Sonntag, 13. April 2014

Teil 20



Ein neues Leben anfangen, das wär’s! Darin bin ich eh Meister. Bin oft umgezogen und habe bei Null angefangen. Zuerst ging es nach Italien, Siena und Bologna, von dort nach England, Kingston upon Hull in Yorkshire wo ich auch Sophie kennen und lieben lernte und von dort nach Uppsala in Schweden wo ich jetzt bin. Im Herbst geht es wieder zurück nach Hull in England und danach kommt das große Ungewisse. Quo vadis? Was weiß ich! Wohin mich der Wind hintreibt, dort werde ich meine Zelte aufschlagen. Jedes Mal mit einem Auto voller Sachen, den Taschen voller Geld und einen Koffer voller Hoffnung auf etwas Neues, etwas Besseres, etwas Aufregendes. Ohne Freunde, ohne Bekannte, ein Fremder in einer fremden Welt, in einer fremden Stadt, eine Sprache die man gar nicht oder nicht richtig beherrscht. Zuerst besorgt man sich einen Stadtplan, dann geht es auf Wohnungssuche, dann richtet man sich ein, bzw. breitet die paar Sachen die man hat aus, dann wird die Umgebung erkundschaftet, wo ist der nächste Supermarkt, das nächste Restaurant, die nächste Tankstelle? Wer sind die Nachbarn? Danach geht es zur Uni und auf Jobsuche. Langsam organisiert man sich ein ganzes Leben. Es ist ein unheimlicher Aufwand der starke Nerven und starken Willen erfordert. Man fühlt sich wie ein einsamer Cowboy der weit raus in die Prärie reitet, der Abendsonne, dem Unbekannten, dem Abenteuer entgegen. Man selber hält die Zügel seines Lebens in den Händen, man ist der Regisseur des eigenen Lebens, des eigenen Glücks. Man vereint alle großen Abenteurer und Entdecker in sich zusammen. Columbus, Cook und wie die alle heißen. Eine Odyssee ins Ungewisse. Eine Reise mit vielen Hindernissen und Gefahren. Sirenen lauern überall und pflastern den Weg. Man hat ein Ziel, einen Wunsch vor Augen und versucht ihn zu erreichen, zu verwirklichen.

Morning rises in dew of tears
No surprises – you’re still not here”

Maria fängt an zu zittern und öffnet die Augen. Im Hintergrund läuten die Glocken der Sankt Pauls Kirche. Diana und Charles heirateten in einer Sankt Pauls Kirche vor über dreißig Jahren. Leider war deren Ehe nicht von Glück gesegnet.
Auch ich besinne mich wieder und meine tausend Gedanken verflüchtigen sich im Nu. Maria richtet sich langsam auf, küsst mich noch mal und fängt an sich anzuziehen. Ich ziehe mich auch langsam an. Keiner von uns redet. Bloß der Funk ist leise zu hören. Der Zentralist schreit sich die Seele aus dem Leib, er gibt alles, hastig redet er und bettelt darum dass ihm die Kollegen die Aufträge abnehmen. Als das Lied Because the night (belongs to lovers) von den 10.000 Maniacs ertönt, dreht sich Maria zu mir um, lächelt mich an und streichelt mir über den Kopf. Als wir fertig angezogen sind nehme ich die Zigarettenpackung und biete ihr schweigend eine an. Wir steigen ohne zu reden aus, schließen die Türen, stellen uns nebeneinander hin, ziehen ein paar Züge und gucken rauf in das Dunkel der Nacht. Es schneit immer noch.
»Was schulde ich Dir?« fragt sie.
»Nichts.«
»Wie nichts? Es muss doch was auf der Uhr stehen!«
»Ich habe vergessen sie anzumachen. Also schuldest Du mir nichts.«
Michael, ein Freund aus England würde jetzt fragen: »Mate! Do you fuck for charity?«
Sie nimmt noch ein paar Züge, stellt sich vor mir hin, schaut mir in die Augen, zieht meinen Kopf runter, küsst mich auf die Stirn und den Mund, dreht sich um und geht. Ich zünde mir noch eine an und schaue ihr hinterher. Sie entschwebt im Schneegestöber. So wie sie gekommen ist, geht sie auch. Kam aus dem Nichts, geht ins Nichts. Hinterlässt nur ein paar Spuren im Schnee. Frau Smilla sollte man sein und Spuren lesen können!

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