Nun ja. Als die drei weg sind
zünde ich mir wieder eine an, drehe das Fenster ganz runter und die Musik voll
auf. Fahre langsam vor bis zum Petuelstand, sehe dass da ein Kollege steht und
denke mir: Super! Dann kann ich zumindest zu ende rauchen.
Ich drehe in der Schleife um und
fahre auf der anderen Seite in den Stand rein. Steige aus, schließe die Tür und
lasse das Fenster geöffnet, ziehe tief an der Kippe, puste den Rauch aus den
Lungen und strecke mich. Es schneit immer noch wie verrückt und mir tun meine
eleganten Italotretter leid die ich heute bestimmt ruinieren werde.
Ich schau mich ein bisschen um –
kein Mensch zu sehen. Aus dem Auto ertönt die Stimme des Zentralisten der
hastig einen Auftrag nach dem anderen vergibt, untermalt mit Carmina Burana.
Ich schaue nach oben in den Himmel, schließe die Augen, träume ein bisschen vor
mich hin und erinnere mich an die Schneeballschlacht mit Sophie mitten in der
Nacht auf dem Feld vor unserem Studentenwohnheim. Das war eine schöne Nacht! Es
war ein Dienstagabend, wir kamen nach einem langen und anstrengenden Tag
zusammen aus der Uni, kochten etwas und machten es uns im Bett gemütlich.
Direkt gegenüber auf dem Schreibtisch stand der Computer auf dem wir zwei DVDs
anschauten. Als der zweite Film zu ende war ging Sophie zum Fenster, schob den
Vorhang beiseite und öffnete die Balkontür und ging hinaus auf dem Balkon, den
wir als Kühlschrank missbrauchten, um eine Flasche Wasser zu holen. Da bemerkte
sie wie heftig es in den letzten Stunden geschneit hatte. Ich ging zu ihr und
sah hinaus auf die winterliche Landschaft. Es kam nicht oft vor das es dort
schneite, weil die Stadt in der wir studierten, im Nordosten Englands, nah am
Meer liegt. Wenn es mal schneite, war es ganz wenig und er schmolz sofort
sobald er den Boden berührte. Wir schauten uns grinsend an und ohne ein Wort zu
sagen lief Sophie zur Tür, ich hinterher, die Treppe runter und raus auf dem
Schnee. Beide Barfuss, sie in Pyjamas und ich in Boxer-shorts und Poloshirt
(echte Männer tragen keine Pyjamas mit Ausnahme von Paul Newman der im Film Katze auf dem heißen Blechdach einen
hellblauen Pyjama fast den ganzen Film hindurch trägt). Wir rannten wie die
wilden über das Feld, schrien, lachten und beschossen uns gegenseitig mit
Schneebällen. Sophie jagte mich und wollte mich unbedingt treffen. Ich rutschte
aus und fiel hin, sie konnte nicht mehr rechtzeitig stoppen, stolperte über
mich und fiel direkt daneben. Ich drehte mich zur ihr und lachte laut worauf
sie mir einen Schneeball in den Mund stopfte. Wir alberten und wälzten uns noch
eine Weile im Schnee ehe sie anfing Blau anzulaufen. Wir guckten uns an und
dachten wie blöd wir doch sind. Morgen würden wir bestimmt krank sein. Ich
stand auf, nahm meine Liebste auf meinen starken durchtrainierten Armen, trug
sie rauf in den 2. Stock und ab ging's unter die heiße Dusche. Danach tranken
wir, very British, eine Tasse heißen Tee und schliefen eng umschlungen und
selig ein. Komischerweise waren wir am folgenden Tag nicht krank, sondern
putzmunter wie nach einem Saunagang mit anschließender eiskalter Dusche.
Vielleicht lag es auch an den Glückshormonen oder der frischen Luft.
Plötzlich spüre ich wie jemand an
meinen Sakko zupft und gleichzeitig fragt:
»Hallo,
sind sie frei?« und holt mich aus meinen
Träumen wieder zurück in die Realität. Ich antworte mit ja, senke meinen Kopf
und öffne die Augen.
»Wie
schaut es aus, kommt das Christkind?« werde
ich in Anspielung auf meine rote Mütze gefragt. Vor mir steht Inna, die
russische Übersetzerin, einen Kopf kleiner, dunkelblond gelockte Haare die bis
unter die Ohren gehen, graublaue Augen die hinter einer randlosen Brille blinzeln,
gute zehn Jahre älter als ich und strahlt mich mit einem süßen Lächeln an. Inna
habe ich schon öfters gefahren. Kennen gelernt haben wir uns hier am Taxistand
vor über einen Jahr. Sie hatte damals einen Termin und war spät dran. Während
der Fahrt kamen wir ins Gespräch und tauschten Telefonnummern aus. Sie hat
Verbindungen nach Russland und der Ukraine und ab und zu kommen Leute für die
sie arbeitet in die Stadt um Urlaub zu machen. Die möchten dann was sehen und
auch mal raus fahren aufs Land und Schlössertouren machen. Da die, reiche und fette,
Leute viel zu bequem sind um selber zu fahren oder den Zug zu nehmen, rufen sie
Inna an und sie organisiert ein Taxi. In diesem Fall bin ich es. Ich fahre, sie
übersetzt und erzählt den Leuten alles Mögliche. Morgens fahren wir los und
abends wieder zurück. Nach einer Schlossbesichtigung geht es meistens zum
Essen. Inna und ich werden immer eingeladen. Auch die Fahrt mit der Kutsche zum
Schloss Neuschwanstein und die Führung durch das Gebäude müssen wir nicht
bezahlen. Manchmal tue ich mir die Führung nicht an und lege mich in ein Feld
hin, wartend und vor mich hin träumend. Herrlich dafür bezahlt zu werden den
Wolken beim vorbei Gleiten zuzusehen. Ab und zu summe ich die Melodie von Ein Bett im Kornfeld und stelle mir vor
wie Jürgen Drews durch das Feld hüpft. Des Öfteren denke ich über verschiedene
Sachen nach, wie Studium, Zukunft, und im Sommer dachte ich an Sophie und
unsere Beziehung als ich im Feld neben der Kirche an der Einmündung fast eingeschlafen
wäre. In der Kirche fand eine Hochzeit statt und ich musste unweigerlich daran
denken ob ich auch mal vor dem Traualtar stehen werde, eventuell mit Sophie.
Ein Gefühl sagte mir dass es nicht dazu kommen wird, andere Gefühle aber
spielten Achterbahn und ich war mir überhaupt nicht sicher ob ich sie heiraten
möchte oder ob ich überhaupt heiraten möchte. Sie jedenfalls, dass hatte sie
mal zum Ausdruck gebracht, würde „Ja“ sagen würde ich sie fragen ob sie meine
Frau werden möchte. Meine Reaktion war gemischt und sie empfand es als negativ,
ablehnend und beleidigend. Ich fühlte mich gleichzeitig geehrt und ängstlich.
Geehrt weil die Frau die mir so viel bedeutet, die ich so viel liebe, mit der
ich gute und schlechte Zeiten hatte, eine gemeinsame Zukunft sah. Angst
bereitete mir der Verlust meiner Freiheit – Männer träumen nicht vom angeblich
schönsten Tag im Leben und von einer Hochzeit ganz in Weiß. Männer fürchten
dass sie nach dem „Jawort“ keine Freiheit mehr haben werden und das verschafft
uns schlaflose Nächte, Alpträume und lässt uns panisch werden und es überfallen
uns unheimliche Schweißausbrüche. Die Schweden haben komischerweise ein und
dasselbe Wort für verheiratet sein und Gift, nämlich gift. Muss Mann dazu noch etwas sagen?
Ein Ukrainisches Ehepaar war
schön öfters hier in wechselnder Begleitung. Mal war ein anderes Ehepaar dabei,
mal eine Familie. Es sind immer weitere Touren wie Regensburg, Salzburg,
Chiemsee, Linderhof, usw. Sie genießen die Ausflüge jedes Mal und es macht
denen nichts aus zum dritten Mal im selben Schloss gewesen zu sein.
Mittlerweile bringen die mir ein
paar Flaschen Wodka aus ihrer Heimat mit. Beim letzten Mal im Sommer brachten
die mir sogar eine Flasche selbstgebrannten Schnaps mit. Beim Trinken spürt man
wie das Zeug die Kehle runter fließt und durch den Körper wandert.
Erst jetzt komme ich so langsam
wieder zu mir und merke dass der Kollege schon längst weg ist und ich alleine
am Stand bin.
»Lange
nicht mehr gesehen« sagt sie, »richtig gut schaust Du aus, ruinier Dir aber nicht
die Schuhe!«
In der Tat haben wir uns lange
nicht mehr gesehen. Seit dem Frühsommer als ich Ferien hatte und wieder in die
Stadt kam um zu arbeiten.
Sie geht ums Taxi herum und
steigt auf der Beifahrerseite ein.
»Wo
darf ich Dich hinfahren?« frage ich.
»Zum
Rotkreuzplatz, bitte. Da ist ein Restaurant. Weiß nicht mehr wie es heißt, soll
aber direkt am Platz sein.«
»Wenn’s
nicht grad mit einen goldenen M
anfängt...«
»Ha?«
»Das
Jagdschlößl meinst Du wahrscheinlich!«
»Ja
genau! Erzähl, wo warst Du die letzten Monate seit dem Sommer?«
Ich fahre vom Stand weg, biege
links auf die Schleißheimer, fahre vor zur Ampel und biege wieder links ab auf
dem Ring.
»In
Schweden, Uppsala, bin ich jetzt« erzähle ich.
»Ich bin nur für ein paar Wochen hier um zu arbeiten und dann geht’s wieder
zurück. Im Juni komme ich wahrscheinlich wieder.«
»Ach
wie schön das Studentenleben doch ist!« seufzt
Inna. »Als Studentin kam ich auch viel rum. Man mag es kaum glauben, aber man
denkt, als Student ist man arm und kann sich nichts leisten, kann nicht in
Urlaub fahren, shoppen gehen, teure Autos besitzen, usw. Und freut sich auf das
Arbeitsleben danach, damit man all das machen kann, aber die Realität schaut
anders aus. Als ich dann mit dem Arbeiten anfing, hatte ich zwar ein festes
Gehalt, bin aber seltener ausgegangen und bin noch seltener verreist. Man ist
müde von der Arbeit, hat keine Lust irgendetwas zu unternehmen, hat andere
Sorgen und außerdem werden auf einmal alle so ernst, heiraten, kriegen Kinder
oder ziehen weg und man hat keinen mit dem man um die Häuser ziehen oder verreisen
könnte.«
Schaut ja richtig düster aus
meine Zukunft, denke ich mir. Aber das habe ich von anderen auch gehört dass es
so ist, und dass sich dann alle die Studentenzeit zurückwünschen.
Auch Saki hat diesbezüglich
diverse Theorien auf Lager. Da er Trauzeuge bei einem gemeinsamen Freund
spielen durfte, im Berufsleben steht und ein paar Jahre älter ist als ich,
glaube ich fast alles was er zu diesem Thema zu sagen hat. Er stellt den Leuten
immer wieder dieselbe Frage: Wozu heiraten? Ein paar Jahre später lässt man
sich meistens eh scheiden. Ohne Trauschein geht die Trennung einfacher
vonstatten.
Dank feiertäglichen
Schneetreibens und leeren Straßen kommen wir schnell voran. Am Platz der
Freiheit möchte ich rechts in die Leonrodstr. abbiegen als Inna laut aufschreit:
»Halt! Da
darf man nicht rechts!«
»Doch
Inna, DU darfst hier nicht abbiegen. Ich darf. Ich bin kein Normalsterblicher,
ich bin ein Taxi. Ich darf einiges!«
Kaum in der Leonrod, sagt sie: »Ach, da vorne ist es!«
Ich fahr noch rechts um die Kurve,
bremse, sie zahlt, drückt mir noch zwei Küsschen auf die Backen und
verschwindet ins Lokal.
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