Die
beiden steigen aus und ich will weiter, gebe Gas aber das Auto bewegt sich
nicht. Oha! Ich bremse und gebe langsam Gas, aber wieder bewegt sich das Auto
nicht. Die Räder drehen durch und das Taxi fängt an langsam zur Seite zu
schlittern. Zum Glück sind meine Fahrgäste noch nicht im Haus verschwunden und
sehen dass ich Probleme habe. Sie kommen zurück und bieten mir sofort ihre
Hilfe an. Sie schieben von hinten während ich langsam Gas gebe. Siehe da, es
funktioniert und ich kann weiterfahren. Auf diesen Schrecken zünde ich mir eine
an und visiere den Deisenhofenerstand an.
Am
Deisenhofener steht zum Glück kein einziger Kollege. Als ich hinein fahre ruft
die Zentrale:
»Deisenhofener!«
»980,
ist Einziger und grad beim Reinfahren.«
»980
Berg 5, Cafe!«
»Kaffee
Giasing, Dankschee!«
Hinten
rein in den Stand, während des Nachvornefahrens einen Auftrag klargemacht und
vorne wieder raus. So sollte es immer sein!
Ich
fahre vor bis zur Kreuzung und muss an der roten Ampel stehenbleiben. Auf
einmal höre ich wie jemand „Taxi!“ ruft und von der Tramhaltestelle schräg
links in meine Richtung sprintet. In diesen Moment springt die Ampel auf grün
und ich fahre los. Der Mann der gerade in meine Richtung lief bleibt mitten auf
der Straße stehen und ruft:
»Was
soll das, Du Wichser?!«
Ich bremse
und sage:
»Bist
Du blind? Siehst Du oben die Reklame brennen? Siehst Du nicht! Das bedeutet
dass ich nicht frei bin. Also schleich Dich!«
Ich
gebe Gas und sehe im Rückspiegel wie er verwundert mitten auf der Straße stehen
bleibt. Ich fahre die Ichostraße runter und habe mühe die Linkskurve in die
Martin-Luther zu nehmen. Das Auto schlittert ein wenig, es droht außer
Kontrolle zu geraten aber dank den Sicherheitssystemen und meinen Fahrkünsten
bleibe ich auf der Spur, wo auch immer die sein mag – auf Grund des Schnees
sieht man keinen Asphalt und keine Markierungen mehr, biege dann scharf in die
Weinbauern ab und halte direkt vorm Lokal an.
Ich
steige aus und trete in den Schnee. Blicke runter und fluche dass ich so
bescheuert war mich heute so anzuziehen. Ich öffne die Tür des Lokals und vor
mir stehen an der Kasse die zwei süßesten und faszinierendsten Bedienungen die
es weit und breit gibt. Svetlana und Magenta. Die Eine aus Bulgarien, die
Andere aus Jugoslawien. Die eine groß und schwarzhaarig, die Andere etwas
kleiner und brünett. Die Eine war mal mit einer Kartoffel verheiratet und
schmückt sich seitdem mit seinem langweiligen deutschen Nachnamen, die Andere
ist auf der Suche nach dem Prinzen ihres Lebens. Magenta, die von allen Mage
(sprich: Madschi) genannt wird habe ich vor vielen Jahren kennengelernt als sie
einen Sommer lang an der Bar aushalf und ich mit zwei Freunden einmal in der
Woche ins Kaffe Giesing ging, uns an die Theke setzten und die Cocktailkarte
rauf und runter bestellten.
Svetlana
lernte ich später auch hier im Lokal kennen. Sie kam mir aber von woanders
bekannt vor. Es stellte sich heraus dass sie im Nachbarhaus wohnt.
»Oh wie
hübsch Du heute aussiehst!« sagt Svetlana.
»Möchtest
Du die heilige Nacht mit einem Glas Deines Lieblingsgetränks abschließen?«
fragt Mage.
Ich
gehe auf Beide zu und umarme – eine links, eine rechts, und küsse sie an der
Wange. Auch ich werde von denen geküsst. Fritz, der Chef des Lokals steht mir
gegenüber hinter der Theke und befüllt ein Weißbierglas.
»Das
ist ein Empfang, Chef, findest Du nicht?« rufe ich ihm entgegen und zwinkere
ihm zu.
»Wie
schaffst Du es immer so liebreizendes Personal zu finden? Arbeitest Du mit
einer Agentur zusammen? Was ist Dein Geheimnis?«
»Betriebsgeheimnis
mein Lieber, Betriebsgeheimnis!«
In
diesen Moment fühle ich mich wie ein kleiner Casanova. Fritz lächelt wie immer
verschmitzt und befüllt weiter das Weißbierglas.
»Ich
kann leider nichts trinken Mädels, ihr habt ein Taxi bestellt und hier bin
ich.«
»Soll
ich Dir eine Apotheke einpacken, quasi „To Go“ mitgeben?« fragt Svetlana.
»Ja, im
praktischen Schnabelbecher, damit die Fahrgäste nicht merken dass Du Dich
während der Fahrt besäufst« fügt Mage hinzu.
»Anders
als im besoffenen Zustand kann man manche Leute nicht ertragen« sage ich.
Iris,
die Frau vom Chef hat inzwischen die Fahrgäste geholt die jetzt neben uns
stehen. Ich sehe mir die Leute etwas genauer an und einer von denen kommt mir
irgendwie bekannt vor.
Ich
verabschiede mich mit Küsschen und Umarmungen von den zwei liebreizenden Damen
und gehe, von den Leute folgend hinaus ins Schneegestöber.
Auch
die Leute verabschieden sich von einander und nur die Oma fährt mit mir mit. Als
ich der älteren Dame die Tür aufhalte sagt eine der Frauen die daneben steht:
»Fahren
Sie bitte vorsichtig und passen Sie auf die Oma auf!«
»Aber
natürlich Gnädigste!« erwidere ich.
»Mach
Dir keine sorgen Schatz!« sagt einer der Männer, »Wenn er der Oma was antut
kriegt er von der Zentrale keinen MVG-Auftrag mehr.«
»Ah!
Jetzt weiß ich woher Sie mir so bekannt vorkommen!« sage ich dem Herrn. »Sie
sind Trambahnfahrer und ich habe Sie ein paar Mal gefahren! Jetzt erinnere ich
mich wieder!«
Der
Herr zwinkert mir zu und lächelt. Ich schließe die Taxitür und steige ein.
»Kennen’S
die Birthälmerstraße? Da beim Schatzbogen ist sie« sagt die Dame.
»Natürlich
kenne ich die Birthälmer!« antworte ich und fahre los. Endlich eine lange
Fahrt!
Aus dem
Radio ist Glockengeläut zu hören.
»Ist
das irgendein kirchlicher Sender der eine Messe überträgt?« fragt die Dame.
»Wohl
kaum« antworte ich und sehe dass ich die Frequenz von BR3 eingestellt habe aber
da es nach Mitternacht ist sendet SWR3. Bennibär ist am Mikro und spielt
diverse Hörerwünsche.
Dem
Glockengeläut folgen harte Gitarrenriffs. Danach ist die markante Stimme von
Brian Johnson zu hören.
“I'm a rolling thunder, a
pouring rain
I'm coming on like a hurricane
My lightning's flashing across the sky
You're only young but you're gonna die”
I'm coming on like a hurricane
My lightning's flashing across the sky
You're only young but you're gonna die”
Yeah baby! Das Rockt!
“I won't take no prisoners,
won't spare no lives
Nobody's putting up a fight
I got my bell, I'm gonna take you to hell
I'm gonna get you, Satan get you”
Nobody's putting up a fight
I got my bell, I'm gonna take you to hell
I'm gonna get you, Satan get you”
Was für
eine Stimme! Was für ein Sound! Die Oma auf dem Rücksitz verzieht ein wenig die
Miene. Egal.
“Hell's Bells
Yeah, Hell's Bells
You got me ringing Hell's Bells
My temperature's high, Hell's Bells”
Yeah, Hell's Bells
You got me ringing Hell's Bells
My temperature's high, Hell's Bells”
Ich
drehe ein wenig leiser um die Oma nicht ganz zu verschrecken und denke an
letzten Sommer zurück wo ich öfters, bevorzugt sonntags mit dem 2993, dem Taxibus
meines Freundes arbeitete. Sonntags kommen die Reisebusse an. Viele
Reisebusunternehmen, bzw. Veranstalter bieten mit der Reise einen
Taxizubringerservice an. Die Fahrgäste werden am Tag der Abfahrt von zu Hause
abgeholt und zum Bus gefahren und am Tag der Ankunft stehen die Taxen vor Ort
bereit und warten auf die Leute die dann nach Hause gefahren werden. Da es sich
meistens um längere Fahrten handelt, sind die bei uns Taxlern sehr begehrt.
Meistens gehen die an Taxibusse, weil es günstiger ist acht Leute mit Gepäck zu
transportieren als drei oder vier. Die Unternehmen sparen sich sehr viel Geld
und die Leute nehmen diesen Service gerne in Anspruch und sparen sich die
Kosten für die Anfahrt und das Schleppen des Gepäcks. Das Publikum welches
diese Busreisen mitmacht ist jenseits der sechzig. Viele von denen kennen sich
auch untereinander weil sie mehrere solcher Reisen gemacht haben. Vollprofis
sozusagen.
Sonntagnachmittag
ist meistens Rock-Rose mit ihrem Programm auf Sendung. Da BR3 der einzige
Sender ist den man auch außerhalb der Stadt bis in die hintersten Winkel des
Landes empfangen kann, läuft er bei mir meistens im Taxi. Auf jeden Fall läuft
er sonntags auch wegen Rock-Rose.
Während
sich die Leute über die Reise und die Fahrt unterhalten, Gutes wie Schlechtes
und jede Menge Tratsch kommt auf, vertiefe ich mich in die Musik, den Klängen,
den Gitarren, den Solis, den meistens rauen Stimmen der Sänger, der
vorbeiziehenden Landschaft und fantasiere vor mich hin wie ich die Lautstärke
voll aufgedreht habe, die Alten headbangen, mitgrölen, Luftgitarre spielen und
auf den Sitzen hin und her hüpfen. Wie in einer alten Tankstellenwerbung als
ein Auto mit vier Heavy-Metal-Jüngern vorfuhr und die sich zu den Klängen von
Black Sabbaths „Paranoid“ bewegten.
Yeah
man! Rock’n’Roll forever!
Leider
ist das ganze nur ein Traum. Ein einziges Mal hatte ich ein älteres Ehepaar
dabei das meinte die Doors und Jimi Hendrix live gesehen zu haben. Mit denen
hatte ich ein sehr interessantes und langes Gespräch.
“Hell's Bells, Satan's comin'
to you
Hell's Bells, he's ringing them now
Hell's Bells, the temperature's high
Hell's Bells, across the sky”
Hell's Bells, he's ringing them now
Hell's Bells, the temperature's high
Hell's Bells, across the sky”
Wir
fahren durch die menschenleeren Straßen. Die Dame erzählt mir wie sie
Heiligabend mit der ganzen Familie, inklusive Enkelkinder verbracht hat und
dass sie die „gute alte Zeit“ vermisse als alle unter einem Dach wohnten und
eine große glückliche Familie waren. Jetzt leben die am anderen Ende der Stadt
und sehen sich einmal im Monat.
Während
ich mich mit der Dame unterhalte, höre ich einen Notruf über Funk. Eine Frauenstimme
ist zu hören.
»Wo
genau sind Sie?« fragt der Zentralist.
»Am
Piusplatz« antwortet die Frauenstimme.
»Wo genau
am Piusplatz? Der ist groß!«
»Ja, am
Piusplatz halt!«
Ich
möchte anfangen zu lachen, merke aber dass es die Stimme von Beatrice ist.
»Sie,
entschuldigen’S, eine Kollegin von mir ist in Not. Gleich hier vorne am
Piusplatz. Könnten wir vorbeischauen? Ich fahre Sie dann weiter, halte
währenddessen die Uhr an und am Schluss kriegen Sie noch einen Rabatt von mir.
Sind Sie einverstanden?«
»Aber natürlich!«
antwortet die Dame.
Ich
gebe Gas und fahre so schnell ich kann. Als wir beim Piusplatz abbiegen sehe ich
wie einige Kollegen schon angekommen sind und mit ihren Autos die Straße
blockieren. Ich lasse die Oma alleine im Wagen zurück und gehe langsam vor durch
den Schnee watend zum Taxi von Beatrice. Es herrscht ein großes Durcheinander.
Es reden viele Leute zur gleichen Zeit und ich blicke nicht durch was passiert
ist, wer die Fahrgäste sind und wer die Kollegen. Beatrice sitzt total verstört
und eingeschüchtert in ihrem Taxi hinterm Steuer und schaut ängstlich dem
Treiben zu. Hinter ihr sitzt eine Frau mit geöffneter Tür und schreit
abwechselnd ihrem Mann und den Kollegen was zu. Ich gehe zu Beatrice und frage
was passiert ist. Ich habe sie noch nie so verstört, ängstlich, sprachlos und
überfordert gesehen. Wo ist die selbstbewusste junge Frau die ich kenne? Wo ist
die tollkühne Amazone der Nacht? Die mutige von allen bewunderte Beatrice? Ich
hasse es zu sagen, aber was ich hier sehe ist ein Häufchen Elend das beschützt
werden möchte. Ich bin erschrocken und berührt.
Beatrice
lernte ich an einer der Busankunftsstellen kennen. Wir fuhren beide Taxibusse
und erwischten zwei Touren mit jeweils acht Personen plus Gepäck. Wir standen
dort mit den Tournummern in den Händen und warteten auf die Reisebusse. Es
waren noch mehr Kollegen dort, manche von denen kannte ich sogar. Beatrice fiel
mir sofort auf, nicht nur weil ich sie nicht kannte oder sie die einzige Frau
war, sondern ihr rosafarbener Kapuzenpulli mit der „München“ Aufschrift lenkte
mein Interesse in ihre Richtung. Ich hatte vorher nie einen Pulli mit so einer
Aufschrift gesehen. Ich dachte dass bloß Britische, Kanadische oder auch
US-Amerikanische Hochschulen T-Shirts und Pullis mit deren Logos bedruckten und
vermarkteten, dass es auch Städte in Deutschland machen, war mir neu. So ging
ich zu ihr hin und sprach sie schüchtern und vorsichtig an. Sie machte einen sehr
souveränen Eindruck, sie schien eine starke Frau zu sein die vor nichts und
niemanden Angst hat, eine Frau die ihren Mann steht und weiß was sie will, eine
starke Persönlichkeit, eine Abenteuerin, eine Unahnbahre der die Männer in
Scharen hinterher rennen und sie keinen an sich ran lässt, eine bei dessen
Anblick einem die Knie zittern, eine Frau zum niederknien, eine bei der Mann
sich neben ihr mickrig fühlt. Genau das war mein erster Eindruck. Langsam und
mit der Zeit lernten wir uns besser kennen und wurden richtige Freunde. Mit der
Zeit merkte ich auch dass sie doch nicht so unahnbahr ist wie sie auf dem
ersten Blick wirkt. Dass sie keine Frau mit dicken Eiern ist vor der Mann sich
fürchten muss und dass sie zwar eine starke Frau ist, aber mit einen weichem
Herz. So wie eine Wildkatze. Wenn sie faucht, sollte man(n) sich in acht
nehmen, wenn sie aber ihre Streicheleinheiten haben möchte wird sie zutraulich
und man(n) kann sich ihr ohne Angst nähern.
Beatrice
erzählt mir dass die Beiden Fahrgäste ziemlich angetrunken sind, sie als Ziel
die Achentalstraße angegeben haben, unterwegs wurde der Mann unverschämt und
wollte ihr an die Wäsche, sie wies ihn zurück und erhob ihre Stimme, darauf
wurde seine Frau pampig, die Situation eskalierte, sie wollen weder aussteigen
noch bezahlen.
Oha!
Und das in der heiligen Nacht! Spinnen die Leute heute? Warum flippen denn alle
aus? Liegt was in der Luft dass die Leute aggressiv werden lässt? Weihnachten
soll doch das Fest der Liebe und nicht des Hasses und der Kettesägenmassaker
sein.
Auf
einmal taucht die Oma, mein Fahrgast, auf und fragt was los sei. Beatrice fragt
wer sie ist und was sie will. Dann erklärt sie der Dame was hier vor sich geht.
Die Oma fragt wer der Fahrgast ist. Ein Kollege zeigt ihn ihr. Sie geht auf ihm
zu, stellt sich vor ihn hin, schaut ihn an, alle werden auf einmal still und
wundern sich was gleich passieren wird, die Oma hebt den Arm an dem ihre
Handtasche baumelt und drischt damit auf den Mann ein. Dabei beschimpft sie ihn
lautstark: »Schämen Sie sich für ihr schlechtes und unmoralisches Benehmen! Was
sind das für Sachen die Sie da machen? Der Dame an die Wäsche gehen zu wollen,
sie erniedrigen, sie beschimpfen und dann auch nicht zahlen wollen! Schämen Sie
sich! Sie Unmensch, Sie!«
Der
Mann krümmt sich vor Schmerzen und fällt auf die Straße und landet im Schnee.
Die Oma drischt immer noch wie eine besessene auf ihn ein bis er auf einmal
ruft:
»Es tut
mir leid, hören Sie auf! Ich bezahle ja!«
Die Oma
hört auf mit der Handtasche zu schlagen. Und fragt Beatrice wie viel er ihr
schuldet. Da springt seine Frau aus dem Taxi und schreit ihren Mann an:
»Einen
Teufel wirst Du tun und diese Schlampe bezahlen! Nur über meine Leiche!«
Was ist
los? Was hat die auf einmal zu melden? Einem Kollegen wird das ganze zu bunt
und ruft über K4 die Polizei. Nicht mal drei Minuten später biegen zwei Polizeistreifen
in den Platz ein. Die Beamten kommen zu uns nach vorne und fragen was los ist.
Einer der Kollegen erklärt es ihnen. Das Ehepaar schreit währenddessen wie
wild. Eine Beamtin geht auf die Hyäne von Ehefrau zu und sagt mit ernster und
steinharter Miene:
»Wenn
Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, lege ich Sie in Ketten und nehme Sie mit
aufs Revier. Dann können Sie die Nacht in der Zelle verbringen und darüber nachdenken
was Sie getan haben!«
So, das
hat gesessen! Die Frau ist still. Der Mann schreit immer noch, schiebt die
Schuld Beatrice zu, angeblich wäre sie Umwege gefahren, sie hätte ihn
angemacht, er hätte sie zurückgewiesen und deswegen wollte sie ihn rauswerfen
und auch noch den Fahrpreis kassieren. Die Beamten blicken kurz auf Beatrice
und dann auf den betrunkenen alten Knacker.
»Sie
wollen uns weismachen, dass diese junge Frau Sie vor Ihrer Frau angemacht hat?
Das sollen wir Ihnen glauben?«
»Ja freilich!
Das ist die Wahrheit!«
»Ob der
Richter Ihre Geschichte glauben wird, bezweifle ich« sagt einer der Beamten.
Um
seine Unschuld zu unterstreichen erzählt der Mann dass er von der Oma
geschlagen wurde. Die Kollegen sagen dass es nicht stimmt, die Beamten blicken
rüber zur alten Dame die wiederum ganz unschuldig und zerbrechlich zu den Beamten
rüber schaut.
»Ja
klar! Und ich bin der Weihnachtsmann!« sagt einer der Beamten. Es werden die
Personalien des Ehepaares festgehalten, wir alle müssen eine Zeugenaussage
machen, Beatrice bekommt Gott sei dank ihr Geld und kurze Zeit später dürfen
wir weiterfahren.
»Was
für eine Geschichte!« sagt Omi als wir wieder im Taxi sitzen.
»Sie
sind meine Heldin! So etwas wie heute habe ich noch nie im wirklichen Leben
gesehen. Nur in Filmen aus Hollywood gehen die Omas mit ihren Handtaschen auf
Gesindel los. Alle Achtung! So sollten alle reagieren! Keine Angst haben und
den Leuten in der Not helfen! Mein Respekt! Hut ab!«
Sie
erzählt mir dass sie sich aus Langeweile bei einen Selbstverteidigungskurs für
Senioren angemeldet habe und dort lernt sie wie man sich im Alter wehren kann,
dass man keine Angst haben, sich den Angreifer stellen soll und dass man ihn
leicht in die Flucht schlagen kann indem man entweder laut schreit und um sich
schlägt oder mit ein paar wenigen, aber richtigen Handgriffen ihn außer Gefecht
setzen kann. Sie fügt noch hinzu dass sie als junge Frau Kampfsport trieb, weil
ihr Ehemann eine Karateschule besaß. Sie nahm auch an Turnieren teil, gewann
Pokale und bekam Auszeichnungen. Einmal im Urlaub in Südafrika hat sie zusammen
mit ihren Ehemann zwei Einbrecher grün und blau geschlagen, sie gefesselt und
sie dann der Polizei übergeben. Auch dafür gab es eine Auszeichnung. Leider hat
sie mit fortschreitendem Alter den Karatesport aufgegeben. Weil ihr aber eine
sportliche Betätigung fehle, meldete sie sich auf eine Zeitungsannonce hin beim
Senioren-Selbstverteidigungskurs an und fühlt sich dadurch fit und
selbstsicherer.
Ich
sehe die Schlagzeilen vor mir: „Karateerprobte Omas stellen Bankräuber!“ oder
„Opa mit Kung Fu Kenntnissen setzt Vergewaltiger außer Gefecht!“
Vergesst
‚Spiderman’ oder ‚Superman’, die sind von Gestern! Die Zukunft gehört den
‚Superomas’ und ‚Superopas’! In einer Britischen Radiowerbung heißt es: „Weil
Mütter Heldinnen sind!“ Die Werbung muss aktualisiert und umgeschrieben werden.
Die neuen Helden im Kinderfernsehen und Kinderzimmer sind die Opas und Omas
dieser Welt! Die Veteranen die einst im Dschungel Vietnams, in Korea oder in
anderen Krisengebieten gegen den Feind kämpften, kämpfen im Hier und Jetzt
gegen das organisierte Verbrechen und setzen sich ein für eine
entkriminalisierte Welt. Eine Welt in der Frieden, Ordnung und Zucht herrscht.
In der Moral und Bildung großgeschrieben werden. Zurück zu den alten Tugenden,
in kleinen Schritten zu einer besseren Welt. Die Verbrecher werden nicht
einfach Jahrzehnte lang weggesperrt, nein, sie werden psychologisch betreut, müssen
endlos Sozialdienst schieben, werden täglich in die Kirche gehen müssen, sich
zu Gott bekennen, und praktisch dazu gezwungen bessere Menschen zu werden. Ach,
was für ein schöner Traum! Leider bleibt es nur ein Traum. Die Wirklichkeit
wird immer rauer. Die Leute immer blöder, immer aggressiver. Man sieht es an
den Fahrgästen. Im Taxi steigen Hinz und Kunz ein und aus, alles setzt sich auf
die Rückbank, sämtliche Gesellschaftsschichten und Altersklassen geben sich die
Klinke in die Hand, vom Sozialhilfeempfänger der mit Scheinen des
Sozialreferates zahlt, über Ottonormalverbraucher bis hin zu Reichen oder
Berühmten. Im Taxi sind alle gleich und werden auch gleich behandelt. Das ist
das Schöne an diesem Beruf. Das Schlimme ist, man ist denen und deren Emotionen
ausgeliefert. Man weiß nie ob der nächste Fahrgast ein potentieller Mörder,
Räuber oder Vergewaltiger ist. Die Leute sind schlecht drauf, zu später Stunde
stinken sie meistens sodass man in der Früh oder nach manchen Fahrten kräftig
lüften muss, sie benehmen sich daneben, man wird schief, blöd und niveaulos angeredet,
nicht respektiert, man versucht uns zu beklauen, viele wollen nicht zahlen und
machen Radau, andere öffnen die Tür und hauen einfach ab, man wird aus
nichtigem Grund angezeigt und läuft Gefahr den Personenbeförderungsschein zu
verlieren, man unterstellt uns permanent Umwege zu fahren und misstraut uns
ständig. Die Leute furzen, husten, niesen und kotzen ins Taxi, machen sich in
die Hosen und hinterlassen jede menge Dreck. Alles was sie essen oder trinken
wird auf dem Boden geworfen, sogar Kaugummis kleben öfters an den Sitzen oder
Fußmatten. Sie nehmen auch die Taxen auseinander. Es lohnt sich nicht einen teuren
und eleganten Wagen zu kaufen, weil es keine Wertschätzung gibt und die Leute
eh alles kaputt machen. Sie klauen Kopfstützen, drücken zu hart auf Knöpfe, demolieren
beim ein oder aussteigen irgendwelche Zierleisten, ziehen zu sehr am
Sicherheitsgurt oder lassen ihn raushängen und hauen die Tür drauf sodass er
kaputtgeht. Harry sagt immer er brauche nach der Schicht eigentlich keinen
Alkohol zu sich zu nehmen weil er von den Ausdünstungen der Fahrgäste betrunken
wird. Schlimm ist es am Wochenende, besonders die Samstagnachtschicht. Da ist
wirklich jeder Trottel unterwegs und lässt sein wahres Ich raus. Samstagnacht
sind auch die Aushilfsfahrer, von den Festfahrern Aushilfswichser genannt,
unterwegs, die sich um Kollegialität, Straßenverkehrs-, Taxitarif und
Taxiordnung nicht scheren. Samstagnacht, aber auch Freitagnacht herrscht Krieg
auf der Straße. Einerseits die äußerst anstrengenden Fahrgäste, andererseits
diese Verkehrsrambos die sich nicht auskennen, die wie die wilden durch die
Stadt rasen, ohne Uhr fahren und eine Gefahr für die Mitmenschen sind und einen
Berufsstand in Misskredit bringen. Die sogenannten Aushilfswichser arbeiten nur
an diesen zwei Nächten und versuchen in zwei Schichten so viel wie möglich zu
verdienen. Die Festfahrer andererseits fühlen sich bedroht und sind über diesen
Dilettantismus sehr verärgert. Viele arbeiten deswegen auch nicht an diesen
zwei Nächten und trauen sich erst am Sonntagabend wieder auf die Straße. Außerdem
ist es auch wegen einem anderen Grund nicht ratsam in ein Taxi eines
Aushilfswichsers einzusteigen: Da dieser Fahrer tagsüber einer Haupttätigkeit
nachgeht ist er seit vielen Stunden auf den Beinen. Er fährt meistens nach
seiner Arbeit sofort zum Taxiunternehmen und beginnt am Nachmittag seine
Schicht. Bis zum nächsten Morgen wenn die Taxi-schicht endet ist er 24 Stunden
auf den Beinen. Kann er spätnachts, wenn es eigentlich seine Schlafensphase ist
noch konzentriert Autofahren?
Außer
dem ganzen Ärger den man in diesen Beruf hat, gibt es auch positive Seiten. Ich
gebe zu, als ich mit dem Taxifahren anfing ging ich einerseits aus Frust
andererseits aus Blauäugigkeit an den Start. Frust, weil ich es satt hatte mich
ständig um Jobs zu bewerben und lauter Absagen zu kassieren. So kam ich auf die
Idee mein Hobby (Autofahren) zum Beruf zu machen. Ich sah das schnelle Geld,
die Abenteuerlust, das-vorher-nicht-wis-sen-wo-man-nachher-sein-wird hatte es
mir angetan, die freien Arbeitszeiten, die leistungsbezogene Bezahlung und
ständig mit neuen Autos unterwegs zu sein klang ganz gut und wildromantisch. Die
Ausbildung war nicht sonderbar schwer, dafür war die Prüfung umso schwerer.
Durchfallquote lag damals bei über 80%. Ich wollte schon immer nachts arbeiten,
viel Geld verdienen und unabhängig sein. So meldete ich mich bei Hajo und seiner
Firma an, die den Namen eines Fabeltieres hat, welches angeblich im Himalaja
lebt und vom bekanntesten Bergbezwinger der heutigen Zeit gesichtet worden ist.
Die Firma war eine einzige Katastrophe, aber war relativ nahe meinem Wohnort
und der Name gefiel mir sehr. Mit der Zeit lernte ich wann ich mich wohin
stellen soll um mehr Geld zu verdienen. Welche Uhrzeiten die Besten sind und
welche nicht. An welchen Nächten man am Besten zu hause bleibt und an welchen
man lieber arbeiten geht. Mit der Zeit lernte ich die Straßen kennen, kam in
Bezirken in denen ich vorher nie gewesen war, lernte langsam die Stadt besser
kennen, lernte wie die Stadt funktioniert, ihren Rhythmus, den Rhythmus der
Leute, komme überall rein, fahre überall hin, egal wo die Fahrgäste hinwollen,
sei es in der Stadt, raus aufs Land oder sogar ins Ausland, ins Casino, im
Wald, in Hinterhöfe, in der Auffahrt einer Villa, auf Privatgrund oder
Privatstraßen, genieße es durch Fußgängerzonen fahren zu dürfen, Busspuren und
Busampeln zu benutzen während der normale Autoverkehr im Stau steht und auf
Grün wartet fährt man als Taxi lässig vorbei, man kommt in Bordelle rein, lernt
jeden und alles kennen. Mit Kellnern, Prostituierten, Leuten des Untergrunds,
Gastronomen, Unternehmern, Pförtnern und allerlei anderen Personen ist man per
Du. Man kann soviel und sooft arbeiten wie man will, hat keinen über oder unter
sich, wird täglich bezahlt und erntet am Morgen die Früchte die man nachts
gesät hat. Man muss nicht an den Bankautomaten um Geld abzuheben, man ist immer
flüssig, und kann somit besser wirtschaften. Oder auch nicht. Viele Kollegen
haben nichts auf hoher Kante weil sie alles ausgeben was sie in der Schicht
verdienen. Außerdem ist, zumindest den Nachteulen unter uns der Gang zum Supermarkt
ein Graus und wir kaufen zu erhöhten Preisen in der Tankstelle ein. Die
nächtliche Pause an der Esso kostet mindestens fünf Euro. Auf dem Monat
hochgerechnet ist das viel Geld.
Man
lernt jede Menge Menschen kennen, interessante oder nicht, gescheite wie
bekloppte, arme wie reiche, berühmte wie unbekannte oder Adabeis, Schwule,
Heteros, Transsexuelle, transportiert Tiere, allerlei Sachen (wie mein Freund
Mehmet der Schneeketten von der BMW zum Tegernsee transportiert hat), Kinder,
fährt Schwangere in Polizeibegleitung mit Blaulicht zum nächsten Krankenhaus
und so mancher hat seine große Liebe im Taxi kennengelernt.
All das
kann kein anderer Job bieten. Deswegen ist es auch schwer diesen Beruf an den
Nagel zu hängen. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz das besagt dass die
Schwelle bei fünf Jahren liegt. Wer es innerhalb dieser Zeit nicht schafft den
Beruf zu wechseln, wird es nie mehr schaffen und ewig dabei bleiben. Es sei
denn es stößt ihm was zu oder er bekommt von einem Fahrgast ein gutes
Jobangebot oder er kann die Leute und den Verkehr nicht mehr sehen und hört
somit auf.
Taxler
lieben ihre Freiheit und führen ein Leben neben der Norm. Viele besitzen nicht
mal ein Bankkonto oder Festnetzanschluss, der Vertrag der Wohnung läuft auf dem
Namen des Partners und das Handy ist meistens Prepaid. Taxler sind auch zu
bequem um etwas an ihrer Situation zu ändern und haben Angst vor Veränderungen.
Sie wechseln nicht mal die Firma. Auch nicht wenn das Unternehmen das Gehalt
kürzt. Die bleiben aus Bequemlichkeit, weil sie ein bestimmtes Auto fahren
möchten, weil sie die Kollegen kennen, weil die Firma einen bedachten Parkplatz
bietet, weil es nahe der Wohnung ist, usw. Deswegen bleiben die Meisten dem
Beruf und dem Unternehmen treu und wechseln nicht.
Mittlerweile
biegen wir in die Birthälmerstraße ab und fahren die letzten Meter bis zur
Haustür der Oma. Ich biete ihr an, wegen der geleisteten Hilfe, der
Unannehmlichkeiten und der Verzögerung die Hälfte des Fahrpreises zu bezahlen,
sie aber besteht darauf den vollen Fahrpreis zu bezahlen, schließlich sei es
Weihnachten und ich muss ja auch von was leben. Sie gibt mir ein gutes Trinkgeld
und meint ich solle Beatrice was Alkoholreiches ausgeben um sich vom Schrecken
zu beruhigen. Gute Idee! Ich gebe der Oma noch zwei Flaschen Piccolo mit. Kaum
steigt sie aus, rufe ich Beatrice an um zu fragen wie es ihr geht und ob sie
noch arbeitet oder nach dieser Geschichte aufgehört hat. Sie meint sie möchte
bis um neun Uhr morgens arbeiten und danach hundemüde ins Bett fallen und mindestens
bis um sechs Uhr Nachmittags schlafen. Meine Einladung schlägt sie für heute
aus und schlägt vor uns morgen nach der Schicht zum Frühstücken zu treffen.
Zu kaufen gibt es das Buch hier: (öffnet im neuen Fenster)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen