Herr
Hartler verabschiedet sich bei mir und geht nach Hause.
Ich
gehe zum Taxi und packe erst mal meine Sachen aus. Zuerst schalte ich das
Funkgerät ein und dann stopfe ich die Zeitungen in die Spalte zwischen dem
Fahrersitz und der Mittelkonsole, die CD’s und die Stadtpläne lege ich in den
Kasten in der Mittelkonsole, verstaue ein paar Flaschen Bier ins Fach der Fahrertür
und die Magazine ins Handschuhfach. Dann schalte ich die Reklame, was im
Taxijargon nichts anderes als das gelbe Taxischild ist, auf dem Dach ein,
stelle den Sitz und die Spiegel in Position, schalte den Motor ein und lese die
Daten auf dem Taxameter, um zu sehen, ob sie mit den Daten auf dem Abrechnungszettel
übereinstimmen. Danach steige ich aus und lege den Rucksack mit den übrigen Sixpacks
und die Piccolos in den Kofferraum.
Während
dieser ganzen Zeit spüre ich, wie die zwei Tankwarte mich beobachten. Ich tue
so, als ob ich sie nicht bemerke. Die beiden sind zwei komische Gestalten. Der
eine ist groß gewachsen mit Halbglatze und dünn gebaut, der andere ist so ein
laufender Meter mit Glatze. Ein Ossi und ein Wessi. Torsten und Karsten. Ich
weiß nur nicht, wer wer ist. Ist ja auch egal. Selten so dumme Menschen gesehen
wie die beiden. Nichts in der Birne und äußerst rechts gesinnt. Wir alle fragen
uns, wie Frau Wischmann, die Tankstellenbesitzerin, die beiden einstellen
konnte. Gab’s denn kein Vorstellungsgespräch? Ist es ihr denn total egal, was
mit der Tanke passiert? Die beiden führen sich auf wie Diktatoren oder
Türsteher eines Nobellokals. Ab und zu machen sie Gesichtskontrolle und
schmeißen Leute raus, bevorzugt Obdachlose.
Uwe,
der ein paar Tage die Woche dort in der Nachtschicht arbeitet, meinte mal: BP –
Brandenburg Petrol! Die Ossi-Tankstelle! So einen Banner sollten wir mal zum
Spaß mitten in der Nacht aufhängen, um zu sehen wie die Leute reagieren. Die
rennen uns garantiert die Bude ein. Wenn auch noch der Tankwart sächselt, ein
Trabbi vor der Tür parkt und Puhdys aus den Lautsprechern zu hören sind, wird
der Laden brummen und Frau Wischmann steinreich.
Beim raus
fahren bemerke ich zwei Sachen. Auf Kanal 1 habe ich die ganze Zeit nichts
gehört, worauf ich auf K3 umschalte. Aber auch auf diesem Kanal herrscht tote
Hose. K4 ist auch ruhig. Was ist heute los? Stehe ich im Funkloch? Ist mein
Gerät kaputt? Streikt die Zentrale oder ist nichts los? Ich schalte um zu den
Quatschkanälen 5 und 6, da muss was los sein. Nein, Fehlanzeige. Keiner
quatscht. Ich schalte wieder auf 1. Nach ein paar Sekunden nehme ich das Mikro
in die Hand und frage, wo denn gearbeitet wird. Der Zentralist, es ist Kollege
Sigi – die vielleicht schönste Stimme des Äthers – antwortet auf 1 aber es sei halt
sehr ruhig. Da bin ich ja beruhigt. Bloß keine Hektik so früh am Tage. Früh ist
gut. Mittlerweile ist es 15:30 Uhr. Wie ging der Spruch noch mal? Guten Abend
sehr geehrte Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten. Genau so und nicht
anders.
Die
andere Sache, die ich bemerke ist, dass der pinkfarbene Fiat Panda vom Jiri bei
den Staubsaugern parkt, aber von ihm jede Spur fehlt. Der arbeitet doch jedes
Jahr zu Weihnachten. Jiri, der eigentlich Jeremias heißt, ist Tscheche, nicht
verheiratet, hat keine Kinder, kommt aus Bamberg und lebt seit kurzer Zeit in
der Stadt. Er kam wegen der Arbeit. Er soll mal Geschäftsführer werden. Das
haben ihm jedenfalls die beiden Glatzen versprochen. Dazu wird’s aber nicht
kommen, denn eines Tages, wenn die Archäologen nebenan mit den Ausgrabungen
fertig sind, wird das Gebäude dem Erdboden gleichgemacht und ein neuer Komplex
mit Läden, Büros und Luxuswohnungen wird entstehen. Er aber, dumm und naiv wie
er ist, hat’s ihnen geglaubt und ist jetzt Mädchen für alles. Jiri ist immer
da. Er ist die deutsche Antwort auf Apu Nahasapeemapetilon von den Simpsons. Er
kommt frühmorgens und geht irgendwann mal weit nach Mitternacht. Er arbeitet an
Sonn- und Feiertagen. Wenn mal einer krank wird, springt er ein. Einmal hat er
drei Tage und Nächte ununterbrochen gearbeitet. Nur durch den Laden fliegen wie
Apu, das hat er noch nicht geschafft. Nicht nur lässt er sich alles von den
Glatzen gefallen, auch er ist rechts gesinnt. Irgendwann mal kamen von ihm
ausländerfeindliche Sprüche, worauf ihn Uwe tadelte: »Was ist los Jiri? Du bist
doch selber Ausländer!« Dann war er wieder ganz still. Begründen konnte er
nicht was er da von sich gab.
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