Sonntag, 13. April 2014

Teil 18



Ich zünde mir eine an, setze mich hinters Steuer, drehe den Funk lauter um zu hören wo was geht, und überlege welchen der drei Stände die es hier in der Umgebung gibt ich anfahren soll. Roman? Weisenhaus? Beide gehen ganz gut, aber ich hatte dort auch schlechte Erfahrungen machen müssen. Ewig gestanden und dann eine Krankenfahrt um den Block. Und weil die Person gehbehindert war hat es sehr lange gedauert und ich musste auch noch heben und helfen. Als dank gab es Gejammer und kein Trinkgeld.
Der Rotkreuz ist mein Lieblingsstand in der Gegend, aber wieder hin? Vielleicht habe ich Glück und muss gar nicht erst einen Stand anfahren. Vielleicht geht ein Auftrag in der Umgebung raus und keiner meldet sich weil keiner an den Ständen steht. Und was ist wenn mehrere Taxen frei sind und rum fahren? Dann hacken alle gleichzeitig rein und ich geh leer aus. Nee nee, ich muss einen Stand anfahren. Da der Weisenhausstand der Nächste ist, fahre ich auch dorthin. An so einen Tag wie heute sollte man die Exotenstände favorisieren. Da eh weniger Taxen unterwegs sind, werden sich alle an den populärsten Ständen hinstellen. Also antizyklisch fahren und arbeiten und auf Erfolg hoffen.

Als ich von der Nederlinger links in die Nördliche Auffahrt abbiege befinde ich mich mitten in einer winterlichen Traumlandschaft. Alles ist weiß und schneebedeckt. Kein Mensch ist auf der Straße. Nur ich, ein einsamer Cowboy der allein auf seinen stählernen Ross durch die Nacht reitet. Ich bleibe stehen, steige aus und gehe vorsichtig, damit ich mir meine Schuhe nicht ruiniere, zur Brücke die überm Kanal führt. Drehe mich nach rechts und schaue Richtung Schloss. Wahnsinn! Was für ein Bild! Wenn jetzt Sisi und Franz mit ihrer Kutsche vorbei fahren würden, wäre die Illusion perfekt. Das hätte Sophie sicher gefallen. Als sie mich im Sommer besuchte kamen wir auch hierher, stiegen auf die Brücke, küssten uns lange und innig, schauten rüber zum Schloss und malten uns unsere Zukunft rosig und traumhaft aus. Und jetzt? Tja jetzt? Die Gefühle scheinen mit den Jahreszeiten zu gehen. Im Sommer blühen sie, im Winter erkalten sie und frieren ein. Ich schaue runter auf den zugefrorenen Kanal und erinnere mich wie ich mal als Kind hier Schlittschuh gelaufen bin. Einen Moment bleibe ich regungslos stehen und mir fällt die Kippe von den Fingern aber ich merke es nicht einmal. Ich schließe die Augen, inhaliere die kühle und klare Luft und verschiedene Bilder schießen mir durch den Kopf. Ich befinde mich auf einer Zeitreise zu mir selbst. Auf einmal sind um mich herum lachende, Schlittschuh laufende Kinder die ihre Bahnen und Pirouetten drehen, dazwischen Erwachsene die langsam ihre Runden fahren und Pärchen die noch langsamer auf und ab fahren und sich verliebte blicke zuwerfen. Ach Sophie! Wie sehr würde ich jetzt mit Dir an meiner Seite hier im Licht der Laternen Runden drehen, Dich umarmen, Dich küssen und mit Dir den Schneeflocken beim Tanzen zusehen! Mein Herz pocht immer mehr, immer trauriger, eine leichte Wut die ich nicht begründen kann steigt in mir auf. Was mich wütend macht ist dass ich immer noch nicht weiß warum sie überhaupt Schluss gemacht hat. Dieses abrupte Ende, dieser Schmerz, diese Leere, diese Einsamkeit die mich überrumpeln und mit der ich nicht klarkomme. Es ergibt keinen Sinn, ich verstehe es wirklich nicht. Was habe ich denn getan? Was hat Dich veranlasst diesen Schritt zu gehen? Alles ist so sinnlos ohne Dich. Ich starre noch eine Zeitlang vor mich hin in diese endlos lange und helle Nacht. Mein Blick ist leer, schweift über der Landschaft ohne irgendetwas wahrzunehmen. Von irgendwoher ist eine Melodie zu hören. Spielt oder singt da wirklich wer oder ist es wieder eine Täuschung? Ich höre die Melodie von Are you lonesome tonight von Elvis Presley und summe mit.

“Are you lonesome tonight,
Do you miss me tonight?
Are you sorry we drifted apart?
Does your memory stray to a brighter sunny day
When I kissed you and called you sweetheart?

Was für ein Lied! Obwohl ich es seit vielen Jahren nicht mehr gehört habe erinnere ich mich an den Text.
Vermisst Du mich Sophie? Bist Du glücklich über diese, Deine Entscheidung? Ist Dein Herz nicht wie meins mit Schmerz erfüllt? Wünscht Du Dir unsere Beziehung, die schöne, aber auch die schlechte und schwierige Zeit die wir miteinander hatten nicht zurück?

“Is your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?

Ich hebe meinen Kopf und richte meinen Blick gen Himmel und schaue den Schneeflocken zu wie sie langsam tänzelnd auf mein Gesicht fallen, schmelzen und so etwas wie Tränen auf meinen Wangen bilden. Ich senke voller Pein mein Haupt und beschließe weiter zu arbeiten um auf andere Gedanken zu kommen.

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