Sonntag, 13. April 2014

Teil 7


Dann schaue ich kurz nach vorne und sehe, dass dort sehr viele Leute warten und es weit und breit kein freies Taxi gibt. Also fahre ich brav bis zum Ersten vor und steige aus. Es sind drei Frauen und ein Mann, alle so um die 35, und sie haben fünf Koffer dabei. Ich grüße sie, schnappe mir schnell das Gepäck und verstaue es im Kofferraum. Dann frage ich, wo es denn hingehen soll. Eine der Frauen kramt in ihrer Tasche herum, holt ein Filofax raus, sucht ewig darin, ich und die anderen in der Schlange werden so langsam ungeduldig, und sagt schließlich „Maritim“. Ich schaue sie an und frage:

»Das Maritim in der Goethestraße?«

»Ja genau das!« antwortet die Dame.

»Sie wissen schon, dass es gleich da vorne ist?«

»Wie, da vorne? Wo vorne?«

»Einfach hier über die Kreuzung und gleich hinterm U-Bahnschild links. Das vierte Haus, Nummer 7. Sie können sich das Geld sparen und locker zu Fuß gehen.«

Dann fange ich an, die Koffer aus dem Kofferraum zu nehmen, worauf mich eine der Frauen fragt:

»Was machen Sie da? Fahren Sie uns denn nicht?«

»Gnädige Frau, es sind nur ein paar Meter, Sie brauchen wirklich kein Taxi!«

»Wo sagten Sie, soll das Hotel sein?«

»Also noch mal zum mitschreiben. Hier über die Kreuzung, hinterm U-Bahnschild links, das vierte Haus, Nummer 7. Da steht’s in großer blauer Schrift und der Eingang ist im Innenhof.«

Meint dann der Mann: »Wenn das so ist, können wir dorthin auch zu Fuß gehen.«

»Sehe ich genauso«, sage ich und nehme einen weiteren Koffer aus dem Kofferraum.

In der Zwischenzeit wird die Schlange immer länger und die Leute nervöser.

»Was zum Teufel ist da vorne los?« schreit jemand von hinten. »Nehmen Sie jetzt das verdammte Taxi oder wollen Sie ewig rumdiskutieren?«

Ich nehme noch einen Koffer aus dem Kofferraum, während sich die Frauen mit dem Mann unterhalten.

»Hugo, sag ihm was! Er soll uns gefälligst fahren. Er verarscht uns sicher und es ist weiter weg als er sagt.«

Ich schaue den Mann an, er zuckt nur mit der Schulter und sagt nichts. Klarer Fall von einer Lusche die von ihrer Frau beherrscht und unterdrückt wird.

Dann meint eine der Frauen, dass sie gefahren werden möchten, schließlich schneit es wie verrückt und ich könne sie nicht einfach so im Schneegestöber stehen lassen.

Nun packe ich die Koffer wieder in den Kofferraum, während die Herrschaften einsteigen. Ich setze mich hinters Steuer, schalte den Motor und das Taxameter ein und drücke die Zuschläge drauf, schaue kurz links und rechts, gebe schnell Gas, worauf die Hinterräder durchdrehen und das Heck kurz nach rechts und dann nach links ausschwenkt, fahre über die Kreuzung, biege hinterm U-Bahnschild scharf links und fahre in den Innenhof bis vorm Hoteleingang, stoppe die Uhr und sage: »So das war’s, das macht 5,60 Euro.«

»So teuer?« fragt eine der Frauen.

»Ja! 2,90 ist der Grundtarif, 2,50 sind die Zuschläge, fünfzig Cent für jedes Gepäckstück, und 20 Cent für die Fahrt für die knapp hundert Meter. Ich habe Ihnen schon vorher gesagt, dass Sie sich das Geld hätten locker sparen können, Sie wollten aber nicht auf mich hören. Das haben Sie nun davon! Also, 5,60 Euro!«

Ich schaue kurz zum Mann und sehe, wie er lächelt. Eine der Damen gibt mir genau 5,60 und verlangt eine Quittung.

»Trinkgeld gibt’s keins?«

»Werden Sie nicht unverschämt junger Mann!«

Ich mache von innen den Kofferraumdeckel auf. Während Hugo und zwei Damen aussteigen, schreibe ich schnell die Quittung. Dann steigen die Dame und ich aus und gehen nach hinten. Als ich den Kofferraumdeckel schließen möchte sehe ich, wie alle vier neben dem Taxi stehen und der Kofferraum noch voll ist. Ich sage »Bitte!« und zeige mit der Hand auf die Koffer.

»Wie bitte? Wir sollen das selber machen? Gibt es hier keinen Service?«

»Ohne Trinkgeld kein Service! So einfach ist das! Und außerdem hab ich’s mit’m Kreuz« sage ich und füge noch hinzu: »Diese Scheißjugend von heute! Früher hätt’s des ned gegeben!« zwinkere dem Mann zu, worauf wir beide anfangen zu lachen und sehen den Damen zu wie sie das Gepäck ausladen.

»Schönen Abend die Herrschaften! Bis zum nächsten Mal!«

»Es wird kein nächstes Mal geben!« giftet eine der Frauen, ohne sich zu mir umzudrehen.

»Hoffe ich doch schwer!« rufe ich ihr zu, zünde mir eine an und halte die Packung Hugo entgegen. Er nimmt sich eine, zündet sie an und nimmt ein paar Züge. Da dreht sich eine der Frauen um und schreit ihm entgegen: »Hugo Du rauchst? Seit wann das denn?« Er sagt nichts, nimmt noch einen tiefen Zug, wirft die Kippe in den Aschenbecher neben dem Eingang und verschwindet durch die Drehtür in die Hotellobby.

Ich steige wieder ein, fahre rückwärts auf die Goethestraße raus um mir die Runde um den ganzen Block zu ersparen, mit Ziel wieder der Südbau. So langsam macht sich das Gefühl breit, dass ich nicht aus der Bahnhofsgegend rauskommen werde. Aber egal, was beschwere ich mich? Solange da noch Leute rumstehen und der Laden brummt... Außerdem heben diese Kurzstiche zur Freude meines Bosses den Kilometerschnitt.

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