Sonntag, 13. April 2014

Teil 23



Was für eine Aufregung an Heilig Abend! Ich trete auf die Straße und zünde mir eine an. Ich bleibe kurz auf der Stufe stehen, ziehe zwei Mal, schaue rauf gen Himmel und frage mich warum ich mir das überhaupt antue und was die weitere Nacht bringen wird. Auf einmal kommen meine Taxikollegen Harry, Uli und Niko um die Ecke gebogen.

Uli war mal Ingenieur, die Firma ging pleite, er muss noch ein paar Jahre bis zur Rente arbeiten und so fing er mit dem Taxi fahren an. Er wird auch als Rentner in ein paar Jahren dabei bleiben und „so lang die Füße tragen“ (O-Ton) seine Rente aufbessern.
Harry mein Motorradbruder und Kuhdorfexperte mit dem ich wenn ich im Sommer in der Stadt bin, über die Landstraßen kurve, war mal im technischen Kundendienst einer großen Kaufhauskette tätig, seine Frau ließ ihm mit der Tochter sitzen, er musste sich um die kleine kümmern, brauchte einen Zweitjob und flexiblere Arbeitszeiten und fing deswegen an Taxi zu fahren. Später hängte er den Job beim Kundendienst an den Nagel und fährt seitdem nur noch Taxi und hat mittlerweile seinen eigenen Betrieb. Er lebt seit vielen Jahren glücklich mit seiner Lebensgefährtin und hat zu seiner Ex-Frau so gut wie keinen Kontakt.
Niko… Was soll man über ihm sagen? Ein Tausendsassa. Ein Larifari, ein Mafioso, einer der so in den Tag hinein lebt, einer der viele Jobs macht, getrennt lebend, hat einen Sohn der bei der Mutter lebt, einer der keine Party auslässt und ständig beim grinsen ist.
»Was machst Du denn hier? Hast Du Freigang?« werde ich von Harry gefragt.
»Frag lieber nicht« antworte ich.
»Gehst mit ins Pusser’s?« fragt Niko.
»Na, muss arbeiten, kann nix trinken. Aber nach der Geschichte gerade eben wäre ein Painkiller genau richtig um zu entspannen.«
»Geh doch mit, kannst ja ´ne Cola trinken!« sagt Uli.
Ich beschließe mitzugehen. Als wir die Tür des Lokals aufmachen sehen wir dass kaum Leute drin sind. Unser Lieblingsbarman ist da. Ich kann mich über sein Gesicht und den Grimassen kaputtlachen. Er erinnert mich stark an Monty Pythons. Obwohl er Deutscher ist sieht er wie ein waschechter Engländer aus.
Das Pusser’s ist eine unserer Lieblingsbars. Es ist klein und fein. Es hat Stil. Im Keller ist eine Piano-Bar die ein paar wenige Tage die Woche geöffnet hat, das Erdgeschoß ist jeden Tag geöffnet und im ersten Stock befindet sich ein Raum den man für Privatveranstaltungen mieten kann. Im Erdgeschoß befinden sich nicht mal zehn Tische und eine gutbestückte Bar wo man bei Jazzmusik gepflegt was trinken kann.
Wir setzen uns an die Bar und die Herren Kollegen bestellen sich jeweils einen Painkiller No 4. Wie sehr beneide ich die drei! Am liebsten würde ich das Taxi vor der Wache stehen und mich volllaufen lassen. Leider brauche ich das Geld und werde meine Sauftour auf nach Weihnachten verschieben wenn das Geschäft schlecht läuft. Das ist auch etwas was mich an diesen Beruf stört. Man hat keinen bezahlten Urlaub und keine feste Arbeitszeiten, was nicht unbedingt schlecht ist. Man kann zwar freimachen wann man möchte, es zwingt uns ja keiner zu arbeiten, andererseits muss man gut überlegen wann man zuhause bleibt. An Tagen an denen das Geschäft perlt (O-Ton Harry), wie an den Nächten vor Feiertagen, sollte man arbeiten und an ruhigen Tagen kann man getrost freimachen. Obwohl, auch an solchen Tagen könnte „was gehen“. So ist man permanent in einem Strudel gefangen und kommt nicht heraus. Gefangen in einem Teufelskreis, gefangen in der Arbeit, ein Sklave des Geldes, man hat immer im Hinterkopf den Gedanken dass man jetzt in diesen Augenblick Geld verdienen könnte anstatt welches auszugeben. Man könnte an irgendeinen Stand stehen und jemand steigt ein der zum Flughafen möchte, eine 50-Euro-Fahrt oder man bekommt einen Auftrag zu irgendeinem Hotel und der Fahrgast will für 80 Euro zum Casino nach Bad Wiessee. Es sind solche Gedanken die einen dazu treiben permanent zu arbeiten und praktisch nie freizumachen. Und wenn man sich einen Tag frei gönnt wird man von Gewissensbissen geplagt und ruft dann einen Kollegen an der gerade arbeitet und fragt wie das Geschäft so läuft. Wenn der Kollege dann sagt dass das Geschäft läuft wird alles liegengelassen und ins Taxi gestiegen. Pervers das ganze. Ich trinke meine Cola, höre den Dreien nicht ganz richtig zu und gehe meinen Gedanken nach. Sophie fällt mir wieder ein. Was sie gerade macht, wo sie jetzt sein wird? Liegt was unterm Baum für sie? Ist ihre Mutter glücklich dass wir nicht mehr zusammen sind? Wie hat ihr Stiefvater reagiert? Den habe ich sogar kennengelernt. Machte einen netten Eindruck. Leider hatten wir nicht viel Zeit uns zu unterhalten. Ihren Vater hätte ich gerne kennengelernt. Er kam sie ein einziges Mal in Hull besuchen. Er hatte seinen Besuch öfters angekündigt und jedes Mal verschoben. Dann endlich kam der große Tag und er kam für einen Nachmittag. Ich wollte nicht stören und ging nicht mit. Sophie äußerte auch nicht den Wunsch von mir begleitet werden zu wollen, deswegen erwähnte ich auch nicht dass ich gerne mitgegangen wäre. Ob sie insgeheim darauf wartete von mir gefragt zu werden? Ich war und bin immer noch der Meinung, dass es eine intime familiäre Zusammenkunft sein sollte und durfte nicht mit. Die Beiden sahen sich viel zu selten, telefonierten zwar ab und zu, und sollten den Nachmittag für sich haben. Ich brachte sie zum Bahnhof wo sie auf ihren Vater wartete und fuhr dann nach hause. Als sie am Abend zurück kam war sie weder glücklich noch traurig. Sie wusste nicht was sie fühlen sollte. Ich nahm sie in meine Arme, küsste sie und wir blieben lange stumm und umarmten uns.
Abwesend ziehe ich am Strohhalm meiner Cola und als das Glas leer ist werde ich vom lauten Geräusch der letzten Tropfen aus meinen Gedanken wieder in die Wirklichkeit geholt. Ich zahle, verabschiede mich und gehe wieder arbeiten.

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