Sonntag, 13. April 2014

Teil 30



Es war mein zweites Jahr in England, in Kingston Upon Hull in East Yorkshire. Ich war Single und kehrte nach den langen Sommerferien mit einem Auto voller Sachen, den Taschen voller Geld (arbeitete den ganzen Sommer über) und mit viel Hoffnung im Gepäck auf ein erfolgreiches Jahr, beruflich wie privat. Ich hatte ein Gefühl dass ich die Frau meines Lebens kennenlernen würde. Da ich zu früh ankam, waren nur der Warden, eine Art Aufpasser, von der Morgen Hall da und seine Assistentin. Sonst kein einziger Student. Der Warden machte mir Vorwürfe, beschwerte sich und schrie mich an weswegen ich schon da sei, was das soll und ich müsste erst in zwei Stunden ankommen, etc. Was kann ich dafür dass die Fähre aus Rotterdam so früh anlegt? Vom Hafen bis zum Studentenwohnheim nach Cottingham, einem Vorort von Hull und außerdem Großbritanniens größtes Dorf, ist es nicht mal eine halbe Stunde mit dem Auto. Nach vielen Drängen gab mir der Jammerlappen von einem Warden meine Schlüssel und zeigte mir weder Zimmer noch Gebäude. Ich musste selbst danach suchen und brachte langsam alle meine Sachen nach oben, ging raus auf dem Balkon, schaute mir die wunderschöne Landschaft an die sich vor mir erstreckte, nahm mein Mobiltelefon und rief Pappous, einen sehr guten Freund von mir an. Da er schon seit einer Woche in Hull war, fuhr ich zu ihm. Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen. Gingen in die Bibliothek, in die Stadt, besuchten andere Freunde von uns, gingen spazieren, essen, usw. Irgendwann nachts um drei kam ich nach hause und legte mich hundemüde ins Bett.
Pappous war einer der Ersten von den Leuten die ich im Jahr davor kennenlernte. Ich kam wie auch dieses Jahr zu früh an, bloß damals war ich einen ganzen Tag früher da und Needler Hall, das Studentenwohnheim in dem ich ein Jahr wohnen würde war fast leer. Nur das Personal war da und eine Handvoll älterer Studenten die am darauffolgenden Tag den Neuligen helfen sollten. Ich lernte sie alle kennen und weil ich nach über 24 Stunden auf den Beinen und einer extrem langer Reise hundemüde war, legte ich mich frühzeitig schlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war um mich herum die Hölle los. Die Ankunft der 170 Studenten war voll im Gange. Als ich in den Garten hinausging stand Pappous direkt vorm Eingang und unterhielt sich mit Bryan. Da ich Bryan vom Tag davor kannte stellte er uns vor. So wurden Pappous und ich mit der Zeit beste Freunde.
Pappous ist Grieche und sein wirklicher Name ist Giannis. Sein Spitzname bedeutet Opa. Der wurde ihm mal verliehen weil er sich ständig damit aufbrüstete alles zu wissen und alles zu kennen weil er schon ein Jahr vorher in Hull war. Bei jeder unserer Neuentdeckungen die wir uns Neulinge beim Abendessen erzählten, sagte er immer: Wie, das habt ihr nicht gewusst? Wie, das habt ihr heute erst entdeckt?
Als ich am nächsten Morgen aufstand und in die Küche ging, stand dieses süße und bezaubernde Wesen mit dem gewissen Etwas vor mir. Sie erschien mir wie ein Wesen von einem anderen Stern. Das Glitzern und Strahlen in ihren Augen, diese dunkle und lockige Haarpracht, diese schmalen, länglichen und zarten Lippen die ihr Gesicht schmücken, die dunkle Hautfarbe die mir so gefällt… Da ich auf einer Wolke der Glückseligkeit schwebte, weil ich froh war wieder zurück in Hull zu sein, zurück an der Uni, zurück zu meinen Freunden, stellte ich mich ihr mit einem breiten Grinsen vor und gab ihr zum Gruß die Hand. Nach ein wenig Smalltalk erzählte sie mir dass sie Sprachen studiert und Deutsch ihre Hauptsprache sei. Super! Sagte ich. Ich komme aus Deutschland und wäre gerne bereit Dir jederzeit zu helfen. »Da wir „Next door neighbours“ sind, kannst Du jederzeit bei mir anklopfen.«
Ich schaute sie noch kurz an und fühlte mich magisch von ihr angezogen. Das hatte ich noch nie bei einer Frau. Es waren nicht nur die berühmten Schmetterlinge, es rumorte, es brodelte, ein Gefühl das ich so nicht kannte, etwas Neues für mich. Irgendwas in mir, mein Bauchgefühl oder was auch immer sagte mir ich sollte den ersten Schritt wagen und würde es nicht bereuen. Wenn ich es nicht täte, würde ich mir ewig Vorwürfe machen und das ganze Jahr über Single bleiben oder mich wie gehabt mit irgendwelchen hirnverbrannten Tussis rumplagen. Sophie schien alles in einer Person zu vereinen: Intelligenz, Herz, Manieren, Ernsthaftigkeit, gutes Aussehen. Ich war einfach baff, sprachlos und unsicher. Sicher war ich mir nur über das Gefühl sie haben, sie erobern zu wollen. Da klingelte aber mein Handy und mein Kumpel Pappous war dran. Also verabschiedete ich mich und ging. Wie am Tag davor blieb ich den ganzen Tag weg und kehrte erst in den Morgenstunden wieder heim.
Ich schlief ein paar Stunden und als ich aufstand ging ich ins Bad. Da kam mir Sophie im Bademantel entgegen. Ich war hin und weg von ihrem selbstsicheren Auftreten und ihrer Erscheinung. Ihre Haarpracht schwebte hinter ihr her und ein süßlicher Duft stieg mir in die Nase. Mein Bauchgefühl (oder war es doch mein Schwanz?) verstärkte sich und schrie nur noch heraus dass ich sie nicht gehen lassen soll. In der Tat hörte ich auf mein Gefühl und verwickelte Sophie in ein Gespräch. Kurz danach musste sie gehen. Die nächsten Tage sahen wir uns kaum aber sie ging mir nicht aus dem Kopf. Ich versuchte mehr über sie herauszufinden und dachte mir eine Strategie aus wie ich ihr Herz erobern sollte und konnte. Auf die normale einfache und plumpe Tour wie bei jeder x-beliebigen Studentin in ihrem Alter, würde bei ihr nicht funktionieren. Die Frau ist ihrem Alter weit voraus. Ich muss den Intellektuellen, den Gebildeten raushängen, den Mann von Welt, den reifen Menschen, nicht den kindischen Studenten von denen es hier genug gibt, und mit gewitzten Wortspielereien ihr Herz gewinnen. Was ich als erstes machte, war ihr den Spiegel, Focus oder die Süddeutsche vor die Tür zu legen. Ab und zu lag auch vor meiner Tür eine deutsche Zeitschrift oder Zeitung, meistens die Frankfurter Allgemeine. So vergingen die ersten zehn Tage. Langsam sahen wir uns öfter und kamen uns näher. Ich merkte aber wie sie abblockte, vor irgendetwas Angst hatte. War es der Altersunterschied von fünf Jahren? Meine Herkunft? Hatte sie kurz vorher eine andere Beziehung und wollte so schnell keine Neue eingehen? Sie wusste es selber nicht, sagte sie mir einmal und sprach mit Karen unserer Nachbarin über mich, dass ich ihr seit Wochen den Hof mache, sie mich aber nicht will, dass ich ihr auf die Nerven gehe und Angst bereite. Karen kannte ich nur flüchtig und ich wusste dass sie auf meinem Kumpel George stand. Er stand leider nicht auf sie. Sie hatten dennoch eine kurze Beziehung die George nach ein paar Monaten beendete und Karen mit zerbrochenem Herzen zurückließ.
Nach fast drei Wochen des Werbens und nicht Lockerlassens, küssten Sophie und ich uns an einem Montagabend kurz vor Geisterstunde in meinem Zimmer. Sie brachte mir eine Zeitung vorbei und ich lud sie hinein. Wir setzten uns auf mein Bett und redeten und redeten. Im Hintergrund liefen „Portishead“ und zauberten mit ihrer Musik eine fantastisch entspannte und mysteriöse Atmosphäre. Die Stimme der Sängerin Beth Gibbons klingt so zerbrechlich, so melancholisch, so verträumt, dass sie einen auf eine Reise in entfernte Klangwelten mit nimmt und einen aus dem Heute und Jetzt entführt. Irgendwann, beduselt von der Musik, von der unglaublichen Aura Sophies und müde vom ganzen Reden, beugte ich mich zu ihr rüber und küsste sie. Warum ich, und was mich dazu verleitet hat diesen Schritt zu machen und zu wagen, kann ich nicht erklären. Ich hatte und habe nie den ersten Schritt bei einer Frau gemacht. Ich wartete immer bis die Frauen zu mir kamen. Ich hatte bei keiner das Gefühl „Sie ist es!“ Alle meine Beziehungen waren kurz und enttäuschend. Mit Sophie sollte alles anders werden.
Bevor ich Dich kennenlernte Sophie war ich ein Nichts, ein Niemand. Ein Getriebener, ein durch die Nacht und durch die Weltgeschichte gepeitschter. Ständig und rastlos auf der Suche nach irgendwas. Nach irgendwas von dem ich nicht wusste was es ist. Ich hatte keine Ahnung was ich suchte und wo ich damit hätte anfangen sollen. Ich, um es mit den Worten von Henk Moody, der Hauptfigur aus der Serie Californication zu sagen, ertrank und versank ich in einem Meer von Muschis. Ich wanderte heillos und hilflos durchs Leben, nicht wissend was mir fehlte. Ich war unsicher, es gab nur mich den großen Egoisten, meine Freunde, meinen Beruf und mein Vorankommen. Frauen kamen und gingen, keine gab mir das wonach ich suchte, was ich brauchte. Sie waren für mich wie Spielzeug für kleine Kinder oder wie ein Instrument für einen Musiker. Ein neues Spielzeug oder Instrument das solange gespielt wird bis es langweilig wird. Dann wird es in die Ecke geschoben und ein Neues wird angeschafft. Ich war ein Einzelgänger der Angst davor hatte sich zu binden, zu verpflichten. Meine Panik und meine Angst vor einer Bindung gingen soweit dass ich nicht mal einen Mobilfunkvertrag hatte aus Sorge nicht rechtzeitig kündigen oder nicht vorzeitig herauskommen zu können. Festnetz hatte ich auch nicht weil es nur für Warmduscher ist und ich öfters umziehe. Die einzigen Verträge die ich habe sind Kfz-Versicherungen und die Mitgliedschaft in einem großen Autoclub. Ich wollte frei sein und merkte nicht wie mich dieser Drang immer mehr einengte und versklavte. Mit diesem Drang zur Freiheit erreichte ich das genaue Gegenteil. Ich war mit meiner Suche nach diesem etwas Besonderem so sehr beschäftigt dass ich nicht merkte wie gefangen mich diese Sucherei machte. Das Leben prasselte an mir, lief an mir vorbei ohne dass ich wirklich daran teilnahm. Bevor ich Dich kennenlernte nahm ich nichts ernst, kam mir alles langweilig, ohne Substanz, seelenlos und ohne Bedeutung vor. Den Sinn suchte ich in Muschis, Alkohol, Zigaretten und Gras. Rauchte um mich zu beruhigen, soff um Spaß zu haben, kiffte und fickte um mich zu entspannen und mich auszutoben, meine Energie freien Lauf zu lassen. Dass ich mich dabei zu Grunde richtete merkte ich nicht. Bevor ich Dich kennenlernte war ich wie ein wilder Stier, immer zum Angriff bereit. Jetzt bin ich das geworden was ich immer belächelte aber insgeheim werden wollte. Kein Pantoffelheld aber ein in einer festen Beziehung gebundener. In Dir habe ich die Person gefunden die mir Paroli bietet, die mich zurechtstutzt, die mich auf dem Boden zurückbringt wenn ich mal abhebe. Du bist die Person die mich auf den richtigen Pfad geführt hat und bei der ich mich nicht verstellen muss und mich wohl und sicher fühle. Ich habe das Gefühl angekommen zu sein, einen Sinn und einen Grund wofür es sich zu leben lohnt gefunden zu haben. Bei Dir und mit Dir habe ich zum ersten Mal mein Herz geöffnet und meinen Gefühlen freien Lauf gelassen. Das hat vor Dir keine und keiner geschafft. Neben Dir Sophie, stehe ich in Flammen.
In der Tat Verliebten wir uns heftig in einander und konnten uns kaum trennen. Wir schliefen die ersten Nächte zusammen in einen Einzelbett und stellten später ihr Bett neben meinem und machten ein Doppelbett daraus. Unsere Liebe war heftig, stark und krank. Da diese Beziehung für uns beide die erste richtige war, machten wir so ziemlich alles falsch was man falsch machen kann. Ich fühlte mich nach einer Weile von ihrer Liebe erdrückt, und wollte – typisch Mann, ausbrechen. Ich versuchte mir Freiraum zu schaffen. Das ging aber nicht mehr. Sophie nahm mir vorher jeglichen Freiraum weg und wollte mich ganz für sich haben. Ihre Liebe schlug in Paranoia über und jede Frau die mich anlächelte, mich anschaute oder irgendwie in meiner Nähe kam war automatisch eine Konkurrentin. Das ließ sie den Frauen und vor allen mich spüren. Sie machte mir ständig Szenen, sie warf mir vor ich würde sie nicht lieben, ich würde sie betrügen und verlassen wollen, denn auch ich bin ein Schwein wie alle anderen Männer auch, und so weiter und so fort. Sie schrie mich auch mitten in der Nacht an, warf mit Dingen gegen die Wand oder vom Balkon runter und wurde sogar handgreiflich. Sie warf mir vor nicht zu wissen wer oder was ich gerne sein würde. Es sei meine Unentschlossenheit die mich paralysiert und ihr weh tut. Sie könne meine Unruhe, meine Rastlosigkeit fühlen. In einen Moment will ich sie und dann vergeht der Moment und ich werde zu einer Art Geist. ‚Ich liebe Dich’ seien Wörter die ich nicht nur so dahin sage, sondern auch meine und fühle. Bloß manchmal scheine ich weit weg zu sein und diese Wörter, dieser Satz klingt hohl und unwirklich.
Meine Freunde und unsere Nachbarn fragten mich oft wie ich sie ertragen kann und warum ich nicht einfach Schluss machte. Ich wollte und konnte nicht Schluss machen weil ich sie endlos liebte und immer noch liebe und weil ich glaubte sie ändern zu können. Das Beste in unserer Beziehung war der Sex. Als sie so geladen war ließ sie ihre ganze Energie, Frust und Ärger im Bett raus. Außerdem sah sie meine vorherigen Beziehungen als Konkurrentinnen an und wollte viel besser sein als sie, weil sie Angst hatte ich könnte doch noch für die Eine oder Andere was empfinden und sie deswegen verlassen. Was ein absoluter Quatsch ist. Ich genoss den grandiosen Sex in vollen Zügen und war danach meistens geplättet und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich brauchte einige Zeit um mich wieder zu regenerieren. Sophie aber war kurze Zeit später wieder bei Sinnen und anstatt sich zu beruhigen warf sie mir wieder irgendwas vor. Wie z.B. als ich vor einiger Zeit in einer Buchhandlung sagte dass mich die Harry Potter Bücher nicht interessieren, wollte aber einige Zeit später den Kinofilm sehen, was ich auch tat und er gefiel mir sogar sehr und wollte deswegen auch die Bücher kaufen. Sie indes, überlegte, sehr kompliziert wie Frauen nun mal überlegen, dass wenn ich meine Meinung über Harry Potter änderte, auch meine Meinung über sie ändern, sie verlassen und eine Beziehung mit einer Anderen, womöglich mit einer Ex eingehen würde. Darauf gab’s Streit und danach grandiosen stundenlangen Sex quer durchs Kama Sutra und sogar unter der Dusche.
Ihr Vater ging mal fremd, ihre Mutter fand es heraus, warf den Vater auf die Straße und schildert seitdem ihrer Tochter wie schlimm die Männer doch sind. Nach so einem Trauma, kam bei mir mein Psychologeninstinkt heraus und ich wollte Doktor spielen. Wir führten sehr lange Gespräche und ich musste ihr hoch und heilig versichern dass ich nicht fremd gehen und immer nur sie lieben würde. Sie glaubte mir nicht und war ständig misstrauisch. Wenn ich mal mit meinen Kumpels ausging rief sie mich sehr oft an um zu fragen wie es mir geht, wo wir sind, was wir machen und wann ich zurück sein werde. Wenn ich nicht ranging, schickte sie mir Kurznachrichten in denen sie mir sagte wie sehr sie mich vermisse. Ihr gefiel nicht dass wir keinen gemeinsamen Freundeskreis hatten. Ihre Freunde hatten einen, warum wir nicht? Die Gründe dafür sind: ich kann manche ihrer Freunde nicht leiden, wie Claire zum Beispiel. Viele meiner Freunde sind Single und männlich und wollen nicht mit Pärchen ausgehen, außerdem wollen die mit mir ausgehen und über alles frei reden können (z.B. Frauen, neue Eroberungen, Autos, Männerprobleme, etc.), das können die nicht machen wenn sie dabei ist. Ein großer Teil meines Freundes- und Bekanntenkreises ist international und da ich verschiedene Sprachen beherrsche (sie leider nicht) parliere ich mit denen in einer für Sophie fremden Zunge. Das gefällt ihr wiederum nicht, weil sie nichts versteht und glaubt wir reden und lästern womöglich über sie. Dann wird sie eifersüchtig und will dass wir entweder Englisch reden oder ich ihr alles übersetze. Außerdem, und ich gebe es zu, bin ich auch typisch Mann und will meine Freiheit, zumindest für ein paar Stunden. Die Regel mit den getrennten Freundeskreisen gefällt ihr zwar überhaupt nicht, funktioniert aber sehr gut und ist, glaube ich auch vernünftig. Jeder kann mit seinen Freunden ausgehen wann auch immer er mag und muss dabei keine Angst haben etwas Falsches zu sagen oder zu machen. Man muss sich auch nicht langweilen wenn einem ein Freund oder Bekannter des Partners nicht gefällt. Die Freunde müssen sich auch nicht verstellen und falschen Respekt vorheucheln. Außerdem finde ich diese Pärchencliquen zum Kotzen.
Im Jetzt-Magazin der SZ stand vor langer Zeit ein Bericht über Paare und Pärchen. Der Unterschied ist: Benny und Anne – BennyAnne. Das erste ist ein Paar weil die immer noch zwei Individuen sind, jeder hat und führt sein eigenes Leben und unternehmen trotzdem viel zusammen, haben einen gemeinsamen Freundeskreis und darüber hinaus eigene Freunde. BennyAnne andererseits haben ihre Individualität abgegeben und sind jetzt Eins. Sie machen alles gemeinsam. Schlafen und wachen gemeinsam auf, frühstücken zusammen, treffen sich wenn’s geht in der Mittagspause, gehen zusammen in den Supermarkt, verbringen sämtliche Freizeit zusammen, benutzen sogar das Badezimmer zur selben Zeit, haben keine Intimsphäre und man kriegt sie nur im Doppelpack. Sie reden immer im Plural. WIR müssen für eine Prüfung lernen, WIR müssen zum Arzt, WIR müssen in die Werkstatt. Einen alleine kann man nicht treffen. Falls man es doch irgendwie schafft, redet derjenige nur von seiner Beziehung und ehe man sich versieht steht sein Partner auch auf der Matte. Dann fangen die an sich sofort zu küssen und zu liebkosen und sagen sich ständig „Ich liebe Dich“ und „Ich habe Dich sooooooooo vermisst“. Erbrechen könnte man davon! Natürlich sind BennyAnne fast jeden Abend irgendwo zum Essen eingeladen, z.B. bei WernerMareike, bei ChristianSandra oder bei AnkeFrank. Und wenn so ein Pärchen mal auseinander geht, dann zerbricht auch der Freundeskreis. Gemeinsam was unternehmen geht da nicht mehr. Gerade dann nicht wenn Benny oder Anne einen neuen Partner hat. Was passiert wenn Anne mit Benny Schluss macht, sie jemanden kennenlernt und ihn zum Essen bei WernerMareike mitbringt? Der verflossene und immer noch an Liebeskummer leidende Benny sieht die Beiden glücklich zusammen womöglich auch noch Hand in Hand, eng umschlungen und sich auf dem Sofa küssend und dem armen Kerl blutet das Herz.
Nein, in so einer Situation war ich noch nie (nicht ganz! Sah zufällig in einem Club eine meiner Ex-Freundinnen mit ihren neuen Freund kurz nachdem sie mich zum Mond schoss und es tat höllisch weh) und möchte nicht in so einer Situation kommen. Den Freundeskreis zu verlieren ist schlimmer als den Partner zu verlieren. Der Herzschmerz vergeht nach einer Weile, neue Freunde findet man aber nicht so leicht.
Sakis Meinung zu den Pärchen ist: sie gehören gesteinigt, gepeinigt, getötet. Weg mit ihnen, mit diesen erbärmlichen Anblick, mit dieser Gefühlsduselei, mit dieser in aller Öffentlichkeit zur Schau stellender Beziehung die den Anderen vermitteln will wie glücklich verliebt die beiden Turteltäubchen auf der U-Bahnbank doch sind. Es interessiert wirklich keine Sau und keiner will es sehen. Außerdem wird an die große Masse derjenigen nicht gedacht die entweder an ein zerbrochenes Herz leiden oder seit längerem alleine sind und keinen Partner finden können und sich nach einer Beziehung sehnen.
»Tötet Onkel Dittmeyer!« schrie Saki mal sturzbetrunken in der U-Bahn beim Anblick eines knutschenden Pärchens.
»Du bist im falschen Film Saki! Und was hat Onkel Ditt-meyer mit denen zu tun?«
»Scheiß Telekom!« schrie er hinterher, worauf ich mich fragte was er auf einmal gegen die Telekom hat und was die mit dem Pärchen zu tun hat. Schon war es zu spät. Er ging auf das knutschende Pärchen zu und hielt denen einen Vortrag über das zur Schaustellen der Gefühle und Gelüste und fragte sie ob sie sich mal Gedanken darüber gemacht haben was ihre Knutscherei bei anderen Menschen auslöse. Sie guckten Saki entgeistert und verängstigt an und schüttelten den Kopf. Darauf folgte ein langer Vortrag und wir verpassten etliche Bahnen. Mir war das ganze peinlich. Saki fühlte sich als Sieger als die Beiden ihm bestätigten sich über die Wirkung der Knutscherei nicht im Klaren gewesen zu sein, um Verzeihung bitten und hoch und heilig versprachen sich nie mehr in der Öffentlichkeit zu knutschen.
Gewiss habe auch ich in unserer Beziehung Fehler gemacht, ein Heiliger bin ich nicht. Aber man kann über alles reden und versuchen eine Lösung zu finden, anstatt sich sofort zu trennen.
Sherry Argov schreibt und analysiert Mann und Frau in eines ihrer Bücher. Sie spricht über die Unterschiede zwischen den Partnern. Vielmehr ist ihr Buch an Frauen gerichtet. Sie schreibt dass es für Männer zwei Typen von Frauen gibt. Die Nette und das Biest. Das Biest kriegt die besten Männer und schafft dass sie ihr aus der Hand fressen, die Nette verkommt irgendwann zur Zimmerdekoration und wird verlassen. Sophie war eine Mischung aus beiden. Hure im Bett (genau das was laut Sherry wir Männer wollen, brauchen und suchen) und ansonsten aber eine Nette die mir öfters auf den Geist ging und mir das Gefühl gab Reißaus nehmen zu müssen. Da ich aber sehr, sehr verliebt war (und immer noch bin), der Sex der Beste meines Lebens war und sie mich geistig forderte und Gott sein dank nie bemutterte, gab es keinen Anlass sie zu verlassen. Für mich ist sie immer noch und trotz alledem die Traumfrau schlechthin. Die Frau mit der ich alt werden möchte. Bin ich paranoid? Masochistisch veranlagt? Habe ich irgendeinen Komplex? Mag sein. Wo soll ich eine andere wie sie denn finden? Da wir Männer schwanzgesteuert sind (so heißt es) suchen wir nach der Frau die uns den perfekten Sex bieten kann. Wenn wir sie gefunden haben – ein paar Nebensächlichkeiten wie Charakter, Aussehen, etc. müssen auch passen, wollen wir sie nicht wieder hergeben. Wenn Flaute in der Kiste herrscht, und das tut es meistens, gehen wir zu den Professionellen, weil die uns jeden Wunsch erfüllen und nicht rumzicken. Außerdem wissen die was uns Männern gefällt und wie beim Werkstattmeister, sitzt auch bei denen jeder Handgriff.

So don’t make me blue when I write to you
From Sarah with love…”

Leider schreibt sie nicht mal eine Kurznachricht. Ich schließe die Fenster, drehe die Lautstärke runter, wische mir die Tränen von den Augen, versuche mich zu konzentrieren, mich zu fassen und auf andere Gedanken zu kommen. Was nützt es mir ständig an Sophie zu denken und traurig zu sein? Das Leben geht weiter, die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Michael Mittermeier meint, dass man das erste Mal, bzw. den ersten Freund bzw. Partner nie vergisst. Da kann nach dem Ersten kommen wer will, man vergisst sie alle. Der Erste bleibt ewig im Gehirn eingebrannt. So wie mit Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond. Wer kann sich an den zweiten, an Buzz Aldrin erinnern? Eben! Keiner! Meine Befürchtung ist dass ich Sophie nie vergessen werde, alle anderen Frauen mit ihr vergleiche und ständig auf der Suche nach jemandem wie sie sein werde. 

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