Montag, 14. April 2014

Teil 45



Kaum knallen die Türen zu gehen die auch wieder auf. Ich bereue jetzt schon dass ich nicht die Zentralverriegelung betätigt habe. Es steigen zwei junge Frauen ein, beide aufgetakelt bis in die Haarspitzen, versprühen einen mehr als ödem Charme und Geruch und wirken sehr oberflächig und hochnäsig. Beide setzen sich hinten rein und reagieren nicht auf meine Begrüßung.
»In die Cornelius zwischen Gärtnerplatz und Baaderstraße!« wird mir von hinten befohlen.
»Einen wunderschönen guten Abend!« grüße ich zum zweiten Mal nicht ohne ironischen Unterton und frage mich mit was ich solche Fahrgäste verdient habe. Will mich heute Jemand bestrafen weil ich nicht artig gewesen bin? War ich denn unartig? Wenn ich mir die zwei jetzt anschaue und an die drei von vorhin denke erschaudere ich und glaube zu wissen weswegen viele Männer es bevorzugen Single zu bleiben oder eben keine Partnerin finden mit der sie zusammen sein könnten. Solche Frauen sind ein Grund schwul zu werden. Das sind abschreckende Beispiele. Wie soll Mann mit einer solchen Frau zusammenkommen? So langsam glaube ich Sakis frauenverächtliche Theorien. Er blickt auch von einer Blase über mir herunter und nickt zustimmend.
Ich schaue die Eine etwas länger an bevor ich aufs Gaspedal trete.
»Was glotzt Du denn so? Noch nie eine Frau gesehen?« werde ich angemotzt.
Mein Gott! Ich drücke aufs Gas, fahre an der Ampel nach rechts, blicke in den Rückspiegel und sage: »Sie kommen mir bekannt vor. Kann es sein dass wir uns kennen?«
»´Ne bessere Anmache hast Du nicht auf Lager? Das ist ja erbärmlich!«
Oh Saki, wie recht Du nur hast mit Deiner Behauptung dass die Emanzipation der Frau nichts Gutes hervorgebracht hat, eher nur Nachteile und Negatives und dass jetzt massenweise verstörte und überemanzipierte Mannweiber da draußen rumlaufen die nicht wissen wie sie mit der gewonnenen Freiheit umzugehen haben und einen auf dicke Eier machen und sich nachher beschweren dass sie alleine bleiben und keinen Mann finden. Wie soll ein Mann mit so einer Frau zusammen sein? Wie soll es jemand mit so einer aushalten die ihm ständig rumkommandiert, Befehle erteilt, ihm mit ihrer herrischen Art klein zu machen versucht und sich aufspielt als hätte sie die Hosen an, als würde ihr die Welt gehören, als ob sie die Mächtigste wäre, die Schönste, die Beste, die absolute Traumfrau die jeder haben möchte und derjenige der es geschafft hat mit ihr zusammen zu sein soll sich richtig glücklich schätzen und es wie einen Lottogewinn sehen, den man einmal im Leben bekommt und danach nie wieder. Er soll ihr zu Füßen liegen, denn sie kann ja jeden haben und wird ihn auch verlassen wenn er nicht spurt, wenn er ihr nicht jeden Wunsch von den Augen abliest und sich nicht vor ihrer Freundinnen freiwillig zur Sau machen lässt. Und wehe er ist nicht erfolgreich in seinem Beruf, oder übt nicht den Richtigen aus, fährt keinen Porsche und besitzt kein Anwesen in Grünwald oder Bogenhausen. Denn dort hört die Emanzipation auf. Emanzipation schön und gut, aber gewisse Sachen sollten doch so bleiben wie sie die Evolution erschaffen hat. Sie bringt die Schönheit in die Beziehung und er kümmert sich um das Finanzielle, um die Sicherheit. Wehe er verliert seinen gut dotierten Job, dann wird er fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Solche Frauen sind der absolute Horror. Die Demoskopen eines jeden Landes sollten diese Tatsache in betracht ziehen und sie mit zu den Ursachen zählen die einen Zuwachs der Bevölkerung verhindern. Nicht die Akademikerinnen sind an der Kinderlosigkeit schuld, sondern solche Mannweiber. Wie recht Du hast Saki!
»Dass ist keine Anmache, Du kommst mir echt bekannt vor. Ich weiß nur nicht woher.«
»Ja ja, lass Dir was besseres einfallen. Jetzt fahr uns mal nach hause und träum weiter von einer angeblichen Bekanntschaft!« Beide kichern wild darauf los.
Ich sage nichts mehr und versuche mich zu erinnern woher ich sie kenne. Ich vergesse selten ein Gesicht oder eine Stimme, Namen kann ich mir hingegen nicht merken. Als wir am Sendlinger Tor an der Ampel stehen fällt es mir wieder ein. Ich drehe den Kopf nach hinten und störe deren hirnrissige Konversation.
»Bist Du nicht die Elena? Die bulimiekranke und sexsüchtige Elena? Die, die gerne schluckt und auf Analsex und Orgien steht? Du hast mal bei mir gegenüber gewohnt. Und als Du damals als Landei frisch in der Großstadt warst, hast Du Dich zumindest am Anfang normal und anständig benommen, später wurdest Du massenweise von hinten genommen!«
Sie erbleicht und ihre Freundin schaut auch fassungslos zu mir nach vorne.
Elena sah ich vor langer Zeit öfters im Supermarkt und sie gefiel mir sehr. Das war zu ihrer Anfangszeit in der Stadt. Sie wurde von einer andersartigen Aura umgeben, sie strahlte etwas bodenständiges, unschuldiges aus. Wie sie sich kleidete, wie sie sich bewegte, wie sie an der Käsetheke bestellte und wie sie durch die Gänge des Supermarktes schlenderte. Sie, im Gegensatz zu all den anderen Großstädtern, schien es nicht eilig zu haben und schien zumindest am Anfang etwas verloren zu sein im Überangebot des Marktes.
Eines Tages hielt sie mich vor dem Eingang an und fragte nach der Nächsten Apotheke. Ich blickte in ihre kastanienbraunen Augen und verlor mich in den Klängen ihrer sanften Stimme. Es dauerte etwas bis mein Verstand wieder klar war und ich erklärte ihr den Weg. Einige Zeit  später sah ich sie in einer Disco wie sie alleine tanzte und sprach sie an. So langsam lernten wir uns kennen und sie lernte einen Teil meines Freundes- und Bekanntenkreises kennen und fand darüber hinaus eigene Freunde. Obwohl ich von ihr fasziniert war machte ich nie den entscheidenden Schritt. Etwas in mir flüsterte mir zu dass mit der Person nicht gut Kirschen essen ist. In der Tat ging die Unschuld vom Lande bald andere, heftigere Wege. Sie fing an zu rauchen, zu trinken, konsumierte allerlei Drogen und landete in vielen Betten dieser Stadt. Wir verloren uns eine Zeitlang aus den Augen und als wir uns zufällig in der Stadt überm Weg liefen schien sie völlig fertig mit sich selbst und der Welt zu sein. Ich lud sie zum Essen ein und wir redeten eine Weile. Zum Abschied fragte sie mich ob ich ihr Geld leihen könnte. Ich gab ihr zwanzig Mark und sah sie nie wieder.
»Stimmt das Elena?«
»Oh, ähm, nein! Er lügt!« stammelt sie nach Wörtern ringend. »Er wollte damals was von mir und ich habe ihm die kalte Schulter gezeigt. Ein richtiger Alptraum war er damals. Wochenlang lief er mir hinterher, schenkte mir Blumen und schrieb Gedichte, bis ich die Polizei einschaltete und sie dem Ganzen ein Ende bereitete« behauptet sie mit sie langsam festigender Stimme, klingt aber immer noch unglaubwürdig.
»So so, wie heiße ich denn?« frage ich und bin mir ganz sicher dass sie sich nicht mehr an meinem Namen erinnern kann.
»Georg!« sagt sie wie aus der Pistole geschossen.
»Na, tut mir leid! Ich heiße nicht Georg« sage ich und halte ihr meinen Personalausweis entgegen damit sie sieht wie mein Name ist und nicht denkt ich würde sie anlügen. Ihre Freundin wirft auch einen interessierten Blick darauf und schaut Elena mit fragendem Blick an. Ich fühle mich gut! Schade Saki dass Du das hier verpasst! Du wärst stolz auf mich.
Mittlerweile kommen wir an und ich halte vor einer Einfahrt. Die Freundin bezahlt und beide steigen grußlos aus.
So das war jetzt ein krönender Abschluss einer ereignisreichen und langen Schicht. Da ich mich in der Nähe des Unternehmens befinde, fantastischen Umsatz gemacht habe, mich müde fühle und keine Nerven mehr habe mich irgendwelchen paranoiden Arschlöchern auszusetzen beschließe ich das Auto abzustellen. Es ist schon nach sieben Uhr. Wie die Zeit vergeht! Wahnsinn! Ich schalte die Reklame auf dem Dach, den Funk und die Musik aus, öffne sämtliche Fenster um Frischluft reinzulassen, wende auf der Stelle, fahre zurück zum Gärtnerplatz und drehe drei Runden bevor ich zur Tankstelle fahre. Es ist immer noch eine Menge los, aber genug ist genug. Ich brauche meine Kräfte für heute Abend.

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