Sonntag, 13. April 2014

Teil 27



Ich stelle mich am Promenadestand in der Reserve hin, öffne eine Zeitung, lehne mich zurück und höre dem Funk zu. Der Zentralist schreit immer noch wie verrückt die Aufträge raus. Wahnsinn wie das Geschäft perlt. Seit stunden geht es wild zu auf dem Kanal. Dass der Kollege keine Halsschmerzen vom vielen und hastigen Reden bekommt grenzt an ein Wunder!
»Kristall! Schwabenbächl! Steht da wer? Für Dachau! Für Dachau!«
»3654 Allacher Bahnhof Erster!«
»3654 Dachau weiter!«
»Weiter!«
»Laimer Bahnhof geht zwei Mal! Sanatorium geht a ein Mal! Ostbahnhof ist mehrmals! Pasinger Bahnhof und Süd und Nordbau sind anzufahren! Lochhausen! Steht jemand am Lochhausenstand? Limes! Für Gröbenzell! Für Gröbenzell!«
»100 in der Altenburg!«
»100 Gröbenzell weiter!«
»Weiter und danke!«
»Englschalkinger! Sheraton! Arabella!«
»1532 Arabella erster!«
»1532 Zum Bogenhausener Klinikum, Herr Brückner an der Pforte!«
»Brückner, Pforte!«
»Geiselgasteig! Authari! Für die Filmstudios!«
»333 in der Linden!«
»333 Frau Weißmüller an der Pforte!«
»Weißmüller, Danke!«
Nach ein paar Minuten bewegt sich hier immer noch nichts. Mein Blick schweift rüber zum Hauptstand und zum Eingang. Dort bleibt er für eine Weile hängen. Mein Handy vibriert schon wieder und es ertönt ‚Light my Fire’ von ‚The Doors’. Es ist Heike. Heike kenne ich seit langer Zeit. Sie war mal mit meinem Kumpel Enrico zusammen. Damals konnte ich sie nicht ausstehen und auch sie konnte mich nicht besonders leiden. Mit der Zeit aber besserte sich unser Verhältnis und mittlerweile sind wir eng miteinander befreundet und haben beide keinen Kontakt zu Enrico. Sie möchte wissen wie sie zur Waldeslust kommt. Als ich ihr den Weg erkläre, klingelt mein zweites Handy und Nina ist dran. Sie habe ich durch Heike kennengelernt. Heike wollte uns beide verkuppeln, aber ich war damals ein Idiot und störte mich daran dass Nina noch nicht 16 während ich schon 18 war. Nina gefiel mir damals sehr, aber ihr Alter von fünfzehn und neun Monaten störte mich. Ich hatte damals die Maxime mit keiner was anzufangen die nicht wenigstens sechzehn war. So wurde leider nichts aus uns. Wir sind aber komischerweise gute Freunde geworden.
»Hallo! Ich soll mich mit Heike in der Waldeslust treffen und bin mir über den richtigen Weg im Unklaren.«
»Mach Dir keine Sorgen Nina, Heike ist auch noch nicht da. Auch sie sucht danach. Ich habe sie auf der anderen Leitung.«
Während ich den Beiden erkläre wie sie zur Waldeslust kommen, gibt mein Vordermann auf und fährt leer weg. Ein schlechtes Zeichen. Wer weiß wie lange er hier gestanden hat.
Ich beginne zu überlegen wo ich am besten hinfahren soll. Die meisten Aufträge die rausgehen, gehen an irgendwelche Exotenstände und Randbezirke. In der Innenstadt werden weniger Aufträge verteilt und ich glaube dass es bescheuert ist sich an so einen Tag vor einem Hotel zu stellen. Vor allem hatte ich von hier nie eine gescheite Fahrt. Das weiteste war der Bahnhof, was nicht wirklich weit ist. Alles andere ging in die Gegend um das Hotel herum. Mal zum Odeonsplatz, mal zum Stachus, mal zum Maximiliansplatz, in die Brienner, Karolinenplatz, usw. Man kann auch dorthin zu Fuß gehen, aber die Herrschaften benutzen ein Taxi. Was nicht unbedingt schlecht ist, wenn die Standzeiten nicht so elend lang wären!
»Ett-Stand!«
»Steht jemand am Ett-Stand?«
»Promenade!«
Schweigen im Walde. Das ist etwas was ich nicht verstehe. Warum in Gottes Namen meldet sich nie jemand an diesem verdammten Stand? Sind die Kollegen wirklich so blöd und hoffen auf einen Hafenstich? Haben die es immer noch nicht kapiert dass diese Stiche hier sehr rar sind? Dass die jeden Funkauftrag nehmen sollten um schneller wegzukommen? Außerdem ist es Pflicht sich am Funk zu melden und soll, so haben wir es im Funkunterricht gelernt, mit einer Strafe geahndet werden wenn man den Funk aus hat oder ihn ignoriert und sich einfach nicht meldet. Wer soll es aber kontrollieren?
»980, Pomade Reserve vierter!«
»980, Frauenplatz 12, Gast!«
»12 Gast, Danke!«
Endlich bin ich weg hier! Hasta la Vista Kollegas! Ich drehe eine Runde um den Platz herum, vorbei an den wartenden und Zeitung lesenden Kollegen und biege rechts in die Karmeliter und links in die Löwengrube ab. Fahre vor bis zum Frauenplatz und bis vors Lokal. Kaum mache ich die Fahrertür auf kommt mir die Kellnerin entgegen und fragt ob ich Dialekt spreche. Was für eine Frage, denke ich und frage mich wozu sie mich das fragt. Aus Trotz sage ich nein und frage nach dem Grund.
»Ihr Fahrgast wünscht einen Fahrer der Dialekt spricht!«
»Wurde aber bei der Bestellung nicht angegeben, sonst würde es der Funker durchgeben und ein dialektsprechender Kollege würde hier stehen. Soll ich einen Rassisten oder Nationalisten fahren?«
»Weder noch! Einen lieben Stammgast von uns.«
»Soll ich ein anderes Taxi bestellen ehe er mir die Hölle heiß macht weil ich keinen Dialekt spreche?«
»Moment ich klär das!« sagt sie und verschwindet wieder im Lokal. Nach nicht mal einer Minute kommt ein Ehepaar mittleren Alters heraus. Beide beleibt. Bei deren Anblick denke ich mir: Wohlstands- oder Unterschichtenfett? Das wäre Stoff für Harald Schmidt. Beide angetrunken und ziemlich heiter. Mein 6. Sinn (ja auch Männer haben einen) sagt mir, dass die Fahrt problematisch sein wird.
Die Herrschaften kommen lachend und Arm im Arm zum Taxi. Er, ganz Gentleman, macht der Dame die hintere Tür auf und schließt sie während sie sich anschnallt. Dann macht er die Beifahrertür auf und setzt sich rein.
»Grüß Gott!« sage ich.
»Grüß Sie Eana! Sie sprechen koan Dialekt, ned?« Und wieder ist Ned Flanders vor meinen Augen.
»Nein, ich spreche keinen Dialekt, aber astreines Hochdeutsch! Ist es ein Problem?«
»Jetzt wo Sie da sind!«
»Ich habe es vorhin der Bedienung erklärt, dass 1. kein dialektsprechender Kollege bestellt wurde und 2. ich Ihnen gerne ein anderes Taxi bestellen kann.«
»Des macht nix, passt scho’!«
»Gut dass es passt! Wohin fahren wir?«
»Richtung Pasing!«
»Wo genau in Pasing?«
»Das sagen wir Dir schon. Fahr mal die Richtung!«
»Da Pasing groß ist und ich ungern ohne genaue Zielangabe fahre, möchte ich gerne wissen wohin wir fahren.«
In dem Moment kommt die Bedienung raus und klopft an die Scheibe der Beifahrertür. Mein Fahrgast macht das Fenster bis etwa zur Mitte runter.
»Gibt es ein Problem?« fragt die Bedienung.
»Der will uns nicht fahren!« sagt mein Fahrgast.
»Warum wollen Sie die Herrschaften nicht fahren? Ich beschwere mich bei der Zentrale über Sie!« sagt die Bedienung.
»Mach mal halblang Schätzchen! Der Herr kann mir kein klares Fahrziel angeben. Ohne Fahrziel, keine Fahrt!« sage ich. »Außerdem weigere ich mich nicht die Herrschaften zu fahren, ich hätte gerne ein Fahrziel. Solange man mir keins nennen kann, werden wir hier vor Ihrer Tür stehen. Ca-pisci?«
»Ich bin nicht Dein Schätzchen!« faucht mich die Bedienung an, »Geht’s Dir so gut dass Du eine Fahrt ablehnen kannst?«
»Ich kann machen was ich will! Was mischt Du Dich ein?«
»Ich beschwere mich gleich bei der Zentrale!« sagt sie und holt ihr Handy raus.
»Bitte, Schätzchen, tu das wenn’s Dich aufgeilt! Konzessionsnummer steht hinten rechts.«
»Die Straße kennst Du eh nicht in der wir wollen. Also tu uns den Gefallen und fahr Richtung Pasing und wir sagen Dir dann weiter« sagt der Fahrgast.
»Wollen Sie behaupten dass ich mich nicht auskenne?«
»Zickst Du jetzt rum?«
»Also gut! Fahren wir nach Pasing. Über die Landsberger nehme ich an?«
»Was fragst Du mich? Du bist doch der Taxler!«
Genau Du Spasti! Zuerst sagst Du dass Du mir den Weg erklärst, bzw. sagst wo genau Du hin willst, weil ich mich eh nicht auskenne, und jetzt soll ich Gedanken lesen und Dich zum Fahrziel das Du mir nicht nennen magst hinführen. Saki hätte Dir was zugeflüstert dass Dir Hören und Sehen vergehen würde.
»Also über die Landsberger!« Ich bereue dass ich diese Fahrt angenommen habe und nicht gleich verschwunden bin als ich gefragt wurde ob ich Dialekt kann. Einem Kollegen ist was Ähnliches passiert. Der Fahrgast beharrte darauf von einem dialektsprechenden Kollegen gefahren zu werden und wurde während der Fahrt sehr eklig. Am ende wollte er nicht zahlen und die Polizei wurde gerufen um zu schlichten. Da der Fahrgast den Kollegen übel beschimpfte kam es zu einer Anzeige wegen Beleidigung und die Sache landete vor Gericht. Dort wurde der Fahrgast, der immer noch keine Einsicht zeigte, sich unschuldig und provoziert fühlte zur einer Geldstrafe von dreißig Tagessätzen verdonnert.
Am witzigsten ist die Geschichte mit einem Stüberl das immer einen dialektsprechenden Kollegen bestellte. Eines Tages fuhr ein schwarzafrikanischer Kollege vor der perfekt Dialekt spricht und machte sie alle sprachlos. Seitdem bestellen die einen deutschen Kollegen. Gilt es als Rassismus? Kann, darf oder muss man das akzeptieren? Ich fahre jedenfalls dieses Stüberl nicht mehr an.
Als wir auf der Bayerstraße sind und gerade am Südbau vorbeifahren schaut sich der Fahrgast im Auto um und sagt:
»Alles so billig hier!«
»Was ist billig? Nix ist billig! Gute deutsche Qualität!« sage ich und klopfe auf das Armaturenbrett um meine Aussage zu unterstreichen.
»Ich bin es nicht mehr gewöhnt in so einer billigen Kiste zu fahren! Wie beim billigen Jakob ist das hier!«
»Sie können gerne aussteigen und sich was Besseres bestellen!«
»Willst Du uns rausschmeißen?«
»Nein, aber wenn Sie sich über die billige Qualität beschweren und auch noch dafür bezahlen gefahren zu werden, können Sie gerne aussteigen und sich eine S-Klasse oder sonst etwas bestellen. Da kriegen Sie mehr Qualität für Ihr Geld!«
»Schatz, wir haben einen Klugscheißer als Fahrer!« sagt der Mann zu seiner Frau.
»Aber bitte! Was sind denn das für Wörter aus dem Munde eines edlen Gentlemans der Wert auf Qualität legt! Ich muss doch sehr bitten!«
»Schatz, er kommt sich besonders klug vor! Was ist das hier für eine Scheiße?« sagt er und schaut auf dem Boden.
»Also Sie nehmen Sachen in den Mund, die würde ich nicht mal freiwillig anfassen! Was ist mit dem Boden?«
»Alles Plastik! Die Fußmatten sind aus Plastik, das angebliche Holz in der Verzierung ist Plastik, die Sitze sind wahrscheinlich auch nicht aus echtem Leder und wo auch immer ich hinschaue ist alles Plastik!«
»Das hier ist ein Taxi! Natürlich sind die Fußmatten aus Plastik. Einen Perserteppich können Sie hier nicht erwarten.«
»Jetzt wird der Bengel auch noch frech!«
»Was für ein Auto fahren Sie denn?« frage ich.
»Das geht Dich gar nichts an! Die Reifen meines Autos kosten mehr als das gesamte Taxi!«
»Klar!« sage ich und denke mir was für ein Angeber und Arschloch er ist!
»Ich könnte Dein Taxi auf der Stelle kaufen wenn ich wollte!«
»Auch wenn Sie es wollten, könnten Sie es nicht, weil es nicht mir gehört. Da vorne sind die Details meines Chefs. Alle Beschwerden bitte an ihn richten!«
»So ein junger Kerl und fährt Taxi! Hast Du nichts Gescheites gelernt?«
Oha! Der treibt es wirklich wild. Sein Arsch juckt und möchte rausgekickt werden.
»Doch, habe ich!«
»Und was hast Du denn gelernt? Reicht es nicht zum leben und fährst auch noch Taxi?«
Ich überlege kurz was ich jetzt sagen soll. Das mit der eigenen Firma kann ich nicht bringen. Habe vorhin mein Pulver verschossen. Ich hab’s! Ich mache es so wie Stephan.
»Ich bin diplomierter Taxifahrer!«
»Diplomierter was? Gibt’s denn so was? HAHAHAHA-HAHAHA! Schatz der Typ ist gut! Diplomierter Taxifahrer! Das habe ich noch nie gehört! Auf so eine Idee muss man erst kommen! HAHAHAHAHAHA!«
Während er weiterlacht versuche ich so schnell wie möglich nach Pasing zu gelangen. Ich fahre etwas schneller als erlaubt und überquere ein paar Kreuzungen bei Gelb oder knappes Kirschgrün.
Der Fahrgast fängt sich wieder und wischt sich eine Träne vom Auge. Dann fragt er:
»Kennst Du …« er sagt etwas was sich wie ‚Spit’ anhört.
»Bitte was?«
»Kennst Du kein ‚Spit’«
»Was soll ich kennen? Welche Sprache soll das denn sein und wie buchstabiert man es?«
»Schatz, da haben wir aber einen Anfänger und Trottel erwischt!« Seine Frau lächelt nur blöd und sagt wie die ganze Fahrt über nichts.
»Englisch hast Du nicht in der Schule gehabt?«
»Englisch? ‚spit’ wie ‚Spucken’?«
»Schatz der Trottel ist wirklich gut!« und lacht sich einen ab.
»Oder versuchen Sie mir mit Ihrer perfekten Aussprache das Wort ‚SPEED’ zu sagen, wie in Geschwindigkeit?«
»Jetzt hat er’s erfasst Schatz! Hat lange gedauert! Jetzt da rechts und an der Ampel wieder rechts!« sagt er und dirigiert mich in die Offenbach und Nusselstraße.
»Ich bin weder Schuhmacher noch Senna und in der Stadt gelten Tempolimits!«
»Da wieder rechts und anhalten!« sagt er und wir biegen in die Peter-Anders-Straße ab und halten vorm ‚Tiger’ und vorm ‚Temple’ an. Beides Swingerclubs.
»Ach wie langweilig und öde Du doch bist!« sagt der Fahrgast.
»Ich schaue aus dem Fenster die bunten Neonlichter der beiden Clubs an und sage: »So so, hier geht also die Upperclass hin. Die feine Gesellschaft, die Creme de la Creme. Ein Mann Ihres Kalibers, ein Mann von Welt der in Luxus badet…! Gut dass ich der Arbeiterklasse angehöre!«
Er zahlt und sagt mürrisch: »Das könntest Du Dir eh nicht leisten!«
Seiner Frau macht er diesmal nicht die Tür auf. Anscheinend ist ihm das jetzt peinlich. Was für eine Arschgeige! Spielt den feinen Herrn und geht dann in den Swinger-club! Als die Beiden im Begriff sind das Etablissement zu betreten rufe ich denen noch hinterher: Ihr seid Deutschland! Sie dreht sich um und ist peinlich berührt, sagt nichts und folgt ihren Mann hinein. Darauf zünde ich mir eine an.

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