Was für
eine Aufregung an Heilig Abend! Ich trete auf die Straße und zünde mir eine an.
Ich bleibe kurz auf der Stufe stehen, ziehe zwei Mal, schaue rauf gen Himmel
und frage mich warum ich mir das überhaupt antue und was die weitere Nacht
bringen wird. Auf einmal kommen meine Taxikollegen Harry, Uli und Niko um die
Ecke gebogen.
Uli war
mal Ingenieur, die Firma ging pleite, er muss noch ein paar Jahre bis zur Rente
arbeiten und so fing er mit dem Taxi fahren an. Er wird auch als Rentner in ein
paar Jahren dabei bleiben und „so lang die Füße tragen“ (O-Ton) seine Rente
aufbessern.
Harry
mein Motorradbruder und Kuhdorfexperte mit dem ich wenn ich im Sommer in der
Stadt bin, über die Landstraßen kurve, war mal im technischen Kundendienst
einer großen Kaufhauskette tätig, seine Frau ließ ihm mit der Tochter sitzen,
er musste sich um die kleine kümmern, brauchte einen Zweitjob und flexiblere Arbeitszeiten
und fing deswegen an Taxi zu fahren. Später hängte er den Job beim Kundendienst
an den Nagel und fährt seitdem nur noch Taxi und hat mittlerweile seinen
eigenen Betrieb. Er lebt seit vielen Jahren glücklich mit seiner
Lebensgefährtin und hat zu seiner Ex-Frau so gut wie keinen Kontakt.
Niko…
Was soll man über ihm sagen? Ein Tausendsassa. Ein Larifari, ein Mafioso, einer
der so in den Tag hinein lebt, einer der viele Jobs macht, getrennt lebend, hat
einen Sohn der bei der Mutter lebt, einer der keine Party auslässt und ständig
beim grinsen ist.
»Was
machst Du denn hier? Hast Du Freigang?« werde ich von Harry gefragt.
»Frag
lieber nicht« antworte ich.
»Gehst
mit ins Pusser’s?« fragt Niko.
»Na,
muss arbeiten, kann nix trinken. Aber nach der Geschichte gerade eben wäre ein
Painkiller genau richtig um zu entspannen.«
»Geh
doch mit, kannst ja ´ne Cola trinken!« sagt Uli.
Ich
beschließe mitzugehen. Als wir die Tür des Lokals aufmachen sehen wir dass kaum
Leute drin sind. Unser Lieblingsbarman ist da. Ich kann mich über sein Gesicht
und den Grimassen kaputtlachen. Er erinnert mich stark an Monty Pythons. Obwohl
er Deutscher ist sieht er wie ein waschechter Engländer aus.
Das
Pusser’s ist eine unserer Lieblingsbars. Es ist klein und fein. Es hat Stil. Im
Keller ist eine Piano-Bar die ein paar wenige Tage die Woche geöffnet hat, das
Erdgeschoß ist jeden Tag geöffnet und im ersten Stock befindet sich ein Raum
den man für Privatveranstaltungen mieten kann. Im Erdgeschoß befinden sich
nicht mal zehn Tische und eine gutbestückte Bar wo man bei Jazzmusik gepflegt
was trinken kann.
Wir
setzen uns an die Bar und die Herren Kollegen bestellen sich jeweils einen
Painkiller No 4. Wie sehr beneide ich die drei! Am liebsten würde ich das Taxi
vor der Wache stehen und mich volllaufen lassen. Leider brauche ich das Geld
und werde meine Sauftour auf nach Weihnachten verschieben wenn das Geschäft
schlecht läuft. Das ist auch etwas was mich an diesen Beruf stört. Man hat
keinen bezahlten Urlaub und keine feste Arbeitszeiten, was nicht unbedingt
schlecht ist. Man kann zwar freimachen wann man möchte, es zwingt uns ja keiner
zu arbeiten, andererseits muss man gut überlegen wann man zuhause bleibt. An
Tagen an denen das Geschäft perlt (O-Ton Harry), wie an den Nächten vor
Feiertagen, sollte man arbeiten und an ruhigen Tagen kann man getrost
freimachen. Obwohl, auch an solchen Tagen könnte „was gehen“. So ist man
permanent in einem Strudel gefangen und kommt nicht heraus. Gefangen in einem
Teufelskreis, gefangen in der Arbeit, ein Sklave des Geldes, man hat immer im
Hinterkopf den Gedanken dass man jetzt in diesen Augenblick Geld verdienen
könnte anstatt welches auszugeben. Man könnte an irgendeinen Stand stehen und
jemand steigt ein der zum Flughafen möchte, eine 50-Euro-Fahrt oder man bekommt
einen Auftrag zu irgendeinem Hotel und der Fahrgast will für 80 Euro zum Casino
nach Bad Wiessee. Es sind solche Gedanken die einen dazu treiben permanent zu
arbeiten und praktisch nie freizumachen. Und wenn man sich einen Tag frei gönnt
wird man von Gewissensbissen geplagt und ruft dann einen Kollegen an der gerade
arbeitet und fragt wie das Geschäft so läuft. Wenn der Kollege dann sagt dass
das Geschäft läuft wird alles liegengelassen und ins Taxi gestiegen. Pervers
das ganze. Ich trinke meine Cola, höre den Dreien nicht ganz richtig zu und
gehe meinen Gedanken nach. Sophie fällt mir wieder ein. Was sie gerade macht,
wo sie jetzt sein wird? Liegt was unterm Baum für sie? Ist ihre Mutter
glücklich dass wir nicht mehr zusammen sind? Wie hat ihr Stiefvater reagiert?
Den habe ich sogar kennengelernt. Machte einen netten Eindruck. Leider hatten
wir nicht viel Zeit uns zu unterhalten. Ihren Vater hätte ich gerne
kennengelernt. Er kam sie ein einziges Mal in Hull besuchen. Er hatte seinen
Besuch öfters angekündigt und jedes Mal verschoben. Dann endlich kam der große
Tag und er kam für einen Nachmittag. Ich wollte nicht stören und ging nicht mit.
Sophie äußerte auch nicht den Wunsch von mir begleitet werden zu wollen, deswegen
erwähnte ich auch nicht dass ich gerne mitgegangen wäre. Ob sie insgeheim
darauf wartete von mir gefragt zu werden? Ich war und bin immer noch der
Meinung, dass es eine intime familiäre Zusammenkunft sein sollte und durfte
nicht mit. Die Beiden sahen sich viel zu selten, telefonierten zwar ab und zu,
und sollten den Nachmittag für sich haben. Ich brachte sie zum Bahnhof wo sie
auf ihren Vater wartete und fuhr dann nach hause. Als sie am Abend zurück kam
war sie weder glücklich noch traurig. Sie wusste nicht was sie fühlen sollte.
Ich nahm sie in meine Arme, küsste sie und wir blieben lange stumm und umarmten
uns.
Abwesend
ziehe ich am Strohhalm meiner Cola und als das Glas leer ist werde ich vom
lauten Geräusch der letzten Tropfen aus meinen Gedanken wieder in die
Wirklichkeit geholt. Ich zahle, verabschiede mich und gehe wieder arbeiten.
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