Ich
fahre in den immer noch leeren Stand rein, drehe eine Runde und fahre vor bis
zum ersten in der mittlerweile sehr langen Schlange. Da durch das schlechte
Wetter viele Züge Verspätung haben, ist der Fahrplan durcheinander gekommen,
deshalb kommt es zu erhöhten Fahrgastaufkommen hat der Zentralist vorhin über
K1 verkündet.
Diesmal ist es eine
braungebrannte ältere Dame mit einem Trolley vor der ich stehen bleibe. Ich
mache von innen den Kofferraum auf und steige aus, sage kurz »Grüß Gott«,
schnappe mir ihren Trolley und will ihn heben und in den Kofferraum stellen, da
sagt die Dame:
»Vorsicht!
Er ist sehr schwer!«
Ich sehe sie an und denke, wenn
so eine schmächtige Person ihn hinter sich her ziehen kann, kann ich ihn auch
heben! Oh, wie ich mich irre! Das Ding ist wirklich sehr schwer.
»Was
haben Sie da drin Gnädigste, Goldbarren?«
»Nein,
Geschenke für die Enkelkinder!«
»Ah
ja!«
Ich verstaue den Trolley in den
Kofferraum, mache den Deckel zu, gehe rechts ums Auto und halte die
Beifahrertür für die Dame auf. Sie steigt ein, ich haue die Tür zu, laufe rüber
zur Fahrerseite und steige ein.
»So,
wo darf’s denn hingehen?« frage ich mit einen
Gefühl, dass es nicht weit gehen wird, aber das ist mir egal, denn dann kann
ich wieder zurück zum Bahnhof kommen um mehr Fahrgäste aufzunehmen.
»Park-
Ecke Gollier- über Kazmair, altes Messegelände«
sagt sie.
Wie Recht ich doch hatte, denke
ich und fahre los.
Taxiregel Nummer 1: Die die es am
kürzesten haben stehen immer ganz vorne an der Schlange und drängeln auch noch.
So verhält es sich auch mit Fahrgästen die aus der Oper, Theater oder sonst wo
raus gerannt oder früher rauskommen. Sie wohnen oder wollen nicht weit, haben
aber immer diese unerklärliche Panik kein Taxi zu erwischen wenn die
Vorstellung zu ende geht oder wenn die Massen hinauskommen. Diese Leute geben
meistens kein oder ein sehr schlechtes Trinkgeld, eher Almosen mit denen man
nicht mal Kaugummis kaufen kann, stellen viele blöde Fragen (Sie haben bestimmt
jetzt lange warten müssen, nicht?) gefolgt von guten Ratschlägen (Sie können ja
schnell wieder zurück um noch eine Fuhre zu machen) und fühlen sich so toll
dass sie den Anderen das Taxi vor der Nase weggeschnappt haben und überhaupt
nicht warten mussten. Am Ziel zahlen sie mit großen Scheinen, verlangen eine
Quittung und lassen sich viel Zeit. Dann folgt der vorhin erwähnte gute Rat mit
einem breiten Grinsen. Worauf ich denen das Wechselgeld samt Almosen vor die
Füße schmeißen und sie mit folgendem Satz anschreien möchte:
»WENN DU ZIPFELKLATSCHER NICHT
AUGEN-BLICKLICH AUSSTEIGST WERDE ICH BESTIMMT KEINEN STICH MEHR MACHEN!!!«
Saki wäre überhaupt nicht
zimperlich und würde die Penner mir einem lauten „RAUS HIER“ zum Teufel jagen.
Die Oma fängt auch sofort zu
reden an und sagt sie komme gerade aus Spanien, wo sie eigentlich lebt, aber
jedes Jahr zu Weihnachten hierher komme um ihre Kinder und Enkelkinder zu
besuchen.
»Das
erklärt Ihre kaffeebraune Haut mitten im Winter«
sage ich und denke mir was für ein Schock es sein muss von plus 20°C auf
Minusgraden zu wechseln. Sie redet in der Zwischenzeit munter als wir durch die
Goethe- und rechts durch die Landwehrstr. auf die St. Pauls Kirche zufahren.
»Was
für eine schöne Kirche!« sagt sie und schaut
hoch zur ihr. »Wussten Sie dass Prinz Charles
seine Diana in der Saint-Pauls-Cathedral geheiratet hat? War zwar nicht diese
hier, aber eine mit demselben Namen.«
»Ja,
das weiß ich«, sage ich, »und in der Tat ist es eine imposante Kirche«.
Sie erzählt mir die Strecke über
über Spanien und wie schön es dort sei, dass wir heuer hier einen richtigen
Winter haben und sie fügt hinzu, dass sie den Schnee sehr möge und vermisse.
Sie erzählt munter weiter wie lange sie ihre Enkel nicht gesehen habe und was
sie ihnen schenken werde, usw.
Als wir in der Park kurz vor der
Gollier ankommen schreit sie auf einmal laut: „Stopp!“ worauf ich mich erschrecke und in die Eisen steige.
Die Bremsen fangen an zu quietschen und das Auto schlittert noch ein paar Meter
auf der schneebedeckten Fahrbahn ehe es zum Stillstand kommt.
Die Dame schaut aus dem Fenster
und meint: »Das haben Sie hervorragend gemacht
junger Mann, direkt vor meiner Haustür!« Sie
zieht ihren Geldbeutel aus der Handtasche, dreht sich zu mir und meint: »Ach die Kiesbauer ist auch schon da!«
»Wie
bitte? Welche Kiesbauer?« frage ich erstaunt.
»Da!« sagt die Dame, »schauen
Sie aus dem Fenster!«
In dem Moment klopft es an der
Scheibe und ich mache das Fenster auf. Da steht tatsächlich eine dunkelhäutige
Frau die sich zu mir runter bückt und was sagen möchte. Darauf sagt die ältere
Dame »sehen Sie, Arabella wartet schon!«
Es ist zwar nicht Arabella, aber
eine wunderschöne Frau dessen lockige Haarpracht im wind tänzelt. Ein Traum von
einer Frau. Mir bleibt die Spucke weg. Lächelnd fragt sie ob ich frei sei.
»Bitte?« frage ich geistesabwesend zurück.
»Sind
Sie frei?«
»Ja, er
wird gleich Ihnen gehören« sagt die Oma und zwinkert mir zu.
»Kurzen
Moment bitte, gleich« antworte ich und bin über den
Spruch der Oma irritiert.
Ich gebe der Dame das Wechselgeld,
steige aus und gehe nach hinten zum Kofferraum und packe ihren schweren Trolley
mit einem mächtigen Schwung (mein Physiotherapeut wird weinen wenn er diese
Zeilen liest) und stelle ihm vor der Haustür ab. Ich gebe der älteren Dame noch
zwei Piccolos, verabschiede mich von ihr und gehe zur immer noch im Schneesturm
stehenden Dame, öffne die Beifahrertür und sie steigt ein.
»Zum
Bahnhof, bitte!« sagt sie mit zarter und
zittriger Stimme.
Ich drücke auf das Gaspedal, fahre
geradeaus bis zur Schwanthaler, biege rechts ab, fahre den Hügel runter und schieße
über die Kreuzung.
Die Dame sagt eine Weile nichts,
reibt ihre Hände um sie zu wärmen. Sie sieht einfach phantastisch aus und riecht
auch sehr gut, als ob sie in Kokosmilch gebadet hätte. Sie hat sehr dunkle
lange lockige Haare, braune lachende Augen, schmale schokoladenkirschfarbene
Lippen die einen länglichen Mund schmücken, Stupsnase und eine sehr zart im fahlen
Licht der Straßenbeleuchtung schimmernde Haut.
“Skriv en
bok som alla läser,
Ge pengar
till ett institut,
Gör en säng
som barnen sjunger,
när
terminen tagit slut.”
Sie fängt an, die Melodie, die
aus dem CD-Player zu hören ist, zu summen und lehnt ihren Kopf nach hinten.
Dann dreht sie ihren Kopf langsam zu mir und fragt wer da singt und welche
Sprache das sei.
»Bo
Kaspers Orkester« erwidere ich, »Schwedenjazz«.
Ich erinnere mich an eine
Gänsehautversion dieses Liedes, in der der Schauspieler Ernst-Hugo Järegård in
seinem Rollstuhl auf der Bühne im fahlen Scheinwerfer-licht sitzt, etwas über
Leben und Tod redet und dann den Text des Liedes spricht. Zuerst langsam und
dann sich steigernd in einer unheimlichen Dramatik und Dynamik, wild zappelnd
mit den Beinen und den Oberkörper, schreit er sich wie ein Psychopath die Seele
aus dem Leib ehe die Band zu singen beginnt.
»Wunderschönes
Lied« sagt sie, und fragt dann weiter woher
ich die Band kenne, wie ich dazu komme schwedische Musik zu hören und ob ich Schwede
sei. Sie findet es ein wenig merkwürdig Musik in schwedischer Sprache zu hören
und das in Deutschland wo man wahrscheinlich nicht an solche CD’s rankommen
kann.
»Ich
studiere dieses Jahr in Schweden in Uppsala, daher auch die Musik«.
Weit geht das Gespräch nicht,
denn ich biege links in die Goethe ein, gebe Gas, schaffe es noch rechtzeitig
über die Ampel und fahre auf dem Südbaustand rauf. Drehe eine Runde und stoppe
an der Kurve zum Eingang.
Sie schaut mir tief in die Augen während
sie ihren Geldbeutel aus der Tasche holt und zahlt. Ich schaue sie wie versteinert
an. Sie errinert mich zu sehr an Sophie. Selbe Nase, selbe Augen, Haare,
Lippen, Hautfarbe. Sie nimmt meine Hand legt das Geld auf meine Handfläche und
drückt sie zu. Ich fühle mich wie elektrisiert.
»Stimmt
so!« sagt sie.
»Stimmt
so!« murmle ich und erinnere mich an das Restaurant
am Isator das genauso heißt und dass ich vor ein paar Tagen mit Harry dort zum
essen war.
»Ja,
stimmt so!« wiederholt die Dame, drückt meine
Hand noch einmal, schaut mir tief in die Augen und steigt aus.
Ich sitze wie angewurzelt da und
kann keinen Laut von mir geben, drehe nur meinen Kopf und verfolge ihre
Schritte im Schnee. Nach ein paar Metern bleibt sie stehen, dreht sich um,
lächelt mir zu und ehe sie die Stufen raufgeht und in den Bahnhof verschwindet ruft
sie
»Frohe
Weihnachten!« durch die Nacht
Ich schaue immer noch sprachlos aus dem Fenster und sehe sie vor meinem
geistigen Auge obwohl sie schon längst nicht mehr zu sehen ist. Sophie fehlt mir einfach viel zu sehr. Wieso muss mich heute alles an sie errinern? Soll das ein Zeichen sein? Gibt es doch noch Hoffnung? Ist es doch noch nicht zu Ende? Zweifelt sie an ihrer Entscheidung? Oder möchte mich jemand oder etwas quälen und leiden sehen?
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen