Montag, 14. April 2014

Teil 37



Die beiden steigen aus und ich will weiter, gebe Gas aber das Auto bewegt sich nicht. Oha! Ich bremse und gebe langsam Gas, aber wieder bewegt sich das Auto nicht. Die Räder drehen durch und das Taxi fängt an langsam zur Seite zu schlittern. Zum Glück sind meine Fahrgäste noch nicht im Haus verschwunden und sehen dass ich Probleme habe. Sie kommen zurück und bieten mir sofort ihre Hilfe an. Sie schieben von hinten während ich langsam Gas gebe. Siehe da, es funktioniert und ich kann weiterfahren. Auf diesen Schrecken zünde ich mir eine an und visiere den Deisenhofenerstand an.
Am Deisenhofener steht zum Glück kein einziger Kollege. Als ich hinein fahre ruft die Zentrale:
»Deisenhofener!«
»980, ist Einziger und grad beim Reinfahren.«
»980 Berg 5, Cafe!«
»Kaffee Giasing, Dankschee!«
Hinten rein in den Stand, während des Nachvornefahrens einen Auftrag klargemacht und vorne wieder raus. So sollte es immer sein!
Ich fahre vor bis zur Kreuzung und muss an der roten Ampel stehenbleiben. Auf einmal höre ich wie jemand „Taxi!“ ruft und von der Tramhaltestelle schräg links in meine Richtung sprintet. In diesen Moment springt die Ampel auf grün und ich fahre los. Der Mann der gerade in meine Richtung lief bleibt mitten auf der Straße stehen und ruft:
»Was soll das, Du Wichser?!«
Ich bremse und sage:
»Bist Du blind? Siehst Du oben die Reklame brennen? Siehst Du nicht! Das bedeutet dass ich nicht frei bin. Also schleich Dich!«
Ich gebe Gas und sehe im Rückspiegel wie er verwundert mitten auf der Straße stehen bleibt. Ich fahre die Ichostraße runter und habe mühe die Linkskurve in die Martin-Luther zu nehmen. Das Auto schlittert ein wenig, es droht außer Kontrolle zu geraten aber dank den Sicherheitssystemen und meinen Fahrkünsten bleibe ich auf der Spur, wo auch immer die sein mag – auf Grund des Schnees sieht man keinen Asphalt und keine Markierungen mehr, biege dann scharf in die Weinbauern ab und halte direkt vorm Lokal an.
Ich steige aus und trete in den Schnee. Blicke runter und fluche dass ich so bescheuert war mich heute so anzuziehen. Ich öffne die Tür des Lokals und vor mir stehen an der Kasse die zwei süßesten und faszinierendsten Bedienungen die es weit und breit gibt. Svetlana und Magenta. Die Eine aus Bulgarien, die Andere aus Jugoslawien. Die eine groß und schwarzhaarig, die Andere etwas kleiner und brünett. Die Eine war mal mit einer Kartoffel verheiratet und schmückt sich seitdem mit seinem langweiligen deutschen Nachnamen, die Andere ist auf der Suche nach dem Prinzen ihres Lebens. Magenta, die von allen Mage (sprich: Madschi) genannt wird habe ich vor vielen Jahren kennengelernt als sie einen Sommer lang an der Bar aushalf und ich mit zwei Freunden einmal in der Woche ins Kaffe Giesing ging, uns an die Theke setzten und die Cocktailkarte rauf und runter bestellten.
Svetlana lernte ich später auch hier im Lokal kennen. Sie kam mir aber von woanders bekannt vor. Es stellte sich heraus dass sie im Nachbarhaus wohnt.
»Oh wie hübsch Du heute aussiehst!« sagt Svetlana.
»Möchtest Du die heilige Nacht mit einem Glas Deines Lieblingsgetränks abschließen?« fragt Mage.
Ich gehe auf Beide zu und umarme – eine links, eine rechts, und küsse sie an der Wange. Auch ich werde von denen geküsst. Fritz, der Chef des Lokals steht mir gegenüber hinter der Theke und befüllt ein Weißbierglas.
»Das ist ein Empfang, Chef, findest Du nicht?« rufe ich ihm entgegen und zwinkere ihm zu.
»Wie schaffst Du es immer so liebreizendes Personal zu finden? Arbeitest Du mit einer Agentur zusammen? Was ist Dein Geheimnis?«
»Betriebsgeheimnis mein Lieber, Betriebsgeheimnis!«
In diesen Moment fühle ich mich wie ein kleiner Casanova. Fritz lächelt wie immer verschmitzt und befüllt weiter das Weißbierglas.
»Ich kann leider nichts trinken Mädels, ihr habt ein Taxi bestellt und hier bin ich.«
»Soll ich Dir eine Apotheke einpacken, quasi „To Go“ mitgeben?« fragt Svetlana.
»Ja, im praktischen Schnabelbecher, damit die Fahrgäste nicht merken dass Du Dich während der Fahrt besäufst« fügt Mage hinzu.
»Anders als im besoffenen Zustand kann man manche Leute nicht ertragen« sage ich.
Iris, die Frau vom Chef hat inzwischen die Fahrgäste geholt die jetzt neben uns stehen. Ich sehe mir die Leute etwas genauer an und einer von denen kommt mir irgendwie bekannt vor.
Ich verabschiede mich mit Küsschen und Umarmungen von den zwei liebreizenden Damen und gehe, von den Leute folgend hinaus ins Schneegestöber.
Auch die Leute verabschieden sich von einander und nur die Oma fährt mit mir mit. Als ich der älteren Dame die Tür aufhalte sagt eine der Frauen die daneben steht:
»Fahren Sie bitte vorsichtig und passen Sie auf die Oma auf!«
»Aber natürlich Gnädigste!« erwidere ich.
»Mach Dir keine sorgen Schatz!« sagt einer der Männer, »Wenn er der Oma was antut kriegt er von der Zentrale keinen MVG-Auftrag mehr.«
»Ah! Jetzt weiß ich woher Sie mir so bekannt vorkommen!« sage ich dem Herrn. »Sie sind Trambahnfahrer und ich habe Sie ein paar Mal gefahren! Jetzt erinnere ich mich wieder!«
Der Herr zwinkert mir zu und lächelt. Ich schließe die Taxitür und steige ein.
»Kennen’S die Birthälmerstraße? Da beim Schatzbogen ist sie« sagt die Dame.
»Natürlich kenne ich die Birthälmer!« antworte ich und fahre los. Endlich eine lange Fahrt!
Aus dem Radio ist Glockengeläut zu hören.
»Ist das irgendein kirchlicher Sender der eine Messe überträgt?« fragt die Dame.
»Wohl kaum« antworte ich und sehe dass ich die Frequenz von BR3 eingestellt habe aber da es nach Mitternacht ist sendet SWR3. Bennibär ist am Mikro und spielt diverse Hörerwünsche.
Dem Glockengeläut folgen harte Gitarrenriffs. Danach ist die markante Stimme von Brian Johnson zu hören.

“I'm a rolling thunder, a pouring rain
I'm coming on like a hurricane
My lightning's flashing across the sky
You're only young but you're gonna die

Yeah baby! Das Rockt!

“I won't take no prisoners, won't spare no lives
Nobody's putting up a fight
I got my bell, I'm gonna take you to hell
I'm gonna get you, Satan get you

Was für eine Stimme! Was für ein Sound! Die Oma auf dem Rücksitz verzieht ein wenig die Miene. Egal.

“Hell's Bells
Yeah, Hell's Bells
You got me ringing Hell's Bells
My temperature's high, Hell's Bells

Ich drehe ein wenig leiser um die Oma nicht ganz zu verschrecken und denke an letzten Sommer zurück wo ich öfters, bevorzugt sonntags mit dem 2993, dem Taxibus meines Freundes arbeitete. Sonntags kommen die Reisebusse an. Viele Reisebusunternehmen, bzw. Veranstalter bieten mit der Reise einen Taxizubringerservice an. Die Fahrgäste werden am Tag der Abfahrt von zu Hause abgeholt und zum Bus gefahren und am Tag der Ankunft stehen die Taxen vor Ort bereit und warten auf die Leute die dann nach Hause gefahren werden. Da es sich meistens um längere Fahrten handelt, sind die bei uns Taxlern sehr begehrt. Meistens gehen die an Taxibusse, weil es günstiger ist acht Leute mit Gepäck zu transportieren als drei oder vier. Die Unternehmen sparen sich sehr viel Geld und die Leute nehmen diesen Service gerne in Anspruch und sparen sich die Kosten für die Anfahrt und das Schleppen des Gepäcks. Das Publikum welches diese Busreisen mitmacht ist jenseits der sechzig. Viele von denen kennen sich auch untereinander weil sie mehrere solcher Reisen gemacht haben. Vollprofis sozusagen.
Sonntagnachmittag ist meistens Rock-Rose mit ihrem Programm auf Sendung. Da BR3 der einzige Sender ist den man auch außerhalb der Stadt bis in die hintersten Winkel des Landes empfangen kann, läuft er bei mir meistens im Taxi. Auf jeden Fall läuft er sonntags auch wegen Rock-Rose.
Während sich die Leute über die Reise und die Fahrt unterhalten, Gutes wie Schlechtes und jede Menge Tratsch kommt auf, vertiefe ich mich in die Musik, den Klängen, den Gitarren, den Solis, den meistens rauen Stimmen der Sänger, der vorbeiziehenden Landschaft und fantasiere vor mich hin wie ich die Lautstärke voll aufgedreht habe, die Alten headbangen, mitgrölen, Luftgitarre spielen und auf den Sitzen hin und her hüpfen. Wie in einer alten Tankstellenwerbung als ein Auto mit vier Heavy-Metal-Jüngern vorfuhr und die sich zu den Klängen von Black Sabbaths „Paranoid“ bewegten.
Yeah man! Rock’n’Roll forever!
Leider ist das ganze nur ein Traum. Ein einziges Mal hatte ich ein älteres Ehepaar dabei das meinte die Doors und Jimi Hendrix live gesehen zu haben. Mit denen hatte ich ein sehr interessantes und langes Gespräch.

“Hell's Bells, Satan's comin' to you
Hell's Bells, he's ringing them now
Hell's Bells, the temperature's high
Hell's Bells, across the sky

Wir fahren durch die menschenleeren Straßen. Die Dame erzählt mir wie sie Heiligabend mit der ganzen Familie, inklusive Enkelkinder verbracht hat und dass sie die „gute alte Zeit“ vermisse als alle unter einem Dach wohnten und eine große glückliche Familie waren. Jetzt leben die am anderen Ende der Stadt und sehen sich einmal im Monat.
Während ich mich mit der Dame unterhalte, höre ich einen Notruf über Funk. Eine Frauenstimme ist zu hören.
»Wo genau sind Sie?« fragt der Zentralist.
»Am Piusplatz« antwortet die Frauenstimme.
»Wo genau am Piusplatz? Der ist groß!«
»Ja, am Piusplatz halt!«
Ich möchte anfangen zu lachen, merke aber dass es die Stimme von Beatrice ist.
»Sie, entschuldigen’S, eine Kollegin von mir ist in Not. Gleich hier vorne am Piusplatz. Könnten wir vorbeischauen? Ich fahre Sie dann weiter, halte währenddessen die Uhr an und am Schluss kriegen Sie noch einen Rabatt von mir. Sind Sie einverstanden?«
»Aber natürlich!« antwortet die Dame.
Ich gebe Gas und fahre so schnell ich kann. Als wir beim Piusplatz abbiegen sehe ich wie einige Kollegen schon angekommen sind und mit ihren Autos die Straße blockieren. Ich lasse die Oma alleine im Wagen zurück und gehe langsam vor durch den Schnee watend zum Taxi von Beatrice. Es herrscht ein großes Durcheinander. Es reden viele Leute zur gleichen Zeit und ich blicke nicht durch was passiert ist, wer die Fahrgäste sind und wer die Kollegen. Beatrice sitzt total verstört und eingeschüchtert in ihrem Taxi hinterm Steuer und schaut ängstlich dem Treiben zu. Hinter ihr sitzt eine Frau mit geöffneter Tür und schreit abwechselnd ihrem Mann und den Kollegen was zu. Ich gehe zu Beatrice und frage was passiert ist. Ich habe sie noch nie so verstört, ängstlich, sprachlos und überfordert gesehen. Wo ist die selbstbewusste junge Frau die ich kenne? Wo ist die tollkühne Amazone der Nacht? Die mutige von allen bewunderte Beatrice? Ich hasse es zu sagen, aber was ich hier sehe ist ein Häufchen Elend das beschützt werden möchte. Ich bin erschrocken und berührt.
Beatrice lernte ich an einer der Busankunftsstellen kennen. Wir fuhren beide Taxibusse und erwischten zwei Touren mit jeweils acht Personen plus Gepäck. Wir standen dort mit den Tournummern in den Händen und warteten auf die Reisebusse. Es waren noch mehr Kollegen dort, manche von denen kannte ich sogar. Beatrice fiel mir sofort auf, nicht nur weil ich sie nicht kannte oder sie die einzige Frau war, sondern ihr rosafarbener Kapuzenpulli mit der „München“ Aufschrift lenkte mein Interesse in ihre Richtung. Ich hatte vorher nie einen Pulli mit so einer Aufschrift gesehen. Ich dachte dass bloß Britische, Kanadische oder auch US-Amerikanische Hochschulen T-Shirts und Pullis mit deren Logos bedruckten und vermarkteten, dass es auch Städte in Deutschland machen, war mir neu. So ging ich zu ihr hin und sprach sie schüchtern und vorsichtig an. Sie machte einen sehr souveränen Eindruck, sie schien eine starke Frau zu sein die vor nichts und niemanden Angst hat, eine Frau die ihren Mann steht und weiß was sie will, eine starke Persönlichkeit, eine Abenteuerin, eine Unahnbahre der die Männer in Scharen hinterher rennen und sie keinen an sich ran lässt, eine bei dessen Anblick einem die Knie zittern, eine Frau zum niederknien, eine bei der Mann sich neben ihr mickrig fühlt. Genau das war mein erster Eindruck. Langsam und mit der Zeit lernten wir uns besser kennen und wurden richtige Freunde. Mit der Zeit merkte ich auch dass sie doch nicht so unahnbahr ist wie sie auf dem ersten Blick wirkt. Dass sie keine Frau mit dicken Eiern ist vor der Mann sich fürchten muss und dass sie zwar eine starke Frau ist, aber mit einen weichem Herz. So wie eine Wildkatze. Wenn sie faucht, sollte man(n) sich in acht nehmen, wenn sie aber ihre Streicheleinheiten haben möchte wird sie zutraulich und man(n) kann sich ihr ohne Angst nähern.
Beatrice erzählt mir dass die Beiden Fahrgäste ziemlich angetrunken sind, sie als Ziel die Achentalstraße angegeben haben, unterwegs wurde der Mann unverschämt und wollte ihr an die Wäsche, sie wies ihn zurück und erhob ihre Stimme, darauf wurde seine Frau pampig, die Situation eskalierte, sie wollen weder aussteigen noch bezahlen.
Oha! Und das in der heiligen Nacht! Spinnen die Leute heute? Warum flippen denn alle aus? Liegt was in der Luft dass die Leute aggressiv werden lässt? Weihnachten soll doch das Fest der Liebe und nicht des Hasses und der Kettesägenmassaker sein.
Auf einmal taucht die Oma, mein Fahrgast, auf und fragt was los sei. Beatrice fragt wer sie ist und was sie will. Dann erklärt sie der Dame was hier vor sich geht. Die Oma fragt wer der Fahrgast ist. Ein Kollege zeigt ihn ihr. Sie geht auf ihm zu, stellt sich vor ihn hin, schaut ihn an, alle werden auf einmal still und wundern sich was gleich passieren wird, die Oma hebt den Arm an dem ihre Handtasche baumelt und drischt damit auf den Mann ein. Dabei beschimpft sie ihn lautstark: »Schämen Sie sich für ihr schlechtes und unmoralisches Benehmen! Was sind das für Sachen die Sie da machen? Der Dame an die Wäsche gehen zu wollen, sie erniedrigen, sie beschimpfen und dann auch nicht zahlen wollen! Schämen Sie sich! Sie Unmensch, Sie!«
Der Mann krümmt sich vor Schmerzen und fällt auf die Straße und landet im Schnee. Die Oma drischt immer noch wie eine besessene auf ihn ein bis er auf einmal ruft:
»Es tut mir leid, hören Sie auf! Ich bezahle ja!«
Die Oma hört auf mit der Handtasche zu schlagen. Und fragt Beatrice wie viel er ihr schuldet. Da springt seine Frau aus dem Taxi und schreit ihren Mann an:
»Einen Teufel wirst Du tun und diese Schlampe bezahlen! Nur über meine Leiche!«
Was ist los? Was hat die auf einmal zu melden? Einem Kollegen wird das ganze zu bunt und ruft über K4 die Polizei. Nicht mal drei Minuten später biegen zwei Polizeistreifen in den Platz ein. Die Beamten kommen zu uns nach vorne und fragen was los ist. Einer der Kollegen erklärt es ihnen. Das Ehepaar schreit währenddessen wie wild. Eine Beamtin geht auf die Hyäne von Ehefrau zu und sagt mit ernster und steinharter Miene:
»Wenn Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, lege ich Sie in Ketten und nehme Sie mit aufs Revier. Dann können Sie die Nacht in der Zelle verbringen und darüber nachdenken was Sie getan haben!«
So, das hat gesessen! Die Frau ist still. Der Mann schreit immer noch, schiebt die Schuld Beatrice zu, angeblich wäre sie Umwege gefahren, sie hätte ihn angemacht, er hätte sie zurückgewiesen und deswegen wollte sie ihn rauswerfen und auch noch den Fahrpreis kassieren. Die Beamten blicken kurz auf Beatrice und dann auf den betrunkenen alten Knacker.
»Sie wollen uns weismachen, dass diese junge Frau Sie vor Ihrer Frau angemacht hat? Das sollen wir Ihnen glauben?«
»Ja freilich! Das ist die Wahrheit!«
»Ob der Richter Ihre Geschichte glauben wird, bezweifle ich« sagt einer der Beamten.
Um seine Unschuld zu unterstreichen erzählt der Mann dass er von der Oma geschlagen wurde. Die Kollegen sagen dass es nicht stimmt, die Beamten blicken rüber zur alten Dame die wiederum ganz unschuldig und zerbrechlich zu den Beamten rüber schaut.
»Ja klar! Und ich bin der Weihnachtsmann!« sagt einer der Beamten. Es werden die Personalien des Ehepaares festgehalten, wir alle müssen eine Zeugenaussage machen, Beatrice bekommt Gott sei dank ihr Geld und kurze Zeit später dürfen wir weiterfahren.
»Was für eine Geschichte!« sagt Omi als wir wieder im Taxi sitzen.
»Sie sind meine Heldin! So etwas wie heute habe ich noch nie im wirklichen Leben gesehen. Nur in Filmen aus Hollywood gehen die Omas mit ihren Handtaschen auf Gesindel los. Alle Achtung! So sollten alle reagieren! Keine Angst haben und den Leuten in der Not helfen! Mein Respekt! Hut ab!«
Sie erzählt mir dass sie sich aus Langeweile bei einen Selbstverteidigungskurs für Senioren angemeldet habe und dort lernt sie wie man sich im Alter wehren kann, dass man keine Angst haben, sich den Angreifer stellen soll und dass man ihn leicht in die Flucht schlagen kann indem man entweder laut schreit und um sich schlägt oder mit ein paar wenigen, aber richtigen Handgriffen ihn außer Gefecht setzen kann. Sie fügt noch hinzu dass sie als junge Frau Kampfsport trieb, weil ihr Ehemann eine Karateschule besaß. Sie nahm auch an Turnieren teil, gewann Pokale und bekam Auszeichnungen. Einmal im Urlaub in Südafrika hat sie zusammen mit ihren Ehemann zwei Einbrecher grün und blau geschlagen, sie gefesselt und sie dann der Polizei übergeben. Auch dafür gab es eine Auszeichnung. Leider hat sie mit fortschreitendem Alter den Karatesport aufgegeben. Weil ihr aber eine sportliche Betätigung fehle, meldete sie sich auf eine Zeitungsannonce hin beim Senioren-Selbstverteidigungskurs an und fühlt sich dadurch fit und selbstsicherer.

Ich sehe die Schlagzeilen vor mir: „Karateerprobte Omas stellen Bankräuber!“ oder „Opa mit Kung Fu Kenntnissen setzt Vergewaltiger außer Gefecht!“
Vergesst ‚Spiderman’ oder ‚Superman’, die sind von Gestern! Die Zukunft gehört den ‚Superomas’ und ‚Superopas’! In einer Britischen Radiowerbung heißt es: „Weil Mütter Heldinnen sind!“ Die Werbung muss aktualisiert und umgeschrieben werden. Die neuen Helden im Kinderfernsehen und Kinderzimmer sind die Opas und Omas dieser Welt! Die Veteranen die einst im Dschungel Vietnams, in Korea oder in anderen Krisengebieten gegen den Feind kämpften, kämpfen im Hier und Jetzt gegen das organisierte Verbrechen und setzen sich ein für eine entkriminalisierte Welt. Eine Welt in der Frieden, Ordnung und Zucht herrscht. In der Moral und Bildung großgeschrieben werden. Zurück zu den alten Tugenden, in kleinen Schritten zu einer besseren Welt. Die Verbrecher werden nicht einfach Jahrzehnte lang weggesperrt, nein, sie werden psychologisch betreut, müssen endlos Sozialdienst schieben, werden täglich in die Kirche gehen müssen, sich zu Gott bekennen, und praktisch dazu gezwungen bessere Menschen zu werden. Ach, was für ein schöner Traum! Leider bleibt es nur ein Traum. Die Wirklichkeit wird immer rauer. Die Leute immer blöder, immer aggressiver. Man sieht es an den Fahrgästen. Im Taxi steigen Hinz und Kunz ein und aus, alles setzt sich auf die Rückbank, sämtliche Gesellschaftsschichten und Altersklassen geben sich die Klinke in die Hand, vom Sozialhilfeempfänger der mit Scheinen des Sozialreferates zahlt, über Ottonormalverbraucher bis hin zu Reichen oder Berühmten. Im Taxi sind alle gleich und werden auch gleich behandelt. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Das Schlimme ist, man ist denen und deren Emotionen ausgeliefert. Man weiß nie ob der nächste Fahrgast ein potentieller Mörder, Räuber oder Vergewaltiger ist. Die Leute sind schlecht drauf, zu später Stunde stinken sie meistens sodass man in der Früh oder nach manchen Fahrten kräftig lüften muss, sie benehmen sich daneben, man wird schief, blöd und niveaulos angeredet, nicht respektiert, man versucht uns zu beklauen, viele wollen nicht zahlen und machen Radau, andere öffnen die Tür und hauen einfach ab, man wird aus nichtigem Grund angezeigt und läuft Gefahr den Personenbeförderungsschein zu verlieren, man unterstellt uns permanent Umwege zu fahren und misstraut uns ständig. Die Leute furzen, husten, niesen und kotzen ins Taxi, machen sich in die Hosen und hinterlassen jede menge Dreck. Alles was sie essen oder trinken wird auf dem Boden geworfen, sogar Kaugummis kleben öfters an den Sitzen oder Fußmatten. Sie nehmen auch die Taxen auseinander. Es lohnt sich nicht einen teuren und eleganten Wagen zu kaufen, weil es keine Wertschätzung gibt und die Leute eh alles kaputt machen. Sie klauen Kopfstützen, drücken zu hart auf Knöpfe, demolieren beim ein oder aussteigen irgendwelche Zierleisten, ziehen zu sehr am Sicherheitsgurt oder lassen ihn raushängen und hauen die Tür drauf sodass er kaputtgeht. Harry sagt immer er brauche nach der Schicht eigentlich keinen Alkohol zu sich zu nehmen weil er von den Ausdünstungen der Fahrgäste betrunken wird. Schlimm ist es am Wochenende, besonders die Samstagnachtschicht. Da ist wirklich jeder Trottel unterwegs und lässt sein wahres Ich raus. Samstagnacht sind auch die Aushilfsfahrer, von den Festfahrern Aushilfswichser genannt, unterwegs, die sich um Kollegialität, Straßenverkehrs-, Taxitarif und Taxiordnung nicht scheren. Samstagnacht, aber auch Freitagnacht herrscht Krieg auf der Straße. Einerseits die äußerst anstrengenden Fahrgäste, andererseits diese Verkehrsrambos die sich nicht auskennen, die wie die wilden durch die Stadt rasen, ohne Uhr fahren und eine Gefahr für die Mitmenschen sind und einen Berufsstand in Misskredit bringen. Die sogenannten Aushilfswichser arbeiten nur an diesen zwei Nächten und versuchen in zwei Schichten so viel wie möglich zu verdienen. Die Festfahrer andererseits fühlen sich bedroht und sind über diesen Dilettantismus sehr verärgert. Viele arbeiten deswegen auch nicht an diesen zwei Nächten und trauen sich erst am Sonntagabend wieder auf die Straße. Außerdem ist es auch wegen einem anderen Grund nicht ratsam in ein Taxi eines Aushilfswichsers einzusteigen: Da dieser Fahrer tagsüber einer Haupttätigkeit nachgeht ist er seit vielen Stunden auf den Beinen. Er fährt meistens nach seiner Arbeit sofort zum Taxiunternehmen und beginnt am Nachmittag seine Schicht. Bis zum nächsten Morgen wenn die Taxi-schicht endet ist er 24 Stunden auf den Beinen. Kann er spätnachts, wenn es eigentlich seine Schlafensphase ist noch konzentriert Autofahren?
Außer dem ganzen Ärger den man in diesen Beruf hat, gibt es auch positive Seiten. Ich gebe zu, als ich mit dem Taxifahren anfing ging ich einerseits aus Frust andererseits aus Blauäugigkeit an den Start. Frust, weil ich es satt hatte mich ständig um Jobs zu bewerben und lauter Absagen zu kassieren. So kam ich auf die Idee mein Hobby (Autofahren) zum Beruf zu machen. Ich sah das schnelle Geld, die Abenteuerlust, das-vorher-nicht-wis-sen-wo-man-nachher-sein-wird hatte es mir angetan, die freien Arbeitszeiten, die leistungsbezogene Bezahlung und ständig mit neuen Autos unterwegs zu sein klang ganz gut und wildromantisch. Die Ausbildung war nicht sonderbar schwer, dafür war die Prüfung umso schwerer. Durchfallquote lag damals bei über 80%. Ich wollte schon immer nachts arbeiten, viel Geld verdienen und unabhängig sein. So meldete ich mich bei Hajo und seiner Firma an, die den Namen eines Fabeltieres hat, welches angeblich im Himalaja lebt und vom bekanntesten Bergbezwinger der heutigen Zeit gesichtet worden ist. Die Firma war eine einzige Katastrophe, aber war relativ nahe meinem Wohnort und der Name gefiel mir sehr. Mit der Zeit lernte ich wann ich mich wohin stellen soll um mehr Geld zu verdienen. Welche Uhrzeiten die Besten sind und welche nicht. An welchen Nächten man am Besten zu hause bleibt und an welchen man lieber arbeiten geht. Mit der Zeit lernte ich die Straßen kennen, kam in Bezirken in denen ich vorher nie gewesen war, lernte langsam die Stadt besser kennen, lernte wie die Stadt funktioniert, ihren Rhythmus, den Rhythmus der Leute, komme überall rein, fahre überall hin, egal wo die Fahrgäste hinwollen, sei es in der Stadt, raus aufs Land oder sogar ins Ausland, ins Casino, im Wald, in Hinterhöfe, in der Auffahrt einer Villa, auf Privatgrund oder Privatstraßen, genieße es durch Fußgängerzonen fahren zu dürfen, Busspuren und Busampeln zu benutzen während der normale Autoverkehr im Stau steht und auf Grün wartet fährt man als Taxi lässig vorbei, man kommt in Bordelle rein, lernt jeden und alles kennen. Mit Kellnern, Prostituierten, Leuten des Untergrunds, Gastronomen, Unternehmern, Pförtnern und allerlei anderen Personen ist man per Du. Man kann soviel und sooft arbeiten wie man will, hat keinen über oder unter sich, wird täglich bezahlt und erntet am Morgen die Früchte die man nachts gesät hat. Man muss nicht an den Bankautomaten um Geld abzuheben, man ist immer flüssig, und kann somit besser wirtschaften. Oder auch nicht. Viele Kollegen haben nichts auf hoher Kante weil sie alles ausgeben was sie in der Schicht verdienen. Außerdem ist, zumindest den Nachteulen unter uns der Gang zum Supermarkt ein Graus und wir kaufen zu erhöhten Preisen in der Tankstelle ein. Die nächtliche Pause an der Esso kostet mindestens fünf Euro. Auf dem Monat hochgerechnet ist das viel Geld.
Man lernt jede Menge Menschen kennen, interessante oder nicht, gescheite wie bekloppte, arme wie reiche, berühmte wie unbekannte oder Adabeis, Schwule, Heteros, Transsexuelle, transportiert Tiere, allerlei Sachen (wie mein Freund Mehmet der Schneeketten von der BMW zum Tegernsee transportiert hat), Kinder, fährt Schwangere in Polizeibegleitung mit Blaulicht zum nächsten Krankenhaus und so mancher hat seine große Liebe im Taxi kennengelernt.
All das kann kein anderer Job bieten. Deswegen ist es auch schwer diesen Beruf an den Nagel zu hängen. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz das besagt dass die Schwelle bei fünf Jahren liegt. Wer es innerhalb dieser Zeit nicht schafft den Beruf zu wechseln, wird es nie mehr schaffen und ewig dabei bleiben. Es sei denn es stößt ihm was zu oder er bekommt von einem Fahrgast ein gutes Jobangebot oder er kann die Leute und den Verkehr nicht mehr sehen und hört somit auf.
Taxler lieben ihre Freiheit und führen ein Leben neben der Norm. Viele besitzen nicht mal ein Bankkonto oder Festnetzanschluss, der Vertrag der Wohnung läuft auf dem Namen des Partners und das Handy ist meistens Prepaid. Taxler sind auch zu bequem um etwas an ihrer Situation zu ändern und haben Angst vor Veränderungen. Sie wechseln nicht mal die Firma. Auch nicht wenn das Unternehmen das Gehalt kürzt. Die bleiben aus Bequemlichkeit, weil sie ein bestimmtes Auto fahren möchten, weil sie die Kollegen kennen, weil die Firma einen bedachten Parkplatz bietet, weil es nahe der Wohnung ist, usw. Deswegen bleiben die Meisten dem Beruf und dem Unternehmen treu und wechseln nicht.
Mittlerweile biegen wir in die Birthälmerstraße ab und fahren die letzten Meter bis zur Haustür der Oma. Ich biete ihr an, wegen der geleisteten Hilfe, der Unannehmlichkeiten und der Verzögerung die Hälfte des Fahrpreises zu bezahlen, sie aber besteht darauf den vollen Fahrpreis zu bezahlen, schließlich sei es Weihnachten und ich muss ja auch von was leben. Sie gibt mir ein gutes Trinkgeld und meint ich solle Beatrice was Alkoholreiches ausgeben um sich vom Schrecken zu beruhigen. Gute Idee! Ich gebe der Oma noch zwei Flaschen Piccolo mit. Kaum steigt sie aus, rufe ich Beatrice an um zu fragen wie es ihr geht und ob sie noch arbeitet oder nach dieser Geschichte aufgehört hat. Sie meint sie möchte bis um neun Uhr morgens arbeiten und danach hundemüde ins Bett fallen und mindestens bis um sechs Uhr Nachmittags schlafen. Meine Einladung schlägt sie für heute aus und schlägt vor uns morgen nach der Schicht zum Frühstücken zu treffen.
 

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