Saki
ist auch von den professionellen Damen begeistert. Da er in der Nähe eines
Straßenstriches und ein paar Clubs wohnt, sieht er sie fast jeden Tag, bzw.
Nacht wenn er von der U-Bahn oder Tramhaltestelle nach hause geht. Außerdem
treffen sich die Damen an der nahen Tankstelle, wo sie sich stärken und
ratschen. Wenn er nachts nicht schlafen kann oder es ihm langweilig ist oder er
Lust verspürt mit jemandem eine nette Unterhaltung zu führen, geht er runter
zur Tankstelle, kauft sich ein Bier und gesellt sich zu den Damen.
Ich
fahre öfters Personal des horizontalen Gewerbes durch die Stadt und auch ich
muss sagen, dass es meine liebsten Fahrgäste sind – nicht nur des Trinkgeldes
wegen. Sie wissen sich zu benehmen und viele von denen haben um einiges mehr
Hirn und Stil als die hohlen Weiber die aufgetakelt ins Prinzregentenstüberl
gehen mit der Hoffnung sich einen reichen Mann zu angeln um nie mehr arbeiten
zu müssen. Wenn die wüssten, dass die Männer die da reingehen genau solche
Hohlköpfe sind wie sie und mit ihren angeblichen Reichtum und supertollen Jobs
angeben nur um sich eine schöne Frau zu angeln! Vielleicht wissen die das sogar
und gehen trotzdem oder auch deswegen hin.
Ich
fahre ich weiter, biege in die Breslauer rechts ab und fahre im Zick-Zack durch
die Baustelle vor zum Stand. Ich stelle mich als dritter hin. Dritter? Läuft
der Stand so gut oder sind es gestrandete so wie ich? Auswärtsfahrt gehabt oder
Stich in diese Gegend und jetzt hängen die in Moosach fest und kommen nicht
mehr weg? Vielleicht haben sie es bereut nicht wieder zurück oder weitergefahren
zu sein und fluchen jetzt.
So
langsam bekomme ich Hunger und muss auch aufs Klo. Warum habe ich vorher nicht
an der Tanke angehalten um auf Toilette zu gehen? Egal! Hoffentlich habe ich
nachher eine Fahrt die in Richtung Zivilisation geht. Ich steige aus um mir die
Beine zu vertreten, gehe ein paar Mal vor und zurück und steige wieder ein. Es schneit
immer noch wie verrückt und ich habe mir fast die Italotreter ruiniert. Dass
die Straßen noch befahrbar sind wundert mich. Mich wundert dass ich immer noch
keinen Winterdienst gesehen habe. Ob die überhaupt raus fahren heute Nacht? Ich
hole mir eine Zeitung aus dem Stapel und öffne sie um ein wenig darin zu lesen
und auf andere Gedanken zu kommen. Ich lese einen Artikel drei Mal durch und
kapiere immer noch nicht worum es geht. Bin doch nicht konzentriert genug um
Zeitung zu lesen. Ich stelle sie zurück zu den anderen Zeitungen, stelle den
Sitz nach hinten, schaue aus dem Fenster dem Schneetreiben und höre der Musik
und dem Funk zu. Meine Gedanken kreisen sich um viele Dinge gleichzeitig und
ich überlege ob es weise war zu arbeiten oder ob ich doch lieber im Pusser’s
hätte bleiben und mich hoffnungslos betrinken sollen.
Mein
Mobiltelefon vibriert und spielt die Melodie „Take Five“ vom Dave Brubeck
Quartet. Eine Kurznachricht erreicht mich und lässt mein Herz höher schlagen.
Ist es? Ist sie es? Ich schaue aufs Display und bin enttäuscht! »Ciao caro!«
steht da, eine Nachricht von Max aus Italien, der mir Weihnachtsgrüße schickt. Er
wünscht mir alles Liebe und Gute und ich soll nicht traurig sein, es wird schon
wieder.
Max,
den kleinwüchsigen Italiener mit Mafiosogrinsen bis zu den Ohren, habe ich vor
ein paar Jahren in Albanien kennengelernt. Als ich vor England in Bologna /
Italien studierte war ich mit einer Albanerin zusammen die zwei Brüder hat. Ich
lernte alle drei gleichzeitig in ihrer Pizzeria kennen die in derselben Straße
wie meine Wohnung war. Einer der beiden sollte an einem Sommer in Albanien
heiraten und lud auch mich ein. Also flog ich mit damaliger Freundin zu ihrer
Mutter nach Durrës. Am Tag nach meiner Ankunft kam Max an und wir waren uns vom
ersten Augeblick an sympathisch. Der Fakt dass wir die einzigen Ausländer waren
schweißte uns zusammen und so stellten wir alles auf den Kopf. Ich glaube die
Familie war froh als wir nach etwa zwei Wochen wieder wegflogen.
Ich bin
gerade dabei Max zu antworten als es am Beifahrerfenster klopft. Ich schaue
verstört und halb abwesend zum Fenster und sehe wie ein junger Mann und eine
junge Frau draußen stehen. Ich mache das Fenster runter und frage:
»Ja
bitte?«
»Sind
Sie frei?«
»Schon,
aber die zwei Kollegen vor mir auch.«
»Wir
möchten nicht mit denen fahren, Du gefällst uns besser. Dürfen wir?«
Ich
lächle geschmeichelt und sage denen dass sie einsteigen können. Beide steigen
hinten ein. Sie setzt sich hinterm Fahrersitz und er hinterm Beifahrer. Als
Fahrziel wird die Speyerer angegeben. Super! Denke ich mir. Zurück in die Zivilisation!
Und nicht weit von der Esso in der Ungerer / Dietlinden. Endlich kann ich aufs
Klo, was Essen und ein paar Kollegen sehen. Danke Oh Herr!
Ich
fahre aus dem Stand raus und sehe wie mich die Kollegen grimmig anschauen.
Meine Fahrgäste sehen es auch und fragen ob die jetzt richtig böse seien.
Sollen sie doch, der Fahrgast ist König! Man muss nicht immer den ersten nehmen,
man hat freie Auswahl. Wenn Dir das Auto oder die Visage des Ersten nicht
gefällt, dann nimm halt den zweiten oder wen auch immer. Man kann auch den
letzten nehmen, gerade bei Kurzfahrten. Somit entgeht man den Ersten unnötig zu
ärgern und der Letzte freut sich dass er nach einer kurzen Standzeit wieder
eine Fahrt hat.
Ich
fahre auf die Bauberger und biege an der Ampel rechts auf die Dachauer. Die
Turteltäubchen hinter mir fangen an sich zu küssen. Ich drehe die Musik lauter
um deren Schmatzen und Liebkosungen nicht zu hören. Ab und zu schaue ich in den
Rückspiegel um zu sehen was die Beiden machen. An der Ampel zum Wintrichring
steht ein anderes Auto neben uns und deren Insassen starren in unsere Richtung.
Ich schaue nur kurz zu denen rüber und dann wieder auf die Ampel. Als deren
Ampel zum Geradeausfahren auf Grün schaltet und die immer noch da stehen schaue
ich wieder zu denen rüber und deute auf deren grüne Ampel. Der Fahrer des Autos
macht eine Handbewegung und gibt mir zu verstehen dass bei mir auf der Rückbank
was los ist. Ich schaue kurz in den Rückspiegel und muss feststellen dass die
Fahrgäste das Taxi als Bett missbrauchen. Die haben sich der Jacken entledigt
und befummeln sich überall. Die Ampel springt auf grün und ich fahre los. Das
andere Auto verfolgt uns und fährt neben uns her. Die nehmen ihre Handys raus
und filmen und schießen Bilder wie die Paparazzi. Spinnen die? Haben die nie
zwei Leute sich küssen und begrapschen gesehen? Ich versuche die abzuwimmeln
aber die Ampeln sind gegen uns und wir erwischen eine rote Welle. Wer kommt auf
die idiotische Idee nachts die Ampeln brennen zu lassen? Wozu diese
Energieverschwendung? Für die paar Autos die nachts herumfahren? Tagsüber
verstehe ich es, viel Verkehr der irgendwie geregelt werden muss, aber nachts?
Der einzige Verkehr der stattfindet ist auf meiner Rückbank! So schaut’s aus!
Apropos, sind die Beiden auf Drogen? Dass die sich trauen im Taxi zu fummeln?
Haben die keine Scham? Haben Harry und Saki recht mit der Behauptung, dass die
heutige Jugend keinen Anstand, kein Benehmen, keine Werte und keine Moral besitzt?
Dass die der Untergang des Abendlandes sein wird wenn die mit zunehmendem Alter
ihr Verhalten nicht ändert? Aber wie sollen die Jugendlichen ihr Verhalten
ändern wenn die solch ein versautes Leben und Benehmen sogar von den „Stars“ im
Fernsehen vorgelebt bekommen? All die „Adabeis“ und Möchtegernprominenten die
nach Schlagzeilen und Medienpräsenz lechzen sind zu den Vorbildern der jungen Generation
geworden. Saki meint dass der Untergang mit dem Privatfernsehen kam. Zuerst
schleichend als willkommene Abwechslung zum damals eher faden und heutigen anspruchsvollen
Programm der Öffentlich-Rechtlichen-Sen-der. Langsam gewöhnten wir uns an die
Werbeblöcke und die halbnackten Weiber die in bunten Kostümen mit Gemüse und
Früchtemotiven über den Bildschirm tanzten, an die Softpornos mit zweifelhaften
Titeln (Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd, Wenn der Postmann zwei Mal klingelt,
etc) zu später Stunde, an die halbseriösen Nachrichtensendungen, an den
Klatschmagazinen, den Talkshows am Nachmittag und den ganzen Krawallshows wo
sich die Kontrahenten an die Haare gingen. Damals wurden viele Formate belächelt
und wenige wurden eingestellt, dafür kamen andere hirnrissige Formate wie
Exhibitionismusfernsehen, Gerichtsshows, etc. Saki meint, das alles wird von
der Politik sogar gewollt damit die Mehrheit der Menschen blöd wird, unterdurchschnittlich
intelligent bleibt und sich nicht mit den wirklich wichtigen Themen befasst.
Das Fernsehen als Opium fürs Volk sozusagen. Die Politiker begrüßen diese
Entwicklung insgeheim und freuen sich dass es keine Massendemos mehr gibt wie
in den 1960ern und 1970ern als allen voran die Studenten auf die Straßen gingen,
lauthals protestierten und Regierungen zum Stürzen brachten. Vor ein paar
Jahren hat die Regierung Studiengebühren einführen wollen und es später auch
gemacht. Es wurden von einigen Studentenverbänden Demos veranstaltet aber die
Beteiligung war so gering, da sie nicht der Rede wert war. Wacht auf Ihr
Idioten! Ihr Volltrottel Ihr! Ihr werdet Eures Hirns beraubt, Eurer Identität,
Eurer Zukunft! Schaltet die Glotze aus und Euer Hirn ein! Geht auf die Straße
und befasst Euch mit den wirklich wichtigen Themen und nicht wer der nächste
Dschungelkönig wird. Saki kann sich aber eine Welt voller intelligente und
intellektuelle Menschen nicht vorstellen und meint, dass die Gemeinde, das
System, das Land, so traurig es auch klingen mag, auch Schwachköpfe braucht und
auf sie angewiesen ist. Als Beispiel nennt er eine Folge der Simpsons in der
Lisa zusammen mit den anderen wenigen Intelligenten, allesamt MENSA-Mitglieder,
das Zepter in die Hand nehmen, die Stadt regieren wollen, sich dann gründlich
streiten und die Dummen wieder zum Zuge kommen.
Saki
hat noch mehr Verschwörungstheorien auf Lager.
Die
verhinderten Exhibitionisten und möchtegernpornostars machen auf der Rückbank
munter weiter. Ich sage die ganze Zeit nichts um zu sehen wie weit sie gehen
werden. Als wir Ecke Riesstraße sind spüre ich einen rhythmischen Schlag gegen
meinen Fahrersitz. Ich schaue in den Rückspiegel und kann nichts erkennen. Dann
schalte ich die Musik etwas leiser und höre wie sie stöhnt. Die treiben es
wirklich! Was soll ich jetzt machen? Empört anhalten und die rauswerfen oder sie
weiter poppen lassen und so tun als ob ich nichts mitbekomme? Als das Poltern
gegen meine Rückenlehne stärker wird drehe ich mich kurz um und sage:
»Könntet
ihr das ganze bitte auf die andere Seite verlagern weil das Poltern mich beim
Fahren stört? Danke! Oh! Und bitte keine Spermaflecken aufs Leder!«
Die
Beiden schauen mich geistesgegenwärtig an als ob sie einen Fremden im
Schlafzimmer hätten, der ihnen bei der Aktion die ganze Zeit zuschauen würde,
als ob bei einer Pornoproduktion der Regisseur aus dem Off sprechen würde, flüstern
„Entschuldigung“ und verlagern das Ganze auf die andere Seite.
Das
andere Auto verfolgt uns immer noch aber in der Lerchenauer wird’s einspurig
und somit geben die entnervt auf.
Ich
fahre zügig die Straße runter, erwische die grüne Ampel an der Einmündung zur
Schleißheimer und noch dazu die Nächste an der Karl-Theodor wo ich scharf links
abbiege sodass die Beiden sich erschrecken. Der Schrecken währt nicht lange und
sie geben sich ihrer Tätigkeit wieder hin. Ich fahre über die Belgrad und dann
die leichte Linkskurve bis zum Bonner Platz, biege links in die Bonnerstraße
und scharf rechts in die Speyerer. Dann trete ich in die Eisen, das Auto
schlittert ein wenig, ich drehe die Musik leiser und sage: Wir sind da! Sie
schauen erschrocken nach vorne und aus dem Fenster und versuchen zu erkennen wo
wir uns gerade befinden. Erst nach kurzer Zeit merken die dass wir vor deren
Haustür stehen. Sie ziehen sich langsam an, bezahlen mich in der Zwischenzeit,
geben ein sehr gutes Trinkgeld, entschuldigen sich fürs Benehmen, erröten und
sind sichtlich beschämt, steigen aus und entschuldigen sich noch mal, hauen die
Tür zu und weg sind sie. Oh Mann! Wenn ich das Morgen Saki erzähle, wird er auf
mich schimpfen warum ich es gewährt habe, es geschehen lassen konnte und sie
nicht getadelt und womöglich rausgeworfen habe. Danach wird sicher ein endloser
Monolog über den Untergang des Abendlandes und die düstere Zukunft dieses
Landes folgen. Was soll’s! Die haben mir nichts Böses getan, sollen die doch
ihren Spaß haben. Trinkgeld war auch in Ordnung. Solche Fahrgäste sollte es
öfters geben. Ich möchte mir eine anzünden und merke dass ich die letzte Kippe
schon geraucht habe. Gut dass die Tanke hier in der Nähe ist!
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