Montag, 14. April 2014

Teil 31

Ich fahre die Dachauer einwärts am Puff vorbei, schaue rüber, da stehen gerade zwei Kollegen und laden ein, was ein gutes Zeichen ist. Das bedeutet es gehen Aufträge in der Gegend raus.  

Saki ist auch von den professionellen Damen begeistert. Da er in der Nähe eines Straßenstriches und ein paar Clubs wohnt, sieht er sie fast jeden Tag, bzw. Nacht wenn er von der U-Bahn oder Tramhaltestelle nach hause geht. Außerdem treffen sich die Damen an der nahen Tankstelle, wo sie sich stärken und ratschen. Wenn er nachts nicht schlafen kann oder es ihm langweilig ist oder er Lust verspürt mit jemandem eine nette Unterhaltung zu führen, geht er runter zur Tankstelle, kauft sich ein Bier und gesellt sich zu den Damen.

Ich fahre öfters Personal des horizontalen Gewerbes durch die Stadt und auch ich muss sagen, dass es meine liebsten Fahrgäste sind – nicht nur des Trinkgeldes wegen. Sie wissen sich zu benehmen und viele von denen haben um einiges mehr Hirn und Stil als die hohlen Weiber die aufgetakelt ins Prinzregentenstüberl gehen mit der Hoffnung sich einen reichen Mann zu angeln um nie mehr arbeiten zu müssen. Wenn die wüssten, dass die Männer die da reingehen genau solche Hohlköpfe sind wie sie und mit ihren angeblichen Reichtum und supertollen Jobs angeben nur um sich eine schöne Frau zu angeln! Vielleicht wissen die das sogar und gehen trotzdem oder auch deswegen hin.

Ich fahre ich weiter, biege in die Breslauer rechts ab und fahre im Zick-Zack durch die Baustelle vor zum Stand. Ich stelle mich als dritter hin. Dritter? Läuft der Stand so gut oder sind es gestrandete so wie ich? Auswärtsfahrt gehabt oder Stich in diese Gegend und jetzt hängen die in Moosach fest und kommen nicht mehr weg? Vielleicht haben sie es bereut nicht wieder zurück oder weitergefahren zu sein und fluchen jetzt.

So langsam bekomme ich Hunger und muss auch aufs Klo. Warum habe ich vorher nicht an der Tanke angehalten um auf Toilette zu gehen? Egal! Hoffentlich habe ich nachher eine Fahrt die in Richtung Zivilisation geht. Ich steige aus um mir die Beine zu vertreten, gehe ein paar Mal vor und zurück und steige wieder ein. Es schneit immer noch wie verrückt und ich habe mir fast die Italotreter ruiniert. Dass die Straßen noch befahrbar sind wundert mich. Mich wundert dass ich immer noch keinen Winterdienst gesehen habe. Ob die überhaupt raus fahren heute Nacht? Ich hole mir eine Zeitung aus dem Stapel und öffne sie um ein wenig darin zu lesen und auf andere Gedanken zu kommen. Ich lese einen Artikel drei Mal durch und kapiere immer noch nicht worum es geht. Bin doch nicht konzentriert genug um Zeitung zu lesen. Ich stelle sie zurück zu den anderen Zeitungen, stelle den Sitz nach hinten, schaue aus dem Fenster dem Schneetreiben und höre der Musik und dem Funk zu. Meine Gedanken kreisen sich um viele Dinge gleichzeitig und ich überlege ob es weise war zu arbeiten oder ob ich doch lieber im Pusser’s hätte bleiben und mich hoffnungslos betrinken sollen.

Mein Mobiltelefon vibriert und spielt die Melodie „Take Five“ vom Dave Brubeck Quartet. Eine Kurznachricht erreicht mich und lässt mein Herz höher schlagen. Ist es? Ist sie es? Ich schaue aufs Display und bin enttäuscht! »Ciao caro!« steht da, eine Nachricht von Max aus Italien, der mir Weihnachtsgrüße schickt. Er wünscht mir alles Liebe und Gute und ich soll nicht traurig sein, es wird schon wieder.

Max, den kleinwüchsigen Italiener mit Mafiosogrinsen bis zu den Ohren, habe ich vor ein paar Jahren in Albanien kennengelernt. Als ich vor England in Bologna / Italien studierte war ich mit einer Albanerin zusammen die zwei Brüder hat. Ich lernte alle drei gleichzeitig in ihrer Pizzeria kennen die in derselben Straße wie meine Wohnung war. Einer der beiden sollte an einem Sommer in Albanien heiraten und lud auch mich ein. Also flog ich mit damaliger Freundin zu ihrer Mutter nach Durrës. Am Tag nach meiner Ankunft kam Max an und wir waren uns vom ersten Augeblick an sympathisch. Der Fakt dass wir die einzigen Ausländer waren schweißte uns zusammen und so stellten wir alles auf den Kopf. Ich glaube die Familie war froh als wir nach etwa zwei Wochen wieder wegflogen.

Ich bin gerade dabei Max zu antworten als es am Beifahrerfenster klopft. Ich schaue verstört und halb abwesend zum Fenster und sehe wie ein junger Mann und eine junge Frau draußen stehen. Ich mache das Fenster runter und frage:

»Ja bitte?«                                                                            

»Sind Sie frei?«

»Schon, aber die zwei Kollegen vor mir auch.«

»Wir möchten nicht mit denen fahren, Du gefällst uns besser. Dürfen wir?«

Ich lächle geschmeichelt und sage denen dass sie einsteigen können. Beide steigen hinten ein. Sie setzt sich hinterm Fahrersitz und er hinterm Beifahrer. Als Fahrziel wird die Speyerer angegeben. Super! Denke ich mir. Zurück in die Zivilisation! Und nicht weit von der Esso in der Ungerer / Dietlinden. Endlich kann ich aufs Klo, was Essen und ein paar Kollegen sehen. Danke Oh Herr!

Ich fahre aus dem Stand raus und sehe wie mich die Kollegen grimmig anschauen. Meine Fahrgäste sehen es auch und fragen ob die jetzt richtig böse seien. Sollen sie doch, der Fahrgast ist König! Man muss nicht immer den ersten nehmen, man hat freie Auswahl. Wenn Dir das Auto oder die Visage des Ersten nicht gefällt, dann nimm halt den zweiten oder wen auch immer. Man kann auch den letzten nehmen, gerade bei Kurzfahrten. Somit entgeht man den Ersten unnötig zu ärgern und der Letzte freut sich dass er nach einer kurzen Standzeit wieder eine Fahrt hat.

Ich fahre auf die Bauberger und biege an der Ampel rechts auf die Dachauer. Die Turteltäubchen hinter mir fangen an sich zu küssen. Ich drehe die Musik lauter um deren Schmatzen und Liebkosungen nicht zu hören. Ab und zu schaue ich in den Rückspiegel um zu sehen was die Beiden machen. An der Ampel zum Wintrichring steht ein anderes Auto neben uns und deren Insassen starren in unsere Richtung. Ich schaue nur kurz zu denen rüber und dann wieder auf die Ampel. Als deren Ampel zum Geradeausfahren auf Grün schaltet und die immer noch da stehen schaue ich wieder zu denen rüber und deute auf deren grüne Ampel. Der Fahrer des Autos macht eine Handbewegung und gibt mir zu verstehen dass bei mir auf der Rückbank was los ist. Ich schaue kurz in den Rückspiegel und muss feststellen dass die Fahrgäste das Taxi als Bett missbrauchen. Die haben sich der Jacken entledigt und befummeln sich überall. Die Ampel springt auf grün und ich fahre los. Das andere Auto verfolgt uns und fährt neben uns her. Die nehmen ihre Handys raus und filmen und schießen Bilder wie die Paparazzi. Spinnen die? Haben die nie zwei Leute sich küssen und begrapschen gesehen? Ich versuche die abzuwimmeln aber die Ampeln sind gegen uns und wir erwischen eine rote Welle. Wer kommt auf die idiotische Idee nachts die Ampeln brennen zu lassen? Wozu diese Energieverschwendung? Für die paar Autos die nachts herumfahren? Tagsüber verstehe ich es, viel Verkehr der irgendwie geregelt werden muss, aber nachts? Der einzige Verkehr der stattfindet ist auf meiner Rückbank! So schaut’s aus! Apropos, sind die Beiden auf Drogen? Dass die sich trauen im Taxi zu fummeln? Haben die keine Scham? Haben Harry und Saki recht mit der Behauptung, dass die heutige Jugend keinen Anstand, kein Benehmen, keine Werte und keine Moral besitzt? Dass die der Untergang des Abendlandes sein wird wenn die mit zunehmendem Alter ihr Verhalten nicht ändert? Aber wie sollen die Jugendlichen ihr Verhalten ändern wenn die solch ein versautes Leben und Benehmen sogar von den „Stars“ im Fernsehen vorgelebt bekommen? All die „Adabeis“ und Möchtegernprominenten die nach Schlagzeilen und Medienpräsenz lechzen sind zu den Vorbildern der jungen Generation geworden. Saki meint dass der Untergang mit dem Privatfernsehen kam. Zuerst schleichend als willkommene Abwechslung zum damals eher faden und heutigen anspruchsvollen Programm der Öffentlich-Rechtlichen-Sen-der. Langsam gewöhnten wir uns an die Werbeblöcke und die halbnackten Weiber die in bunten Kostümen mit Gemüse und Früchtemotiven über den Bildschirm tanzten, an die Softpornos mit zweifelhaften Titeln (Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd, Wenn der Postmann zwei Mal klingelt, etc) zu später Stunde, an die halbseriösen Nachrichtensendungen, an den Klatschmagazinen, den Talkshows am Nachmittag und den ganzen Krawallshows wo sich die Kontrahenten an die Haare gingen. Damals wurden viele Formate belächelt und wenige wurden eingestellt, dafür kamen andere hirnrissige Formate wie Exhibitionismusfernsehen, Gerichtsshows, etc. Saki meint, das alles wird von der Politik sogar gewollt damit die Mehrheit der Menschen blöd wird, unterdurchschnittlich intelligent bleibt und sich nicht mit den wirklich wichtigen Themen befasst. Das Fernsehen als Opium fürs Volk sozusagen. Die Politiker begrüßen diese Entwicklung insgeheim und freuen sich dass es keine Massendemos mehr gibt wie in den 1960ern und 1970ern als allen voran die Studenten auf die Straßen gingen, lauthals protestierten und Regierungen zum Stürzen brachten. Vor ein paar Jahren hat die Regierung Studiengebühren einführen wollen und es später auch gemacht. Es wurden von einigen Studentenverbänden Demos veranstaltet aber die Beteiligung war so gering, da sie nicht der Rede wert war. Wacht auf Ihr Idioten! Ihr Volltrottel Ihr! Ihr werdet Eures Hirns beraubt, Eurer Identität, Eurer Zukunft! Schaltet die Glotze aus und Euer Hirn ein! Geht auf die Straße und befasst Euch mit den wirklich wichtigen Themen und nicht wer der nächste Dschungelkönig wird. Saki kann sich aber eine Welt voller intelligente und intellektuelle Menschen nicht vorstellen und meint, dass die Gemeinde, das System, das Land, so traurig es auch klingen mag, auch Schwachköpfe braucht und auf sie angewiesen ist. Als Beispiel nennt er eine Folge der Simpsons in der Lisa zusammen mit den anderen wenigen Intelligenten, allesamt MENSA-Mitglieder, das Zepter in die Hand nehmen, die Stadt regieren wollen, sich dann gründlich streiten und die Dummen wieder zum Zuge kommen.

Saki hat noch mehr Verschwörungstheorien auf Lager.

Die verhinderten Exhibitionisten und möchtegernpornostars machen auf der Rückbank munter weiter. Ich sage die ganze Zeit nichts um zu sehen wie weit sie gehen werden. Als wir Ecke Riesstraße sind spüre ich einen rhythmischen Schlag gegen meinen Fahrersitz. Ich schaue in den Rückspiegel und kann nichts erkennen. Dann schalte ich die Musik etwas leiser und höre wie sie stöhnt. Die treiben es wirklich! Was soll ich jetzt machen? Empört anhalten und die rauswerfen oder sie weiter poppen lassen und so tun als ob ich nichts mitbekomme? Als das Poltern gegen meine Rückenlehne stärker wird drehe ich mich kurz um und sage:

»Könntet ihr das ganze bitte auf die andere Seite verlagern weil das Poltern mich beim Fahren stört? Danke! Oh! Und bitte keine Spermaflecken aufs Leder!«

Die Beiden schauen mich geistesgegenwärtig an als ob sie einen Fremden im Schlafzimmer hätten, der ihnen bei der Aktion die ganze Zeit zuschauen würde, als ob bei einer Pornoproduktion der Regisseur aus dem Off sprechen würde, flüstern „Entschuldigung“ und verlagern das Ganze auf die andere Seite.

Das andere Auto verfolgt uns immer noch aber in der Lerchenauer wird’s einspurig und somit geben die entnervt auf.

Ich fahre zügig die Straße runter, erwische die grüne Ampel an der Einmündung zur Schleißheimer und noch dazu die Nächste an der Karl-Theodor wo ich scharf links abbiege sodass die Beiden sich erschrecken. Der Schrecken währt nicht lange und sie geben sich ihrer Tätigkeit wieder hin. Ich fahre über die Belgrad und dann die leichte Linkskurve bis zum Bonner Platz, biege links in die Bonnerstraße und scharf rechts in die Speyerer. Dann trete ich in die Eisen, das Auto schlittert ein wenig, ich drehe die Musik leiser und sage: Wir sind da! Sie schauen erschrocken nach vorne und aus dem Fenster und versuchen zu erkennen wo wir uns gerade befinden. Erst nach kurzer Zeit merken die dass wir vor deren Haustür stehen. Sie ziehen sich langsam an, bezahlen mich in der Zwischenzeit, geben ein sehr gutes Trinkgeld, entschuldigen sich fürs Benehmen, erröten und sind sichtlich beschämt, steigen aus und entschuldigen sich noch mal, hauen die Tür zu und weg sind sie. Oh Mann! Wenn ich das Morgen Saki erzähle, wird er auf mich schimpfen warum ich es gewährt habe, es geschehen lassen konnte und sie nicht getadelt und womöglich rausgeworfen habe. Danach wird sicher ein endloser Monolog über den Untergang des Abendlandes und die düstere Zukunft dieses Landes folgen. Was soll’s! Die haben mir nichts Böses getan, sollen die doch ihren Spaß haben. Trinkgeld war auch in Ordnung. Solche Fahrgäste sollte es öfters geben. Ich möchte mir eine anzünden und merke dass ich die letzte Kippe schon geraucht habe. Gut dass die Tanke hier in der Nähe ist!


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