Sonntag, 13. April 2014

Teil 5



Herr Hartler verabschiedet sich bei mir und geht nach Hause.
Ich gehe zum Taxi und packe erst mal meine Sachen aus. Zuerst schalte ich das Funkgerät ein und dann stopfe ich die Zeitungen in die Spalte zwischen dem Fahrersitz und der Mittelkonsole, die CD’s und die Stadtpläne lege ich in den Kasten in der Mittelkonsole, verstaue ein paar Flaschen Bier ins Fach der Fahrertür und die Magazine ins Handschuhfach. Dann schalte ich die Reklame, was im Taxijargon nichts anderes als das gelbe Taxischild ist, auf dem Dach ein, stelle den Sitz und die Spiegel in Position, schalte den Motor ein und lese die Daten auf dem Taxameter, um zu sehen, ob sie mit den Daten auf dem Abrechnungszettel übereinstimmen. Danach steige ich aus und lege den Rucksack mit den übrigen Sixpacks und die Piccolos in den Kofferraum.
Während dieser ganzen Zeit spüre ich, wie die zwei Tankwarte mich beobachten. Ich tue so, als ob ich sie nicht bemerke. Die beiden sind zwei komische Gestalten. Der eine ist groß gewachsen mit Halbglatze und dünn gebaut, der andere ist so ein laufender Meter mit Glatze. Ein Ossi und ein Wessi. Torsten und Karsten. Ich weiß nur nicht, wer wer ist. Ist ja auch egal. Selten so dumme Menschen gesehen wie die beiden. Nichts in der Birne und äußerst rechts gesinnt. Wir alle fragen uns, wie Frau Wischmann, die Tankstellenbesitzerin, die beiden einstellen konnte. Gab’s denn kein Vorstellungsgespräch? Ist es ihr denn total egal, was mit der Tanke passiert? Die beiden führen sich auf wie Diktatoren oder Türsteher eines Nobellokals. Ab und zu machen sie Gesichtskontrolle und schmeißen Leute raus, bevorzugt Obdachlose.
Uwe, der ein paar Tage die Woche dort in der Nachtschicht arbeitet, meinte mal: BP – Brandenburg Petrol! Die Ossi-Tankstelle! So einen Banner sollten wir mal zum Spaß mitten in der Nacht aufhängen, um zu sehen wie die Leute reagieren. Die rennen uns garantiert die Bude ein. Wenn auch noch der Tankwart sächselt, ein Trabbi vor der Tür parkt und Puhdys aus den Lautsprechern zu hören sind, wird der Laden brummen und Frau Wischmann steinreich.
Beim raus fahren bemerke ich zwei Sachen. Auf Kanal 1 habe ich die ganze Zeit nichts gehört, worauf ich auf K3 umschalte. Aber auch auf diesem Kanal herrscht tote Hose. K4 ist auch ruhig. Was ist heute los? Stehe ich im Funkloch? Ist mein Gerät kaputt? Streikt die Zentrale oder ist nichts los? Ich schalte um zu den Quatschkanälen 5 und 6, da muss was los sein. Nein, Fehlanzeige. Keiner quatscht. Ich schalte wieder auf 1. Nach ein paar Sekunden nehme ich das Mikro in die Hand und frage, wo denn gearbeitet wird. Der Zentralist, es ist Kollege Sigi – die vielleicht schönste Stimme des Äthers – antwortet auf 1 aber es sei halt sehr ruhig. Da bin ich ja beruhigt. Bloß keine Hektik so früh am Tage. Früh ist gut. Mittlerweile ist es 15:30 Uhr. Wie ging der Spruch noch mal? Guten Abend sehr geehrte Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten. Genau so und nicht anders.
Die andere Sache, die ich bemerke ist, dass der pinkfarbene Fiat Panda vom Jiri bei den Staubsaugern parkt, aber von ihm jede Spur fehlt. Der arbeitet doch jedes Jahr zu Weihnachten. Jiri, der eigentlich Jeremias heißt, ist Tscheche, nicht verheiratet, hat keine Kinder, kommt aus Bamberg und lebt seit kurzer Zeit in der Stadt. Er kam wegen der Arbeit. Er soll mal Geschäftsführer werden. Das haben ihm jedenfalls die beiden Glatzen versprochen. Dazu wird’s aber nicht kommen, denn eines Tages, wenn die Archäologen nebenan mit den Ausgrabungen fertig sind, wird das Gebäude dem Erdboden gleichgemacht und ein neuer Komplex mit Läden, Büros und Luxuswohnungen wird entstehen. Er aber, dumm und naiv wie er ist, hat’s ihnen geglaubt und ist jetzt Mädchen für alles. Jiri ist immer da. Er ist die deutsche Antwort auf Apu Nahasapeemapetilon von den Simpsons. Er kommt frühmorgens und geht irgendwann mal weit nach Mitternacht. Er arbeitet an Sonn- und Feiertagen. Wenn mal einer krank wird, springt er ein. Einmal hat er drei Tage und Nächte ununterbrochen gearbeitet. Nur durch den Laden fliegen wie Apu, das hat er noch nicht geschafft. Nicht nur lässt er sich alles von den Glatzen gefallen, auch er ist rechts gesinnt. Irgendwann mal kamen von ihm ausländerfeindliche Sprüche, worauf ihn Uwe tadelte: »Was ist los Jiri? Du bist doch selber Ausländer!« Dann war er wieder ganz still. Begründen konnte er nicht was er da von sich gab. 

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