Ich
stelle mich am Promenadestand in der Reserve hin, öffne eine Zeitung, lehne
mich zurück und höre dem Funk zu. Der Zentralist schreit immer noch wie
verrückt die Aufträge raus. Wahnsinn wie das Geschäft perlt. Seit stunden geht
es wild zu auf dem Kanal. Dass der Kollege keine Halsschmerzen vom vielen und
hastigen Reden bekommt grenzt an ein Wunder!
»Kristall!
Schwabenbächl! Steht da wer? Für Dachau! Für Dachau!«
»3654
Allacher Bahnhof Erster!«
»3654
Dachau weiter!«
»Weiter!«
»Laimer
Bahnhof geht zwei Mal! Sanatorium geht a ein Mal! Ostbahnhof ist mehrmals!
Pasinger Bahnhof und Süd und Nordbau sind anzufahren! Lochhausen! Steht jemand
am Lochhausenstand? Limes! Für Gröbenzell! Für Gröbenzell!«
»100 in
der Altenburg!«
»100
Gröbenzell weiter!«
»Weiter
und danke!«
»Englschalkinger!
Sheraton! Arabella!«
»1532
Arabella erster!«
»1532
Zum Bogenhausener Klinikum, Herr Brückner an der Pforte!«
»Brückner,
Pforte!«
»Geiselgasteig!
Authari! Für die Filmstudios!«
»333 in
der Linden!«
»333 Frau
Weißmüller an der Pforte!«
»Weißmüller,
Danke!«
Nach
ein paar Minuten bewegt sich hier immer noch nichts. Mein Blick schweift rüber
zum Hauptstand und zum Eingang. Dort bleibt er für eine Weile hängen. Mein
Handy vibriert schon wieder und es ertönt ‚Light my Fire’ von ‚The Doors’. Es
ist Heike. Heike kenne ich seit langer Zeit. Sie war mal mit meinem Kumpel
Enrico zusammen. Damals konnte ich sie nicht ausstehen und auch sie konnte mich
nicht besonders leiden. Mit der Zeit aber besserte sich unser Verhältnis und
mittlerweile sind wir eng miteinander befreundet und haben beide keinen Kontakt
zu Enrico. Sie möchte wissen wie sie zur Waldeslust kommt. Als ich ihr den Weg
erkläre, klingelt mein zweites Handy und Nina ist dran. Sie habe ich durch
Heike kennengelernt. Heike wollte uns beide verkuppeln, aber ich war damals ein
Idiot und störte mich daran dass Nina noch nicht 16 während ich schon 18 war.
Nina gefiel mir damals sehr, aber ihr Alter von fünfzehn und neun Monaten
störte mich. Ich hatte damals die Maxime mit keiner was anzufangen die nicht wenigstens
sechzehn war. So wurde leider nichts aus uns. Wir sind aber komischerweise gute
Freunde geworden.
»Hallo!
Ich soll mich mit Heike in der Waldeslust treffen und bin mir über den
richtigen Weg im Unklaren.«
»Mach
Dir keine Sorgen Nina, Heike ist auch noch nicht da. Auch sie sucht danach. Ich
habe sie auf der anderen Leitung.«
Während
ich den Beiden erkläre wie sie zur Waldeslust kommen, gibt mein Vordermann auf
und fährt leer weg. Ein schlechtes Zeichen. Wer weiß wie lange er hier
gestanden hat.
Ich
beginne zu überlegen wo ich am besten hinfahren soll. Die meisten Aufträge die
rausgehen, gehen an irgendwelche Exotenstände und Randbezirke. In der
Innenstadt werden weniger Aufträge verteilt und ich glaube dass es bescheuert
ist sich an so einen Tag vor einem Hotel zu stellen. Vor allem hatte ich von
hier nie eine gescheite Fahrt. Das weiteste war der Bahnhof, was nicht wirklich
weit ist. Alles andere ging in die Gegend um das Hotel herum. Mal zum Odeonsplatz,
mal zum Stachus, mal zum Maximiliansplatz, in die Brienner, Karolinenplatz,
usw. Man kann auch dorthin zu Fuß gehen, aber die Herrschaften benutzen ein
Taxi. Was nicht unbedingt schlecht ist, wenn die Standzeiten nicht so elend
lang wären!
»Ett-Stand!«
»Steht
jemand am Ett-Stand?«
»Promenade!«
Schweigen
im Walde. Das ist etwas was ich nicht verstehe. Warum in Gottes Namen meldet
sich nie jemand an diesem verdammten Stand? Sind die Kollegen wirklich so blöd
und hoffen auf einen Hafenstich? Haben die es immer noch nicht kapiert dass
diese Stiche hier sehr rar sind? Dass die jeden Funkauftrag nehmen sollten um
schneller wegzukommen? Außerdem ist es Pflicht sich am Funk zu melden und soll,
so haben wir es im Funkunterricht gelernt, mit einer Strafe geahndet werden
wenn man den Funk aus hat oder ihn ignoriert und sich einfach nicht meldet. Wer
soll es aber kontrollieren?
»980,
Pomade Reserve vierter!«
»980,
Frauenplatz 12, Gast!«
»12
Gast, Danke!«
Endlich
bin ich weg hier! Hasta la Vista Kollegas! Ich drehe eine Runde um den Platz herum,
vorbei an den wartenden und Zeitung lesenden Kollegen und biege rechts in die
Karmeliter und links in die Löwengrube ab. Fahre vor bis zum Frauenplatz und
bis vors Lokal. Kaum mache ich die Fahrertür auf kommt mir die Kellnerin
entgegen und fragt ob ich Dialekt spreche. Was für eine Frage, denke ich und
frage mich wozu sie mich das fragt. Aus Trotz sage ich nein und frage nach dem
Grund.
»Ihr
Fahrgast wünscht einen Fahrer der Dialekt spricht!«
»Wurde
aber bei der Bestellung nicht angegeben, sonst würde es der Funker durchgeben
und ein dialektsprechender Kollege würde hier stehen. Soll ich einen Rassisten
oder Nationalisten fahren?«
»Weder
noch! Einen lieben Stammgast von uns.«
»Soll
ich ein anderes Taxi bestellen ehe er mir die Hölle heiß macht weil ich keinen
Dialekt spreche?«
»Moment
ich klär das!« sagt sie und verschwindet wieder im Lokal. Nach nicht mal einer
Minute kommt ein Ehepaar mittleren Alters heraus. Beide beleibt. Bei deren
Anblick denke ich mir: Wohlstands- oder Unterschichtenfett? Das wäre Stoff für
Harald Schmidt. Beide angetrunken und ziemlich heiter. Mein 6. Sinn (ja auch
Männer haben einen) sagt mir, dass die Fahrt problematisch sein wird.
Die
Herrschaften kommen lachend und Arm im Arm zum Taxi. Er, ganz Gentleman, macht
der Dame die hintere Tür auf und schließt sie während sie sich anschnallt. Dann
macht er die Beifahrertür auf und setzt sich rein.
»Grüß
Gott!« sage ich.
»Grüß
Sie Eana! Sie sprechen koan Dialekt, ned?« Und wieder ist Ned Flanders vor
meinen Augen.
»Nein,
ich spreche keinen Dialekt, aber astreines Hochdeutsch! Ist es ein Problem?«
»Jetzt
wo Sie da sind!«
»Ich
habe es vorhin der Bedienung erklärt, dass 1. kein dialektsprechender Kollege
bestellt wurde und 2. ich Ihnen gerne ein anderes Taxi bestellen kann.«
»Des
macht nix, passt scho’!«
»Gut
dass es passt! Wohin fahren wir?«
»Richtung
Pasing!«
»Wo
genau in Pasing?«
»Das
sagen wir Dir schon. Fahr mal die Richtung!«
»Da
Pasing groß ist und ich ungern ohne genaue Zielangabe fahre, möchte ich gerne
wissen wohin wir fahren.«
In dem
Moment kommt die Bedienung raus und klopft an die Scheibe der Beifahrertür.
Mein Fahrgast macht das Fenster bis etwa zur Mitte runter.
»Gibt
es ein Problem?« fragt die Bedienung.
»Der
will uns nicht fahren!« sagt mein Fahrgast.
»Warum
wollen Sie die Herrschaften nicht fahren? Ich beschwere mich bei der Zentrale
über Sie!« sagt die Bedienung.
»Mach
mal halblang Schätzchen! Der Herr kann mir kein klares Fahrziel angeben. Ohne
Fahrziel, keine Fahrt!« sage ich. »Außerdem weigere ich mich nicht die Herrschaften
zu fahren, ich hätte gerne ein Fahrziel. Solange man mir keins nennen kann,
werden wir hier vor Ihrer Tür stehen. Ca-pisci?«
»Ich
bin nicht Dein Schätzchen!« faucht mich die Bedienung an, »Geht’s Dir so gut
dass Du eine Fahrt ablehnen kannst?«
»Ich kann
machen was ich will! Was mischt Du Dich ein?«
»Ich
beschwere mich gleich bei der Zentrale!« sagt sie und holt ihr Handy raus.
»Bitte,
Schätzchen, tu das wenn’s Dich aufgeilt! Konzessionsnummer steht hinten rechts.«
»Die
Straße kennst Du eh nicht in der wir wollen. Also tu uns den Gefallen und fahr
Richtung Pasing und wir sagen Dir dann weiter« sagt der Fahrgast.
»Wollen
Sie behaupten dass ich mich nicht auskenne?«
»Zickst
Du jetzt rum?«
»Also
gut! Fahren wir nach Pasing. Über die Landsberger nehme ich an?«
»Was
fragst Du mich? Du bist doch der Taxler!«
Genau
Du Spasti! Zuerst sagst Du dass Du mir den Weg erklärst, bzw. sagst wo genau Du
hin willst, weil ich mich eh nicht auskenne, und jetzt soll ich Gedanken lesen
und Dich zum Fahrziel das Du mir nicht nennen magst hinführen. Saki hätte Dir
was zugeflüstert dass Dir Hören und Sehen vergehen würde.
»Also
über die Landsberger!« Ich bereue dass ich diese Fahrt angenommen habe und
nicht gleich verschwunden bin als ich gefragt wurde ob ich Dialekt kann. Einem
Kollegen ist was Ähnliches passiert. Der Fahrgast beharrte darauf von einem
dialektsprechenden Kollegen gefahren zu werden und wurde während der Fahrt sehr
eklig. Am ende wollte er nicht zahlen und die Polizei wurde gerufen um zu
schlichten. Da der Fahrgast den Kollegen übel beschimpfte kam es zu einer
Anzeige wegen Beleidigung und die Sache landete vor Gericht. Dort wurde der
Fahrgast, der immer noch keine Einsicht zeigte, sich unschuldig und provoziert fühlte
zur einer Geldstrafe von dreißig Tagessätzen verdonnert.
Am
witzigsten ist die Geschichte mit einem Stüberl das immer einen
dialektsprechenden Kollegen bestellte. Eines Tages fuhr ein schwarzafrikanischer
Kollege vor der perfekt Dialekt spricht und machte sie alle sprachlos. Seitdem
bestellen die einen deutschen Kollegen. Gilt es als Rassismus? Kann, darf oder
muss man das akzeptieren? Ich fahre jedenfalls dieses Stüberl nicht mehr an.
Als wir
auf der Bayerstraße sind und gerade am Südbau vorbeifahren schaut sich der
Fahrgast im Auto um und sagt:
»Alles
so billig hier!«
»Was
ist billig? Nix ist billig! Gute deutsche Qualität!« sage ich und klopfe auf
das Armaturenbrett um meine Aussage zu unterstreichen.
»Ich
bin es nicht mehr gewöhnt in so einer billigen Kiste zu fahren! Wie beim
billigen Jakob ist das hier!«
»Sie
können gerne aussteigen und sich was Besseres bestellen!«
»Willst
Du uns rausschmeißen?«
»Nein,
aber wenn Sie sich über die billige Qualität beschweren und auch noch dafür
bezahlen gefahren zu werden, können Sie gerne aussteigen und sich eine S-Klasse
oder sonst etwas bestellen. Da kriegen Sie mehr Qualität für Ihr Geld!«
»Schatz,
wir haben einen Klugscheißer als Fahrer!« sagt der Mann zu seiner Frau.
»Aber
bitte! Was sind denn das für Wörter aus dem Munde eines edlen Gentlemans der
Wert auf Qualität legt! Ich muss doch sehr bitten!«
»Schatz,
er kommt sich besonders klug vor! Was ist das hier für eine Scheiße?« sagt er
und schaut auf dem Boden.
»Also
Sie nehmen Sachen in den Mund, die würde ich nicht mal freiwillig anfassen! Was
ist mit dem Boden?«
»Alles
Plastik! Die Fußmatten sind aus Plastik, das angebliche Holz in der Verzierung
ist Plastik, die Sitze sind wahrscheinlich auch nicht aus echtem Leder und wo
auch immer ich hinschaue ist alles Plastik!«
»Das
hier ist ein Taxi! Natürlich sind die Fußmatten aus Plastik. Einen
Perserteppich können Sie hier nicht erwarten.«
»Jetzt
wird der Bengel auch noch frech!«
»Was
für ein Auto fahren Sie denn?« frage ich.
»Das
geht Dich gar nichts an! Die Reifen meines Autos kosten mehr als das gesamte
Taxi!«
»Klar!«
sage ich und denke mir was für ein Angeber und Arschloch er ist!
»Ich
könnte Dein Taxi auf der Stelle kaufen wenn ich wollte!«
»Auch
wenn Sie es wollten, könnten Sie es nicht, weil es nicht mir gehört. Da vorne
sind die Details meines Chefs. Alle Beschwerden bitte an ihn richten!«
»So ein
junger Kerl und fährt Taxi! Hast Du nichts Gescheites gelernt?«
Oha!
Der treibt es wirklich wild. Sein Arsch juckt und möchte rausgekickt werden.
»Doch,
habe ich!«
»Und
was hast Du denn gelernt? Reicht es nicht zum leben und fährst auch noch Taxi?«
Ich
überlege kurz was ich jetzt sagen soll. Das mit der eigenen Firma kann ich
nicht bringen. Habe vorhin mein Pulver verschossen. Ich hab’s! Ich mache es so
wie Stephan.
»Ich
bin diplomierter Taxifahrer!«
»Diplomierter
was? Gibt’s denn so was? HAHAHAHA-HAHAHA! Schatz der Typ ist gut! Diplomierter
Taxifahrer! Das habe ich noch nie gehört! Auf so eine Idee muss man erst
kommen! HAHAHAHAHAHA!«
Während
er weiterlacht versuche ich so schnell wie möglich nach Pasing zu gelangen. Ich
fahre etwas schneller als erlaubt und überquere ein paar Kreuzungen bei Gelb
oder knappes Kirschgrün.
Der
Fahrgast fängt sich wieder und wischt sich eine Träne vom Auge. Dann fragt er:
»Kennst
Du …« er sagt etwas was sich wie ‚Spit’ anhört.
»Bitte
was?«
»Kennst
Du kein ‚Spit’«
»Was
soll ich kennen? Welche Sprache soll das denn sein und wie buchstabiert man
es?«
»Schatz,
da haben wir aber einen Anfänger und Trottel erwischt!« Seine Frau lächelt nur
blöd und sagt wie die ganze Fahrt über nichts.
»Englisch
hast Du nicht in der Schule gehabt?«
»Englisch?
‚spit’ wie ‚Spucken’?«
»Schatz
der Trottel ist wirklich gut!« und lacht sich einen ab.
»Oder
versuchen Sie mir mit Ihrer perfekten Aussprache das Wort ‚SPEED’ zu sagen, wie
in Geschwindigkeit?«
»Jetzt
hat er’s erfasst Schatz! Hat lange gedauert! Jetzt da rechts und an der Ampel
wieder rechts!« sagt er und dirigiert mich in die Offenbach und Nusselstraße.
»Ich
bin weder Schuhmacher noch Senna und in der Stadt gelten Tempolimits!«
»Da
wieder rechts und anhalten!« sagt er und wir biegen in die Peter-Anders-Straße
ab und halten vorm ‚Tiger’ und vorm ‚Temple’ an. Beides Swingerclubs.
»Ach
wie langweilig und öde Du doch bist!« sagt der Fahrgast.
»Ich
schaue aus dem Fenster die bunten Neonlichter der beiden Clubs an und sage: »So
so, hier geht also die Upperclass hin. Die feine Gesellschaft, die Creme de la
Creme. Ein Mann Ihres Kalibers, ein Mann von Welt der in Luxus badet…! Gut dass
ich der Arbeiterklasse angehöre!«
Er
zahlt und sagt mürrisch: »Das könntest Du Dir eh nicht leisten!«
Seiner
Frau macht er diesmal nicht die Tür auf. Anscheinend ist ihm das jetzt
peinlich. Was für eine Arschgeige! Spielt den feinen Herrn und geht dann in den
Swinger-club! Als die Beiden im Begriff sind das Etablissement zu betreten rufe
ich denen noch hinterher: Ihr seid Deutschland! Sie dreht sich um und ist
peinlich berührt, sagt nichts und folgt ihren Mann hinein. Darauf zünde ich mir
eine an.
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