wahr. Ein Erlebnis zum anfassen, begreifen, verstehen.
Hinter ihr kam noch ein zweiter Engel, ein paar Jahre jünger und genauso bezaubernd wie der erste Engel. Ich stand regungslos da als beide zu mir kamen. Eine der beiden Schwestern mit den klangvollen Nachnamen des berühmtesten Geheimagenten der Welt der im Dienste Ihrer Majestät Verbrecher jagt und die Welt von bösen Gestalten rettet, fragte mich ob ich viel Zeit hätte und ob ich ihnen helfen könnte.
Tausend Gedanken schossen mir in dem Moment durch den Kopf und ich benahm mich wie ein schüchterner Schuljunge und sagte:
»Ja! Ja! Ja, gnädigste, ich habe viel Zeit und würde mit Ihnen bis ans Ende der Welt fahren…«
Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir nach hinten. Danke lieber Gott! Das ist das Paradies! Doch dann merkte ich dass ich doch nicht im Garten Eden war, sondern den Damen dabei helfen musste all die Kleiderständer, Tüten, Koffer und Kleidung zur Modenschau zu bringen. Das brachte mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir brachten erstmal alles nach draußen. Als die Damen das ganze Gepäck sahen erschraken sie und dachten wir bräuchten ein zweites Taxi. Da ich aber Meister im Packen bin – reise seit meiner Kindheit ständig durch Europa, da lernt man wie man richtig packt, überlegte ich kurz und fing an alles ins Taxi zu verstauen. Zehn Minuten später war das Taxi, außer den drei Sitzplätzen ganz vorne, voll. Die Damen staunten und gaben mir jeweils ein Küsschen auf der Wange. Dann ging die eine rein ins Haus und kam kurze Zeit später mit Felix, dem achtjährigen Sohn wieder raus. Felix, dachte ich, der Glückliche! Da ist der Name Programm!
Wir stiegen alle vorne ein und fuhren in die Feilitzschstraße. Dort angekommen musste ich in eine Einfahrt neben der Schwabinger 7 rein fahren und nach hinten in den Hof. Neben der Tür und der steilen Treppe die nach oben führte war ein Laden mit Streetwear. Davor standen ein paar Jungendliche die einen düsteren Eindruck machten. Wir beauftragten Felix sich grimmig und breitbeinig vors Taxi zu stellen und auf die Sachen aufzupassen während wir rauf und runter gingen. Ich gab ihm noch eine meiner Mützen die er schräg auf sein Haupt setzte, dazu noch meine Fahrradhandschuhe die ihm ein bisschen zu groß waren. Wie ein kleiner Gangsta Rapper sah er aus. Niedlich und zugleich zum fürchten.
Als diese Aktion vorbei war musste ich die Models einsammeln fahren und sie zur Schau zu bringen. Ich durfte dann auch dort bleiben und mir die Präsentation anschauen. Danach ging ich wieder arbeiten und später am Nachmittag riefen die mich an und musste zuerst die Models kutschieren und danach die äußerst bezaubernden Schwestern mit Sack und Pack nach Hause bringen.
Eines der Models fragte nach meiner Nummer und rief am Abend an. Wir trafen uns und feierten die ganze Nacht hindurch. Zuerst gingen wir Afghanisch essen. Da es für mich das erste Mal war, fühlte ich mich wie ein Schuljunge dem was beigebracht wurde. Ich lernte von ihr, dass die Models sich nicht nur aus Wasser und Salatblättern ernähren, sondern sehr wohl ganz normale Mahlzeiten zu sich nehmen, aber darauf achten was sie essen. Abwechslungsreich sollte das Essen sein und wenn’s geht mit wenigen Kalorien und sollte leicht verdaulich sein. Reis statt Pommes, Olivenöl statt Butter und Margarine, usw.
Wir gingen von Club zu Club und mussten dank ihrer Bekanntschaften und ihrer Schönheit nirgendwo Eintritt zahlen. In manchen Clubs war ich zum ersten Mal drin und fühlte mich auch nicht so richtig wohl. Aber mit einer so bezaubernden Dame an meiner Seite, die sich auch bestens auskannte war es einfacher. Ich folgte ihr wie ein Hündchen und ließ sie machen um mich nicht zu blamieren und zu outen. Die Leute gafften uns an, egal wo wir aufkreuzten. Die Männer bewundernd – was mich als glücklichen Bastard fühlen ließ, die Frauen warfen uns, oder besser gesagt ihr, neidische Blicke zu. Mir war das überhaupt nicht unangenehm. Ich genoss es sogar im Rampenlicht zu stehen und von allen begafft und beneidet zu werden. Ich fühlte mich wie ein Star, wie ein Held, unheimlich stark.
Wir gingen auch von Bar zu Bar und als der Morgen graute gingen wir noch frühstücken und danach ins Bett. Kein Wunder dass ich diesen Tag und diese Nacht nie vergessen werde.
Wir fahren überm Kreisel auf die Tagente an den alten Flugzeugen vorbei und dann auf die A92. Veronica, die ältere der beiden, erinnert sich langsam an jenem Tag und meint sie hätte noch meine Nummer konnte aber mit dem Namen nichts anfangen da sie nicht ‚Taxi’ daneben geschrieben hat. Das korrigierte sie jetzt und wird mich wieder anrufen wenn die Beiden wieder eine Modenschau haben werden. Sie erzählt dass sie im Herbst eine hatten und der Kollege der vorfuhr nicht helfen wollte und sie alles alleine machen mussten.
»Wie kann man zwei so phantastischen Frauen wie Ihnen einen Wunsch abschlagen?«
Veronica errötet leicht und lächelt verlegen.
Die Schwestern erzählen die Fahrt über dass sie in Paris und London auf Präsentationen waren um sich Ideen für die eigene Kollektion zu holen. Sie erzählen was sie dort überall sahen und was sie unternahmen, in welche Museen und Restaurants sie waren, usw. und ehe wir uns versehen stehen wir schon vor deren Haustür. Sie geben mir zum Abschied noch ein Küsschen auf die Wange und winken mir zum Abschied noch zu ehe sie im Haus verschwinden.

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