Sonntag, 13. April 2014

Teil 8



Ich fahre in den immer noch leeren Stand rein, drehe eine Runde und fahre vor bis zum ersten in der mittlerweile sehr langen Schlange. Da durch das schlechte Wetter viele Züge Verspätung haben, ist der Fahrplan durcheinander gekommen, deshalb kommt es zu erhöhten Fahrgastaufkommen hat der Zentralist vorhin über K1 verkündet.
Diesmal ist es eine braungebrannte ältere Dame mit einem Trolley vor der ich stehen bleibe. Ich mache von innen den Kofferraum auf und steige aus, sage kurz »Grüß Gott«, schnappe mir ihren Trolley und will ihn heben und in den Kofferraum stellen, da sagt die Dame:
»Vorsicht! Er ist sehr schwer!«
Ich sehe sie an und denke, wenn so eine schmächtige Person ihn hinter sich her ziehen kann, kann ich ihn auch heben! Oh, wie ich mich irre! Das Ding ist wirklich sehr schwer.
»Was haben Sie da drin Gnädigste, Goldbarren?«
»Nein, Geschenke für die Enkelkinder!«
»Ah ja!«
Ich verstaue den Trolley in den Kofferraum, mache den Deckel zu, gehe rechts ums Auto und halte die Beifahrertür für die Dame auf. Sie steigt ein, ich haue die Tür zu, laufe rüber zur Fahrerseite und steige ein.
»So, wo darf’s denn hingehen?« frage ich mit einen Gefühl, dass es nicht weit gehen wird, aber das ist mir egal, denn dann kann ich wieder zurück zum Bahnhof kommen um mehr Fahrgäste aufzunehmen.
»Park- Ecke Gollier- über Kazmair, altes Messegelände« sagt sie.
Wie Recht ich doch hatte, denke ich und fahre los.
Taxiregel Nummer 1: Die die es am kürzesten haben stehen immer ganz vorne an der Schlange und drängeln auch noch. So verhält es sich auch mit Fahrgästen die aus der Oper, Theater oder sonst wo raus gerannt oder früher rauskommen. Sie wohnen oder wollen nicht weit, haben aber immer diese unerklärliche Panik kein Taxi zu erwischen wenn die Vorstellung zu ende geht oder wenn die Massen hinauskommen. Diese Leute geben meistens kein oder ein sehr schlechtes Trinkgeld, eher Almosen mit denen man nicht mal Kaugummis kaufen kann, stellen viele blöde Fragen (Sie haben bestimmt jetzt lange warten müssen, nicht?) gefolgt von guten Ratschlägen (Sie können ja schnell wieder zurück um noch eine Fuhre zu machen) und fühlen sich so toll dass sie den Anderen das Taxi vor der Nase weggeschnappt haben und überhaupt nicht warten mussten. Am Ziel zahlen sie mit großen Scheinen, verlangen eine Quittung und lassen sich viel Zeit. Dann folgt der vorhin erwähnte gute Rat mit einem breiten Grinsen. Worauf ich denen das Wechselgeld samt Almosen vor die Füße schmeißen und sie mit folgendem Satz anschreien möchte:
»WENN DU ZIPFELKLATSCHER NICHT AUGEN-BLICKLICH AUSSTEIGST WERDE ICH BESTIMMT KEINEN STICH MEHR MACHEN!!!«
Saki wäre überhaupt nicht zimperlich und würde die Penner mir einem lauten „RAUS HIER“ zum Teufel jagen.
Die Oma fängt auch sofort zu reden an und sagt sie komme gerade aus Spanien, wo sie eigentlich lebt, aber jedes Jahr zu Weihnachten hierher komme um ihre Kinder und Enkelkinder zu besuchen.
»Das erklärt Ihre kaffeebraune Haut mitten im Winter« sage ich und denke mir was für ein Schock es sein muss von plus 20°C auf Minusgraden zu wechseln. Sie redet in der Zwischenzeit munter als wir durch die Goethe- und rechts durch die Landwehrstr. auf die St. Pauls Kirche zufahren.
»Was für eine schöne Kirche!« sagt sie und schaut hoch zur ihr. »Wussten Sie dass Prinz Charles seine Diana in der Saint-Pauls-Cathedral geheiratet hat? War zwar nicht diese hier, aber eine mit demselben Namen.«
»Ja, das weiß ich«, sage ich, »und in der Tat ist es eine imposante Kirche«.
Sie erzählt mir die Strecke über über Spanien und wie schön es dort sei, dass wir heuer hier einen richtigen Winter haben und sie fügt hinzu, dass sie den Schnee sehr möge und vermisse. Sie erzählt munter weiter wie lange sie ihre Enkel nicht gesehen habe und was sie ihnen schenken werde, usw.
Als wir in der Park kurz vor der Gollier ankommen schreit sie auf einmal laut: Stopp!“ worauf ich mich erschrecke und in die Eisen steige. Die Bremsen fangen an zu quietschen und das Auto schlittert noch ein paar Meter auf der schneebedeckten Fahrbahn ehe es zum Stillstand kommt.
Die Dame schaut aus dem Fenster und meint: »Das haben Sie hervorragend gemacht junger Mann, direkt vor meiner Haustür!« Sie zieht ihren Geldbeutel aus der Handtasche, dreht sich zu mir und meint: »Ach die Kiesbauer ist auch schon da!«
»Wie bitte? Welche Kiesbauer?« frage ich erstaunt.
»Da!« sagt die Dame, »schauen Sie aus dem Fenster!«
In dem Moment klopft es an der Scheibe und ich mache das Fenster auf. Da steht tatsächlich eine dunkelhäutige Frau die sich zu mir runter bückt und was sagen möchte. Darauf sagt die ältere Dame »sehen Sie, Arabella wartet schon!«
Es ist zwar nicht Arabella, aber eine wunderschöne Frau dessen lockige Haarpracht im wind tänzelt. Ein Traum von einer Frau. Mir bleibt die Spucke weg. Lächelnd fragt sie ob ich frei sei.
»Bitte?« frage ich geistesabwesend zurück.
»Sind Sie frei?«
»Ja, er wird gleich Ihnen gehören« sagt die Oma und zwinkert mir zu.
»Kurzen Moment bitte, gleich« antworte ich und bin über den Spruch der Oma irritiert.
Ich gebe der Dame das Wechselgeld, steige aus und gehe nach hinten zum Kofferraum und packe ihren schweren Trolley mit einem mächtigen Schwung (mein Physiotherapeut wird weinen wenn er diese Zeilen liest) und stelle ihm vor der Haustür ab. Ich gebe der älteren Dame noch zwei Piccolos, verabschiede mich von ihr und gehe zur immer noch im Schneesturm stehenden Dame, öffne die Beifahrertür und sie steigt ein.
»Zum Bahnhof, bitte!« sagt sie mit zarter und zittriger Stimme.
Ich drücke auf das Gaspedal, fahre geradeaus bis zur Schwanthaler, biege rechts ab, fahre den Hügel runter und schieße über die Kreuzung.
Die Dame sagt eine Weile nichts, reibt ihre Hände um sie zu wärmen. Sie sieht einfach phantastisch aus und riecht auch sehr gut, als ob sie in Kokosmilch gebadet hätte. Sie hat sehr dunkle lange lockige Haare, braune lachende Augen, schmale schokoladenkirschfarbene Lippen die einen länglichen Mund schmücken, Stupsnase und eine sehr zart im fahlen Licht der Straßenbeleuchtung schimmernde Haut.

Skriv en bok som alla läser,
Ge pengar till ett institut,
Gör en säng som barnen sjunger,
när terminen tagit slut.

Sie fängt an, die Melodie, die aus dem CD-Player zu hören ist, zu summen und lehnt ihren Kopf nach hinten. Dann dreht sie ihren Kopf langsam zu mir und fragt wer da singt und welche Sprache das sei.
»Bo Kaspers Orkester« erwidere ich, »Schwedenjazz«.

Ich erinnere mich an eine Gänsehautversion dieses Liedes, in der der Schauspieler Ernst-Hugo Järegård in seinem Rollstuhl auf der Bühne im fahlen Scheinwerfer-licht sitzt, etwas über Leben und Tod redet und dann den Text des Liedes spricht. Zuerst langsam und dann sich steigernd in einer unheimlichen Dramatik und Dynamik, wild zappelnd mit den Beinen und den Oberkörper, schreit er sich wie ein Psychopath die Seele aus dem Leib ehe die Band zu singen beginnt.
»Wunderschönes Lied« sagt sie, und fragt dann weiter woher ich die Band kenne, wie ich dazu komme schwedische Musik zu hören und ob ich Schwede sei. Sie findet es ein wenig merkwürdig Musik in schwedischer Sprache zu hören und das in Deutschland wo man wahrscheinlich nicht an solche CD’s rankommen kann.
»Ich studiere dieses Jahr in Schweden in Uppsala, daher auch die Musik«.
Weit geht das Gespräch nicht, denn ich biege links in die Goethe ein, gebe Gas, schaffe es noch rechtzeitig über die Ampel und fahre auf dem Südbaustand rauf. Drehe eine Runde und stoppe an der Kurve zum Eingang.
Sie schaut mir tief in die Augen während sie ihren Geldbeutel aus der Tasche holt und zahlt. Ich schaue sie wie versteinert an. Sie errinert mich zu sehr an Sophie. Selbe Nase, selbe Augen, Haare, Lippen, Hautfarbe. Sie nimmt meine Hand legt das Geld auf meine Handfläche und drückt sie zu. Ich fühle mich wie elektrisiert.
»Stimmt so!« sagt sie.
»Stimmt so!« murmle ich und erinnere mich an das Restaurant am Isator das genauso heißt und dass ich vor ein paar Tagen mit Harry dort zum essen war.
»Ja, stimmt so!« wiederholt die Dame, drückt meine Hand noch einmal, schaut mir tief in die Augen und steigt aus.
Ich sitze wie angewurzelt da und kann keinen Laut von mir geben, drehe nur meinen Kopf und verfolge ihre Schritte im Schnee. Nach ein paar Metern bleibt sie stehen, dreht sich um, lächelt mir zu und ehe sie die Stufen raufgeht und in den Bahnhof verschwindet ruft sie
»Frohe Weihnachten!« durch die Nacht
Ich schaue immer noch sprachlos aus dem Fenster und sehe sie vor meinem geistigen Auge obwohl sie schon längst nicht mehr zu sehen ist. 

Sophie fehlt mir einfach viel zu sehr. Wieso muss mich heute alles an sie errinern? Soll das ein Zeichen sein? Gibt es doch noch Hoffnung? Ist es doch noch nicht zu Ende? Zweifelt sie an ihrer Entscheidung? Oder möchte mich jemand oder etwas quälen und leiden sehen?

Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen