Ich
zünde mir eine an, setze mich hinters Steuer, drehe den Funk lauter um zu hören
wo was geht, und überlege welchen der drei Stände die es hier in der Umgebung
gibt ich anfahren soll. Roman? Weisenhaus? Beide gehen ganz gut, aber ich hatte
dort auch schlechte Erfahrungen machen müssen. Ewig gestanden und dann eine
Krankenfahrt um den Block. Und weil die Person gehbehindert war hat es sehr
lange gedauert und ich musste auch noch heben und helfen. Als dank gab es Gejammer
und kein Trinkgeld.
Der
Rotkreuz ist mein Lieblingsstand in der Gegend, aber wieder hin? Vielleicht
habe ich Glück und muss gar nicht erst einen Stand anfahren. Vielleicht geht
ein Auftrag in der Umgebung raus und keiner meldet sich weil keiner an den
Ständen steht. Und was ist wenn mehrere Taxen frei sind und rum fahren? Dann
hacken alle gleichzeitig rein und ich geh leer aus. Nee nee, ich muss einen
Stand anfahren. Da der Weisenhausstand der Nächste ist, fahre ich auch dorthin.
An so einen Tag wie heute sollte man die Exotenstände favorisieren. Da eh
weniger Taxen unterwegs sind, werden sich alle an den populärsten Ständen
hinstellen. Also antizyklisch fahren und arbeiten und auf Erfolg hoffen.
Als ich
von der Nederlinger links in die Nördliche Auffahrt abbiege befinde ich mich
mitten in einer winterlichen Traumlandschaft. Alles ist weiß und schneebedeckt.
Kein Mensch ist auf der Straße. Nur ich, ein einsamer Cowboy der allein auf
seinen stählernen Ross durch die Nacht reitet. Ich bleibe stehen, steige aus
und gehe vorsichtig, damit ich mir meine Schuhe nicht ruiniere, zur Brücke die
überm Kanal führt. Drehe mich nach rechts und schaue Richtung Schloss.
Wahnsinn! Was für ein Bild! Wenn jetzt Sisi und Franz mit ihrer Kutsche vorbei
fahren würden, wäre die Illusion perfekt. Das hätte Sophie sicher gefallen. Als
sie mich im Sommer besuchte kamen wir auch hierher, stiegen auf die Brücke,
küssten uns lange und innig, schauten rüber zum Schloss und malten uns unsere
Zukunft rosig und traumhaft aus. Und jetzt? Tja jetzt? Die Gefühle scheinen mit
den Jahreszeiten zu gehen. Im Sommer blühen sie, im Winter erkalten sie und
frieren ein. Ich schaue runter auf den zugefrorenen Kanal und erinnere mich wie
ich mal als Kind hier Schlittschuh gelaufen bin. Einen Moment bleibe ich regungslos
stehen und mir fällt die Kippe von den Fingern aber ich merke es nicht einmal.
Ich schließe die Augen, inhaliere die kühle und klare Luft und verschiedene
Bilder schießen mir durch den Kopf. Ich befinde mich auf einer Zeitreise zu mir
selbst. Auf einmal sind um mich herum lachende, Schlittschuh laufende Kinder
die ihre Bahnen und Pirouetten drehen, dazwischen Erwachsene die langsam ihre
Runden fahren und Pärchen die noch langsamer auf und ab fahren und sich
verliebte blicke zuwerfen. Ach Sophie! Wie sehr würde ich jetzt mit Dir an meiner
Seite hier im Licht der Laternen Runden drehen, Dich umarmen, Dich küssen und
mit Dir den Schneeflocken beim Tanzen zusehen! Mein Herz pocht immer mehr,
immer trauriger, eine leichte Wut die ich nicht begründen kann steigt in mir
auf. Was mich wütend macht ist dass ich immer noch nicht weiß warum sie
überhaupt Schluss gemacht hat. Dieses abrupte Ende, dieser Schmerz, diese
Leere, diese Einsamkeit die mich überrumpeln und mit der ich nicht klarkomme. Es
ergibt keinen Sinn, ich verstehe es wirklich nicht. Was habe ich denn getan?
Was hat Dich veranlasst diesen Schritt zu gehen? Alles ist so sinnlos ohne
Dich. Ich starre noch eine Zeitlang vor mich hin in diese endlos lange und
helle Nacht. Mein Blick ist leer, schweift über der Landschaft ohne irgendetwas
wahrzunehmen. Von irgendwoher ist eine Melodie zu hören. Spielt oder singt da
wirklich wer oder ist es wieder eine Täuschung? Ich höre die Melodie von Are you lonesome tonight von Elvis
Presley und summe mit.
“Are you lonesome tonight,
Do you miss me tonight?
Are you sorry we drifted apart?
Does your memory stray to a brighter sunny day
When I kissed you and called you sweetheart?”
Do you miss me tonight?
Are you sorry we drifted apart?
Does your memory stray to a brighter sunny day
When I kissed you and called you sweetheart?”
Was für
ein Lied! Obwohl ich es seit vielen Jahren nicht mehr gehört habe erinnere ich
mich an den Text.
Vermisst
Du mich Sophie? Bist Du glücklich über diese, Deine Entscheidung? Ist Dein Herz
nicht wie meins mit Schmerz erfüllt? Wünscht Du Dir unsere Beziehung, die
schöne, aber auch die schlechte und schwierige Zeit die wir miteinander hatten
nicht zurück?
“Is
your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?”
Tell me dear, are you lonesome tonight?”
Ich
hebe meinen Kopf und richte meinen Blick gen Himmel und schaue den
Schneeflocken zu wie sie langsam tänzelnd auf mein Gesicht fallen, schmelzen
und so etwas wie Tränen auf meinen Wangen bilden. Ich senke voller Pein mein
Haupt und beschließe weiter zu arbeiten um auf andere Gedanken zu kommen.
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